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Alarmstufe Rot: Die Pandemie droht zu eskalieren

Die neue Variante des Coronavirus, vorschnelle Hoffnungen auf Impferfolge und Ungeduld bei den Restriktionen könnten eine tödliche Mischung bilden

von
03.01.2021
5 Minuten
Ein Warnzeichen mit Ausrufezeichen in einer Illustration

Man kennt es von Hollywood und Netflix: Irgendwann zu Beginn der zweiten Hälfte des Films kommt die überraschende Wendung. Eigentlich sieht alles gut aus, die Protagonisten wähnen sich in Sicherheit, nachdem sie bereits schlimme Gefahrensituationen bewältigt haben.

Und dann kommt es doch nochmal ganz anders: Die eigentliche Gefahr zeigt ihr Gesicht, die Höllenfahrt beginnt.

Genau an diesem Punkt könnten wir uns im Moment befinden: Viele von uns haben einiges durchgemacht und durchgehalten. Menschen haben sich daran gewöhnt, Masken zu tragen, Urlaube gestrichen, Geschäfte geschlossen. Die meisten haben sich über die Weihnachtstage an die Corona-Restriktionen gehalten. Wissenschaftlerïnnen haben in Rekordzeit die ersten Impfstoffe entwickelt und die Zulassung erhalten. Und: In ganz Deutschland haben die Impfungen begonnen!

Happy End?

Leider Nein.

Schon die Tatsache, dass allein zwischen 28. Dezember 2020 und 3. Januar 2021 in Deutschland 4494 Menschen an Covid-19 gestorben sind – oftmals isoliert von ihren Liebsten – ist horrend. Wenn bei den bald 1,8 Millionen Menschen, die eine bestätigte Infektion überstanden haben, in den Statistiken „genesen“ steht, dann stimmt das bei vielen nicht. „Long Covid“ über Wochen und Monate ist ein ernsthaftes Problem.

Und wenn wir jetzt unvorsichtig sind, wird erst mal alles noch viel schlimmer, bevor es wieder besser werden kann.

Zwei Gefahren multiplizieren sich zur Stunde gegenseitig.

Erstens schlagen bei vielen Menschen die Hoffnungen, die der Impfstoff auslöst, in akute Ungeduld um, was Restriktionen im Alltag betrifft. In sozialen Medien mobilisieren Besitzerïnnen von Geschäften dafür, bald wieder aufmachen zu dürfen. Viele Kulturministerïnnen, allen voran die baden-württembergische CDU-Politikerin Susanne Eisenmann, wollen möglichst schnell den Präsenzunterricht wieder beginnen. Der Druck auf Bund und Länder bei ihren Entscheidungen über die weitere Strategie ist groß.

Ungeduld und Mutation bilden zusammengenommen den berühmten „perfekten Sturm“

Zweitens droht die zuerst in Großbritannien registrierte mutierte Variante des Pandemieerregers mit voller Wucht die Ausbreitung des Virus zu beschleunigen. Auf den ersten Blick mutet die neue Variante namens B.1.1.7 gar nicht so gefährlich an: Sie ist nach heutigem Erkenntnisstand nicht tödlicher als die bisher grassierenden Varianten. Entwarnung? Nein.

Die Mutation sorgt mit kleinen Änderungen auf der Oberfläche des Virus dafür, dass dieses sich deutlich schneller ausbreitet. Was das bedeutet, kann man gar nicht hart genug sagen: Wenn davon die Rede ist, dass die neue Variante um rund 50 Prozent ansteckender sei, dann ist das nicht eine einfache Zunahme, sondern eine Beschleunigung der Beschleunigung. In anderen Worten: eine völlig neue Dimension der Ausbreitung des Virus droht.

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Ungeduld und Mutation bilden zusammengenommen den berühmten „perfekten Sturm“. Die schrecklichen Nachrichten aus Großbritannien – steigende Fallzahlen, überfüllte Krankenhäuser, Intensivstationen jenseits des Limits – zeigen, was auch in Deutschland in noch stärkerem Maß bevorstehen könnte.

Schon die unfassbare Zahl von vielen Hundert Corona-Toten täglich in Deutschland, von Zehntausenden Kranken und Hunderttausenden, die als Angehörige oder Freundïnnen mitleiden oder trauern, ist eigentlich unerträglich – und bleibt im Gegensatz zu den Problemen des Lockdowns viel zu wenig thematisiert, wie mein Kollege Peter Spork zurecht kritisiert hat.

Deutschland im Blindflug unterwegs

Bisher ist die neue Variante in Deutschland nur aus Einzelfällen bekannt. Wie weit verbreitet sie bereits ist, wissen wir aber nicht: Die Bundesregierung wird noch erklären müssen, warum nicht längst auch in Deutschland so intensiv wie in Großbritannien das Erbgut von Viren sequenziert wird, um neue Varianten so aufzuspüren wie das den Briten gelungen ist.

„In Deutschland sind die Bemühungen bei den SARS-CoV-2-Sequenzierungen in meinen Augen nicht ausreichend", sagte Jörg Timm, Leiter des Instituts für Virologie am Universitätsklinikum Düsseldorf, dazu dem Science Media Center. Deutschland habe es bisher verpasst, entsprechende Strukturen aufzubauen, kritisierte der Wissenschaftler.

Dass B.1.1.7 nun in der Welt ist, wissen wir jetzt zum Glück dank der intensiven Sequenzierungsmaßnahmen in Großbritannien, die zu Wenigen gehören, was in dem Land in Sachen Pandemie gut und reibungslos läuft.

Doch wird die Bedrohung in Deutschland ernstgenommen, wird gehandelt?

„Die Gefahr durch [die] neue Virusvariante wird nicht ernst genommen, es wird wieder abgewartet bis es zu spät ist, und wieder die Stimme der Wissenschaft ignoriert“, warnt die Virologin Isabella Eckerle. Auch Viola Priesemann, die am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation die Entwicklung der Pandemie modelliert und vor kurzem mit mehreren Hundert weiteren Wissenschaftlerïnnen einen wichtigen Appell zur weiteren Corona-Strategie publiziert hat, fordert dazu auf, die Gefahren durch die neue Mutation sehr ernst zu nehmen.

„Wir sind in eine neue Phase der Pandemie eingetreten“

Wissenschaftsjournalistïnnen, die seit Beginn der Pandemie intensiv berichten (und die beide Mitglieder von RiffReporter sind), stimmen in die Warnungen ein: Silke Jäger in einem Krautreporter-Artikel, der Wissenschaftsjournalist Kai Kupferschmidt in einem langen Twitterthread.

„Bei so vielen Ansteckungen, bei denen die Kontaktnachverfolgung im Moment nicht gut gelingt und damit dem Virus immer einen Vorsprung lässt, wäre eine Ausbreitung der mutierten Variante so, als startete eine neue Pandemie, während die erste noch gar nicht bewältigt wurde“, schreibt Silke Jäger. „Wir sind in eine neue Phase der Pandemie eingetreten“, fasst Kai Kupferschmidt die aktuellen Ereignisse zusammen. „Auf der einen Seite haben die Impfungen begonnen, auf der anderen Seite breitet sich die neue Variante schneller aus und führt in kürzester Zeit zu mehr Krankheit und Tod, zudem müssen dadurch mehr Menschen geimpft werden, um Herdenimmunität zu erreichen.“

Es sei nicht das, was man gerne hören möchte, aber die kommenden Monate könnten die härtesten dieser Pandemie sein", warnt Kupferschmidt. Wenn man Impfstoffe als das Licht am Ende des Tunnels sehe, dann sei dieses Licht weiter da. Aber durch die mutierte Virusvariante sei „der Tunnel gerade ein bisschen dunkler und länger geworden".

Hinzu kommt, dass mehr Infizierte nicht nur bedeuten, dass mehr Menschen ins Krankenhaus eingeliefert werden müssen und dort trotz bester Behandlung in großer Zahl sterben. Es bedeutet auch, dass es viel mehr Menschen gibt, die trotz anfänglich milder Verläufe an erheblichen langfristigen Gesundheitsproblemen leiden: Das Spektrum der Probleme, die beim sogenannten „Long Covid“ auch nach Wochen und Monaten bestehen, ist gewaltig: Von Herzkrankheiten über Kurzatmigkeit bis zu erheblichen Schwierigkeiten beim Denken, Riechen, Konzentrieren. Auch dieser Aspekt der Pandemie wird noch fahrlässig unterschätzt, ebenso wie das Risiko, das die neue Variante für Kinder und Jugendliche darstellt.

Nach einem Jahr, in dem viele Menschen das Gefühl hatten, in einer ziemlich miesen Science-Fiction-Geschichte zu leben, in der alles gleichzeitig passiert – eine Pandemie kommt über die Menschheit, eine Klimakrise eskaliert, Großmächte führen digitalen Krieg gegeneinander, der US-Präsident dreht durch und bläst zum Frontalangriff auf die Demokratie – ist der Wunsch nach Entspannung und Leichtigkeit verständlich.

Die Alternative zu fortgesetzten Kontaktbeschränkungen ist Tod und Leid

Jeder Mensch wünscht sich, dass die Pandemie so bald wie möglich vorbei ist und die Restriktionen aufgehoben werden können. Aber auch wenn es mit einer Portion Hoffnung verbunden war, das Jahr 2020 hinter uns zu lassen, ist dieser Zeitpunkt noch lange nicht gekommen.

Das hier ist kein mieser Hollywood-Streifen, sondern die Wirklichkeit. Die Gefahr zu verdrängen oder auf ein Wunder zu hoffen, das ist keine Lösung. Alles spricht momentan dafür, das einzig verlässliche Mittel gegen die Pandemie nicht nur beizubehalten, sondern wo auch immer möglich zu intensivieren: Bis jede Infektionskette wieder nachvollziehbar und bis ein ausreichender Teil der Bevölkerung geimpft ist, müssen die Kontakte auf ein Minimum beschränkt bleiben.

Die Alternative bestünde in Leid, Langzeitfolgen und Tod in einem Ausmaß, das die bisherigen Dimensionen noch übertreffen könnte.

Ein Happy End wird es in dieser Pandemie ohnehin nicht mehr geben. Aber noch haben Regierung und Bevölkerung – haben wir – es in der Hand, ein noch größeres Desaster abzuwenden.

Dieser Text wurde am 11.1.2021 leicht modifiziert, um aktuelle Ereignisse zu berücksichtigen.

Berichtigung: In einer früheren Version dieses Beitrags habe ich die Aussage zum „Licht am Ende des Tunnels“ aufgrund dieses Tweets der Wissenschaftlerin Viola Priesemann zugeordnet. Es handelte sich aber um die Übersetzung eines englischsprachigen Tweets von Kai Kupferschmidt durch Frau Priesemann, die sich die Aussagen dabei explizit zu eigen gemacht hat. Ich habe die Zuordnung korrigiert und bitte den Fehler zu entschuldigen.

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Christian Schwägerl

Christian Schwägerl

Christian Schwägerl ist Journalist in den Bereichen Umwelt, Wissenschaft und Politik. Er war als Korrespondent für die Berliner Zeitung (1997–2001), die Frankfurter Allgemeine Zeitung (2001–2008) und den SPIEGEL (2008–2012) tätig und arbeitet seit 2013 freiberuflich für Medien wie GEO, FAZ und Yale E360. Von ihm stammen die Bücher „Menschenzeit“ über das Anthropozän, „11 drohende Kriege“ über globale Konfliktrisiken (mit A. Rinke) und „Analoge Revolution“ über die Zukunft digitaler Technologien. Seit 2014 leitet er die von der Robert Bosch Stiftung geförderte „Masterclass Wissenschaftsjournalismus“. Schwägerl hat einen Master-of-Science-Abschluss in Biologie. Er ist Mitgründer und Vorstand von RiffReporter. Für seine journalistische Arbeit hat er zahlreiche Preise erhalten, darunter den Georg von Holtzbrinck Preis für Wissenschaftsjournalismus (2007) und den Otto-Brenner-Preis für kritischen Journalismus (2020, mit J. Budde).


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