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„Nachdenken, aber nicht lange“

Corona-Experten fordern Politik zu schnellen Maßnahmen gegen Omikron auf

3 Minuten
Eine Frau mit blonden Haaren und Pferdeschwanz sitzt gestikulierend vor eine blauen Wand.

Schon jetzt handeln statt abzuwarten – so lässt sich die zentrale Forderung der drei Corona-Expertïnnen zusammenfassen, die gestern auf einer Video-Schalte des Science Media Centers (SMC) Einblicke in neue Erkenntnisse über die Omikron-Variante des SARS-Coronavirus-2 gaben.

Zwar fehlen für Antworten auf viele Fragen noch die Daten. Was sich aber schon jetzt abzeichnet, besorgt die Wissenschaftlerïnnen.

Omikron ist überraschend schnell

Denn eine beunruhigende Eigenschaft von Omikron zeichnet sich deutlich ab: ihr Tempo. „Die Geschwindigkeit hat alle sehr überrascht“, sagt Dirk Brockmann, Epidemiologieprofessor von der Humboldt-Universität Berlin und Leiter der Projektgruppe epidemiologische Modellierung von Infektionskrankheiten am Robert-Koch-Institut (RKI). Omikron verbreitet sich drei- bis viermal so schnell wie bekannte Corona-Varianten.

In Großbritannien und Dänemark verdrängt Omikron bereits die Delta-Variante. Eine ähnliche Entwicklung erwarten der Modellierer Dirk Brockmann auch in Deutschland. Der Immunologie-Professor Christoph Neumann-Haefelin von der Uniklinik Freiburg sagt, Omikron werde sich schon Mitte Januar in Deutschland durchsetzen.

Behalten beide recht, stehen wir am Beginn einer fünften Welle, noch ehe die vierte so richtig abgeflacht ist.

Trotz der fehlenden Daten fordern die Expertïnnen die Politik auf, schon jetzt Maßnahmen zu ergreifen.

Auch Geboosterte sind nicht völlig geschützt

Denn erste Tests legen nahe, dass nach drei Monaten nicht einmal mehr zwei Impfdosen richtig gegen Omikron schützen. Und auch die Booster genannte Drittimpfung erhöhe den Schutz vor einer Omikron-Infektion lediglich auf 58 bis 78 Prozent, sagt die Virologie-Professorin Sandra Ciesek von der Uniklinik Frankfurt am Main.

Aus diesen Gründen wird die neue Variante viel mehr Menschen in Deutschland finden, die sie infizieren kann, als die aktuell noch grassierende Delta-Variante. Dem Gesundheitssystem droht die Überlastung.

In Großbritannien und Dänemark hat sich Omikron bereits weit verbreitet. „Wenn wir die Ergebnisse aus Großbritannien auf Deutschland übertragen, wird Omikron hierzulande 30 bis 40 Millionen Menschen infizieren“, sagt Dirk Brockmann.

Experten fürchten einen Dominoeffekt

Weil der Impfschutz anders als bisher schon nach drei Monaten deutlich zu schwinden beginnt, sind Menschen im Gesundheitssystem besonders gefährdet. Bei ihnen liegt die Impfung schon am längsten zurück. „Ich fürchte, es könnte Kaskaden geben von Ereignissen, die noch gar nicht absehbar sind“, sagt Brockmann. Zum Beispiel: Wenn im Gesundheitswesen oder anderen essenziellen Bereichen viele Menschen gleichzeitig wegen einer Corona-Infektion ausfallen, kann das Folgen für andere wichtige Teile der Gesellschaft haben.

„Ich möchte dringend davor warnen, auf Tests zu verzichten.“ (Sandra Ciesek)

Dirk Brockmann fordert, jetzt sehr schnell Pläne für solche Szenarien zu entwerfen. Nur so könne Deutschland auf negative Entwicklungen rund um Omikron vorbereitet sein – auch auf den schlimmsten möglichen Fall: „Man muss über alles nachdenken, aber nicht so lange.“ Auch einen neuerlichen Lockdown will der Experte nicht ausschließen. „Wir haben nicht viele Spielräume zu experimentieren“, sagt auch der Immunologe Christoph Neumann-Haefelin und erinnert daran: „Die Intensivstationen sind voll und wir haben jetzt schon 500 Corona-Todesfälle am Tag“.

Ciesek: Auf keine Maßnahme verzichten

Sandra Ciesek hält es darum für eine schlechte Idee, die Testpflicht für Geboosterte aufzuheben – schon gar nicht im Krankenhaus oder in Alten- und Pflegeheimen, wo besonders viele gefährdete Menschen leben. „Ich möchte dringend davor warnen, darauf zu verzichten“, sagt Ciesek. Sie erinnert daran, dass nicht einmal Boostern einen hundertprozentigen Schutz bietet. Weitere Maßnahmen seien nötig: Maske tragen, Abstand halten, Hände waschen, lüften und eben testen.

Dänemark etwa habe schnell reagiert, sagt die Corona-Fachfrau, und nächtliche Veranstaltungen sowie Veranstaltungen mit mehr als 50 Menschen verboten. Sie appelliert zusätzlich an die Menschen, nicht erst auf solche Vorgaben aus der Politik zu warten: „Jeder kann selbst seine Kontakte minimieren. Bitte prüfen Sie, ob Sie Kontakte wirklich haben müssen oder sie bis ins Frühjahr oder den Sommer verschieben können.“

Darüber hinaus bleibt das Boostern sehr wichtig. Es bietet zwar keinen hundertprozentigen Schutz, aber es bremst die Ausbreitung von Omikron. Und es gibt noch eine positive Nachricht: Selbst doppelt Geimpfte sind der neuen Variante nicht völlig schutzlos ausgeliefert. Sie können sich zwar schon nach wenigen Wochen mit Omikron anstecken. Ihr Immunsystem kann das Virus in der Regel aber so gut bekämpfen, dass schwere Krankheitsverläufe unwahrscheinlich werden.

So schützt die Impfung vor schweren Verläufen

Christoph Neumann-Haefelin vergleicht die Wirkung der Impfung mit einer mittelalterlichen Stadt: Je mehr Antikörper ein Mensch als Reaktion auf die Impfung bildet, desto höher ist die Stadtmauer und desto schwerer fällt es einem Erreger, in den Körper einzudringen. Wenn mit der Zeit die Antikörper aus dem Blut verschwinden, schrumpft die Stadtmauer. Ein Booster-Pieks zieht sie wieder hoch.

Doch auch wenn Viren die Mauer überwinden, ist die Stadt ihnen nicht schutzlos ausgeliefert. Denn durch die Straßen patrouillieren T-Zellen – ein anderer wichtiger Bestandteil des Immunsystems, den die Impfung bereits angeregt hat. Sie erledigen die Erreger, ehe sie großen Schaden anrichten können. Dieser Mechanismus sorgt dafür, dass Geimpfte, auch wenn sie erkranken, vor schweren oder gar tödlichen Verläufen von Covid-19 besser geschützt sind als Ungeimpfte.

Denn weiterhin gilt: Wir befinden uns in einer Pandemie. Es ist nicht die Frage, ob man sich mit dem neuen Corona-Virus ansteckt, sondern nur wann. Wir sollten also wie zu Beginn der Krise darauf achten, die Kurven der Infektionszahlen flach zu halten. Wir sollen keinesfalls alle auf einmal krank werden. Und wer erkrankt, sollte wenigstens geimpft sein.

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Joachim Budde

Joachim Budde

Joachim Budde ist freier Wissenschaftsreporter und arbeitet zu allem rund um Insekten. Twitter: @buddepiept


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