Impfungen retten jedes Jahr Millionen Leben

Die Covid-19-Pandemie hat andere Impfkampagnen ausgebremst, die Kontroversen um Corona-Impfstoffe haben dem Image der Impfung geschadet. Dabei ist das Impfen die wohl größte medizinische Errungenschaft, wie historische und aktuelle Zahlen belegen.

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Auf dem Bild ist ein kleines Mädchen mit brauchen Haaren und einer bunten Umhängetasche zu sehen, die gerade ein Pflaster auf den Oberarm bekommt, weil sie bei der Ärztin eine Impfung erhalten hat.

Ende April schickten UNICEF und die WHO eine Warnmeldung in die Welt, von der nur wenige so wirklich Notiz nahmen. In den ersten zwei Monaten 2022 waren fast doppelt so viele Menschen an den extrem ansteckenden Masern erkrankt (17.338), wie noch im Januar und Februar des Vorjahres (9665). „Die Masern sind so etwas wie der Kanarienvogel in der Kohlenmine, der uns zeigt, wo die Schwächen der Immunisierungskampagnen liegen“, sagte Christopher Gregory, Impfexperte bei UNICEF gegenüber der französischen Nachrichtenagentur AFP.

Mehr als 23 Millionen Kinder weltweit erhielten im Jahr 2020 nicht die Routine-Impfungen, die sie eigentlich hätten bekommen müssen. Das war die höchste Zahl seit 2009. Neben vielen anderen Gründen, zum Beispiel kriegerischen Auseinandersetzungen, lag das auch an der Corona-Pandemie. Viele Familien erschienen nicht beim Arzt oder bei der Impfstation, weil sie befürchteten, sich dort mit dem Coronavirus anzustecken. Außerdem kam es wegen der Fokussierung auf Covid-19 dort, wo das Gesundheitssystem ohnehin nur über knappe Ressourcen verfügt, zu Engpässen. 57 Impfkampagnen in 43 Ländern stockten.

Dieser Rückstand ist bis heute nicht aufgeholt, wie die steigende Zahl der Masernfälle zeigt. In Somalia, dem Jemen, Nigeria, Afghanistan und Äthiopien gab es die größten Ausbrüche. Die notwendigen Impfkampagnen müssten rasch wieder in Gang gebracht werden, fordert Tedros Ghebreyesus, der Generaldirektor der WHO.

Historische Zahlen zeigen die hohe Wirksamkeit von Impfungen

Wie vielen Menschen die verfügbaren Impfstoffe das Leben retten, ist vielen – gerade im Globalen Norden – nicht mehr bewusst. Doch historische Zahlen, etwa die der US-amerikanischen „Vaccine-Preventable Disease Table Working Group“, sprechen eine deutliche Sprache: Impfungen retten Leben. Vor Einführung der Masern-Impfung in den USA erkrankten in jedem Jahr mehr als eine halbe Million Kinder, 440 starben daran. Anfang der 2000er Jahre galten die Masern in den USA als ausgerottet, die Statistik verzeichnet keine Todesfälle. Die wachsende Impfskepsis in einigen US-Staaten ließ die Zahlen in den letzten Jahren jedoch wieder ansteigen. Um Impflücken zu schließen, gibt es in Deutschland seit dem 1. März 2020 das Masernschutzgesetz. Alle Kinder müssen bei Eintritt in Kindergarten oder Schule gegen die Masern geimpft sein.

Auf der Grafik sieht man, wie stark die Impfungen gegen Masern und Röteln die Anzahl der Menschen verringert hat, die überhaupt noch daran erkranken.
Seitdem Impfstoffe gegen die Masern und Röteln verfügbar sind, sind die Erkrankungszahlen drastisch gesunken.
Das Bild zeigt eine grafische Darstellung, wie viel weniger Menschen in den USA seit Einführung der Impfungen gegen Masern und Röteln an diesen Infektionen starben.
Rückgang der Todesfälle durch Infektionskrankheiten dank Impfungen

Blick in den Globalen Süden

37 Millionen Todesfälle haben Impfungen gegen zehn verbreitete Krankheitserreger (darunter Gelbfieber, Hepatitis B, Röteln, Influenza, Masern) laut Berechnungen des „Vaccine Impact Modelling Consortium“ in den Jahren 2000 bis 2019 verhindert – und zwar allein in 98 Ländern mit niedrigem beziehungsweise mittlerem Einkommen. Prognostisch sollen es bis 2030 sogar insgesamt 69 Millionen verhinderte Todesfälle sein. Um diese Zahl tatsächlich zu erreichen, müssten die wegen der Pandemie angehaltenen Kampagnen aber schnell wieder aufholen. Die Verringerung der Sterblichkeit betrifft hauptsächlich Kinder unter fünf Jahren, in den meisten Fällen verursacht durch die Masern.

Die Grafik zeigt ein Balkendiagramm. Eingetragen sind die durch Impfungen verhinderten Todesfälle dank Impfungen im Zeitraum 2000 bis 2030.
69 Millionen weniger Tote dank Impfungen

Impfskepsis breitet sich aus, Impfbereitschaft auch

Die Corona-Pandemie und die Diskussionen um die Impfung gegen Covid-19 beeinflussen die Impfbereitschaft der Menschen ganz allgemein. „Viele Amerikaner, die niemals zuvor eine potenziell lebensrettende Impfung abgelehnt haben, tun dies jetzt“, sagt Richard Leuchter von der University of California in Los Angeles. Wie der Mediziner und seine KollegInnen im Fachblatt „New England Journal of Medicine“ schreiben, sank die Anzahl der Menschen, die sich gegen die Grippe impfen ließen in der Grippe-Saison 2021/2022 in einigen US-Bundesstaaten um knapp fünf Prozent.

Die Einstellung zur Covid-19-Impfung sei offenbar auf andere Bereiche des Gesundheitsverhaltens übergeschwappt. Faktoren, die eine niedrige Covid-19-Impfbereitschaft verursachten, wie Misstrauen in die Impfstoffe und die Regierung sowie Sorgen wegen möglicher Nebenwirkungen, bewirken auch ein Absinken der Grippe-Impfquote. Menschen, die die Covid-19-Impfung ablehnen, meinen, sie müssten ebenso gegen andere Impfungen sein, vermutet Richard Leuchter.

Doch der Einfluss wirkt sich in beide Richtungen aus. Die Bereitschaft zur Covid-19-Impfung schwankt in den USA von 50 Prozent (Alabama) bis 81 Prozent (Rhode Island). Die Skepsis breitet sich offenbar dort mehr aus, wo sie ohnehin schon vertreten ist. Leuchter und seine MitstreiterInnen beobachteten den negativen Effekt auf die Grippe-Impfung nur in den Bundesstaaten, in denen sich wenige gegen Corona impfen lassen wollten. Dort, wo die Menschen der Corona-Impfung positiv gegenüberstehen, verzeichneten die Forschenden sogar einen Zuwachs der Grippe-Impfquote um vier Prozent.

Über 14 Millionen Tote weniger dank Corona-Impfung

Die vielfach geschmähte Corona-Impfung hat sehr vielen Menschen das Leben gerettet. Nach den Zahlen britischer Forschender verhinderten die Covid-19-Impfungen in der Zeit von Dezember 2020 bis Dezember 2021 in 185 Ländern rund 14,4 Millionen Todesfälle. In Ländern mit niedrigem Einkommen hätte man zusätzliche 45 Prozent der Todesfälle abwenden können, wenn das 20-Prozent-Impf-Ziel von COVAX, der Initiative für weltweit gleichmäßigen Zugang zu Covid-19-Impfstoffen, erreicht worden wäre. Impfstoffe müssten weltweit gerechter verteilt werden, fordern Oliver Watson und seine KollegInnen vom Imperial Collage in London. Die krasse Ungleichheit schadet den Menschen unmittelbar. Sie beeinflusst aber auch den Verlauf der Pandemie insgesamt ungünstig. Dort, wo es wenig Immunschutz gibt, dafür aber ein reges Infektionsgeschehen, entstehen neue Virusvarianten. Ausgangspunkt für Infektionswellen, die sich über den gesamten Globus ausbreiten.

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