Erbe, Umwelt, Vergangenheit

Die Molekularbiologie lehrt uns ein neues Verständnis von Gesundheit: Sie ist kein Zustand, sondern ein Prozess. Und der macht vor Generationsgrenzen nicht Halt.

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Grafische Darstellung eines methylierten DNA-Abschnitts.

Dieser Text erschien bei RiffReporter erstmals im März 2017. Grund dafür war die Veröffentlichung meines Buchs „Gesundheit ist kein Zufall“ (DVA, München). Heute kommt das Werk im Pantheon-Verlag, München, als Taschenbuch heraus. Anlass genug, diesen Text erneut zu veröffentlichen.

Wer ist die uralten, unfruchtbaren, immer gleichen Diskussionen nicht schon lange leid: Welchen Teil unserer Persönlichkeit und Gesundheit verdanken wir wohl dem genetischen Erbe der Eltern, welchen Teil verdanken wir ihrer Erziehung und dem Lebensstil, den sie uns mit auf den Weg gaben? Ist es das Erbe oder die Umwelt, was maßgeblich unsere Intelligenz, unsere Neigung zu Übergewicht oder zu Depressionen verantwortet?

Doch diese Fragen sind nicht mehr zeitgemäß. Sie haben die Biologie lange genug gelähmt. Diese Fragen entstammen dem Irrglauben, man könne den Einfluss von Erbe und Umwelt sorgfältig auseinander halten und zu einhundert Prozent aufaddieren. Noch immer denken viele Menschen, alle unsere Merkmale verhielten sich wie Erbkrankheiten oder simple äußere Kennzeichen wie Augen- oder Haarfarbe. Solche Eigenschaften sind mehr oder weniger direkt auf Varianten einzelner oder einiger weniger Gene zurückzuführen. Und was darüber hinaus noch an Unschärfe bleibt, muss zwangsläufig durch die Umwelt verursacht worden sein.

Doch mit den allermeisten menschlichen Eigenschaften – vor allem mit jenen, die uns besonders interessieren – ist es anders. Sie sind komplex. Experten sagen, ihre Ursache ist multifaktoriell. Geht es um das Risiko für Volks- und Alterskrankheiten, sogar für Infektionen, um allgemeine Persönlichkeitsmerkmale oder um positive Eigenschaften wie Resilienz und Langlebigkeit, versagt der Versuch einer eindimensionalen Aufteilung in Erbe oder Umwelt.

Im Frühjahr 2016 sorgte die Studie eines großen internationalen Forscherkonsortiums für Aufsehen, weil sie neu entdeckte Genvarianten präsentierte, die unsere Lebensfreude, das subjektive Wohlbefinden und den ganz persönlichen Hang zu neurotischem Verhalten und Depressivität beeinflussen. Fast 300.000 Menschen hatten Daten zu ihren Genen und ihrer psychischen Verfassung zur Verfügung gestellt. Rund 150 Forscher hatten die Daten in mühevoller Kleinarbeit daraufhin analysiert, ob überhaupt irgendein Zusammenhang zwischen Genvarianten und derart komplexen Merkmalen besteht. Am Ende hatten die Wissenschaftler drei Veränderungen des DNA-Codes aufgespürt, die unser Wohlbefinden mitbestimmen. Hinzu kamen zwei Veränderungen, die mit Depressivität, sowie elf Veränderungen, die mit Neurotizismus in Verbindung stehen.

Aber wozu das Ganze? Drei der beteiligten Genetiker erklärten in einem Beitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die neu gefundenen Gen-Effekte seien „nur für einen Bruchteil der Erblichkeit von psychologischem Wohlbefinden verantwortlich“. Die Genvarianten erklärten „weniger als ein Prozent der Unterschiede im Wohlbefinden in der Bevölkerung“. Die untersuchten Merkmale seien einfach viel zu komplex, zu viele Gene seien daran beteiligt, zu viele Umweltfaktoren wirkten darauf ein, um einzelnen Genvarianten deutliche Auswirkungen zuschreiben zu können. Letztlich sind die Ergebnisse der Studie vor allem für die Grundlagenforschung interessant.

Einzelne Gene leisten einen extrem kleinen Beitrag zu komplexen Merkmalen

Ähnliche Resultate ergeben sich, wenn Forscher Phänomene wie Intelligenz, die Neigung zu Übergewicht oder zu Persönlichkeitsstörungen analysieren. Immer scheinen mehrere Hundert, vielleicht auch einige Tausend Gene im Zusammenspiel einen jeweils extrem kleinen Beitrag zum gesamten Merkmal zu leisten. Dabei gleichen sich die Effekte mehrerer Genvarianten oft aus: Die eine Variante erhöht ein Risiko minimal, während eine andere das Risiko ein wenig senkt.

Viel entscheidender ist letztlich die Regulation des gesamten Netzwerks aus sehr vielen sich gegenseitig in ihrer Aktivität beeinflussenden Genen. Erst aus dieser Regulation resultieren unsere Gesundheit und Persönlichkeit. Und diese Regulation wird nicht nur durch die gegenwärtige Umwelt, durch unseren Lebensstil und andere soziale Einflüsse verändert. Sie wurde vor allem in unserer gesamten Vergangenheit geprägt. Der US-amerikanische Intelligenzforscher Eric Turkheimer wies schon vor Jahren darauf hin:

„Ein Modell, in dem die Variabilität der Intelligenz unter Kindern auf unterschiedliche Komponenten aufgeteilt wird, die entweder den Genen oder der Umwelt zugeschrieben werden, ist angesichts der dynamischen Interaktion zwischen den Genen und der faktischen Umwelt während der biologischen Entwicklung zu einfach.“

Die wichtigste Botschaft der aktuellen Molekularbiologie lautet also: Unsere komplexen Eigenschaften entstehen immer aus Erbe, Umwelt und Vergangenheit zugleich: Einflüsse aus der Gegenwart, die Prägung aus der Vergangenheit und genetisch gespeicherte Programme „spielen“ gemeinsam mit den geerbten Genvarianten und machen erst im Zuge dieses Prozesses das aus uns, was wir sind. Fällt einer der Spieler aus, ist das gesamte Spiel hinfällig. Das Resultat des Zusammenspiels – etwa ein besonders langlebiger, gesunder und resilienter Mensch – ist folglich immer zu hundert Prozent auf die biologische Entwicklung in einer persönlichen Umwelt und zugleich zu hundert Prozent auf die geerbten Gene zurückzuführen. Wir sind niemals die Summe aus Erbe und Umwelt sondern immer deren Produkt.

Zwei eineiige Zwillinge in den Zwanzigern. Sie sehen sich sehr ähnlich.
An Zwillingen lässt sich die Wirkung der Epigenetik besonders gut erforschen.

Es ist dieser völlig neue, moderne Blick auf unsere Gesundheit, der mich dazu bewogen hat, das Buch „Gesundheit ist kein Zufall“ zu schreiben. Immer mehr Experten begreifen Gesundheit und Persönlichkeit nicht mehr als Zustände sondern als dynamische Prozesse. Der Berliner Andreas Plagemann, Leiter der Abteilung für experimentelle Geburtsmedizin an der Charité, spricht zum Beispiel vom Leben als einem „individuellen, permanent umweltabhängigen Entwicklungsprozess“ – als „Ontogenese bis ins Alter“.

Die wichtigsten molekularen Strukturen, die diesen Prozess begleiten, sind so genannte epigenetische Schalter und Dimmer. Sie verändern nicht den genetischen Code selbst. Aber sie befinden sich am und im Erbgut und entscheiden dort, welche ihrer Gene eine Zelle des Körpers überhaupt einsetzen kann und welche nicht.

Erst mit Hilfe dieser Werkzeuge können Zellen eine unterschiedliche Identität annehmen, etwa als Nerven-, Haut- oder Muskelzelle. Sie können aber auch in Abhängigkeit von äußeren Einflüssen – Hormonen, Ernährung, Belastungen oder Training – in ein anderes epigenetische Programm wechseln. Die Muskelzelle eines Hochleistungssportlers reguliert ihre Gene beispielsweise völlig anders als jene des Stubenhockers. Und die Zellen im Stressregulationssystem eines Menschen, der in frühester Kindheit vernachlässigt wurde und wiederholte schwere Gewalterfahrungen machen musste, arbeiten völlig anders als bei jemandem, der von klein an stabile Bindungen zu liebevollen Bezugspersonen aufbauen durfte und in Geborgenheit groß wurde.


Warum neigen die einen zu Depressionen, während andere resilient sind?

All diese Dinge können Epigenetiker heutzutage direkt messen. So erklären sie einen Großteil unserer individuellen Gesundheit – etwa, warum die Einen eher zu Angststörungen, Depressionen oder Fettsucht neigen und die Anderen besonders lange fit bleiben und erstaunlich resilient und charismatisch sind. Seit gut zehn Jahren begleite ich als Autor dieses wichtige neue Forschungsgebiet. Im Jahr 2009 erschien mein erstes Buch dazu. „Der zweite Code“ war das weltweit erste populärwissenschaftliche Buch über Epigenetik überhaupt.

Damals kündigte ich eine wissenschaftliche Revolution an. Und tatsächlich ist diese Revolution derzeit im Gange. Heute erklärt uns die Epigenetik, wie das Leben unsere Gene prägt. Sie zeigt, wie wir werden, was wir sind. Im aktuellen Buch schildere ich indes nicht nur diese neuen Erkenntnisse. Ich fordere auch eine neue Biologie der Vererbung. Denn es wird immer klarer, dass wir in der Lage sind, unsere im Laufe des Lebens erworbenen Umweltanpassungen und damit auch unsere Gesundheit und Persönlichkeit ein Stück weit zu vererben – völlig unabhängig von den Genen.

Das geschieht zum einen während der wichtigen Phase der so genannten perinatalen Prägung. In dieser Zeit, die im Mutterleib beginnt und mit etwa einem Lebensjahr endet, bestimmen die Eltern über Umwelt und Lebensstil ihrer Kinder. Dieser prägt sich nun besonders fest in das Erbgut der Kinder ein und beeinflusst manchmal lebenslang die Aktivierbarkeit der Gene.

Darüber hinaus gibt es immer mehr Hinweise, dass epigenetische Strukturen auch über die Keimbahn, also über Ei- und Samenzellen, weitergegeben werden und nach der Befruchtung den heranwachsenden Keim beeinflussen. Damit vererben wir also nicht nur die Gene sondern auch umweltabhängige Informationen darüber, wie wir diese Gene regulieren sollen. Eine Sensation!

Vieles spricht also dafür, dass unsere Gesundheit nicht nur das Produkt des eigenen Lebens ist. Sie scheint zusätzlich durch das Leben der Eltern und Großeltern beeinflusst zu sein. Gesundheit ist ein generationenüberschreitendes Projekt.

Für die Gesellschaft haben all diese neuen Erkenntnisse weit reichende Konsequenzen:

  • Jedes Individuum dürfte sich zusätzlich zu einer gesunden Lebensweise motiviert fühlen, mit ausreichend Schlaf und Entspannung, ausgewogener, nicht zu kalorienreicher Ernährung sowie reichlich körperlicher Aktivität.
  • Werdende Eltern, die ohnehin eine immer größere Verantwortung für das Wohlergehen ihrer Kinder spüren, müssen zunehmend entlastet werden.
  • Es geht nicht darum, ihnen zusätzliche einengende Vorschriften zu machen, sondern die Erfüllung grundliegender Bedürfnisse wie den Aufbau einer stabilen Eltern-Kind-Bindung zu erleichtern.
  • Krankheitsprävention muss sich viel mehr als heute mit ungeborenen Kindern und der ersten Zeit nach der Geburt beschäftigen.
  • Die Gesellschaft muss insgesamt mehr gegen soziale Ungleichheit und Armut unternehmen.

Es geht nicht um Zwang, sondern darum, möglichst vielen Menschen möglichst gute Chancen auf eine freie und normale biologische Entwicklung zu sichern. Denn die Gesundheit ist Produkt dieser Entwicklung. Gesundheit ist alles andere als zufällig.

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