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Das Salz der Erde

Forschen am Deutschen Bergbau-Museum

von
24.07.2017
5 Minuten
Eine Frau sitzt auf einem rötlich schimmernden Felsen.

Wissenschaft ist nicht gleich Wissenschaft – das galt früher und das gilt heute in verschärfter Form. Nur wer international vernetzt ist und nach dem Motto publish or perish agiert, hat auch Chancen auf Forschungsgelder, kann an staatlich unterstützte Organisationen und Kooperationsprojekte andocken. Eine Möglichkeit für Museen in den Olymp der avancierten Forschungsmuseen aufzusteigen, ist die Aufnahme in den Kreis der Leibniz-Gemeinschaft. Doch ist dies ein ehrgeiziges Ziel, das vor allem naturwissenschaftlichen und jenen Museen gelingt, die technologische Untersuchungsmethoden nutzen. Darunter ist auch das Deutsche Bergbau-Museum (DBM), dessen erstaunliche Geschichte wie ein Märchen klingt.

2018 endet in Deutschland der Kohlebergbau und damit das Industriezeitalter, das Kohle fraß und Stahl ausspie. Es gab Tausenden von Bergleuten über Generationen hinweg Arbeit, vor allem in Nordrhein-Westfalen, im Ruhrgebiet. Was bleibt, ist das Deutsche Bergbau-Museum in Bochum, einst gegründet von der Westfälischen Berggewerkschaftskasse, heute Leibniz-Museum und Forschungszentrum. Wo früher Großväter ihren Enkeln Sohle und Streb erklärten, geht es heute um Spezialwissenschaften wie die Montanarchäologie, also die Nutzungs-geschichte mineralischer Rohstoffe. Schon längst dreht sich nicht mehr alles um die Kohle, sondern auch um andere Stoffe wie etwa das Salz.

„Ohne Salz kein Überleben“, sagt Thomas Stöllner, Leiter der Forschungsabteilung des DBM. Er ist international gefragter Montanarchäologe und Experte für Salzbergwerke. Seit dem Neolithikum, seit die Menschen Getreide anbauten und als Lebensmittel nutzten, sei für den Stoffwechsel des Menschen Salz immer wichtiger geworden. Bis in die heutige Zeit sei der Bedarf stetig gestiegen. Das Mineral spiele auch in der Metallurgie, als Heilmittel und als Mittel der Konservierung von Lebensmitteln eine wichtige Rolle.

Die Salzmänner von Zanjan

Spektakuläre Funde wie die 1994 bis 2010 ausgegrabenen „Salzmänner von Zanjan“ ermöglichen wichtige Aufschlüsse über den antiken Salzbergbau und damit das Leben der Menschen vor 2500 Jahren. Konserviert durch das dem Körper die Flüssigkeit entziehende Salz sind die menschlichen Überreste erstaunlich gut erhalten. Es sind fünf oder sechs Personen gefunden worden, das lässt sich nicht genau sagen. Sie trugen Wollkleidung, Lederstiefel, Waffen und Schmuck. Seit 2010 leitet Stöllner in Zusammenarbeit mit iranischen Partnern das internationale, interdisziplinäre Team, das in Chehrabad/Zanjan nach menschlicher Aktivität sucht. Erst in diesem Frühjahr konnten weitere Teile des Bergwerks aus sassanidischer wie achaemenidischer Zeit freigelegt, untersucht und dokumentiert werden.

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Das Foto zeigt ein beleuchtetes Fördergerüst hinter einem Gebäude, auf dem in Leuchtbuchstaben Deutsches Bergbau-Museum zu lesen ist.
Das Fördergerüst auf dem Gelände des Deutschen Bergbau-Museums in Bochum stammt von der Zeche Germania in Dortmund/Marten.

Wissenschaftsexport aus dem Kohle-Revier? Schon seit den 1950er Jahren habe es im damaligen Bergbaumuseum Bochum wissenschaftliche Ansätze zur Untersuchung des frühen Bergbaus gegeben, sagt Stefan Brüggerhoff, Direktor des DBM. Doch erst als der Archäologe Gerd Weisgerber 1973 als erster hauptamtlicher Bergbauarchäologe eingestellt worden sei, öffnete sich eine Tür. Er begründete weltweit die erste Abteilung, die sich mit der Erforschung der frühzeitlichen Gewinnung und Verarbeitung von Georessourcen befasste, die Montanarchäologie. Kurz darauf sei die Archäometallurgie als Arbeitsfeld dazugekommen. „Weisgerber war eine Idealbesetzung, denn er war Wissenschaftler und Pädagoge zugleich", so Brüggerhoff. 1977 schaffte das einstige Kumpel-Museum die Aufnahme in die „Blaue Liste“, der Vorgänger-Institution der Leibniz-Gemeinschaft, ein staatlich gefördertes Exzellenzcluster für unabhängige Forschungsinstitute.

Unter den 91 Leibniz-Forschungseinrichtungen sind nur acht Museen, die den strengen Kriterien des Forschungsverbundes standhalten, etwa die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung in Frankfurt am Main, das Römisch-Germanische Zentralmuseum in Mainz oder das Deutsche Museum in München. Voraussetzung sei Forschung an eigenen Exponaten von überregionaler Bedeutung, sagt Britta Horstmann, Referentin für Museen der Leibniz-Gemeinschaft. International relevante Publikationen seien ein wichtiges Indiz, auch der Wissenstransfer der eigenen Forschung in die Ausstellungen. Diese Kriterien erfüllen weit mehr Museen als aufgenommen werden können, vielleicht werden deshalb die Anforderungen immer höher geschraubt. Denn eigentlich versteht sich jedes größere Museum mit Bibliothek und Restaurierungswerkstatt als Ort der Forschung – auch wenn es nicht um innovative Technologien geht, sondern um Provenienzforschung, Quellenstudium oder Neubewertungen von Sammlungsobjekten im Lichte der aktuellen Geisteswissenschaften.

Attraktiv ist der Lohn für die akademischen Mühen. Entsprechend dem in der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz (GWK) vereinbarten Prozess zur Neuaufnahme übernimmt der Bund die Hälfte der Finanzierung der Leibniz-Institute. Museen seien jedoch im Vergleich zu einem Forschungsinstitut ohne Laborflächen (sic!) vergleichsweise teuer, gibt Horstmann zu. Und da für die Aufnahmen jährlich nur ein bestimmtes Budget zur Verfügung stünde, müsse genau kalkuliert werden, was man wofür ausgebe.

Handys wachsen nicht auf Bäumen

Für das Bochumer Bergbaumuseum hat die Leibniz-Mitgliedschaft nicht nur den Anschluss an einen zeitgemäßen Umgang mit dem Thema Georessourcen ermöglicht. „Wir merken immer stärker, dass wir mit Leibniz mehr leisten können“, sagt Brüggerhoff. So profitiere sein Haus beim aktuellen Umbau für die Neueröffnung von den Erfahrungen des Deutschen Museums, auch habe er selbst als Chemiker und Experte für Materialkunde im Gegenzug das Münchener Technikmuseum beraten. Auch kooperiere er mit dem Germanischen Nationalmuseum Nürnberg im Bereich der Kunsttechnologien.

Brüggerhoff ist seinem Wirkungsort „mit Haut und Haaren verfallen." Seit 1985 arbeitet er in unterschiedlichen Positionen für das Forschungsmuseum. Das Ende des deutschen Steinkohlenbergbaus 2018 bedeutet auch für das Deutsche Bergbau-Museum eine Wende. Mit der baulichen Sanierung gehe ein Umdenken in der Präsentation und in der Vermittlung einher. Schon seit längerem reiche es nicht mehr aus, ein dreidimensionales Lehrbuch des Bergbaus zu sein. „Wir fragen heute auch, welche Rolle die Georessourcen in der Zukunft spielen werden. Handys wachsen ja nicht an den Bäumen“, sagt Brüggerhoff. Sie enthalten viele bergbaulich gewonnene Rohstoffe wie seltene Erden, Lithium und Edelmetalle. Die Vermittlung neuer Themen erfordere auch den Einsatz neuer Medien und pädagogischer Konzepte. Aber auch in diesen Dingen könne er sich mit Leibniz-Kollegen kurzschließen, etwa dem Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik an der Universität Kiel (IPN) oder dem Leibniz-Institut für Wissensmedien (IWM) in Tübingen.

Das Foto zeigt das Innere eines mit Holz ausgekleideten Schachts, im Vordergrund diverse Pumpen und Bohrwerkzeuge.
Wie es unter Tage zugegangen ist, lässt sich im Anschauungsbergwerk des Deutschen Bergbau-Museum in Bochum erleben.

Erst vor kurzem haben sich die acht Forschungsmuseen in einer gemeinsamen Aktion der Öffentlichkeit präsentiert. Im Rahmen des Leibniz-Jahres gaben sie unter dem Titel „Acht Objekte, acht Museen“ simultan Einblick in ihre jeweilige Sammlung. Jedes Haus wählte ein Exponat aus, das im eigenen Institut ausgestellt und mittels Multi-Touchscreen und extrem hoch aufgelöstem Bildmaterial erklärt wurde. So erzählen eine in Nigeria gefundene Metallschüssel aus dem Orient von frühen Handelswegen und eine mittelalterliche Handelskogge vom damaligen Schiffsbau, von Bremen als Hansestadt. Ob nun die Entdeckung einer neuen Trauermücken-Art im Garten des Bonner Museums König wirklich eine gute Nachricht ist, darüber lässt sich vielleicht streiten. Entwickelt wurde das Ausstellungstool vom bereits von Brüggerhoff erwähnten IWM in Tübingen. Die Inhalte und das Bildmaterial sind online zugänglich.

Damit das Potential der Partner-Museen optimal ausgeschöpft werden kann, wird beständig nach vorne geschaut. Im Herbst besuchen Vertreter der Leibniz-Museen die Smithsonian Institution, das weltweit größte Forschungsmuseum mit Sitz in Washington. Das US-Wissens-Eldorado beherbergt 19 Museen und einen Zoo, zahlreiche Laboratorien, und es initiiert zudem weltweit Forschungsprojekte zur Biodiversität und zum Erhalt des kulturellen Erbes.

Auch das Deutsche Bergbau-Museum wird mit von der Partie sein. Die Forschungsarbeit ist zum integralen Bestandteil des DBM geworden. Sie liefert den Input für viele Sonderausstellungen wie für die Dauerausstellung. Auch in Bochum ist bereits die Vernetzung mit Universitäten und anderen Instituten immer dichter geworden, sagt Thomas Stöllner. Der vielbeschäftigte Österreicher hat neben der Arbeit in zahlreichen Fachgremien einen Lehrstuhl für Ur- und Frühgeschichte an der Ruhr-Universität inne. Insgesamt betreue er „50 oder 60“ Forschungsprojekte. Die Frage, ob das Deutsche Bergbau-Museum nun ein Museum mit angeschlossenem Forschungsinstitut ist oder umgekehrt, stellt sich bei genauerer Betrachtung nicht mehr. Es ist eine Art Symbiose eingetreten, wie sie wohl selten ist. Das Museum ermöglicht die Verstetigung der verzweigten Forschungen zur Montanarchäologie und erdet zugleich die abstrakte Hightech-Wissenschaft.

Aktualisiert: 1. August 2017

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Carmela Thiele

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Carmela Thiele schreibt als Journalistin über Kunst und Kultur.


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