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Abhängig von der globalisierten Knolle: Kartoffelbauern als Spielbälle der Marktwirtschaft

Kolumbianer essen Pommes aus den Niederlanden, Deutsche Chips aus Peru. Am Beispiel der Kartoffel zeigt sich Sinn und Unsinn des weltweiten Agrarmarktes

02.12.2021
6 Minuten
Ackererde, darauf ein Haufen von ca. 10 frisch geernteten Kartoffeln aufgeschichtet. Im Hintergrund verschwommen eine Landschaft.

Vor 500 Jahren trat die Kartoffel ihren Siegeszug um die Welt an. Die schmackhaften Erdäpfel haben ganze Völker vor dem Hungertod bewahrt und fehlen heute auf keinem Speiseplan zwischen Wladiwostok und San Francisco, sei es als gekochte Knolle oder als eines der stylishen Fertigprodukte, die die europäische Agrarindustrie aus genormten, hoch produktiven Kartoffelsorten herstellt: Kroketten, Taler, Knödel, Chips – und immer wieder Fritten.

Doch ihren Ursprung hat die Kartoffel in den Hochanden, auf über 4.000 Metern, am Titicaca-See, wo das Blau des Wassers in das Blau des Himmels übergeht und wo sich die gleißende Sonne des Tages mit dem bitteren Frost der Nacht abwechselt. Wenn sich dort indigene Bäuerinnen und Bauern aus verschiedenen Dörfern treffen, dann wiederholen sie ein jahrhundertealtes Ritual. Sie binden sich ihre “Aguayos”, die bunten Tragetücher vom Rücken, breiten sie auf dem Boden, der Mutter Erde, aus und zeigen stolz ihren Inhalt: das eine oder andere Fischlein aus dem See, auch mal ein Stück Fleisch oder ein Omelett ist darunter. Vor allem aber glänzen auf den Tüchern gekochte Kartoffeln in allen Formen und Farben. Es sind die alten Kartoffelsorten, von den indigenen Familien der Anden seit Jahrhunderten so liebevoll gehütet wie in deutschen Familien die Rezepte für die Weihnachtsplätzchen. Der gemeinsame Festschmaus kann beginnen.

Im Hintergrund drei indigene Frauen mit Hüten, sitzen an einem Tisch. Auf dem Tisch liegt ein großes Tuch, voller geschälter Kartoffeln in allen Formen und Farben. In der Mitte ein Emailletopf mit einer Soße.
Die indigenen Völker rund um den Titicaca-See zelebrieren den „Apthapi“. Jede Bäuerin bringt Kartoffeln und andere Produkte vom eigenen Feld mit, das nachher gemeinsam verzehrt wird.

Weltweite Absatzmärkte gesucht

Die schrumplige Knolle aus den Anden und die babypopo-glatte, genormte Kugel aus intensivem Massenanbau, wie wir sie in Deutschland kennen, nennen sich beide Kartoffel – und scheinen doch von verschiedenen Planeten zu stammen.Genauso wie sich die Lebenswelten eines Kleinbauern aus den Anden mit dem eines Großbauern aus den Niederlanden, wo intensive und maschinell hochgerüstete Landwirtschaft betrieben wird, kaum je kreuzen werden.

Es sei denn die europäische Agrarindustrie braucht neue Absatzmärkte und will ihre Kartoffelprodukte in die Ursprungsländer der Kartoffel exportieren.

Als der peruanische Präsident Pedro Castillo während seiner Wahlkampagne 2021 ankündigte, die Importe vorfrittierter, tiefgekühlter Pommes aus der EU und den USA zu stoppen, um die Absatzmärkte für die einheimischen Bauern zu schützen, war der Aufschrei groß. Reiner Populismus sei das, hieß es von der Opposition. Der Anteil an importierten Pommes sei doch viel zu klein, um so einen Aufstand zu machen. Und schuld an der peruanischen Überproduktion sei mangelnde Planung, und nicht die Importe – was nicht ganz falsch ist. Doch ganz so gering ist die Konkurrenz durch die importierten Fritten nicht: Der Agrarökonom Eduardo Zegarra vom Forschungsinstitut GRADE und Berater des peruanischen Agrarministeriums rechnet, dass man 2,83 kg frische Kartoffeln braucht, um ein Kilogramm verarbeitete Fritten herzustellen. Die Importfritten hätten damit, vor Ausbruch der Pandemie, fast ein Viertel aller in Lima gehandelten Kartoffeln ausgemacht.

Unzählige Säcke voller Kartoffeln in einer Grossmarkthalle im Morgengrauen. Es ist noch dunkel.  In der Mitte ein Träger mit blauem Drillichanzug, der auf seinem Rücken einen Zentnersack voller Kartoffeln trägt. Daneben sind zwei Frauen mit Handeln beschäftigt.
Auf dem Großmarkt von Lima werden im Morgengrauen die Kartoffeln für die Zehn-Millionen-Stadt gehandelt.

Zollstreit um Pommes

Während Peru die Konkurrenz der fremden Fritten bisher nur verbal beklagt, hat Kolumbien den Worten Taten folgen lassen. Das Land hat gegen europäische Pommes-Exporteure Strafzölle wegen Dumping verhängt – und wurde daraufhin von der EU vor das Schiedsgericht der Welthandelsorganisation gezerrt. Bis heute ist offen, wer Recht bekommt.

Der Streit um die weltweite Pommes-Industrie illustriert sehr gut, was auf dem weltweiten Agrarmarkt momentan falsch läuft: Während die peruanischen und kolumbianischen Kartoffelbauen den eigenen Markt beliefern, produzieren Europas Landwirte für den weltweiten Export. Die Weiterverarbeitung, und damit auch die Wertschöpfung geschieht vor allem in den Agrarfabriken der Industrieländer. Von dort werden die weiterverarbeiteten Produkte in die ganze Welt geschickt und verdrängen die einheimische Produktion und verhindern den Aufbau einer lokalen Wertschöpfungskette.

Dabei sind die Bauern, ganz egal, ob in Kolumbien, Peru oder der EU, die Getriebenen des Weltmarktes und das letzte Glied der Kette. Sowohl der Kartoffelbauer in den Niederlanden als auch ein Kartoffelbauer in den Anden erhalten einen ähnlich niedrigen Preis für ihr Produkt: 13 Cent pro Kilo erhält der Bauer in den Niederlanden, zwischen 10 bis 40 Cent schwankt der Preis für einen peruanischen Bauern. Der Unterschied zwischen beiden: Der Kartoffelbauer in den Niederlanden erhält Ausgleichszahlungen aus dem Gemeinsamen Agrarbudget der EU und kann dank seiner Maschinen, dem Zugang zu hoch produktiven gezüchteten Sorten und der großen, ebenen Anbauflächen seine Produktion vervielfachen. Der Kleinbauer aus den Anden dagegen hat keinen zahlungskräftigen Staat hinter sich, oder keinen, der kleinbäuerliche Landwirtschaft für förderungswürdig hält.

Ein Mann wirft Kartoffeln in einen Sack, der auf seine Feld steht. Im Hintergrund sieht man ein Tal, dahinter ragen Berge auf.
Mit bloßen Händen erntet dieser Bauer seine Kartoffeln an einem Steilhang in Peru.
Ein Bauer in Blaumann geht neben einem Traktor her, der große Mengen Kartoffeln geladen hat.
Nur wenige Cent erhalten Bauern wie Rob van den Broek in den Niederlanden für ein Kilo Kartoffeln. Ein Auskommen hat nur, wer Masse liefert und Qualität.
Ein Traktor zieht in der Ferne eines riesigen Ackers seine Bahnen.
Große Felder, dem Meer abgetrotzt: Nur mit Masse können viele Bauernfamilien in den Niederlanden im globalisierten Kartoffelmarkt bestehen. Ihre Waren werden oft exportiert.

Mit Pommes und Chips um die Welt

Peruanische Bauern sollten Unterstützung bekommen, um selbst eine weiterverarbeitende Kartoffelindustrie aufzubauen, damit ein größerer Teil der Wertschöpfungskette im Land verbleibt – so der Agrarökonom Eduardo Zegarra aus Peru. In Kolumbien betreibt der Agrarmulti McCain bereits eine eigene industrielle Pommes-Produktion. Andere setzen auf den Nischenmarkt “Alte Kartoffelsorten”. Diese verhelfen, zum Beispiel zu Chips verarbeitet, so manchem peruanischen und kolumbianischen Bauern zu höherem Einkommen – unter anderem auch, weil diese Produkte dann auch nach Europa exportiert werden. Auch Bauer Pedro Briceño in Kolumbien träumt zum Beispiel davon, seine alten Kartoffelsorten in die USA zu exportieren.

Doch die Frage, wie gerecht der globalisierte Markt für die Produzentïnnen ist, ist inzwischen gar nicht mehr die einzige drängende Frage. Der Klimawandel stellt die Bäuerïnnen weltweit vor ganz neue Herausforderungen. Zum Beispiel nehmen die Schädlinge auch in den Anden aufgrund der erhöhten Temperatur zu und es ist immer schwieriger, Kartoffeln anzubauen, ohne Pestizide zu verwenden. Auch der globale Transport von Lebensmitteln erscheint manchen Expertïnnen angesichts der Debatten um die Klimabilanz der Weltwirtschaft in neuem, nicht unbedingt guten Licht.

Das ganze Foto zeigt Kartoffelchips, die rot gemustert sind. Sie wurden aus einer alten peruanischen Sorte hergestellt.
Diese Chips aus alten Kartoffelsorten werden im peruanischen Huancayo von einer Genossenschaft hergestellt und im fairen Handel in Frankreich und Deutschland vertrieben.

Drei Euro für bunte Kartoffelchips

Trotz stolzer 3,19 Euro für 100 Gramm gehören die blauen und roten Kartoffelchips aus Peru zu den Topsellern der Fairhandelsgesellschaft weltpartner in Ravensburg. Rund 75 Cent pro Päckchen kommt bei der Bauerngenossenschaft Agropia im peruanischen Huancayo davon an. Ein gutes Geschäft für die Kartoffelbauern in den fernen Anden, die auf dem heimischen Markt dafür zwischen 10 und 40 Cent pro Kilo bezahlt bekommen würden. Und doch ist die Freude bei Weltpartner-Mitglied Eva Aicher getrübt. Denn die Kosten für die Reise der Chips über den Ozean trägt die Umwelt. “Aber solange die Bauern in Peru keinen fairen Preis bekommen, ist der faire Handel bei uns gerechtfertigt”, sagt sie.

In einer idealen Welt gäbe es diese Dilemmata nicht: dass Verbraucherïnnen vor die Wahl gestellt werden, entweder einem Bauern in Peru einen fairen Preis zu zahlen oder die Umwelt zu schützen. Oder dass Landwirtïnnen immer mehr produzieren müssen – oder verschwinden. Oder wie von alters her zu arbeiten und arm bleiben. Es gäbe auch keine Konsumentïnnen, die statt zur gesunden alten Pellkartoffel lieber zu ungesunden Fritten greifen.

Ein weißes Papiertütchen voller knackig aussehender gelb-goldener Pommes. Einige Pommes haben blaue Einsprengsel. Daran erkennt man, dass sie aus einer alten peruanischen Kartoffelsorte hergestellt wurden.
Die peruanische Fastfood-Kette „La Lucha“ verkauft nur Pommes, die aus der peruanischen alten Huayro-Kartoffel hergestellt werden.

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Subventionen anders einsetzen

Der weltweite subventionierte Agrarhandel wird heute selbst von jenen Organisationen in Frage gestellt, die ihn jahrzehntelang gefördert haben. In ihrem jüngsten Bericht “A multi-billion-dollar opportunity” fordern FAO, UNDP und UNEP eine neue weltweite Agrarpolitik, welche die Kleinbauern speziell fördert und Agrarsubventionen gezielter einsetzt. Denn mit der jetzigen Agrarpolitik könnten weder die Nachhaltigkeitsziele noch die Klima-Ziele erreicht werden.

Dabei ist für eine Veränderung manchmal nur ein kleiner Schritt nötig: “Fritten aus alten Kartoffelsorten”, steht in grossen Lettern über dem Restaurant “La Lucha” in Lima. Die kleine Fastfood-Kette kann sich vor Andrang kaum retten. Ihr Clou: “Bei uns sind alle Fritten aus peruanischen Kartoffeln gemacht.”

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Diese Recherche wurde von der Hering-Stiftung Natur und Mensch gefördert.

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Hildegard Willer

Hildegard Willer

Hildegard Willer berichtet seit 20 Jahren vor allem aus Peru. Ursprünglich stammt sie aus dem Allgäu.


Countdown Natur

Der Reichtum des Lebens auf der Erde ist in Gefahr. Es geht um die Zukunft unzähliger Tier- und Pflanzenarten und Lebensräume. Das betrifft uns Menschen existenziell. Es geht auch um sauberes Trinkwasser, unsere Nahrung und ein lebensfreundliches Klima. Ein Team von 25 Journalistïnnen von RiffReporter berichtet bei "Countdown Natur" über den Wettlauf gegen die Zeit und über Lösungsansätze. Wissenschaftlerïnnen sagen: Bisher hat der globale Naturschutz fast alle Ziele verfehlt. Kommt nun die Wende zum Besseren?

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