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Missglückte Corona-Kommunikation: Rettet die Details!

Warum ein Tweet der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ zur Delta-Variante und der Wirksamkeit von Impfungen ärgerlich ist. Ein Kommentar.

von
25.06.2021
6 Minuten
Das Bild zeigt eine elektronenmikroskopische Aufnahme des Sars-CoV-2, die Viren sind rot angefärbt

Per Mail machte mich Twitter vor ein paar Tagen auf ein „Highlight“ aufmerksam. (Ich habe die Benachrichtigungsfunktion noch nicht abgestellt, sollte es aber wirklich einmal tun.) Die Virologinnen Melanie Brinkmann und Sandra Ciesek, denen ich bei Twitter folge, hatten eine Nachricht der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ retweetet. Die Botschaft: „Fast die Hälfte einmal geimpft: Delta-Variante in Frankfurter Grundschule“. Darin wurde auf einen Artikel verwiesen, der in der Rhein-Main-Beilage der FAZ erschienen war. Das Datum der letzten Aktualisierung dieses Artikels: der 18. Juni.

„Fast die Hälfte einmal geimpft: (DOPPELPUNKT!) Delta-Variante in Frankfurter Grundschule.“ Jetzt mal ehrlich, wie verstehen Sie diesen Tweet? Bin ich als Journalistin irgendwie Corona-News-geschädigt, wenn ich gelesen habe: Fast die Hälfte derer, die sich an einer Frankfurter Grundschule mit der Delta-Variante angesteckt haben, sind einmal geimpft? Geht doch gar nicht, sagen Sie jetzt vielleicht. Wenn überhaupt, dürfen doch hierzulande höchstens Kinder ab 12 gegen Covid-19 geimpft werden. Ja gut, aber an einer Grundschule gibt es ja auch noch LehrerInnen, anderes Personal, Eltern .. . Tatsächlich löste diese Meldung bei mir im ersten Moment Erschrecken aus: Was? Die Leute sind geimpft (zwar nur einmal) und steckten sich dennoch mit der Delta-Variante an? Ich klickte auf den Link, las den Artikel und wurde ärgerlich.

Zum einen: Im tatsächlichen Zeitungsartikel fehlt der missverständliche Doppelpunkt. Über dem Titel „Delta-Variante in Frankfurter Grundschule“ steht als Dachzeile „Fast die Hälfte einmal geimpft“, ohne Doppelpunkt. Auch die Unterzeile, der Teaser lassen ahnen, dass es so dramatisch nicht ist. „Weniger als halb so viele neue Corona-Fälle wie vor einer Woche meldet das RKI für Hessen. Die Inzidenz ist nun fast so tief wie im Bund. Sozialminister Klose mahnt aber wegen Delta-Variante“.

Der Artikel behandelt verschiedene News zu Corona. Eine davon ist der Corona-Ausbruch in der Grundschule Frankfurt-Fechenheim. Natürlich hatten sich dort nicht die (zur Hälfte geimpften) HausmeisterInnen, LehrerInnen und Eltern angesteckt. Sondern 22 SchülerInnen und MitarbeiterInnen, mindestens sieben davon mit der Delta-Variante. Wie viele davon einmal, zweimal oder überhaupt nicht geimpft sind, wird nicht berichtet. Stattdessen lesen wir den Satz: „Berichten zufolge hat die Delta-Variante auch bei Durchgeimpften schon die Lungenerkrankung ausgelöst, (die) zwei vorbeugende Spritzen eigentlich verhindern sollen.“ Der hessische Gesundheitsminister wird mahnend zitiert, weiter die Hygieneregeln einzuhalten. Die positive Entwicklung der letzten Wochen dürfe nicht aufs Spiel gesetzt werden. Und erst jetzt kommt der Satz, der meine ursprüngliche Verwirrung auslöste: „Laut RKI ist fast die Hälfte der Hessen nun einmal gegen Covid-19 geimpft.“

Auch dieser Satz wirft Fragen auf: „Berichten zufolge hat die Delta-Variante auch bei Durchgeimpften schon die Lungenerkrankung ausgelöst … .“ Was sind das für Berichte und wie häufig kommt es tatsächlich vor, dass sich Menschen mit der Delta-Variante anstecken, obwohl sie schon geimpft sind? Für mein Empfinden ist es wichtig, konkrete Zahlen zu kennen, um abschätzen zu können, wie riskant die Lage tatsächlich ist, was die Impfungen bringen, ob ich mich sorgen muss. Gleiches gilt für die Meldungen, wie sie aktuell ständig zu hören sind: „Delta-Variante breitet sich in England trotz hoher Impfquote aus“ – Ja, was heißt das denn genau? Bei wem breiten sich die Viren aus, bei den Ungeimpften oder bei den Geimpften? Wie stark breitet sie sich aus?

Wie ist die Faktenlage dazu tatsächlich? Wie hoch ist die Rate an „Impfdurchbrüchen“? Ich finde einen Bericht im „The Guardian“ vom 11. Juni, der Zahlen zusammenfasst, die zuvor die Gesundheitsbehörde „Public Health England“ (PHE) veröffentlicht hat. Danach gab es in England in der Zeit von Februar 2021 bis zum 7. Juni 33.206 Infektionsfälle mit der Delta-Variante des Coronavirus. 19.573 der Infizierten waren nicht geimpft, 7.559 waren einmal, 1.785 zweimal geimpft. Bei den restlichen Infizierten war der Impfstatus unbekannt. In dieser Zeit besuchten 383 Menschen mit einer Delta-Infektion die Notaufnahme eines Hospitals, 251 davon nicht geimpft, 86 mit einer, 42 mit zwei Dosen Impfstoff.

In einer aktuellen Pressemitteilung bescheinigt die PHE den verfügbaren Impfstoffen eine hohe Wirksamkeit gegen schwere Verläufe von Covid-19 auch durch die Delta-Variante. Nach zwei Dosen liege die Wirksamkeit angegeben als Schutz vor einer Krankenhauseinweisung für Biontech bei 96%, für AstraZeneca bei 92%. Sie sei damit vergleichbar mit der Wirksamkeit gegen schwere Verläufe durch die Alpha-Variante. Auch eine Impfung kann einen schweren Verlauf durch das Delta-Virus stoppen. Allerdings etwas weniger effektiv als gegen die Alpha-Variante (17% weniger).

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Wir erinnern uns dunkel. Bei der hier genannten Wirksamkeit handelt es sich nicht um eine absolute, sondern um eine relative Verringerung des Risikos, zu erkranken. Meine Kollegin Iris Hinneburg hat das im RiffReporter-Magazin „Plan G – Gesundheit verstehen“ sehr gut erklärt. Sie beschreibt, was es mit der 95%igen Wirksamkeit des Biontech-Pfizer-Impfstoffes laut der Zulassungsstudie an 40.000 Menschen (die Hälfte wurde geimpft, die andere nicht) auf sich hat.

„Für die Zulassung wurden alle Fälle gezählt, die innerhalb von rund zwei Monaten nach der zweiten Spritze auftraten. Umgerechnet waren das in der Impfgruppe 5 von 10.000 Personen, in der Placebo-Gruppe 93 von 10.000 Personen. Die berechnete Wirksamkeit gibt an, um wie viel die Impfung das Risiko senkt, an Covid-19 zu erkranken. Das sind hier besagte 95 Prozent.“

Auf dem Kongress für Infektionskrankheiten und Tropenmedizin, der vom 16. bis 19. Juni online stattfand, berichtete Christian Drosten (Charité) über aktuelle Zahlen zur Delta-Variante. Seiner Ansicht nach sei dieses Virus wohl keine so genannte Immunescape-Variante, der es gelingt, den Abwehrreaktionen des Körpers zu entkommen. Daher wirkten die gängigen Impfstoffe auch gegen diese Variante. Das Virus sei allerdings „fitter“ als vorherige Varianten und deswegen ansteckender. Die Infektionen fänden aktuell hauptsächlich in der Impflücke statt, also bei den Menschen, die eben (noch) nicht (vollständig) geimpft sind. Das zeige sich auch in der SIREN-Studie an Mitarbeitern im Gesundheitswesen, die nahezu komplett durchgeimpft sind: in dieser Gruppe sei es bisher nicht zu einem Anstieg der Infektionen mit der Delta-Variante gekommen, so Christian Drosten auf dem Kongress.

Für einige deutsche Medien ist all das offenbar nicht so wichtig. Blickt man auf die hier zitierten Beispiele, scheinen Details irrelevant zu sein. Sie scheinen sogar zu stören. Tut mir leid, aber ich finde, gerade auf die Details kommt es an. Es kann natürlich ein Versehen sein, dass der Doppelpunkt in den Tweet gerutscht ist. Aber ehrlich gesagt, ich glaube es eher nicht. In Zeiten des Online-Journalismus wird die gut formulierte Social-Media-Botschaft manchmal wichtiger, als der Artikel, auf den sie verweist. Auf den Tweet, auf den Post wird in der Regel viel Zeit und Gehirnsschmalz verwendet. Schließlich zählen ja die Klicks.

Das Signal, das Tweets der Sorte „Fast die Hälfte einmal geimpft: Delta-Variante in Frankfurter Grundschule“ senden, ist jedoch fatal. Was wir jetzt brauchen, um die Pandemie endgültig in die Knie zu zwingen, sind Impfungen. Wenn dann aber die völlig falsche Botschaft transportiert wird – Impfungen bringen eh nichts -, steigert das die Impfskepsis und im schlimmsten Fall entschließen sich mehr Menschen, gar nicht erst zum Impftermin zu erscheinen. Dabei ist das Gegenteil der Fall. Eine Impfung bringt sehr viel. Sie schützt die allermeisten vor einer potenziell schweren Erkrankung.

Dass nicht immer alle davon profitieren, dass es Impfdurchbrüche gibt, weiß man auch von anderen Schutzimpfungen gegen Viruserkrankungen. Beispiel FSME. In einer aktuellen Untersuchung waren 53 von 1004, die an dieser Virusinfektion erkrankten, geimpft. Die Ursachen eines Impfversagens kann mehrer Gründe haben. Das RKI schreibt zum Thema:

Impfversagen

(engl.: vaccine failure)

Impfdurchbruch, Erkrankung trotz Schutzimpfung; ein Impferfolg kann aus verschiedenen Gründen ausbleiben:

–Die individuelle Disposition des Geimpften

(temporäre oder permanente Faktoren) kann eine Immunantwort vollständig verhindern oder nur eingeschränkt ermöglichen.

– Selten können Fehler in der Behandlung oder Anwendung des Impfstoffs, sehr selten auch bei der Herstellung oder der Lagerung des Impfstoffs eine Ursache sein.

Eine Erkrankung nach Impfung einer bereits infizierten Personen ( Inkubationsimpfung) ist kein echter Impfdurchbruch.

Primäres Impfversagen: Ein Impferfolg bleibt (aus verschiedenen Gründen) von vornherein aus. Sekundäres Impfversagen: Ein ursprünglich erreichter Impfschutz nimmt im zeitlichen Verlauf schneller ab, als zu erwarten wäre.

Hinzu kommt: Wegen der mit einer Pandemie verbundenen insgesamt hohen Ansteckungszahlen, reichen auch relativ niedrige Risiken für bedrohlich klingende absolute Daten aus. Die englische Gesundheitsbehörde PHE machte beispielsweise Angaben zum Thema „Reinfektionen“, also zu erneuten Infektionen bei Menschen, die bereits eine Infektion mit Sars-CoV-2 hinter sich haben. Bis zum 30. Mai seien 15.893 solcher möglichen Reinfektionen registriert worden. Das klingt zunächst erst einmal viel. Diese Zahl bezieht sich aber auf bisher fast vier Millionen Menschen, die eine Infektion durchgemacht haben. Die Quote, sich erneut anzustecken, liegt danach bei gerade 0,4%. Nur vier von von tausend bereits einmal Infizierten stecken sich noch einmal an.

Damit hier keine Zweifel aufkommen: Ich möchte die Risiken nicht klein reden. Ich möchte aber auch nichts überdramatisieren. Was meiner Meinung jedoch nicht sein darf, ist, für einen guten Tweet oder einfach aus Bequemlichkeit darauf zu verzichten, Details zu recherchieren. Die Situation, in der wir uns aktuell befinden, ist immer noch ernst. Wir wissen nicht, was in den nächsten Monaten auf uns zu kommt und müssen alles dafür tun, die Infektionszahlen herunterzubringen und dort auch zu halten. Wir müssen aufpassen und vorsichtig bleiben. Auch bei der Wahl der Worte und der Satzzeichen.

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Ulrike Gebhardt

Ulrike Gebhardt

Ulrike Gebhardt ist Biologin, freie Journalistin und Buchautorin. Sie arbeitet unter anderem für die „Neue Zürcher Zeitung“ und „spektrum.de“. Anfang 2019 erschien ihr Buch „Gesundheit zwischen Fasten und Fülle“.


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