Heldenstadt Leipzig

Leipziger Jazztage, 11.10. bis 20.10.2018

Vom 11. bis 20. Oktober 2018 fanden die 42. Leipziger Jazztage statt – mit einem Schwerpunkt auf die Jazzszene Großbritanniens. Martin Laurentius hat sich bei diesem traditionsreichen, ostdeutschen Jazzfestival umgehört.

Leipzig heißt informell auch „Heldenstadt“. Mit den Friedensgebeten unter anderem in der Nikolaikirche und den anschließenden Montagsdemonstrationen nahm am 4. September 1989 die friedliche Revolution ihren Anfang, die das DDR-Regime in kurzer Zeit über den Haufen fegte. Mit dem Ergebnis, dass auch der „Eiserne Vorhang“ zwischen dem kapitalistischen Westen und dem kommunistischen Ostblock fiel.

Man kennt sich also in der sächsischen Metropole gut aus, wenn es darum geht, Grenzzäune niederzureißen. Deshalb lag es für das Kuratorenteam der diesjährigen Leipziger Jazztage nahe, das Programm der 42. Ausgabe unter das Motto „Fish’n’Chips“ zu stellen, dem zum Klischee gewordenen Fastfood-Gericht Großbritanniens. Denn am 29. März 2019 scheidet das Vereinigte Königreich voraussichtlich aus der EU aus – mit noch nicht absehbaren Folgen auch für die Kulturschaffenden im Allgemeinen und die Jazzmusiker im Besonderen diesseits und jenseits des Ärmelkanals.

Goldberg-Tangenten & Brexit Big Bang

Der Autor dieser Besprechung war nur die letzten drei Tage der Leipziger Jazztage vor Ort. Deshalb hat er das Experiment von Michael Wollny namens „Goldberg-Tangenten“ verpasst. Zumindest las es sich im informativen Programmbuch spannend, dass der Pianist einerseits einen Bezug zum in Leipzig entstandenen, wichtigen Klavierwerk Johann Sebastian Bachs, den „Goldberg Variationen“, herstellen und andererseits durch den britischen Elektrokünstler Leafcutter John das Festivalmotto in seine Versuchsanordnung einbeziehen wollte. Er hat auch verpasst, ob der englische Tausendsassa Matthew Herbert mit seiner Brexit Big Band den anstehenden Einschnitt visionär vertonen konnte. Und auch die Podiumsdiskussion des Publizisten Wolf Kampmann unter anderem mit Herbert und Rachel Launey vom British Council über den „Brexit Big Bang“ konnte er nicht verfolgen.

Der ostdeutsche Gitarrist Helmut „Joe“ Sachse spielte mit der britischen Vokalistin Maggie Nicols ein Duokonzert bei den 42. Leipziger Jazztagen 2018.
Mit der britischen Sängerin Maggie Nicols in der NaTo bei den Leipziger Jazztagen: der ostdeutsche Gitarrist Helmut „Joe“ Sachse.

Von Großeltern und Enkeln

Heutzutage finden die Jazztage Leipzig dezentral statt. Mit den Konzerten im Opernhaus spricht man ein eher älteres, „klassisches“ Jazzpublikum an, junge Besucher, auch Studierende der Jazzabteilung der Hochschule für Musik und Tanz „Felix Mendelsohn Bartholdy“ sieht man dort indes selten. Die Nato ist als soziokulturelles Zentrum an Leipzigs Ausgehmeile, der Karl-Liebknecht-Straße südlich des Stadtzentrums, eher ein Mittelding, was die demografische Publikumsstruktur betrifft. Wenn aber ein Konzert mit dem mittlerweile 70-jährigen Gitarristen Helmut „Joe“ Sachse, einem Pionier des sogenannten DDR-Jazz, und der gleichfalls 70-jährigen, britischen Vokalistin Maggie Nicols angekündigt wird, dann sitzen vor allem Gleichaltrige vor der Bühne – obwohl der zweite Act des Abends beinahe mit deren „Enkelgeneration“ Anna-Lena Schnabel (Saxofon), Florian Weber (Piano), James Banner (Bass) und James Maddren (Drums) besetzt war. Sachses gleichsam an die akustische Wand genagelte Riffs und Grooves auf der halbakustischen Gitarre, die er ein um’s andere Mal in geräuschhafte Drones auflöst, um die Intensität noch zu steigern, kann Nicols wenig entgegensetzen – stimmlich nicht, aber auch nicht gestalterisch oder in ihrer Wahl der musikalischen Mittel.

Das Quartett James Farm mit dem amerikanischen Saxofonisten Joshua Redman.
Das amerikanische Quartett James Farm mit dem amerikanischen Saxofonisten Joshua Redman spielte im Oktober 2018 auf den 42. Leipziger Jazztagen ein Doppelkonzert mit Max Andrzejewskis Band HÜTTE.

Im Sog von Robert Wyatt

Am vorletzten Festivalabend ging es ins Westbad im Stadtteil Lindenau. Dieses 1930 als Volksbad eröffnete Hallenbad ist heute ein Veranstaltungszentrum und war dieses Jahr für die Leipziger Jazztage die Spielstätte, wo die Auftragskomposition aufgeführt wurde. Anfangs war es der Wunsch der Veranstalter, dass sich der junge Berliner Schlagzeuger Max Andrzejewski des Werkes von David Bowie annimmt. Doch der zog es vor, sich mit seinem Quartett HÜTTE, das er für die Leipziger Premiere mit dem Keyboarder und Gitarristen Jörg Hochapfel und der Vokalistin Cansu Tanrikulu vergrößert hat, dem oft als kryptisch geltenden Liedschaffen von Robert Wyatt anzunähern, dem einstigen Schlagzeuger der legendären UK-Jazz-Rock-Band Soft Machine, der nach einem tragischen Fenstersturz 1973 querschnittsgelähmt im Rollstuhl sitzt und ausschließlich komponiert und singt.

Zehn Songs arrangierte Andrzejewski und blieb überraschend nah an den Originalen. Nur vereinzelt brachten Störgeräusche den eigentümlichen Sog der Wyatt-Songs aus dem Tritt. Der Schalldruck und die Lautstärke, die Wyatts Lieder erfordern, damit die Tiefe der verschiedenen Bedeutungsebenen und die Schlieren zwischen Text und Musik erlebbar werden, erwiesen sich in dem gekachelten, früheren Hallenbad als akustisches Problem. Damit hatte das dieser Premiere folgende, kollektive Quartett James Farm mit den Amerikanern Joshua Redman (Tenorsaxofon), Aaron Parks (Piano), Mat Penman (Bass) und Eric Harland (Drums) im Anschluss überhaupt keine Schwierigkeit. Die vier kommunizierten auf einem hohen dynamischen Level und ließen ihren improvisatorischen Ideen engverzahnt einfach ihren Lauf.

Eröffneten den Schlussabend der Leipziger Jazztage 2018 im Opernhaus: das Quartett Aziza mit Dave Holland (Bass), Lionel Loueke (Gitarre), Chris Potter (Tenorsaxofon) und Eric Harland (Drums).
Der englische Kontrabassist Dave Holland mit Aziza am Schlussabend der 42. Leipziger Jazztage 2018.

Queen’s Jazz

Harland saß auch beim Quartett Aziza um den Kontrabassisten Dave Holland am Schlagzeug, das den Schlussabend der Jazztage in der Oper Leipzig eröffnete. Das musikalische Setting dieser Band war zwar ein ganz anderes als das von James Farm: Anstelle eines Modern Jazz gab es fast zum Klischee geronnene Jazz-Rock-Experimente. Harlands druck- und kraftvolles Spiel auf dem Schlagzeug war die Konstante in beiden Bands. Aber erst durch das Zusammenwirken mit den tief im Boden verwurzelten Grooves des britischen Bassisten bekam sein rhythmischer Flow eine weitere Komponente und changierte raffiniert zwischen konkretem Beat und flirrendem Pulsieren. Zudem wurde der Jazz-Rock von Aziza aufgeraut und kontrastiert durch die an die Musik seiner Heimat Benin angelehnten Single-Note-Lines von Lionel Loukes Gitarre und durch die expressiv im Geschwindigkeitsrausch vorgetragene Exegese des Tenorsaxofonisten Chris Potter.

Im Anschluss an dieses Konzert schienen die Leipziger Jazztage in der Oper geradezu ins „Unhörbare“ zu laufen: zuerst mit dem bedächtig-intensiven Auftritt des Quartetts um den in New York lebenden, israelischen Trompeter Avishai Cohen, gefolgt von der konzentrierten, leisen Durchführung von Filmmusiken der englischen Vokalistin Norma Winston mit ihrem Trio.

Doch noch war nicht Schluss. „Jazz“ sollte es ab Mitternacht noch einmal im Club Telegraph in der Leipziger Innenstadt geben – und zwar als Reinszenierung der Platte gleichen Namens der englischen Rockband Queen von vor 40 Jahren durch den Berliner Gitarristen Christian Kögel. Mit den beiden Tenoristen Peter Ehwald und Uli Kempendorff, mit seinem Instrumentalkollegen und Dobro-Spieler Kai Brückner und dem Schlagzeuger Rainer Winch entkernte er die 13 Songs dieses Albums und trieb ihnen Kitsch, Opulenz und Schwulst aus. Chapeau!

Die nächsten, 43. Leipziger Jazztage finden vom 10. bis 19. Oktober 2019 statt.

Der Berliner Gitarrist Christian Kögel interpretiert mit seiner Band das Queen-Album „Jazz“.
Reinszenierung der Platte „Jazz“ der englischen Rockband Queen von 1978 durch den Berliner Gitarristen Christian Kögel mit seiner Band: fulminanter Schluss der 42. Leipziger Jazztage.

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