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TV-Moderator Streeck: Das ZDF als Reputations-Waschanlage

Der Bonner Virologe präsentiert sich in einer eigenen Sendung auf problematische Weise. Ein Kommentar

von
17.03.2021
5 Minuten
Der Virologe Streeck in einem Laborsetting mit einem Modell des Virus in der Hand.

RiffReporter arbeitet bei diesem Beitrag mit Übermedien zusammen, dem unabhängigen Magazin für Medienkritik.

Es hätte schlimmer kommen können. Der Virologe Hendrik Streeck hätte im ZDF, das ihm am Dienstagabend die sogenannte beste Sendezeit überließ, zum Beispiel alle Behauptungen und Einschätzungen wiederholen können, mit denen er seit dem Beginn der Pandemie falsch gelegen hat.

Doch ein solches Format hätte den Abend gesprengt. Das ZDF hätte weder die Frontal-21-Dokumentation „Turbo, Tempo, Tesla – Elon Musk in Brandenburg“ senden können noch „Die Anstalt“. Womöglich wäre gegen Mitternacht auch „Lanz“ in Gefahr gewesen.

Stattdessen sagte der Bonner Wissenschaftler in der 43-minütigen Sendung – Untertitel: „Fakten mit Hendrik Streeck“ – eigentlich nichts Falsches. Genauer gesagt sah das Skript für den Moderatorenpart des Professors fast ausschließlich Aussagen vor, die jeder schon kennt, der die vergangenen zwölf Monate bei Bewußtsein war. Corona-Viren sind gefährlich. Man kann sich mit ihnen bei anderen Menschen anstecken. Viren kennen keine Grenzen.

Die gute Nachricht dieses ZDF-Abends ist also: Hendrik Streeck hat ihn nicht genutzt, um wieder Werbung für vorschnelle Öffnungen zu machen, über „eine Infektion ohne Symptome, die etwas Gutes ist“ zu reden oder Long Covid zu ignorieren.

Kapitaler Schönheitsfehler

Ganz im Gegenteil. Nach langen Minuten, in denen die Macher massig Produktionsbudget dafür einsetzten, die berüchtigte Kappensitzung von Gangelt nachzustellen, zeigten sie in ihrer Sendung Menschen, die auch Monate nach dem Beginn von Covid-19 noch an den Folgen leiden.

Das ist interessant. Denn genau diese Menschen und diese Schicksale blieben bislang weitgehend außen vor, wenn Streeck in seinen Plädoyers forderte, strenge staatliche Auflagen weitgehend auf die Alten- und Pflegeheime zu konzentrieren, „ohne die Bevölkerung weiter zu beschränken“, wie er am 5. Januar 2021 auf Twitter schrieb, einem Tag, an dem allein in Deutschland 1000 Menschen an Covid-19 starben. Nun tauchen diese Leidenden plötzlich in seiner Abendsendung auf, erzählen von den massiven Problemen, unter denen sie nicht nur auf der Intensivstation litten, sondern bis heute.

Einen Hinweis auf diese Unstimmigkeit durfte man in der Sendung nicht erwarten. Denn um Widersprüche, Auslassungen und Irrtümer konnte es in dieser Konstellation nicht gehen. Stattdessen breitete der inzwischen TV-geschulte Moderator Streeck seine Arme rhythmisch weit aus und warnte vor den Gefahren der Pandemie.

Ein kapitaler Schönheitsfehler fiel dabei unter den Tisch: Es gäbe Tausende, vielleicht Zehn- oder Hunderttausende mehr solcher Schicksale, wäre die Politik zum Beispiel im Herbst 2020 dem Rat des Virologen gefolgt, im Kampf gegen die Pandemie nur auf Gebote, also Freiwilligkeit, statt auf Verbote zu setzen.

Problematische Annahmen

Umso beeindruckender setzte die Sendung die Ergebnisse von Streecks eigener Forschungsarbeit in Szene – die Heinsberg-Studie. Die Zuschauerïnnen bekamen zu sehen, wie Bonner Wissenschaftlerïnnen in Gangelt nach Virenpartikeln auf Türklinken suchen, Abstriche nehmen, verstehen wollen, wie sich das Virus in dem nordrhein-westfälischen Landkreis so schnell ausbreiten konnte.

Aber kein Wort davon, dass Streeck diese Studie dafür instrumentalisiert hat, mit dem nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Armin Laschet (CDU) im April 2020 massiv Stimmung für eine schnelle Lockerung der Corona-Restriktionen zu machen.

Nichts dazu, dass Streeck mit problematischen Annahmen darüber operierte, wie lange Menschen nach einer Infektion durch Antikörper geschützt sind und laut Recherchen der Medizinjournalistïnnen von MedWatch auch die Zahl der Toten zu niedrig angesetzt hat. Schweigen auch zu den Recherchen von Capital, darüber, welche finanziellen Interessen im Hintergrund der Studie am Wirken waren. Wie auch.

Es ging nicht um Wissenschaft im Format einer Abendsendung, für die das ZDF auch schon vor dem Arbeitsbeginn von Mai Thi Nguyen-Kim im April bestimmt eine andere gute Journalistïn hätte aufbieten können. Es ging um die Selbstinszenierung einer pandemischen celebrity.

Keine kritische Nachfrage

Hat die Wissenschaft sonst damit zu kämpfen, dass ihre Vertreterïnnen am liebsten in aller Stille fernab der Scheinwerfer und Mikrofone ihr Ding machen, hat sie mit Streeck nun einen Professor im medialen Overdrive, bei dem man sich angesichts der Fülle seiner Medienauftritte fragen muss, wieviel Zeit ihm denn noch für Wissenschaft bleibt.

Das Phänomen des Medienprofessors ist zwar nichts Neues – über Jahre konnte ja auch ein Hans-Werner Sinn dubiose Aussagen zu Wirtschaft und Klimaschutz auf allen Kanälen verbreiten. Doch Sinn bekam dafür keine eigene Sendung.

Das Publikum erfuhr an diesem Abend nichts über die Hintergründe der ersten Heinsberg-Studie, aber umso mehr darüber, dass Streecks Team bis zum Sommer an einer zweiten arbeitet. Die ZDF-Sendung wurde zu einer Art audiovisuellem Preprint, es gab „Zwischenergebnisse“ zu sehen, bevor diese wissenschaftlich begutachtet sind.

Wozu braucht es eigentlich noch Wissenschaftsjournalistïnnen, die Forschung kritisch einordnen, wenn selbst die umstrittensten Professoren sich so smart, telegen und kamerasicher selbst in Szene setzen können?

Wir erfahren, Streecks Team habe bei Heinsberg II herausgefunden, dass 10 Prozent der Menschen, die nachweislich mit SARS-CoV-2 infiziert waren, hatten sechs Monate später keine schützenden Antikörper gegen das Virus mehr im Blut. Als die Forscherïnnen nach neun Monaten schauten, waren den Daten zufolge die schützenden Proteine schon bei 20 Prozent der Studienteilnehmerïnnen wieder verschwunden. Und es habe sogar einen Fall gegeben, bei dem sich ein Genesener ein zweites Mal ansteckte.

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Das wäre ein wunderbarer Moment für Moderator Streeck gewesen zu sagen: „Da habe ich wirklich etwas dazugelernt! Vor gut einem Jahr habe ich Ministerpräsident Laschet zur schnellen Aufhebung von Schutzmaßnahmen geraten mit dem Argument, dass sich bereits Infizierte nicht mehr mit SARS-CoV-2 infizieren können, und der Prozess bis zum Erreichen einer Herdenimmunität bereits eingeleitet ist. Das tut mir leid, denn wenn ich gewusst hätte, wie viele Menschen den Immunschutz durch Antikörper wieder verlieren, hätte ich das nicht gesagt!“

Ängste in der Wissenschaft

Hätte, hätte, Ansteckungskette. Natürlich sagte er nichts dergleichen. Dafür hörten die Zuschauerïnnen am Ende von Streeck eine salbungsvolle Beschwörung, dass Wissenschaft immer dazulernen, sich immer hinterfragen müsse. Warum nur praktiziert ausgerechnet der Professor das nicht?

Wenn diese Sendung ein Ziel hatte, dann kann das nicht gewesen sein, das Publikum zu informieren, wie es dem Auftrag des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks entsprechen würde. Es ging offenbar darum, das Publikum für einen Mann zu gewinnen, über dessen Aussagen sich Spitzenfunktionäre der deutschen Wissenschaft schon seit Längerem mehr als nur ärgern. Viele haben regelrecht Angst davor, wenn die im Besitz des US-Investmentkonzerns KKR befindlichen Springer-Medien wieder Streeck zitieren oder er in Talkshows sitzt. Angst davor, dass Streeck den Ruf der Wissenschaft erneut beschädigt. Aber auch Angst vor den verläßlich eintreffenden E-Mails und Anrufen derer, die Verharmlosungen wie die von Streeck für bare Münze nehmen und sich dann zu Schutzmaßnahmen und deren Lockerungen deutlich radikaler ausdrücken als der Bonner Virologe.

Doch am Dienstagabend erlebte das Publikum einen besorgten und fürsorglich wirkenden, einen überkorrekten Hendrík Streeck, der in der Rolle des Moderators perfekt aufging. Was aber bekamen wir genau zu sehen, wenn es keine Informationssendung war?

Es ist auf eine gewisse Weise beeindruckend, wie Streeck es schafft, von seinem Arbeitgeber, der Universität Bonn, so viel Zeit zu bekommen, fern seines Labors von Medienauftritt zu Medienauftritt zu tingeln, und dass sich deren Redakteurïnnen von der langen Spur der Fehleinschätzungen nicht abschrecken lassen. Ganz offenkundig befriedigt Streeck ein mediales Bedürfnis, so wie die Medien umgekehrt sein Bedürfnis nach Rampenlicht befriedigen.

Das wäre völlig in Ordnung, diese gegenseitige Abhängigkeit ist Grundlage des Unterhaltungsgeschäfts. Doch es geht derzeit thematisch – und bei der Rolle Streecks als einzigem aktiven Naturwissenschaftler im „Expertenrat Corona“ von Armin Laschet – buchstäblich um Fragen von Leben und Tod. Und da ist es ein Problem, wenn zur besten Sendezeit ganz ungeniert eine Operation Reputations-Reinwaschung stattfindet.

Und es ist mindestens bemerkenswert, dass „i&u TV“, die Produktionsfirma des ZDF-Films, der US-Investmentfirma KKR gehört. Und damit demselben Unternehmen, das bis Mai 2020 auch die Mehrheit an „Deutsche Glasfaser“ besaß. Die „Deutsche Glasfaser“ hat damals die Heinsberg-Studie mitfinanziert.

Wenn das ZDF dieses Format fortsetzen will, dann könnte der Präsident des Deutschen Bauernverbands demnächst eine Sendung über bedrohte Vögel und Schmetterlinge moderieren.

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Christian Schwägerl

Christian Schwägerl

Christian Schwägerl ist Journalist in den Bereichen Umwelt, Wissenschaft und Politik. Er war als Korrespondent für die Berliner Zeitung (1997–2001), die Frankfurter Allgemeine Zeitung (2001–2008) und den SPIEGEL (2008–2012) tätig und arbeitet seit 2013 freiberuflich für Medien wie GEO, FAZ und Yale E360. Von ihm stammen die Bücher „Menschenzeit“ über das Anthropozän, „11 drohende Kriege“ über globale Konfliktrisiken (mit A. Rinke) und „Analoge Revolution“ über die Zukunft digitaler Technologien. Seit 2014 leitet er die von der Robert Bosch Stiftung geförderte „Masterclass Wissenschaftsjournalismus“. Schwägerl hat einen Master-of-Science-Abschluss in Biologie. Er ist Mitgründer und Vorstand von RiffReporter. Für seine journalistische Arbeit hat er zahlreiche Preise erhalten, darunter den Georg von Holtzbrinck Preis für Wissenschaftsjournalismus (2007) und den Otto-Brenner-Preis für kritischen Journalismus (2020, mit J. Budde).


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Lektorat: Joachim Budde