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Mensch oder Maschine – die Konkurrenz der Intelligenzen

Künstliche Intelligenz übertrifft uns auf manchen Gebieten schon heute – doch ist sie mit unseren geistigen Fähigkeiten vergleichbar, bedroht sie uns gar?

12 Minuten
Auf der Illustration ist vor grünlichem Hintergrund rechts oben eine menschliche Hand zu sehen, deren Zeigefinger auf den Bildmittelpunkt weist, von rechts unten kommt in gleicher Weise eine metallisch-glänzende künstliche Hand entgegen. Zwischen den Spitzen beider Zeigefinger ist im Zentrum des Bildes ein heller, strahlender Lichtpunkt zu sehen.

Angesichts der rasanten Fortschritte in der KI-Forschung fragen sich viele Menschen, ob Roboter und Computer den Homo sapiens eines Tages in den Schatten stellen, ihn gar überflüssig machen werden. Doch menschliche Intelligenz funktioniert ganz anders als Software-Algorithmen; sie hat ihre Stärken und Schwächen. Wird sie sich gegenüber der immer schneller und raffinierter werdenden Rechen-Power behaupten können? Ein Plädoyer für die Einzigartigkeit des Menschen. Lesen Sie dazu auch den parallel erschienenen Beitrag meines Kollegen Christian J. Meier, der in seinem Riffreporter-Projekt „KI für alle – Geschichten über Algorithmen“ von der Möglichkeit berichtet, dass künstliche Intelligenz ein Bewusstsein erlangen könnte.

Die Liste der Durchbrüche ist beeindruckend: Am 10. Februar 1996 schlägt der IBM-Computer „Deep Blue“ erstmals den damaligen amtierenden Schachweltmeister Garri Kasparow – heute hat kein Mensch mehr eine Chance gegen die Power der Rechner in dieser Disziplin. 20 Jahre später, im März 2016, muss der Südkoreaner Lee Sedol, einer der weltbesten professionellen Go-Spieler, seine Niederlage gegenüber der Software „AlphaGo“ einräumen. Dabei hatte es lange Zeit als unmöglich gegolten, dass Maschinen das äußerst komplexe Brettspiel beherrschen könnten.

Doch das von der Software-Schmiede „Deep Mind“ – sie gehört zum Google-Konzern – entwickelte Programm nutzt einen neuen Ansatz: Es verwendet künstliche neuronale Netzwerke, um sich das Go-Spiel selbst beizubringen. Die Programmierer gaben nur die Spielregeln vor, dann trainierte AlphaGo das Spiel, indem es 100.000 in einer Datenbank gespeicherte Spiele analysierte, gegen sich selbst antrat und aus den Erfahrungen lernte. 2019 gibt der 18-malige Go-Weltmeister Lee Sedol entnervt auf und schickt sich selbst in den Ruhestand. Er hat eingesehen, dass sich die KI im Go-Spiel einfach nicht mehr von Menschen besiegen lässt.

Zahlreiche schwarze und weiße linsenförmige Spielsteine liegen auf einem braunen Spielbrett. Das Brett ist von vielen schwarzen senkrecht wie waagerecht verlaufenden Linien in kleine Quadrate geteilt. Die Spielsteine liegen auf den Schnittpunkten jeweils zweier Linien.
Beim Go-Spiel kommt es darauf an, mit Steinen Gebiete abzugrenzen und Steine des Gegners zu umzingeln. Lange galt das Spiel zu komplex für KI, heute haben Menschen keine Chance mehr gegen die Algorithmen

KI schreibt Texte und komponiert Sinfonien

Auch auf kreativen Gebieten, die bis dato nur dem Menschen vorbehalten schienen, können Algorithmen punkten: Im Mai 2020 wird der Textgenerator „GPT-3“ vorgestellt. Mithilfe neuronaler Netzwerke lernte die Software aus einer gigantischen Datenmenge an vorhandenen Texten – insgesamt 570 Gigabyte, was rund einer Billion Wörter entspricht. Nun kann sie dank des Trainings selbstständig Beiträge verfassen, die denen eines menschlichen Vorbilds, etwa eines William Shakespeare, verblüffend ähneln. Und am 9. Oktober 2021 kommt es in Bonn zu einer ungewöhnlichen Premiere: Fast 195 Jahre nach Ludwig van Beethovens Tod lässt das Beethoven Orchester dessen 10. Sinfonie, die „Unvollendete“, ertönen. Nun aber von einer KI ergänzt und im Stile des Meisters zu einem vollständigen Werk perfektioniert.

Doch das sind nur besonders auffällige Beispiele, in denen Computer-Algorithmen die intellektuellen Fähigkeiten des Menschen nachahmen oder sogar ausstechen. Wir reden täglich mit Siri, Alexa, Cortana oder anderen Sprachmodulen, um mit der digitalen Welt zu kommunizieren, die Algorithmen von Google stellen uns in Sekundenbruchteilen das Wissen der Welt zur Verfügung, Software durchforstet Unmengen von Fotos und fischt individuelle Gesichter heraus, Assistenz-Systeme helfen uns beim Einparken, Google-Maps liefert uns den schnellsten Weg von A nach B. Überall mischt sich die künstliche Intelligenz inzwischen in unser Leben ein und verändert den Alltag.

Elon Musk hält schlaue Maschinen für gefährlich

Das löst bei manchen Menschen Ängste aus. Vor allem dann, wenn es Entscheidungen betrifft, bei denen es um Leben oder Tod von Menschen geht. Was, wenn die Steuerungs-Software eines selbst-fahrenden Autos darüber befinden soll, wer angesichts eines unvermeidlichen Verkehrsunfalls sterben muss? Was, wenn eine Kampfdrohne auswählen darf, wie viele zivile Opfer in Kauf genommen werden dürfen, um feindliche Soldaten auszuschalten? Oder ob unschuldige Menschen sterben müssen, um einen Terroristen zu stoppen und Schlimmeres zu verhüten?

Zu sehen ist in blauen, violetten und kupferfarbenen Tönen die Plattform eines Mikroprozessors. Rechts von der Bildmitte ist die CPU (central processing unit) zu sehen, ein quadratischer Block, der etwas über die Plattform aufragt. Um sie herum sind zahlreiche kleine Bauteile und Leiterbahnen angeordnet.
Mikroprozessoren steigern ständig ihre Rechenleistungen und erlauben Computerprogrammen – Algorithmen – immer intelligentere und schnellere Lösungen

Es ist nicht nur diese Vorstellung, die Unbehagen auslöst. Noch beunruhigender sind die Aussichten, wenn man die Entwicklung in die Zukunft fortschreibt und sich Formen der künstlichen Intelligenz ausmalt, die dem Menschen weit überlegen sind. Ja, die den Homo sapiens womöglich als überflüssig ansehen und ihn abschaffen wollen.

Elon Musk, Multimilliardär und Chef von Tesla sowie SpaceX, hält genau das für möglich. Er glaubt, dass Computer bald schlauer sein werden als Menschen, warnte schon 2017 in einem Twitter-Tweet, dass wir uns vor der künstlichen Intelligenz weitaus stärker fürchten sollten als vor Nordkorea und argwöhnt, dass selbstlernende Maschinen gegenüber dem Menschen gewinnen werden.

Biologische Informationsverarbeitung: Mehr als 650 Millionen Jahren alt

Aber ist das ein realistisches Szenario, sind KI und menschliche Intelligenz überhaupt vergleichbar? Oder sind nicht die geistigen Fähigkeiten des Menschen gänzlich anders und so einzigartig, dass die KI ihn niemals ausstechen wird? Ein grundsätzlicher Unterschied zumindest liegt auf der Hand: Computer und schlaue Algorithmen wurden von menschlichen Ingenieuren erfunden und zu dem entwickelt, was sie heute sind. Der Homo sapiens aber ist ein Kind der Evolution, das seine geistigen Fähigkeiten in einem langen Kampf ums Überleben entwickelte. Diese Geschichte beginnt vor mehr als einer halben Milliarde Jahren – und sie allein hat unsere Intelligenz geformt.

Vor schwarzem Hintergrund ist der hellblaue, durchschimmernde ovale Schirm einer Qualle zu sehen. Die Struktur des Schirms ist glockenförmig, in seiner Mitte sind vier kreisförmige Gebilde zu erkennen, von denen Tentakel herabhängen – das alles ebenfalls in zarten, halb durchsichtigen Blautönen.
Quallen waren die ersten Tiere, die einst ein einfaches Nervensystem entwickelten. Es bringt ihnen Orientierung im Raum, hat primitive Augen, steuert Bewegungen und reguliert die Verdauung gefangener Beute – liefert also alles, was für das Überleben der Tiere notwendig ist

Vor rund 650 Millionen Jahren leben in den Ozeanen der Erde einfach gebaute Tiere, heutigen Quallen ähnlich. Doch sie sind schon mit einer genialen Erfindung der Natur ausgestattet: Mit Nervenzellen (Neurone). Also Zellen, die darauf spezialisiert sind, Informationen aufzunehmen, zu verarbeiten und weiterzuleiten. Bei diesen Tieren gibt es noch kein Gehirn, doch sind die Neurone zu einem Nervennetz (das ist die einfachste Form eines Nervensystems) zusammengeschaltet, das ihnen entscheidend beim Überleben hilft. Primitive Augen registrieren einfallendes Licht, Gleichgewichtssensoren melden die Lage des Tieres, Oberflächensensoren ermitteln Daten aus der Umgebung. All diese Informationen verrechnet das Nervensystem und sendet Impulse an Zellen, die die Kontraktionen der Glocke und damit die Bewegung des Tieres steuern. Des Weiteren gibt es sensorische Zellen am unteren Rand der Glocke, also der Mundregion der Qualle, die melden, ob die Tentakeln Futter gefangen haben.

Das Gehirn muss das Überleben eines Tieres sichern

Neben den Quallen entwickeln sich bald weitere Tierformen, deren Nervensysteme immer komplexer werden. Um die zunehmenden Datenmengen zu verrechnen, entstehen größere Ansammlungen von Nervenzellen. Sie werden schließlich zum Gehirn, dem zentralen Steuerorgan, das sämtliche Informationen aus den Sinnesorganen integriert und die Bewegungen des Tieres lenkt.

Vor schwarzem Hintergrund ist eine einfache Zeichnung des menschlichen Gehirns zu sehen, in der verschiedene Teile der Großhirnrinde mit unterschiedlichen Farben markiert sind.
Im menschlichen Gehirn sind viele unterschiedliche Formen von Intelligenz vereint: Der Stirnlappen (gelb) ist etwa für Denken, Planung und Selbstreflexion zuständig, der Scheitellappen (orange) fürs Rechnen sowie für räumliches Vorstellungsvermögen, der Hinterhauptslappen (lila) verarbeitet Informationen aus dem Auge, der Schläfenlappen (grün) enthält das Hörzentrum

Die Herausforderungen, die so ein Gehirn zu meistern hat, sind immens. Pflanzenfresser müssen erkennen können, wo sie Futter finden und wie sie Räubern entkommen. Jäger müssen wissen, wie sie ihre Beute aufspüren und überwältigen. Fast alle Tiere sind darauf angewiesen, einen Partner zu finden, um sich zu vermehren. Und alle müssen darauf achten, eine Umgebung zu wählen, die nicht zu warm oder zu kalt, nicht zu feucht oder zu trocken ist. Bei keiner dieser Aufgaben darf das Gehirn versagen, sonst steht das Leben auf dem Spiel – oder die Fortpflanzung.

Triebe und Gefühle steuern das Verhalten

Doch woher „weiß“ ein Tier, was es zu tun hat, was steuert sein Verhalten, wie fällt es Entscheidungen? Da die Gehirne anfangs kein logisches Denkvermögen kennen, entwickelt die Natur dafür zunächst andere Lösungen: Triebe, Motivationen und Emotionen. Sind die Energiereserven oder die Flüssigkeit im Körper knapp, werden die Triebe Hunger beziehungsweise Durst aktiviert und das Tier beginnt nach Nahrung oder Wasser zu suchen. Ist es an der Zeit sich fortzupflanzen kommt die Motivation Lust ins Spiel. Zahlreiche weitere Verhaltensprogramme werden in bestimmten Situationen durch Gefühle wie Furcht, Wut, Freude oder Traurigkeit aktiviert. All diese Emotionen lassen Tiere schnell auf bestimmte Situationen reagieren, ohne dass sie groß nachdenken müssten – und sichern so das Überleben.

Die Illustration zeigt am flachen Ufer eines Gewässers einen urtümlichen Fisch, dessen Kopf ein wenig an ein Krokodil erinnert. Der Schwanz des Tieres befindet sich noch im blauen Wasser, der vordere Teil des Körpers ruht auf dem sandigen Boden. Dabei stützt sich der Fisch mit seinen kräftigen, beinähnlichen Flossen auf.
Vor rund 400 Millionen Jahren begannen Fische – hier die zeichnerische Rekonstruktion von Tiktaalik roseae – das Festland zu erobern. Das Leben auf dem Trockenen erforderte von Sinnesorganen, Gehirn und Körperbau zahllose intelligente Anpassungen

Vor rund 400 Millionen Jahren wagen sich Fische erstmals aus dem Wasser hinaus aufs Festland, entwickeln sich zu Amphibien, später weiter zu Reptilien und schließlich zu Säugetieren. Im Lauf der Jahrmillionen werden ihre Gehirne immer größer und leistungsfähiger, die Sinnesorgane feinfühliger, die Körper ausgeklügelter. Gerade bei Säugetieren kommt schließlich hinzu, dass sie nicht nur auf starre Verhaltensprogramme setzen, sondern immer mehr aus Erfahrungen lernen und flexibler auf neue Umweltanforderungen reagieren können. Und irgendwann entwickelt sich Bewusstsein – eine noch immer rätselhafte Eigenheit des Gehirns, die ein Lebewesen unter anderem befähigt, sich auf neue, wichtige Inhalte zu fokussieren, komplexe Informationen zu verarbeiten, Handlungen zu planen und vielschichtige Probleme zu lösen.

Das Foto zeigt einen männlichen Löwen, der auf den Rücken eines mächtigen, dunkelbrauen Büffels gesprungen ist, sich dort mit allen vier Pfoten festkrallt und versucht, seinem Opfer in die Schulter zu beißen. Links davon rennt ein weiterer Büffel in höchstem Tempo davon. Die Jagdszens spielt sich in der afrikanischen Savanne ab.
Die Jagd eines Raubtieres – hier ein männlicher Löwe, der einen Büffel attackiert – verlangt von seinem Gehirn enorme Leistungen: Es muss eine Jagdstrategie haben, riesige Mengen an Sinnesinformationen in Sekundenbruchteilen verarbeiten, alle Muskeln hochpräzise steuern und gleichzeitig das Risiko von Verletzungen einschätzen. Das vermag bislang kein von Menschen konstruierter Roboter

Wie das Leben in den Bäumen das Gehirn unserer Affen-Vorfahren förderte

Vor rund 65 Millionen Jahren, als die Saurier aussterben, beginnt eine Blütezeit der Säugetiere. Unter ihnen ist eine Gruppe, die beste Voraussetzungen für die weitere Entwicklung des Gehirns und letztlich zum Menschen hat. Es sind die Affen. Sie sind auf ein Leben in der dreidimensionalen Welt der Bäume spezialisiert, haben deshalb einen verfeinerten Gleichgewichtssinn sowie ein hervorragendes räumliches Sehen entwickelt und können Entfernungen bestens abschätzen. Zudem leben sie in komplexen sozialen Gruppen, in denen es nötig ist, die anderen Mitglieder gut zu kennen und zu erahnen, wie sie sich verhalten werden. So entwickeln sich schließlich auch ein Ich-Bewusstsein und die Fähigkeit, sich in andere hineinversetzen zu können.

All das sind perfekte Voraussetzungen, damit aus der Gruppe der Menschenaffen schließlich die Menschen und letztlich der Homo sapiens, unsere eigene Art, hervorgehen können. Dabei nimmt das Gehirn nochmals enorm an Größe zu und die Fähigkeiten zu sprechen, logisch zu denken und sich eine Zukunft vorzustellen kommen hinzu. Dabei darf man eines nicht vergessen: Aus evolutionsbiologischer Sicht hat sich all das, was das Gehirn des Menschen leistet und auszeichnet, nur zu einem einzigen Zweck entwickelt: Um das Überleben des menschlichen Körpers zu sichern. Und dadurch unterscheiden sich die geistigen Fähigkeiten des Homo sapiens ganz erheblich von der maschinellen Intelligenz.

Die Intelligenz von Menschen ist extrem anpassungsfähig

„Roboter treffen keine eigenen Entscheidungen – das tun nur wir Menschen“, sagt die US-Forscherin Kate Darling in einem Spiegel-Interview vom 8. Mai 2021. Die Maschinen seien keine unterentwickelte Version von uns selbst, denen nur noch etwas Rechenleistung fehle, um schlauer zu werden als wir. Vielmehr hätten sie eine ganz andere Art von Intelligenz. Die menschliche Intelligenz sei unglaublich generalisierbar und anpassungsfähig, so Darling. Sie sei in der Lage zwischen Kontexten zu wechseln und unerwartete Situationen mit einer Leichtigkeit zu bewältigen, die für Maschinen derzeit unvorstellbar ist.

Zu sehen ist die künstlerische Fotografie eines menschlichen Auges mit einer strahlendblauen Iris und kleiner, schwarzer Pupille. Der Hintergrund ist weiß, Liedfalte, Wimpern und die Umrandung des Auges sind grau bis schwarz. Das isolierte, ästhetisch wirkende Auge scheint vor dem hellen Hintergrund regelrecht zu schweben.
Auch wenn das menschliche Auge oft mit einer Kamera verglichen wird, es ist viel komplexer: Rund 130 Millionen Sehzellen registrieren Lichtstrahlen, filtern und sortieren die Signale noch in der Netzhaut, erkennen etwa Bewegungen und Kontraste, schicken dann gigantische Datenmengen über den Sehnerv ans Sehzentrum im Gehirn, wo Milliarden von Nervenzellen aus den Informationen ein Bild der Welt erschaffen

Um die Intelligenzen von Menschen und Maschinen vergleichen zu können, wäre es hilfreich, wenn es eine allgemeingültige Definition von „Intelligenz“ geben würde. Doch die ist weit und breit nicht in Sicht. Der Bremer Hirnforscher Gerhard Roth etwa beschreibt in seinem Buch „Wie einzigartig ist der Mensch?“ die generelle Intelligenz als „kognitive Fähigkeiten, die universell eingesetzt werden können, um komplexe und neuartige Probleme zu lösen, seien diese ökologischer oder sozialer Art.“

Was ist überhaupt Intelligenz?

Auf der Website „dasgehirn.info“ heißt es: „Intelligenz ist die Fähigkeit zum logischen Denken. Intelligente Menschen sind in der Lage, für sie neue Probleme effektiv und rasch zu lösen und die Lösungsprinzipien und gewonnenen Erkenntnisse auf andere, neue Aufgaben zu übertragen“. Künstliche Intelligenz beschreibt Wikipedia als „Versuch, bestimmte Entscheidungsstrukturen des Menschen nachzubilden, indem zum Beispiel ein Computer so gebaut und programmiert wird, dass er relativ eigenständig Probleme bearbeiten kann“. Die meisten Definitionen laufen darauf hinaus, dass es bei der Intelligenz im Prinzip darum geht, Probleme zu lösen.

Eine solche Aufgabe kann darin bestehen, Spiele wie Schach oder Go zu gewinnen. Hier übertreffen die Algorithmen mit ihrer ungeheuren Rechenkapazität inzwischen die intelligentesten Menschen. Doch auf anderen Gebieten, etwa dem autonomen Fahren, tut sich die KI noch immer schwer. Selbst wenig begabte Menschen haben kein Problem, mit dem Auto durch eine viel befahrene Straße zu fahren, in der womöglich eine unübersichtliche Baustelle liegt und Fußgänger kreuzen – und das bei den unterschiedlichsten Licht- und Wetterverhältnissen. Wann Software-basierte Systeme Entsprechendes leisten können, ist noch nicht absehbar.

Vor grünem Hintergrund mit weißen Linien darauf – ein künstliches Fußballfeld – stehen aufrecht zwei Roboterfiguren aus hellgrauem, glänzenden Plastikmaterial, die in Bewegung zu sein scheinen. Ihre Gelenke sind schwarz, die Köpfe nur menschenähnlich mit rot leuchtenden Augen und großen, runden Höröffnungen an den des Kopfes.
Bis zum Jahr 2050 sollen Fußballroboter – hier das Nao-Team der HTWK Leipzig – so weit sein, dass sie mit menschlichen Fußballern konkurrieren können. Noch sind sie um Größenordnungen davon entfernt – zu komplex sind die Steuerung des Körpers, das Verfolgen des Balls und das Zusammenwirken der Mitspieler

Und was ist mit den kreativen Leistungen der KI, etwa beim Verfassen von Texten? Auch wenn die Resultate beeindruckend sind, beruht die Software GPT-3 letztlich auf statistischen Methoden, die die Wahrscheinlichkeit berechnen, dass Worte aufeinander folgen. Doch ob die Algorithmen wirklich die Bedeutungen von Wörtern, kennen, ob ihnen Begriffe wie „Tisch“, „Auto“ oder „Vogel“ unabhängig von einer bestimmten Textumgebung wirklich klar sind, darf bezweifelt werden. Beim Menschen kommt normalerweise viel mehr hinzu. Denken wir an ein Auto, kann uns etwa das Geräusch quietschender Reifen, dass Knattern des Auspuffs, der Geruch der Bezüge, die Erinnerung an eine Fahrt, bei der einem vielleicht als Kind übel geworden ist, in den Sinn kommen.

Das Prinzip von Ursache und Wirkung

„Bisher stützen sich KI-Systeme auf gelernte statistische Regelmäßigkeiten, ohne diese auf einer Metaebene zu erfassen und so zugänglich zu machen, dass wir sie begreifen könnten“, schreiben die Autoren Albert Newen, Constantin Rothkopf, Nele Russwinkel und Martin Butz in einem Beitrag auf „Spektrum.de“. Den Systemen fehle noch das Verständnis für relevante kausale Beziehungen, für die Zusammenhänge zwischen Ursache und Wirkung. Menschen dagegen seien Ursache-Wirkungs-Mechanismen klar und sie nutzen sie, um Folgen vorherzusagen oder Handlungen zu planen. Sie kombinieren verschiedene Lernstrategien und sind daher wesentlich flexibler als Maschinen.

Zudem werden Menschen von ihrem Körper, von Empfindungen, Empathie und Gefühlen beeinflusst. Wer verliebt ist, Schmerzen oder Angst hat, fröhlich, traurig oder wütend ist, entscheidet nicht mit rein rationaler Abwägung und nicht nach so klaren Regeln wie Computerprogramme es tun. Und noch ein fundamentaler Unterschied: Wir Menschen haben einen eigenen Willen, der uns hilft Ziele zu setzen und zu entscheiden, was wir tun. All das fehlt heutigen KI-Systemen. Sie sind „Fachidioten für Spezialaufgaben oder verknüpfte Module für komplexe Aufgaben“, schreiben Newen, Rothkopf, Russwinkel und Butz.

Vermag eine Software absichtsvoll zu agieren?

Absichtsvolles, zielgerichtetes Handeln (Intentionalität) sei ein originär menschliches Vermögen, glaubt auch die Philosophin und KI-Forscherin Dorothea Winter. Sie hat Zweifel daran, dass sich eine solche Intentionalität jemals bei Maschinen entwickeln kann, resümiert sie in ihrem Beitrag „Warum KI nichts wollen kann“ in der Ausgabe Nr. 4/2022 von „Gehirn & Geist“. Die Weltherrschaft der KI sei nicht zu befürchten, sondern bleibe ein Albtraum á la Hollywood.

Auf dieser grafischen Illustration ist vor grauem Hintergrund der Oberkörper eines menschlich wirkenden Roboters zu sehen. Kopf, Arme und Brust bestehen hauptsächlich aus einem hellgrauen glänzenden Kunststoffmaterial. Die rechte Hand hält die Figur nachdenklich ans Kinn, der Blick ist nach rechts unten gerichtet.
Ob Roboter und künstliche Intelligenzen jemals in der Lage sein werden, so zu denken wie ein Mensch und ein Bewusstsein zu entwickeln, ist eine noch offene Frage

Solange also keine Ingenieure einem KI-System einen eigenen Willen, eine Intentionalität oder ein Machtstreben einimpfen – wie immer das auch zu machen wäre –, ist nicht zu erwarten, dass die Algorithmen den Menschen ins Abseits stellen oder gar abschaffen. Wohin könnte die Entwicklung davon abgesehen verlaufen?

Die Verschmelzung von Mensch und Maschine

Vorerst dürfte die KI unser Leben vor allem erleichtern, indem sie etwa Übersetzungen oder andere Dienstleistungen erledigt, autonome Fahrzeuge steuert, Wissen zur Verfügung stellt oder unsere geistigen Fähigkeiten erweitert. Die „Transhumanisten“ haben sogar die Vision, dass Mensch und Maschine verschmelzen könnten – etwa indem Menschen Chips eingepflanzt werden, die ihre Sinne erweitern, unmittelbaren Zugang zu weltweiten Informationen ermöglichen oder die im Gehirn Funktionsstörungen wie die Parkinson-Krankheit beheben.

Doch es gibt auch Gefahren: Der Textgenerator „GPT-3“ etwa übernimmt aus den analysierten Texten Vorurteile – etwa gegen Muslime oder gegen Frauen, die dadurch bei Bewerbungen benachteiligt werden. KI kann dazu führen, dass Menschen bei der Jobsuche oder Kreditvergabe wegen ethnischer Zugehörigkeit, Geschlecht oder Alter außen vor bleiben, Gesichtserkennungs-Software kann sich auf die Demonstrationsfreiheit auswirken, autonome bewaffnete Drohnen könnten schon bald auf Menschen feuern.

Es sei wichtig, die Stärken und Grenzen von Robotik und KI zu begreifen und der Versuchung zu widerstehen, diese Technologie überall einzusetzen, sagte Kate Darling dem Spiegel. Zu solchen kritischen Anwendungen gehören zum Beispiel automatische Waffensysteme, die Gesichtserkennung, Einstellungsgespräche oder das Strafrechtssystem.

Umgekehrt beschert der Einsatz künstlicher Intelligenz unserer Gesellschaft aber auch rosige Aussichten. In einer Einschätzung des Europäischen Parlaments zu den Chancen und Risiken der Künstlichen Intelligenz heißt es: Bis zum Jahr 2035 wird ein Anstieg der Arbeitsproduktivität durch die KI zwischen 11 und 37 Prozent erwartet.

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Henning Engeln

Henning Engeln

Henning Engeln ist Journalist und Buchautor, unter anderem arbeitet er für GEO.


Der lange Weg zum Menschen

Wir Menschen wollen wissen, wer wir sind und woher wir kommen. Wer waren unsere Ahnen? Wie wurden wir zum Beherrscher der Erde? Weshalb können wir zugleich egoistisch und hilfsbereit sein? Das und mehr erfahren Sie bei „Der lange Weg zum Menschen“ (mehr Details zum Projekt und seinen Macher gibt es hier).

Mein Name ist Henning Engeln, ich bin promovierter Biologe, freiberuflicher Wissenschaftsjournalist und Buchautor aus Hamburg. Ich war viele Jahre Redakteur bei GEO und GEOkompakt. Meine Themenschwerpunkte sind Evolution und Hirnforschung, der Mensch und das Universum.

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