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Infamer Corona-Artikel von „Bild“: Im Stil von Fox News gegen die Wissenschaft

Die Springer-Zeitung tritt mit einer üblen Attacke gegen drei verdiente Wissenschaftler den Pressekodex mit Füßen – das sollte Konsequenzen haben. Ein Kommentar

05.12.2021
9 Minuten
Drei Forscher werden unter der Überschrift „Die Lockdown-Macher“ gezeigt.

„Die Achtung vor der Wahrheit, die Wahrung der Menschenwürde und die wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit sind oberste Gebote der Presse. Jede in der Presse tätige Person wahrt auf dieser Grundlage das Ansehen und die Glaubwürdigkeit der Medien.“

So beginnt der Pressekodex, den der Deutsche Presserat 1973 zum ersten Mal formuliert hat und zu dem sich die meisten großen Medien in Deutschland bekennen – auch der Springer-Verlag mit seinen publizistischen Flaggschiffen „Bild" und „Welt".

Die beiden Sätze formulieren einen hohen Anspruch an jeden, der journalistisch tätig ist. Die im Axel-Springer-Verlag erscheinende „Bild-Zeitung" hat am Samstag diesen Pressekodex auf eine Weise missachtet, die zum Himmel schreit.

Man ist von dieser Zeitung schon einiges an Lügen und Verleumdungen, an Übergriffen ins Privatleben und absurden Thesen gewohnt. Und eigentlich will man den Absurditäten, die das Blatt verbreitet, nicht noch zusätzliche Aufmerksamkeit geben. Aber die Attacke gegen eine Wissenschaftlerin und zwei Wissenschaftler, die als Experten für die Corona-Pandemie in der Öffentlichkeit stehen und der Gesellschaft schon viele Dienste erbracht haben, sprengt nun jedes Maß. Was „Bild“ macht, wird vor dem Hintergrund der Radikalisierung der Szene der Coronaleugner zur Gefahr für die Wissenschaft in Deutschland.

Auf vielen Ebenen falsch

Die „Bild“ zeigte Fotos der Wissenschaftlerin Viola Priesemann, die am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen forscht, von Michael Meyer-Hermann vom Helmholtz-Institut für Infektionsforschung in Braunschweig und von Dirk Brockmann, der einen Lehrstuhl an der Humboldt-Universität hat und am Robert-Koch-Institut eine Arbeitsgruppe über die Dynamik von Infektionskrankheiten leitet. Dazu die Überschrift: Die „Lockdown-Macher“. Im Artikel steht: „Experten-Trio schenkt uns Frust zum Fest".

Dazu wurden in der Print-Version drei weihnachtliche Geschenkpakete mit den Aufschriften „Geschenke-Kauf 2G", „Familienfest nach Corona-Regeln" und „Kino-Verbot für Ungeimpfte" gezeigt. Das ist Zynismus pur, so als ob die Wissenschaftler Gefallen daran finden würden, angesichts der Notlage Kontaktbeschränkungen zu empfehlen.

Der Vorwurf der „Bild": Die Wissenschaftlerin und die Wissenschaftler seien mit ihren Modellierungen des weiteren Pandemie-Verlaufs daran beteiligt gewesen, die neuen Maßnahmen mit vorzubereiten, welche Bund und Länder am 2. Dezember beschlossen haben. Originalton „Bild": „Mit Physik-Modellen berechnete die Runde, welche Maßnahmen die Infektionen drücken, die vierte Welle brechen könnten: massive Kontaktbeschränkungen, flächendeckend 2G, Clubs und Diskotheken dicht, Maskenpflicht an Schulen. Die Empfehlungen gingen an Olaf Scholz (63, SPD). Der Bald-Kanzler drückte sie beim Corona-Gipfel durch."

All das ist auf so vielen Ebenen falsch, dass man gar nicht weiß, wo man anfangen soll. Erstens haben die Wissenschaftler die Maßnahmen nicht beschlossen, sondern nur die zugrundeliegenden Modelle vorgelegt, wie sich am besten eine weitere Zunahme der Neuinfektionen und Totenzahlen vermeiden lassen. Das zu skandalisieren – und so zu tun, als würden Priesemann, Meyer-Hermann und Brockmann Deutschland mit sadistischer Lust quälen wollen – ist schlichtweg niederträchtig.

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Zweitens ist das Trio mitnichten verantwortlich dafür, dass die Politik nun, um einer weiteren Eskalation der Corona-Pandemie entgegenzuwirken, überhaupt die Notbremse ziehen muss. Hätte die Politik rechtzeitig auf die Wissenschaft gehört, wäre die Notlage gar nicht erst in dieser Form entstanden. Doch aufgrund des großen, auch von Springer-Medien befeuerten Drangs der FDP zur Aufhebung von Maßnahmen hatten die Ampelparteien noch am 27. Oktober das Ende der „epidemischen Lage von nationaler Tragweite“ und das Ende aller Corona-Maßnahmen im März 2022 verkündet, ausgerechnet an dem Tag, an dem die Zahlen explodierten.

Gemeingefährlicher Ruf nach einem Freedom Day

Die Wissenschaft hat rechtzeitig vor der drohenden vierten Welle im Herbst und Winter gewarnt – das Robert-Koch-Institut, für das Brockmann tätig ist, bereits am 9. Juli. Nur hat kaum jemand auf sie gehört. Wäre es anders gelaufen, wären die warnenden Wissenschaftler Lockdown-Verhinderer gewesen. Aber es ist unwahrscheinlich, dass die „Bild“ daraus eine Schlagzeile gebastelt hätte.

Das Springer-Blatt hat die Politik im Gegenteil sogar noch zum Weghören ermutigt. Der Medienjournalist Stefan Niggemeier beschreibt „Bild" als das „Medium, das monatelang die Abschaffung der meisten Corona-Maßnahmen gefordert hat. Das gegen die Maskenpflicht wetterte. Gegen das Testen. Das ungefähr jede Warnung vor einer sich verschärfenden Situation als 'Panikmache’ abgetan hat. Das behauptete, es handele sich um 'Schreckenspropaganda, um einfach Menschen Angst zu machen’. Das dem immer wieder mahnenden Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach die Bezeichnung als Experte aberkennen wollte. Das versuchte, den Corona-Fachmann Christian Drosten zu diskreditieren.“

Bild-Zeitung Schlagzeile „Gebt uns den Freedom Day“.
Artikel auf Bild Online vom 20.10.2021.

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Julian Reichelt, der wegen Affären inzwischen geschasste damalige Chefredakteur des Blatts, gab die Linie aus, die Pandemie sei besiegt. Als vermeintlich wissenschaftlichen Kronzeugen bemühen die Springer-Medien konsequent mit Hendrik Streeck ausgerechnet jenen Wissenschaftler, der wie kein anderer seit Beginn der Pandemie konsequent mit seinen Einschätzungen danebenliegt.

Hätte die Politik auf die Rufe nach dem „Freedom Day“ gehört, wären inzwischen mit hoher Wahrscheinlichkeit Hunderttausende Menschen mehr infiziert und Tausende mehr gestorben. Die Folgen der kollektiven Ignoranz von Politik und Teilen der Medien treffen das Land aber auch ohne „Freedom Day“ schon schlimm genug.

Aktuell sind knapp eine Million Menschen in Deutschland mit dem Coronavirus infiziert, viele sind heftig an Covid-19 erkrankt, Tausende so schwer, dass sie ins Krankenhaus müssen. Gerade noch hat Deutschland die schlimme Marke von 100.000 registrierten Toten überschritten, da sind es Stand 5.12.2021 schon 103.040 Tote.

Priesemann, Meyer-Hermann und Brockmann gehören zu den besten Experten des Landes für die Modellierung der Corona-Pandemie. Und nicht nur das, sie treten mit ihren Ergebnissen auch in die Öffentlichkeit, um in extrem unsicheren Zeiten zu vermitteln, was auf das Land zukommt und welche Maßnahmen der weiteren Eskalation der Pandemie entgegenwirken könnte – also die Zahl von Menschen zu minimieren, die an Covid-19 erkranken und sterben. Es geht um die Rettung von Menschenleben: Dafür wird man im Deutschland im Winter 2021 angeprangert.

Wissenschaft in Gefahr

Dass sich Corona-Wissenschaftler überhaupt noch in Talkshows setzen und Interviews geben, ist ihnen inzwischen hoch anzurechnen. Denn nicht erst jetzt während der vierten Welle, sondern schon viel früher begannen sie, einen hohen Preis für ihre Vermittlungsarbeit zu bezahlen. Drohanrufe, E-Mails und Briefe mit übelsten Beleidigungen, ja selbst Morddrohungen: Das ist für die Menschen in den betreffenden Instituten und Organisationen zu einem brutal-bitteren Alltag geworden.

Und schon längst ist Wissenschaftlern aufgefallen, dass besonders im Gefolge von reißerischen Artikeln der Springer-Medien die Zahl der Drohungen zunimmt. „Es ist immer dasselbe, die Bild-Zeitung wettert gegen die Wissenschaft und wenig später kommen bei uns die Briefe und Anrufe an“, sagt der Chef einer großen deutschen Wissenschaftsorganisation. Mancher Experte hat seine öffentlichen Auftritte deshalb schon eingeschränkt. Coronaleugner, die mit Fackeln und Trommeln vor dem Wohnhaus der sächsischen Gesundheitsministerin Petra Köpping aufmarschieren, zeigen, wie sehr sich die Szene, aus der die Drohbriefe kommen, inzwischen radikalisiert hat. In Idar-Oberstein wurde ja sogar schon ein junger Mann erschossen, der die Maskenpflicht durchsetzen wollte.

Und was macht die „Bild“ ausgerechnet jetzt, wo die Intensivstationen überfüllt sind und zugleich viele Menschen Angst haben vor neuerlichen Einschnitten, die zum Beispiel zur Insolvenz des mit viel Mühe aufgebauten Ladens führen könnten? Das Blatt gießt Öl ins Feuer. Es benennt nicht die gewollt Ungeimpften als Schuldige, die dem Virus das Reservoir zur Vermehrung gegeben haben und geben, oder diejenigen, die in Bus und Bahn noch immer keine Masken tragen, sondern die Wissenschaftler, die harte Wahrheiten übermitteln und so viel dafür getan haben, dass die vierte Welle ausbleibt. Doch damit nicht genug: Die „Bild“ stellt sie sogar mit großen Fotos an den Pranger als diejenigen, die dem Land angeblich das Weihnachtsfest versauen.

In lupenreiner Trump-Manier

Viel brutaler als mit solchen geradezu mittelalterlichen Methoden kann man den Grundsatz des Pressekodex, die Wahrheit zu achten und die Menschenwürde zu wahren, nicht mit Füßen treten. Menschen, die zum Wohl des Landes handeln, indem sie Politik mit solider Wissenschaft versorgen, zu Schuldigen umzudefinieren, ist eine Perversion von Wahrheit und ein frontaler Angriff auf die Persönlichkeitsrechte der Betroffenen.

Es wäre schlimm genug, wenn es sich um einen Einzelfall handeln würde. Aber vor allem die „Bild“ betreibt in der Corona-Pandemie eine systematische Kampagne zugunsten eines Kurses, der Kranke und Tote hinnimmt, mit kommunikativen Strategien, die denen des Trump-Lagers in den USA stark ähneln.

Es geht dem Axel Springer-Vorsitzenden Mathias Döpfner und seiner Bild-Zeitung um vieles, aber nicht um die Wahrheit. Und selbst die Aufmerksamkeit, die solche Artikel generieren, ist wohl nur ein Teil seiner Gleichung. Der Kern der Sache dürfte eine Strategie sein, die selten thematisiert wird: Der Haupteigner von Springer, der US-Investmentunternehmen KKR, der zu den Hauptgeldgebern der US-Fossilindustrie gehört und dessen Mitgründer Henry Kravis Trump gerne als Minister berufen wollte, möchte Springer erkennbar zum Äquivalent des rechtspopulistischen Senders „Fox News“ in der größten Volkswirtschaft Europas aufbauen.

Zum größten Feindbild von „Fox News" gehört Antony Fauci, das Gesicht der Wissenschaft in der Pandemie-Bekämpfung. Die Methoden sind dieselben wie bei der Attacke auf Priesemann, Meyer-Hermann und Brockmann.

Der nächste Döpfner-Skandal

„Das Neue der 'Bild’-Strategie besteht nun (…) darin, dass die Zeitung sich seit geraumer Zeit auch der Kernelemente des Populismus als Ideologie bedient: Auf der einen Seite gibt es das gute Volk, dessen Stimme und Vertretung 'Bild’ sein will, und auf der anderen Seite die bösen oder jedenfalls rundweg versagenden politischen Eliten“, schrieb Albrecht von Lucke im März in den „Blättern für deutsche und internationale Politik“.

Döpfner hat sich für die Wirkung seiner Textnachricht, in der er in lupenreiner „Deep State“-Rhetorik Trumps die Bundesrepublik als „neuen DDR-Obrigkeitsstaat“ angriff, inzwischen entschuldigt. Doch von Reue gibt es keine Spur. Man sucht sich einfach sein nächstes Opfer in Gestalt von Wissenschaftlern. Und wie bei „Fox News“ ist jedes Mittel recht.

Was die Bild-Zeitung nun fabriziert hat, ist eine Schande für die deutsche Medienlandschaft – und ein weiterer Skandal von Springer-Chef Mathias Döpfner, der auch Präsident des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger ist, der wiederum zu den Trägerorganisationen des Deutschen Presserats zählt.

Politik muss reagieren

Dass manche nun Hilfe vom Presserat erbitten, ist eine nur natürliche Reaktion auf den infamen Artikel und seine Aufmachung. Es ist zu hoffen, dass der Presserat keine falschen Rücksichten nimmt und ganz klar feststellt, dass die „Bild“ hier in besonders eklatanter Weise gegen den wichtigsten Grundsatz des Pressekodex verstoßen hat. Wünschenswert wäre auch, dass Politikerinnen und Politiker aller demokratischen Parteien sich nun schützend vor die Wissenschaft stellen.

Unser Land kann froh und dankbar sein, dass es Forscherinnen und Forscher wie Priesemann, Meyer-Hermann und Brockmann gibt, die zusätzlich zu ihrer wissenschaftlichen Arbeit auch noch die Politik beraten und die Öffentlichkeit aufklären. Doch auf Dauer kann man von niemanden erwarten, sich solchen brutalen Attacken auszusetzen.

Der beste Weg, der „Bild“ zu vermitteln, dass sie auf einem falschen und gefährlichen Kurs ist, wäre, ihr Interviews und alles andere, was mit Aufmerksamkeit einhergeht, zu verweigern. Und zwar so lange, bis Döpfner und Bild-Chefredakteur Johannes Boie das Wissenschafts-Trio persönlich um Entschuldigung bitten.

Humboldt-Universität legt Beschwerde beim Presserat ein

Dass Boie am Sonntag einen Artikel veröffentlichte, in dem stand, dass Wissenschaftler, Ärzte, Pfleger, Politiker „unseren Respekt verdienen“ und Kritik „angemessen“ geübt werden müsse, mit dem Zusatz „Das gilt ausdrücklich auch für BILD“, kann höchstens als Versuch einer Entschuldigung gelten. Es wird der kompletten Entgleisung, die das Blatt hingelegt hat, aber nicht gerecht. Nur die Bitte um Entschuldigung, eine Richtigstellung auf der Titelseite und das Ende ähnlicher Praktiken, egal ob es um Corona oder Klima geht, wären angemessen.

Leider hat sich die politische Führung des Landes nach Erscheinen des Artikels „Die Lockdown-Macher" nicht klar und deutlich schützend vor die Wissenschaft gestellt. Im Gegenteil tummelten sich führende Politikerinnen und Politiker, inklusive Olaf Scholz, Robert Habeck und Annalena Baerbock, am Samstag bei der Bild-Gala zur Aktion „Ein Herz für Kinder“.

Die Humboldt-Universität Berlin und die großen deutschen Wissenschaftsorganisationen haben sich inzwischen deutlich zu dem „Bild"-Artikel geäußert. Die Humboldt-Universität legte Beschwerde beim Presserat ein. „Diese Art der journalistischen Darstellung ist in den Debatten um den Zusammenhalt der Gesellschaft in Pandemie-Zeiten gefährlich und verantwortungslos", teilte die Hochschule mit. Das öffentliche mediale Brandmarken von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern könne dazu führen, dass „diese aus Angst davor zurückschrecken, die Politik nach bestem Wissen und Gewissen und zum Wohl der Gesellschaft zu beraten.“ Das würde bedeuten, dass Politik auf sich allein gestellt und ohne Expertise entscheidet.

Die Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen erklärte: „Dass und auf welche Weise hier einzelne Forscherinnen und Forscher zur Schau gestellt und persönlich für dringend erforderliche, aber unpopuläre Maßnahmen zur Pandemie-Bekämpfung verantwortlich gemacht werden (…), ist diffamierend." Diese Art der Berichterstattung trage zu einem Meinungsklima bei, „das an anderer Stelle bereits dazu geführt hat, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sich physischer oder psychischer Gewalt ausgesetzt sahen oder mit ihr bedroht wurden.“

Welt-Chefredakteur stellt das Thema auf den Kopf

Mit Ulf Poschardt zeigte sich indes ein führender Vertreter des Springer-Konzerns unbeeindruckt von der Kritik: „wenn die wissenschaft politisch wird, muss sie politisch kritisiert werden", schrieb der Chefredakteur der Tageszeitung „Welt" auf Twitter. Er verbreitete auch eine Reaktion des Journalisten Jan Fleischhauer, der ebenfalls auf Twitter schrieb: „Hieß es bislang nicht immer: Follow the Science? Und nun gilt es als Unterstützung von Verschwörungstheorien, wenn man davon ausgeht, dass die Politik den Empfehlungen der Wissenschaft Folge leistet? Also für die Zukunft: Wissenschaft ist kein Treiber politischer Entscheidungen!"

Doch hier wird die Sache auf den Kopf gestellt: Es geht niemandem darum, Wissenschaft von Kritik freizustellen. Im Gegenteil ist ein kritischer Umgang mit der Wissenschaft und ihren Akteuren eine der zentralen Aufgaben von Wissenschaftsjournalismus. Aber zwischen sachlich begründbarer Kritik und diffamierender Anprangerung liegen Welten.

Zudem heißt „Follow the science", dass Politik ihre Entscheidungen auf den besten verfügbaren Informationen aus der Wissenschaft gründen soll. Was dagegen die „Bild“ gemacht hat, ist übertragen auf das Klima-Thema so, als würde man Klimaforscher ursächlich für CO2-Emissionen und die wegen ihnen nötigen Maßnahmen gegen die Erderwärmung verantwortlich machen.

Die betroffenen Wissenschaftler haben die Solidarität der Gesellschaft verdient. Einem Medium, das mit Artikeln gegen lebensschützende Maßnahmen auch die Kranken und Toten der Corona-Pandemie verhöhnt, sollten verantwortungsvolle Politikerinnen und Politiker bis zu einer aufrichtigen Entschuldigung bei Priesemann, Meyer-Hermann und Brockmann keine solche Aufmerksamkeit mehr schenken. Sonst muss die deutsche Wissenschaft nämlich zu dem Ergebnis kommen, dass der politischen Führung des Landes der eklatante Missbrauch publizistischer Macht sowie die Würde und das Wohlergehen deutscher Forscherinnen und Forscher völlig egal sind.

(Update: 7.12.2021, 9.15 Uhr)

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Christian Schwägerl

Christian Schwägerl

Ich bin Journalist in den Bereichen Umwelt, Wissenschaft und Politik sowie Mitgründer und Vorstand von RiffReporter. In früheren Stationen war ich Korrespondent für die Berliner Zeitung (1997–2001), die Frankfurter Allgemeine Zeitung (2001–2008) und den SPIEGEL (2008–2012). Von mir stammen die Bücher „Menschenzeit“ über das Anthropozän, „11 drohende Kriege“ über globale Konfliktrisiken (mit A. Rinke) und „Analoge Revolution“ über die Zukunft digitaler Technologien. Seit 2014 leite ich die von der Robert Bosch Stiftung geförderte „Masterclass Wissenschaftsjournalismus“.


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