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Schimpfdesaster

Wer über „Staatsversagen in der Pandemie“ wettert hat den Bezug zur Realität verloren

15.03.2021
7 Minuten
Pädagogischer Mitarbeiter erhält Corona-Impfstoff von Astra Zeneca

RiffReporter arbeitet bei diesem Beitrag mit Übermedien zusammen, dem unabhängigen Magazin für Medienkritik.

Vor ein paar Monaten waren Kampfbegriffe noch Ausdruck eines maßlosen Tons gegen Politik und Staat und die Mehrheit der Gesellschaft: „Corona-Diktatur“ beispielsweise. Nur benutzt von selbst ernannten „Querdenkern“. Zuletzt jedoch griff der von ebenjenen gerne verunglimpfte Mainstream, also die etablierten Medien, selbst zu solchen verbalen Bazookas: „Impfdesaster“, „Testdesaster“ und jüngst gar „Staatsversagen“.

Staatsversagen. Größer geht es nicht.

Es ist die Übernahme dieser Rhetorik, diese Verabschiedung von Kritik um des Schimpfens willen, diese zügellosen Zuspitzungen, die selbst dann fahrlässig wären, wenn sie einen größeren Realitätsgehalt hätten.

Gerade beendet eine bislang beispiellose staatlich organisierte Impfkampagne die größte Katastrophe innerhalb der Pandemie in Deutschland: Das Massensterben in den Alten- und Pflegeheimen. Über 29.000 Menschen tötete Sars-CoV-2 dort. Schon Ende Februar hatten 85 Prozent der Heimbewohner die Erst- und 60 Prozent die Zweitimpfung erhalten. Die Infektionszahlen unter ihnen sind stark gesunken. Ein Meilenstein im Weg aus der Pandemie! Man könnte sagen, das knappe Gut Impfstoff ist sehr effektiv eingesetzt worden.

Wer gegen eine Pandemie kämpft, macht Fehler

Im Sommer werden wahrscheinlich auch die Urheber von Begriffen wie „Impfdesaster“ in den Genuss einer Impfdosis kommen, deren Beschaffung und Verteilung, sowie teilweise auch Entwicklung von einem Staat finanziert wurden, dem sie in schriller Twitter-Tonlage ein Rundumversagen bescheinigen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) spricht mit Jens Spahn (CDU), Bundesgesundheitsminister, im Plenum im Deutschen Bundestag.
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) spricht mit Jens Spahn (CDU), Bundesgesundheitsminister, im Plenum im Deutschen Bundestag.
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Natürlich gibt es viel zu kritisieren. Im Nachhinein etwa erscheint die Verhandlungstaktik der EU mit den Impfstoffherstellern wie ein Schuss ins Knie. Brüssel hat im letzten Sommer nicht auf einen der vielen Impfstoffe gesetzt, die schon in der Entwicklungs-Pipeline waren, sondern das Risiko gestreut und die Bestellungen auf viele Impfstoffe und viele Hersteller verteilt. Das hätte sich bewähren können, wären andere Produzenten schneller gewesen, aber es kam bekanntlich anders. Die Strategie brachte eine Phase der Knappheit mit sich, solange nur ein paar Impfstoffe zugelassen und lieferbar sind.

Und ja, per Notfallzulassung hätte man wie die USA und Großbritannien ein paar Wochen früher mit dem Impfen anfangen können, doch auch da ist man erst im Nachhinein schlauer: Würde es jetzt zu mehr und schwereren Nebenwirkungen kommen, würde eine Welle der Empörung über das „Zulassungsdebakel“ das Vertrauen in das Impfen an sich in Frage stellen. Und ja, keine Frage, natürlich kann man eine Impfkampagne sehr viel straffer organisieren als Deutschland das derzeit tut. Die Zeit bis zur Zulassung wurde nicht optimal genutzt, um Impfzentren und vor allem Anmelde- und Vergabeprozesse aufzubauen.

Was ist der eigentliche Skandal?

Doch selbst den noch moderaten Begriff „Impfdebakel“ sollte man sich für ungleich skandalösere Ereignisse aufsparen. Angemessen wäre er vielleicht dafür: Während eine Handvoll Länder schon ein Drittel oder mehr ihrer Einwohner mindestens eine Dosis verabreicht haben, bleibt ein ganzer Kontinent mit 0,38 verabreichten Impfdosen pro 100 Einwohner weit abgeschlagen. Gemeint ist Afrika, nicht Europa. Experten halten einen solchen Impfnationalismus in einer Pandemie für einen schweren Fehler. Denn wo das Virus weiter zirkuliert, bildet es neue Mutanten, die schlimmstenfalls den andernorts vorhandenen Impfschutz umgehen. Auch wirtschaftlich bringt es einem Land wenig, eine Insel der Gesundheit zu sein.

Ein Szenario, das mit „Impfdesaster“ adäquat beschrieben wäre, muss man sich jedoch erst ausdenken. Wer wäre noch vor wenigen Monaten auf die Idee gekommen, dass unsere jetzige Lage mit mehreren zugelassenen Impfstoffen und immerhin fast zehn Millionen verabreichter Dosen ein „Impfdesaster“ ist?

Normalerweise komponieren Ideologen die düstere Begleitmusik zur Impfkampagne selbst, etwa indem sie den Fokus auf Nebenwirkungen richten. Journalisten müssen darauf reagieren, indem sie die Dinge angemessen einordnen. Eine Gratwanderung, die derzeit aber oft zur falschen Seite kippt. So beim Handelsblatt im Januar mit der „Nachricht“, der Impfstoff von Astra-Zeneca sei bei Senioren quasi unwirksam. Eine Ente – wie sich inzwischen zeigte. Schon davor aber hätten die Autoren die Information als unplausibel erkennen können und müssen.

Alle Scheinwerfer auf das Restrisiko

Im Februar folgte der Hype um „Nebenwirkungen“ des Vakzins von Astra Zeneca bei Klinikpersonal. Die sinnverzerrende Headline „Zu viele Mitarbeiter mit Nebenwirkungen krank: Deutsche Kliniken stoppen Astrazeneca-Impfung“ könnte von einem Online-Portal von Impfgegnern stammen, fand sich aber beim „Münchner Merkur“. Experten wiesen darauf hin, dass es sich um erwartbare Impfreaktionen handle, die ein, zwei Tage anhalten. Inzwischen hat Deutschland laut RKI über eine Million Astrazeneca-Impfdosen geräuschlos verimpft, „Deutsche Kliniken“ haben gar nichts „gestoppt“. Trotzdem thematisiert die Frankfurter Rundschau weiterhin „starke Nebenwirkungen“, garniert mit dem drastischen Leserbericht von „Vernichtungskopfschmerz“. Näher erläutert wird das nicht. Der Redaktion reicht es offenbar, dass das Vakzin „Fragen aufwirft“. Sollte Journalismus nicht auch die eine oder andere Antwort liefern?

Natürlich wäre es falsch zu erzählen, die Impfstoffe seien über jeden Zweifel erhaben und man könne Langzeitwirkungen ausschließen. Hundertprozentige Sicherheit gibt es nirgends, auch bei dieser Impfkampagne nicht. Doch sämtliche Scheinwerfer auf das Restrisiko zu richten und sei es nur theoretisch, ist das Geschäft von Impfgegnern und Verschwörungsmystikern. Ziel: Unkundige Menschen zu verunsichern. Wer ihre Narrative bedient, verschafft den Impfgegnern eine Reichweite, von der sie bis vor kurzem kaum zu träumen gewagt hätten.

Die Pandemie in die gewohnten Narrative zwängen

Dagegen erscheint es fast harmlos, wenn Journalisten ihre eingeübten Erzählungen auf die Coronaimpfungen anwenden. Etwa das ewige Klagelied vom bräsigen Deutschland, das im internationalen Vergleich gnadenlos zurückfalle. Doch das Klischee passt nicht zur Impf-Wirklichkeit. Unter der Überschrift „Germany, null Punkte“ zählt Spiegel Online die paar EU-Länder auf, die eine marginal höhere Impfquote haben als Deutschland (das sich ziemlich exakt im EU-Durchschnitt bewegt, was beim Eurovision Song Contest als Erfolg gälte). Der einseitige Blick soll die allzu steile These untermauern, Deutschland habe beim Impfen „versagt“.

Gerne kontrastieren Journalisten einen tatkräftigen Joe Biden, der bis Ende Mai Impfstoff für alle Amerikaner verspricht mit einer gemütlichen Kanzlerin, die allen Deutschen bis September ein „Impfangebot“ machen will. Was denken die Autoren eigentlich über die fast 100 Millionen Impfdosen (Größenordnung), die allein bis zum Frühlingsende insgesamt in Deutschland eingetroffen sein sollen? Dass diese bis September auf Halde liegen werden?

Wessen Versagen eigentlich?

Am krassesten im Ton vergreift sich, wer von Staatsversagen spricht. Warum rechnet Sascha Lobo, Kolumnist beim „Spiegel“, unter der Überschrift „Staatsversagen in der Pandemie“ vor, dass das Impfen beim gegenwärtigen Tempo bis Februar 2022 dauern wird? Glaubt er im Ernst, dass das Impftempo trotz vervielfachter Liefermengen so bleiben wird wie jetzt? Oder dient die abwegige Prognose nur der düsteren Grundstimmung seiner Erzählung? Laut kassenärztlicher Vereinigung können alle Erwachsenen bis spätestens Mitte August geimpft sein.* Existiert wirklich so ein krasser Unterschied zwischen dem amerikanischen und dem deutschen Zeitplan?

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Patienten stehen an der Anmeldung bei der Eröffnung des überregionalen Impfzentrum Gera.
Patienten stehen an der Anmeldung beim Impfzentrum Gera.

An einer Stelle indessen ist die Vokabel „Versagen“ adäquat: Beim schon erwähnten Massensterben in den Altenheimen. Eine minutiöse Recherche der FAZ zeigt jedoch, wie vielschichtig dieses Scheitern war, wie schwer bis unmöglich der Spagat dazwischen, alte Menschen nicht vollkommen zu isolieren und sie gleichzeitig zu schützen. Ratlos konstatieren die Autoren einen „kollektiven Kontrollverlust“.

Der Staat als Sündenbock

Die Versuchung liegt freilich nahe, allein den „Staat“ für alles, was in der Pandemie schief läuft, verantwortlich zu machen. Der Staat, das bin ich ja nicht selbst. Das Risiko der kaum steigerungsfähigen Pauschalrhetorik: Man fängt an wie die selbst ernannten „Querdenker“ zu klingen, für die der Staat der böswillige Urheber der ganzen Misere ist. Wie diese attestiert man sich selbst Ohnmacht, um etwas zu gewinnen: Entlastung von Verantwortung.

Wie die „Querdenker“ verkennen die Nutzer des Begriffes „Staatsversagen“ die Dimension der Gefahr durch das Virus. Ohne einen funktionierenden Staat wäre die Gesellschaft wohl längst an dieser Seuche zerbrochen. Man braucht einen Staat, um das Wüten des Virus zu zügeln. Ungebremst hätte es das Gesundheitssystem kollabieren lassen und einer halben Million Menschen das Leben gekostet.

Auch die Wirtschaft hätte das kaputtgemacht. Wer außer einem Staat ist in der Lage, mit hunderten Milliarden Euros Unternehmen zu retten oder mit Kurzarbeitergeld viele Jobs über die Krise hinweg zu erhalten? Wir können von Glück reden, dass der deutsche Staat weit von etwas wie „Versagen“ entfernt ist, anstatt ein solches herbeizuschreiben.

Die Medien, die jetzt von „Staatsversagen“ faseln, werden, sollte es wirklich einmal zu einem kommen, keine Wörter mehr übrig haben.

Es läge nahe, diesen Artikel mit dem Fazit zu schließen, der Journalismus versage in der Krise. Doch dafür gibt es viel zu viele positive Beispiele von glänzend recherchierten Artikeln. Artikel, die häufig sprachlich unspektakulär sind, die ohne brachiale Rhetorik auskommen – und deren Autoren deshalb auch nicht in die Talkshows eingeladen werden.

Fußnote:

*Die nach Publikation dieses Textes bekannt gewordene Entscheidung der Bundesregierung, die Impfung mit Astra-Zeneca auszusetzen, verschiebt die Durchimpfung der Bevölkerung nach einer Prognose des Zentralinstituts für die Kassenärztliche Versorgung um einen Monat. Wie genau die Verzögerung ausfällt, hängt von den weiteren Empfehlungen des Paul-Ehrlich-Institut und den Entscheidungen der Bundesregierung ab.

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Dr. Christian J. Meier

Dr. Christian J. Meier

schreibt seit 2005 Artikel und Sachbücher über Wissenschaft, Technik und Digitalisierung für verschiedene Verlage. Er hat eine Neigung für umstrittene Themen wie Nanotechnologie oder KI, die die Zukunft grundlegend verändern können. Über die Zukunft schreibt er zudem in fiktionalen Texten. Einige seiner Kurzgeschichten wurden publiziert. Aktuell ist sein erster Thriller „K.I. – Wer das Schicksal programmiert“ erschienen.


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