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Die Verlierer des Corona-Abrüstens: Wer schützt die Kinder?

Mit dem Erfolg der Impfkampagne mehren sich die Forderungen nach dem Ende der Corona-Schutzmaßnahmen. An eine Bevölkerungsgruppe wird dabei zuletzt gedacht. Ein Kommentar

von
07.07.2021
5 Minuten
Ein kleines Mädchen sitzt mit Maske an einem Schreibtisch und macht Aufgaben in einem Schulheft.

Die Masken sollen endlich fallen: Fast sieben Monate läuft nun die Impfkampagne in Deutschland, 56 Prozent der Menschen sind einmal geimpft, knapp 40 Prozent vollständig. Und wie zu erwarten, mehren sich nun die Forderungen, die ungeliebten Corona-Schutzmaßnahmen nun langsam mal zu beenden.

Der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, forderte etwa vor wenigen Tagen das Ende der Corona-Beschränkungen für doppelt Geimpfte. Der Bild-Zeitung sagt er: „Spätestens September wird für jeden Impf-Willigen ein Impfangebot verfügbar sein, dann müssen eigentlich nahezu alle Corona-Maßnahmen weg.“ Auch die Maskenpflicht solle dann enden. Nur so sei es möglich, die Impfmoral zu erhalten. Und Außenminister Heiko Maas von der SPD sagte der Süddeutschen Zeitung, da Ende August alle Menschen in Deutschland ein Impfangebot bekommen hätten, gebe es „rechtlich und politisch keine Rechtfertigung mehr für irgendeine Einschränkung“.

Komisch, denke ich. Denn bei mir wohnt ein Vertreter einer Spezies, die den Herren Maas und Gassen offensichtlich nicht bekannt ist: ungeimpft und ohne zeitnahe Aussicht auf ein Impfangebot: ein kleines Kind.

Ist mein Kind kein Mensch in den Augen der Politik? Sind seine Rechte politisch womöglich nicht bekannt? Oder liegt die Verachtung der Interessen der Kinder und Jugendlichen einfach daran, dass sie im September nicht wählen werden?

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Die Aussagen von Gassen und Maas zeigen einmal mehr bezeichnend, wie wenig sich die Politik angesichts der Corona-Pandemie um die Interessen der jüngsten Mitglieder unserer Gesellschaft kümmert. Es ist, wie so oft in dieser Pandemie: In den Überlegungen zu Schutzkonzepten, Fördergeldern oder eben Öffnungsstrategien spielen Kinder nicht nur keine Rolle, sie sind schlichtweg offensichtlich für so manche Entscheiderïnnen nicht existent.

Die Masken müssen aber runter, fordert etwa Andreas Gassen gegenüber der Bild-Zeitung: „Mancher wird sich sonst fragen: Warum sollte ich mich impfen lassen, vielleicht zwei Tage Kopfweh oder andere Impfnebenwirkungen in Kauf nehmen und etwas für die Herdenimmunität tun, wenn ich weiterhin Maske tragen muss, nur weil sich 20 bis 30 Prozent der Leute weigern."

Na, ich hätte da eine Antwort: Weil es die Solidarität gegenüber jenen gebietet, die eben keine Impfung erhalten können.

Keine Aussicht auf Impfstoff, keine Aussicht auf Hilfe

Fakt ist: Für Kinder unter 12 Jahren ist gar kein Impfstoff zugelassen. Kinder und Jugendliche ab 12 bis 17 Jahren wird er von der STIKO derzeit nur in Ausnahmefällen empfohlen.

Aber: Kinder sind in Deutschland eine Minderheit. Nur 13,75 Millionen Einwohnerïnnen waren laut Statistischem Bundesamt 2020 minderjährig. Das sind gerade einmal 16,5 Prozent der Bevölkerung. Zu wenig offenbar, um als Minderheit bei Öffnungsüberlegungen mitgedacht zu werden.

Und es sind 16,5 Prozent mit einer nahezu nicht vorhandenen Lobby. Ihre Eltern sind nach 17 Monaten Pandemie erschöpft, wenn nicht am Ende ihrer Kräfte. Arbeit, Kinder betreuen, Hilfs-Lehrerïnnen spielen, Freunde ersetzen, die die Kinder über Monate nicht sehen konnten, Sorgen um Infektion, kurzfristige und oft nicht planbare Betreuungsausfälle und nicht selten auch wiederkehrende Quarantäne-Verordnungen, weil wieder einmal ein Kind aus der Krippengruppe oder der Schulklasse positiv war – das war der Alltag von Familien über Monate. Und das ganze ohne das übliche soziale Netz aus Großeltern, Freunden und Verwandten, die man in den vergangenen Monaten ja zu schützen hatte.

Ab September dürfte sich genau dieses Bild wieder wiederholen, wenn nun trotz Delta-Variante die Corona-Beschränkungen aufgehoben werden, weil es angesichts der Wahlen ein paar Geschenke zu verteilen gilt. Diesmal werden die Eltern nicht die Alten zu schützen versuchen, sondern ihre Kinder.

Auch Kinder sind gefährdet

Es stimmt, dass Kinder im Regelfall nicht so heftig erkranken wie Ältere. Doch auch bei Kindern gibt es Risikopatientïnnen, die besonders gefährdet sind. Auch bei Kindern gibt es seltene, lebensbedrohliche Komplikationen. Und es gibt auch bei Kindern Langzeitfolgen. Für ein Schulkind, das aufgrund einer Corona-Erkrankung mehrere Monate dem Unterricht fernbleiben muss, kann schnell eine ganze Lebenswelt zusammenbrechen – weil es im Unterricht nicht mehr mitkommt, weil es womöglich eine Klasse wiederholen muss und damit auch die Klassenkameradïnnen und Freunde und damit einen zentralen Teil der eigenen Lebenswelt verliert.

Dies alles nehmen wir bei einer Öffnung ohne ausreichende Schutzkonzepte für die Jüngsten wissentlich in Kauf. Und das bei einer grassierenden Variante, die nicht nur 60 Prozent ansteckender ist als die bisherigen, sondern bei der vermutlich auch einige der Impfstoffe nicht so gut wirken. Die Konsequenz: Das Virus wird sich wie ein Lauffeuer unter den Kindern verbreiten.

Oft wird argumentiert, man wisse noch zu wenig darüber, wie Covid-19 Kinder betrifft. Das stimmt – und ist ebenfalls ein politisches Versäumnis. Denn das hätte man mit Studien ja durchaus herausfinden können. Nur gibt es solche so gut wie nicht. Auch, weil die Politik sie nicht beauftragt oder bezahlt hat. Vielleicht wird es ja Studien geben, wenn die Delta-Variante dann ab Herbst durch die Kindergärten und Schulen rauscht. Fallzahlen dürfte es dann genug geben.

Zweierlei Maß bei den Luftfilteranlagen

Denn von der Politik und der Gesellschaft, das wird immer klarer, werden Kinder und Familien keine Hilfe erwarten dürfen. Während die Uefa gerade die Finalspiele in gut gefüllten Stadien spielen lässt, ist es für viele Politikerïn, darunter auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, anscheinend schon eine selbstverständliche Gewissheit, dass sich die Schülerïnnen wieder auf Wechselunterricht, Masken und offene Fenster einstellen dürfen. Und bei der sie womöglich noch nicht einmal mehr mit regelmäßigen Tests rechnen dürfen.

Der Chef der unabhängigen Ständigen Impfkommission, Thomas Mertens, zumindest, stellt deren Sinnhaftigkeit aktuell in Frage: „Ich frage mich, wie wichtig es tatsächlich ist, jedes symptomlos infizierte Kind durch Testung zu entdecken“, sagte er vor kurzem der Schwäbischen Zeitung – wissend, dass auch symptomlos Infizierte andere anstecken können, zumal bei einer deutlich ansteckenderen Mutante.

Dazu kommt: Die lange von Eltern geforderten Luftfilteranlagen, in vielen Landesbehörden seit Herbst 2020 längst eingebaut, gibt es in den meisten Schulen nach wie vor nicht. Eine Förderzusage des Bundes, wonach 80 Prozent der Kosten für den Einbau stationärer Anlagen in den Schulen übernommen würden, kam im Juni dieses Jahres reichlich spät – muss der Kauf der Anlagen doch international ausgeschrieben werden. Und nach wie vor gibt es nicht wenige Kommunalpolitikerïnnen, die sich trotz der Zuwendungen weiterhin vor den noch verbleibenden Kosten scheuen – Lüften sei praktikabler und effektiver. Und so steuern wir auf einen Herbst und Winter zu, in dem zum zweiten Mal Grundschulkinder in Winterjacken und Mützen, in Fleecedecken gehüllt, in eisigen Klassenzimmern sitzen, weil bei einstelligen oder Minusgraden alle 20 Minuten gelüftet werden muss.

Es ist ein Armutszeugnis für dieses Land, wie egal die Bedürfnisse der Kinder der politischen Klasse sind – und das so kurz vor der Wahl, könnte man meinen. Aber gut, Eltern minderjähriger Kinder machen ja auch nur 18 Prozent der Wählerschaft aus. Ist also zu verschmerzen.

Es passt, dass es vor wenigen Wochen wieder einmal nicht gelungen ist, die Kinderrechte ins Grundgesetz aufzunehmen – obwohl der Deutsche Bundestag bereits vor knapp 30 Jahren die UN-Kinderrechtekonvention unterschrieben hat. Kinder sind der deutschen Politik offensichtlich nicht viel wert. Auch – oder womöglich erst recht – nicht in einem Wahlkampfjahr.

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Tanja Krämer

Tanja Krämer

Tanja Krämer ist freie Journalistin mit den Schwerpunkten Wissenschaft und Reportage. Sie ist zudem Mitgründerin und Vorstand von RiffReporter.


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