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„Ich gebe mir die Schuld“

Frank, 46, brachte das Virus mit nach Hause. Erst steckten sich seine Eltern an, dann die ganze Familie. Besonders schwer erkrankte sein Vater, er wäre fast gestorben

von
10.08.2020
4 Minuten
Einer von #50Survivors

Mein Vater ist durch das Coronavirus zu einem alten Mann geworden. Er ist nahezu bewegungsunfähig, schwach, hilflos. Ihn so zu sehen, macht mir schwer zu schaffen. Ich denke mir: Wäre er gestorben, wäre ich dafür verantwortlich gewesen. So muss ich jetzt mit den schlimmen Folgen leben, die die Erkrankung für ihn hat. Vom Kopf her weiß ich, dass ich nichts dafür kann – nur mein Herz sagt mir was anderes. Denn ich war es, der das Virus ins Haus gebracht hat, zu meinen Eltern.

Angesteckt habe ich mich höchstwahrscheinlich bei meiner Hausärztin, ohne es zu bemerken. Ich war zu einer Vorsorgeuntersuchung da und nahm das Virus aus der Praxis mit nach Hause. Erst steckte ich meine Eltern an, dann meine Schwester, als sie zu Besuch kam. Sie übertrug das Virus auf meinen Schwager, meine Nichte und meine zwei Neffen. So gesehen bin ich für sie alle “verantwortlich”. Um mich selbst machte ich mir dabei keine Sorgen, außer Geschmack- und Geruchsverlust hatte ich nichts. Aber ich hatte wahnsinnige Angst um meinen Vater. Die Erkrankung verlief bei ihm sehr schwer, er lag sechs Wochen im künstlichen Koma, wurde beatmet. Er hätte es beinahe nicht geschafft.

„Der Notarzt untersuchte meinen Vater, dann schrie er: 'Corona-Alarm’.“

Mein Vater ist 74 Jahre alt, gehbehindert und stark übergewichtig. Außerdem hat er eine Schlafapnoe, Atemaussetzer in der Nacht. Meine Mutter und ich pflegen ihn zu Hause. Am 29. März, es war ein Sonntag, bekam er eine schwere Blasenentzündung. Erst fing er an zu halluzinieren, dann versagten seine Muskeln. Er wollte keinen Arzt, aber bei seinem Gesundheitszustand konnte ich nicht länger warten. Ich rief den Rettungsdienst. Der leitende Notarzt untersuchte meinen Vater, dann schrie er: „Corona-Alarm“. Die Sanitäter rannten aus dem Haus und kamen zehn Minuten später wieder, in Vollschutz. Sie brachten meinen Vater ins Krankenhaus. Abends klingelte bei uns das Telefon: „Ihr Vater hat Corona. Bleiben Sie in Quarantäne.“

Sofort am nächsten Morgen rief ich beim Gesundheitsamt an, um die Corona-Erkrankung meines Vaters zu melden, und auch bei meiner Hausärztin. So erfuhr ich, dass die Ärztin in der Zwischenzeit schon selbst in Quarantäne gekommen war. Sie war infiziert. Meine Mutter und ich machten jetzt ebenfalls einen Test: positiv. Ich war geschockt! Ich hatte keine Symptome, keine Anzeichen – nichts. Ich fühlte mich fit und gesund.

Einer von #50survivors

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„Mein Vater sah aus wie ein Junkie“

Aber meinem Vater ging es immer schlechter. Noch am selben Tag, an dem meine Mutter und ich den Test machten, kam er auf die Intensivstation. Die Blasenentzündung hatte zu einer Urosepsis – einer schweren Blutvergiftung – und einem Multiorganversagen geführt. Die Ärzte legten ihn ins Koma. Sie sagten, dass er wahrscheinlich nicht überleben würde. Für uns begann eine grausame Zeit. Sechs Wochen lang wussten wir nicht, ob mein Vater es schafft. Wir durften ihn nicht besuchen, nicht sehen, nicht mit ihm sprechen. Wir konnten nur auf der Station anrufen und mit den Ärzten reden.

Ich bin kein gläubiger Mensch. Aber dass mein Vater überlebt hat, ist ein Wunder! Als ich Ende April das erste Mal an seinem Krankenhausbett stand, musste ich weinen. Er sah schlimm aus. Er hatte während des Komas über 30 Kilogramm Muskelmasse verloren und war mit vielen Medikamenten zugepumpt worden: Fentanyl, Propofol, Antibiotika. Ein Cocktail, der es in sich hat und den der menschliche Körper nur langsam abbaut. Das legt sich aufs Gehirn. Mein Vater sah aus wie ein Junkie. Seine Augen starrten ins Nichts. Das war krass!

„Es kann uns alle immer und überall treffen“

Seit dem 19. Juni ist mein Vater wieder bei uns zu Hause. Es geht ihm besser, aber das Virus hat Spuren hinterlassen: In den drei Monaten, in denen er krank war, ist er bestimmt um zehn Jahre gealtert. Vorher hatte er Pflegestufe 3, jetzt 4. Er kann nicht allein stehen, maximal fünf bis zehn Schritte gehen, aber nur mit dem Rollator und unserer Hilfe. Er ist einigermaßen klar bei Verstand, aber er hat nur eine sehr kurze Aufmerksamkeitsspanne. Und er kann seinen Stuhl und Harn nicht mehr halten. Das Virus hat ihm die Würde genommen, die Würde eines stolzen Mannes.

Es tut mir weh, zu sehen, was er alles erleiden muss. Und ich gebe mir die Schuld daran, obwohl das natürlich Blödsinn ist. Ich wusste ja nicht, dass meine Hausärztin Corona-positiv war, als ich bei ihr im Sprechzimmer saß. Aber ich habe daraus gelernt: Abstandsregeln, Hände waschen und die Maske sind zwar SEHR wichtig und wir müssen diese Regeln unbedingt einhalten. Aber es ist eine trügerische Sicherheit! Es kann uns alle immer und überall treffen – und das ist das Gefährliche. Deswegen verstehe ich die Menschen nicht, die krampfhaft in den Urlaub fahren müssen, sich an Seen oder an die Küste quetschen und gegen “Corona” demonstrieren. Corona ist gefährlich, da niemand den Verlauf bei sich vorhersehen kann und ggf. das Virus unkontrolliert verbreitet. Ich bin das beste Beispiel.

Das Projekt wurde von der Riff freie Medien gGmbH aus Mitteln der Klaus Tschira Stiftung gefördert.

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Christina Barilaro

Christina Barilaro

tactile.news ist ein journalistisches Innvoationslabor mit Sitz in Lüneburg. Als Partner für Redaktionen bietet das Lab Workshops, Design Sprints und Formatentwicklungen an. Im Team mit Entwickler*innen, Maker*innen, Designer*innen und Social-Media-Expert*innen entsteht Treibstoff für überraschenden, einzigartigen Journalismus – ausgezeichnet etwa mit dem Deutschen Reporterpreis oder nominiert für den Grimme Online Award.

Für tactile.news schreiben Isabelle Buckow, Astrid Csuraji, Jakob Vicari und Bertram Weiß.


#50survivors

Wie schön, dass Sie Deutschlands erste Dialog-Recherche besuchen: Willkommen bei #50survivors!

Viele Menschen überleben Covid-19 tragischerweise nicht. Aber für die Hunderttausenden Menschen in Deutschland und viele Millionen Menschen weltweit, die eine Infektion mit dem Coronavirus überstanden haben, ist die Sache damit nicht vorbei. Sie alle teilen eine einschneidende Erfahrung. Manche trifft es besonders hart. Wie gehen sie damit um? Das hat unsere journalistische Dialog-Recherche #50survivors anhand von 50 Betroffenen gezeigt. Über mehrere Monate im Jahr 2020 hinweg ist mit unserem Projekt ein facettenreiches Bild der Erfahrungen, Gedanken und Gefühle von Corona-Überlebenden entstanden. 

Das Projekt wurde von der Riff freie Medien gGmbH aus Mitteln der Klaus Tschira Stiftung gefördert. Das Projekt #50survivors ist seit dem 2.11.2020 abgeschlossen.

Hier finden Sie die Ergebnisse unserer Dialog-Recherche.

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