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„Die kleinen Stinker drehen sich einfach um“

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13.10.2020
8 Minuten
Durchsichtige Aallarve mit großen Augen

Nacht für Nacht findet die größte Migration der Erde statt: Dann steigen Planktontiere aus der Tiefe des Ozeans auf, um nahe der Oberfläche zu fressen. Mit dabei sind bizarre und kaum erforschte Arten, deren schleimig-gallertige Körper häufig durchsichtig sind. Die Amerikanerin Linda Ianniello hat viele dieser zoologischen Aliens dennoch vor die Linse bekommen. Ihre Bilder sind online und in dem Buch Blackwater Creatures zu sehen. Sie liefern zudem der Wissenschaft wichtige Einblicke in diese fremde Unterwasserwelt. Aber wie kommt Ianniello an die Tiere ran? Sie fotografiert sie bei Schwarzwasser-Tauchgängen, wagt sich also mitten in der Nacht meilenweit vor der Küste Floridas in den offenen Ozean, um die wundersamen Wesen nahe der Oberfläche aufzuspüren.

Müssen Schwarzwasser-TaucherInnen spezielle Kenntnisse und Fähigkeiten mitbringen – oder einfach nur viel Mut?

Das können an sich alle versuchen, wenn sie das Selbstbewusstsein für Nachttauchgänge haben. Bei normalen Nachttauchgängen treibt man an einem Riff entlang und kann sich daran orientieren. Das fehlt beim Schwarzwasser-Tauchen. Es gibt nur Wasser ohne Boden und das kann für manche Taucher beunruhigend sein. Die meisten mögen es aber. Es ist auch gut, wenn man sich für Kleinzeug interessiert. Das meiste, was wir zu sehen bekommen, ist höchstens ein paar Zentimeter groß.

Eine Ruderschnecke, ein marines Weichtier mit teils transparentem Körper, hat winzige Eier produziert.
Ruderschnecken sind marine Weichtiere, die im offenen Wasser leben. Dieses Tier setzt winzige Eier frei.

Ist das Schwarzwasser-Tauchen überall möglich?

Man braucht die richtige Struktur und den richtigen Standort. Die Tiere steigen aus der Tiefe an die Oberfläche hoch. Im flachen Wasser über einem Riff beispielsweise würde ich sie nicht erwischen, weil sie da nicht leben. Für unsere Tauchgänge müssen wir ungefähr eine Stunde mit dem Boot rausfahren, bis wir mehrere Meilen vor der Küste sind, wo der Ozean 150 bis 200 Meter tief ist. Wir haben es auch schon in tieferem Wasser versucht, dort aber nichts gesehen.

Ein fast durchsichtiger Wurm, der Schuppen und Borsten trägt.
Dieser marine Wurm trägt überlappende Schuppen sowie Borsten – und rollt sich bei Begegnungen mit Tauchern gern ein.

Was macht Ihr Gebiet vor der Küste Floridas so besonders?

Hier sind wir am Rand des Golfstroms mit einer sehr diversen und interessanten Fauna. Wir erleben immer wieder, dass neue Taucher zurück ins Boot steigen und fragen, was das überhaupt für Wesen sind, die sie gerade gesehen haben. Deshalb habe ich mit Susan Mears, einer befreundeten Schwarzwasser-Taucherin, das Buch Blackwater Creatures herausgegeben: Hier sind unsere häufigsten Funde zusammengestellt, die anderen bei der Vorbereitung und Identifizierung helfen. Dabei geht es um eine ganze Nahrungskette, bei der die kleineren Tiere aufsteigen und die größeren folgen. Wir sehen manchmal Seepferdchen, aber auch Fische, die ihr Maul öffnen, wenn wir sie anleuchten – als ob sie Nahrung sehen und zupacken wollten.

Also gibt es keine Furcht erregenden Begegnungen?

Nein, nicht wirklich. Hin und wieder sehen wir zwar auch größere Fische, die aber nicht bleiben, sondern weiterschwimmen. Gelegentlich kommen auch Haie, die saisonal aufzutreten scheinen und wohl durch das Gebiet wandern. Ich erwähne das aber gar nicht gern, weil es die Leute abschreckt.

Ein hellbraunes Seepferdchen mit eingerolltem Schwanz
Ein Baby-Seepferdchen wie sie manchmal frei schwimmend beim Schwarzwasser-Tauchen beobachtet werden.

Treffen Sie an verschiedenen Standorten auf ähnliche oder ganz unterschiedliche Tierarten?

Grundsätzlich ist ähnlich, was man zu sehen bekommt, aber die einzelnen Arten unterscheiden sich. Fischlarven zum Beispiel sind überall häufig, gehören aber abhängig vom Standort verschiedenen Spezies an. Im Pazifik scheinen sie prächtiger und farbenfroher zu sein als hier. Mal abgesehen von den Fischen bringt der Golfstrom aber eine größere Diversität in Bezug auf andere Arten. Die Vielfalt an Quallen und Mollusken übertrifft das, was ich im Pazifik gesehen habe. Ich persönlich finde aber sowieso immer alles interessant, auch für meine Fotos.

Ein Nacktkiemer mit abgeflachtem Körper, der Lichtpunkte zu tragen scheint.
Quallen und Weichtiere wie dieser Nacktkiemer mit dem kaum sichtbaren transparenten Körper treten häufig auf.
Eine Hydromeduse, ein quallenähnliches Tier mit Schirm und Tentakeln
Quallen und die ähnlich aussehenden Hydromedusen wie diese hier können häufig auftreten.
Larve eines Tintenfisches mit nahezu transparentem Körper als seltener Gast beim Tauchen
Weichtiere wie diese Paralarve eines Tintenfisches sind eher selten zu finden, liefern dafür aber manchmal die perfekte Pose.

Gibt es für Sie eine Spezies, die Sie unbedingt sehen möchten, eine Art Heiliger Gral des Schwarzwasser-Tauchens?

Was jeder sehen möchte, sind die Larven des Mola Mola, des Mondfisches. Die sind wirklich entzückend und ich würde sie liebend gern sehen. Dann gibt es noch die Bartmännchen, das sind hässliche und unauffällige Tiefseefische. Aber ihre Larven sind überwältigend. Sie können ganz unterschiedlich aussehen und fantastische Anhänge oder Verzierungen haben.

Eine Fischlarve, deren durchsichtiger Körper gelbe Punkte trägt.
Ist der Tiefseefisch Bartmännchen unscheinbar oder gar unansehnlich? Zumindest als Larve muss er sich den Vorwurf nicht gefallen lassen.

Lassen sich bestimmte Rhythmen beobachten, etwa im Lauf der Jahreszeiten?

Wir suchen solche Muster zwar, aber noch ist bei jedem Tauchgang offen, was wir sehen werden. Im Frühling scheinen mehr und besonders diverse Fischlarven aufzutreten, aber sicher sind wir nicht. Wenn das Wasser voll weißlicher Partikel ist, die wir Schnee oder „Rotz“ nennen, gibt es wiederum fast kein Leben. Dann lassen sich die wenigen Tiere auch kaum erkennen oder fotografieren, weil die Kamera auf die Partikel fokussiert. Wenn wir reinspringen und viel Schnee sehen, wissen wir, die Nacht wird wenig ergiebig – können aber auch dieses Phänomen noch nicht vorhersagen.

Ein Tintenfisch inmitten weißlicher Partikel, die im Wasser treiben
Dunkel mit Aussicht auf Schneefall: Kommt es zum schleimigen Gestöber, bleiben Tiere wie dieser Tintenfisch fern.

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Viele der Tiere, die sich beim Schwarzwasser-Tauchen beobachten lassen, haben schleimig transparente Körper. Wie spüren Sie sie auf?

Wir haben nachts starke Lichter dabei, mit denen wir transparente Tiere gut sehen können. Außerdem sind nur die Quallen ganz durchsichtig. Viele der Fischlarven wie beispielsweise die Flunderlarven haben transparente Körper, die aber Punkte, Verzierungen oder Muster tragen. Einfach zu fotografieren sind sie trotzdem nicht, weil das Licht durch sie hindurchgeht.

Flunderlarve mit gemustertem Körper und langen Anhängen
Flunderlarven gehören zu den ikonischen Objekten der Schwarzwasser-Taucher. Was bei den bizarren Körpern nicht überrascht.
Staatsqualle mit leuchtenden Anhängen
Nach einer Theorie möchten Fischlarven mit aberwitzigen Anhängen mit wehrhaften Staatsquallen verwechselt werden.

Rotfeuerfische sind eine invasive und besonders gefräßige Spezies, also auch in Florida unerwünscht. Lassen Sie die wunderschönen Larven davonkommen?

Sie sind zu klein, um getötet zu werden. Wir könnten versuchen, sie zu sammeln, aber auch das ist mit der schweren Kamera kompliziert. Außerdem sehen wir nicht viele Larven. Sie kommen also nicht überall vor, sondern wachsen woanders auf, vielleicht näher an der Küste oder tiefer im Ozean. Die Zahlen, die wir vielleicht kontrollierten könnten, sind winzig im Vergleich zum Problem. Und sie sind wirklich fantastische kleine Fischbabys, einfach atemberaubend.

Larve eines Rotfeuerfisches mit weit ausgebreiteten und gefärbten Brustflossen.
Rotfeuerfische sind auch als Larven extrem fotogen, selbst wenn sie als invasive Art in fremden Gewässern auftauchen.

Vor welchen Herausforderungen steht die Forschung an den Schwarzwasser-Tieren und welchen Beitrag leisten Ihre Fotos?

Die Forscher selbst haben oft Probleme bei der Identifizierung der Tiere. Wenn sie etwa Fischlarven einsammeln, werden diese mit feinen Netzen ins Boot geholt und dabei zerquetscht. Mit unseren Fotos können wir ihnen die Bilder der lebenden Tiere in ihrer natürlichen Umgebung zeigen. Andere Forscher beschäftigen sich mit Mollusken wie den „Seeschmetterlingen“ und Ruderschnecken, die zu meinen Favoriten gehören. Interessanterweise ist hier die Identifizierung anhand der Bilder problematisch, weil die Forscher den Umgang mit toten Tieren gewohnt sind, die sie anhand ihrer kleinen Schale einordnen – die bei den lebenden Mollusken nicht gut zu sehen ist. Bei Garnelen wiederum gibt es eine richtige Lücke, weil niemand an den Larven arbeitet. Ich habe eine große Bandbreite von Garnelenlarven gesehen, bin mir aber nicht mal sicher, ob das alles wirklich Larven sind.

Dann ist die Tiefsee also auch für die Forschung noch Neuland?

Immerhin realisieren die Leute langsam, dass es viel unbekanntes Leben in der Tiefsee gibt. Dabei wollen Unternehmen dort bohren und den Boden aufbrechen. Sie werden alles Leben zerstören, obwohl wir nicht einmal wissen, was es da gibt. Ich glaube, dass es aus diesem Grund jetzt mehr Projekte zum Leben in der Tiefsee gibt.

Eine durchsichtige Meeresschnecke, der „Seeschmetterling“ mit transparentem Körper
Entwickeln sich aus dem Fuß einer Meeresschnecke zwei Lappen, entsteht ein überirdisches Wesen – der „Seeschmetterling“
Garnelenlave mit zartem Körper und großen Augen
Wer bist du? Garnelenlarven werden wissenschaftlich kaum untersucht und manche Tiere lassen sich nicht eindeutig zuordnen.
Krebstier Phronima in einer Art gallertigen Hülle, ein ehemaliges Manteltier
Manche Krebstiere wiederum sind gut bekannt: Der Brutparasit Phronima baut gallertige Manteltiere zum Unterschlupf aus
Phronima-Weibchen mit Jungen in einem ausgehöhlten Manteltier
Sind die Phronima-Babys dann geschlüpft, treiben sie mit ihrer Mutter im gallertigen Kinderzimmer durchs Meer

Sie betreiben das Schwarzwasser-Tauchen seit fünf Jahren. Sehen Sie da schon mögliche Folgen der Klimakatastrophe?

Es ist dafür noch zu früh und ohnehin sehr schwierig, Muster zu erkennen. Eine Auswirkung der globalen Erwärmung ist aber sicher: Die Meere nehmen immer mehr Kohlendioxid aus der Luft auf und werden dadurch saurer. Es gibt aber Tiere wie die „See-Schmetterlinge“, deren kalkhaltige Schalen nun dünner werden. Wenn sie nicht überleben, betrifft das eine Nahrungskette, die bis zu Walen reicht, die im Nordatlantik fressen, wo diese Mollusken besonders zahlreich sind. Die Versauerung des Ozeans hat also ganz unterschiedliche Auswirkungen, an die die Leute nicht denken oder die sie nicht kümmern. Diese „See-Schmetterlinge“ sind so winzig und doch so wertvoll.

Ein „Seeschmetterling“ oder Meeresschnecke mit weit ausgebreitetem Fuß
Seeschmetterlinge sind nicht nur überirdisch schön, sondern auch ein wertvoller Bestandteil mariner Nahrungsketten.

Ihre Bilder zeigen diese unbekannte Welt. Wie leicht lassen sich Tiere ablichten, bei denen man nicht immer sofort weiß, wo vorn und hinten ist?

Ich habe beim Fotografieren eine steile Lernkurve durchlebt: Haben sie überhaupt Augen? Und wo sind sie? Manche Tiere sind sehr klein, etwa die Veligerlarven der Mollusken, deren Augen beim Fotografieren kaum zu sehen sind. Man hofft zwar, sie richtig zu erwischen, aber die Tiere scheinen schon gelernt zu haben, uns ihren Rücken zuzukehren. Das ist wirklich hart: Die kleinen Stinker drehen sich einfach um.

Larve eines marinen Weichtiers mit transparenten Lappen und Tupfenmuster
Gibt es hier vorn und hinten? Die Veligerlarven mancher marinen Weichtiere haben ungewohnte Körperformen.
Weichtierlarve mit rötlichem Körper und transparanten Anhängen
Bitte einmal in die Kamera…Winzige Tiere wie diese Veligerlarve, die das Licht scheuen, lassen sich nicht gern fortografieren
Durchsichtige Aallarve mit großen Augen
Manche können auch nicht anders als gucken: Aallarven sind in ihrer Jugend kaum zu sehen, beobachten aber ihre Umwelt

Linda Ianniello taucht seit über drei Jahrzehnten, davon rund fünf Jahre auch bei Schwarzwasser-Tauchgängen – war in Florida also von Anfang an dabei. Mittlerweile hat sie allein an diesem Standort mehr als 270 Tauchgänge absolviert und geht diesem Hobby besonders intensiv nach, seit sie in Rente ist. Sie bezeichnet sich selbst schlicht als „begeisterte Unterwasserfotografin“ und Bürgerforscherin, also als citizen scientist. Weitere Informationen und viele Unterwasserbilder gibt es auf ihrer Webseite https://lindaiphotography.com, über die auch das Buch Blackwater Creatures zu beziehen ist.

Linda Ianniello unter Wasser mit Kamera
Die Amerikanerin Linda Ianniello taucht seit mehreren Jahrzehnten, zuletzt auch nachts und im offenen Ozean.
Porträtbild der blonden Linda Ianniello am Computer
Linda Ianniello nennt sich selbst eine „begeisterte Unterwasserfotografin“ und Bürgerforscherin – weil sie die Wissenschaft unterstützt.
Cover des Buches „Blackwater Creatures“
Das Buch „Blackwater Creatures“ von Linda Ianniello und Susan Mears zeigt häufige und auch seltene Schwarzwasserfunde.
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Susanne Wedlich

Susanne Wedlich

Ich bin Biologin und Politikwissenschaftlerin, arbeite als freie Wissenschaftsjournalistin und habe Das Buch vom Schleim geschrieben..


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Schleim ist eigentlich nur Wasser in molekularen Ketten. Aber was heißt das schon. Er ist schließlich auch ein Phänomen, das Raum und Zeit umspannt, das seit jeher Kultur- und Naturwissenschaften zusammenbringt.

Ich heiße Susanne Wedlich, bin Biologin und Politikwissenschaftlerin. Ich arbeite als freiberufliche Wissenschaftsjournalistin und habe 2019 im Verlag Matthes & Seitz in der Naturkunden-Reihe „Das Buch vom Schleim“ veröffentlicht.

Hier bei RiffReporter bleibe ich an diesem spannenden Thema für Sie dran. Schleim gab es schon immer und noch heute wird er fast überall gebraucht - von unserem Körper bis zum Korallenriff. Er ist Bodyguard im Organismus, unsichtbarer Kitt in der Umwelt und unverzichtbare Ekel-Requisite im Horrorgenre. Schleim kann uns also viel über die Entwicklungsgeschichte des Lebens erzählen, steht im Fokus der Biomedzin, liefert aber auch Anregungen für die Materialwissenschaft und sollte als ökologische Stellschraube der Klimaforschung noch viel mehr Sorgen als bisher bereiten.

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