Ein „Paris-Abkommen“ für die Natur? „Es wird Blut, Schweiß und Tränen geben“

Mit dem „Biodiversity Day“ gibt der Klimagipfel COP27 einem globalen Naturschutzabkommen Rückendeckung. Die Führungsfiguren des Klimagipfels von Paris werben für einen ähnlichen Durchbruch bei der Biodiversität. Doch die G20 bleiben vage.

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Archivfoto: Die Paris-Unterhändler halten sich an den Armen und jubeln

Führende Unterhändler des historischen Pariser Klimaabkommens aus dem Jahr 2015 haben die Regierungen von mehr als 190 Staaten aufgerufen, bei der bevorstehenden Weltnaturkonferenz ein ebenso weitreichendes Abkommen zum Schutz der Natur zu verabschieden. Scheitere die Staatengemeinschaft bei der Natur-COP15 in Montreal, könnten auch die Pariser Klimaziele nicht erreicht werden, warnen die Paris-Unterhändler in einer Erklärung, die sie am Mittwoch beim Klimagipfel COP27 verabschiedeten. Auch die ägyptische Umweltministerin, die zugleich Gastgeberin des Klimagipfels ist, plädierte für einen engen Schulterschluss zwischen Klima- und Naturschutz.

Klima-Cop: Ohne Naturschutz ist Paris-Ziel nicht zu halten

Die Klimakrise und die Zerstörung der Natur seien auf das engste miteinander verbunden und könnten nur gemeinsam gelöst werden, argumentierten die Teilnehmer und Teilnehmerinnen beim Biodiversitäts-Tag der ägyptischen COP-Präsidentschaft in Scharm el-Scheich. Es gebe keinen Weg, die globale Erwärmung ohne energische Maßnahmen zum Schutz der Natur und die Renaturierung gestörter Ökosysteme auf 1,5 Grad zu begrenzen, heißt es im „Aufruf der Paris-Unterhändler“.

Hintergrund für den Appell ist, dass Regierungen, Wirtschaft und Medien bisher den Schutz der Vielfalt von Arten und Ökosystemen deutlich weniger ernst nehmen als den Klimaschutz. Die Verhandlungen über ein Abkommen, mit dem sich knapp 200 Staaten gemeinsame Ziele für den Naturschutz bis zum Jahr 2030 setzen, sind ins Stocken geraten. In einer gemeinsamen Stellungnahmen haben auch die beiden führenden wissenschaftlichen Gremien für Klima- und Naturschutz, der Weltklimarat IPCC und der Weltbiodiversitätsrat IPBES, betont, dass der Verlust der Biodiversität ähnlich gefährlich sei wie die Erderwärmung durch Treibhausgase.

Drohnenfoto eines Moores
Die Wiedervernässung trockengelegter Moore – wie hier im Peenetal bei Anklam – ist eine der wichtigsten naturbasierten Lösungen.

Zudem spielt die Natur eine entscheidende Rolle dabei, den Kohlenstoff aus Treibhausgase entweder sicher zu speichern oder aber in gewaltigen Mengen freizusetzen. So tragen die Trockenlegung von Mooren, die Abholzung von Regenwäldern und Mangroven und das Tauen der Tundra erheblich zur Erderwärmung bei. Umgekehrt können Naturschutzmaßnahmen, bei denen zum Beispiel Feuchtgebiete revitalisiert werden, erhebliche Mengen Kohlenstoff aus der Atmosphäre im Boden oder im Untergrund speichern.

„Die bevorstehende UN-Biodiversitätskonferenz COP15 im Dezember bietet der Welt eine noch nie dagewesene Gelegenheit, dem Naturverlust Einhalt zu gebieten, um den Klimaschutz und die Ziele für nachhaltige Entwicklung zu unterstützen – wir können es uns nicht leisten, sie zu verpassen“, heißt es in der Erklärung.

An die Staats- und Regierungschefs der 196 Mitgliedstaaten der UN-Biodiversitätskonvention appellierten sie, sieben Jahre nach Paris dieselbe Entschlossenheit zu zeigen wie damals und für ein weitreichendes Abkommen in Montreal sorgen. „Mutige Führung ist gefragt.“ Zu den Unterzeichnern gehören der Präsident der Pariser COP21 und Ex-Premierminister Frankreichs, Laurent Fabius und die damalige Exekutivsekretärin des Klimasekretariats Christiana Figueres.

Egypt's Environment Minister Yasmine Fouad, left, and U.S. Special Presidential Envoy for Climate John Kerry talk before a panel on biodiversity at the COP27 U.N. Climate Summit, Wednesday, Nov. 16, 2022, in Sharm el-Sheikh, Egypt.
Ägyptens Umweltministerin Yasmine Fouad und der US-Klimaunterhändler John Kerry am Mittwoch in Scharm el-Scheich. Kerry ist seit langem ein Verfechter des gemeinsamen Kampfes gegen Naturzerstörung und Erderwärmung.

Beim Klimagipfel 2015 in Paris konnten sich die Staaten der Erde nach einem zwanzig Jahre dauernden Verhandlungsprozess erstmals auf konkrete Ziele für alle einigen. Dazu gehört es, die Erderwärmung auf maximal 2 Grad Celsius im Vergleich zur vorindustriellen Zeit und wenn möglich auf 1,5 Grad zu limitieren. Die Staaten verpflichten sich zu konkreten Reduktionszielen, über deren Einhaltung sie jährlich öffentlich Bericht erstatten. Bis zum Pariser Gipfel hatte insbesondere ein Grundsatzstreit zwischen ärmeren und reicheren Ländern eine solche gemeinsame Basis für den Klimaschutz verhindert.

Einen ähnlichen Durchbruch fordern die Unterzeichnenden nun auch beim globalen Naturschutz.

Weltweit ist die Biodiversität bedroht. Der Weltbiodiversitätsrat IPBES warnt, dass noch im 21. Jahrhundert jede achte Art aussterben könnten, wenn sich nichts an den heutigen Wirtschaftspraktiken ändert. Die Wissenschaftler halten es zum Beispiel für möglich, dass die Korallenriffe ausgelöscht werden. Diese beherbergen im Ozean zahllose Arten und sind Kinderstube für viele Fischarten, die für die menschliche Ernährung wichtig sind.

Biodiversity-Day soll Schwung in Naturverhandlungen bringen

Die Unterstützungserklärung war eine der Aktivitäten, mit denen der Klimagipfel bei einem „Biodiversitätstag“ am Mittwoch versuchte, den Schlussverhandlungen für das Weltnaturabkommen Schub zu verleihen. Auch die Chefin des UN-Umweltprogramms, Inger Anderson, appellierte explizit an die Staats- und Regierungschefs, Führung zu zeigen. „Wir brauchen jetzt Führungsstärke, um über die Ziellinie zu kommen“, sagte sie. Während bei der Klima-COP mehr als 100 Regierungschefs vertreten sind – darunter US-Präsident Joe Biden – ist eine ähnlich hochrangige Besetzung in Montreal allerdings nicht geplant.

„Es wird Blut, Schweiß und Tränen geben“

Der Ko-Vorsitzende bei den Verhandlungen für den Vertragsentwurf, Basile van Havre, schwor die Staatengemeinschaft auf einen anstrengenden Schlussspurt der Verhandlungen ein. Zwar habe eine letzte Arbeitsrunde am Entwurf für einen Vertragstext erhebliche Fortschritte gebracht, sagte er. Um zu einem Abkommen zu gelangen, brauche es in Montreal aber „mehr Offenheit zum Dialog, mehr Kompromissbereitschaft und mehr Comittment für Lösungen“, sagte van Havre. „Es wird Blut, Schweiß und Tränen geben“, gab sich der kanadische Diplomat kämpferisch. Er setze auf den Mut und die Offenheit der Unterhändler „Wir wollen eine Einigung, wir haben viele Nächte, Monate und Jahre davon geträumt.", sagte van Havre. „Die Welt will eine Einigung, die Welt kann nicht warten – wir müssen eine Einigung erzielen und wir werden einen Deal bekommen.“

Auch die ägyptische Umweltministerin und Gastgeberin der COP27, Yasemine Fouad, und Bundesumweltministerin Steffi Lemke warben für starke Abkommen bei beiden COPs. Darin müsse die herausragende Rolle naturbasierter Lösungen für den Klimaschutz ebenso verankert sein, wie das Ziel, bis 2030 jeweils 30 Prozent der Land- und der Meeresfläche des Planeten unter Schutz zu stellen.

G20 können sich nicht auf 30×30 verständigen

Allerdings konnten sich die Staats- und Regierungschefs der G20-Staatengruppe der führenden Industrie- und Schwellenländer nicht auf eine Unterstützung für das 30-Prozent-Ziel verständigen. In ihrer beim G20-Gipfel auf Bali verabschiedeten Schlusserklärung heißt es dazu lediglich, entsprechende Bemühungen „einer Reihe von Ländern“ würden anerkannt. Die Staatengruppe, die 60 Prozent der Erdbevölkerung repräsentiert, werde dazu beitragen, dieses Ziel „im Einklang mit den nationalen Gegebenheiten“ zu erreichen.

Im Projekt „Countdown Natur“ berichten wir mit Blick auf den UN-Naturschutzgipfel über die Gefahren für die biologische Vielfalt und Lösungen zu ihrem Schutz. Die Recherchen zu diesem Beitrag wurden von der Hering Stiftung Natur und Mensch gefördert. Sie können weitere Recherchen mit einem Abonnement unterstützen.

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Thomas Krumenacker


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