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  3. Mafia-Jäger kämpft jetzt für Turteltauben

Italien erlaubt Jagd auf bedrohte Vögel– Nur einer stellt sich quer

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04.05.2021
8 Minuten
Sergio De Caprio sitzt mit schwarzem Schal im Gesicht vermummt hinter einem Mikrofon während einer Pressekonferenz.

Die Turteltaube ist eine der am stärksten bedrohten Vogelarten Europas. Ihre Bestände nehmen von Jahr zu Jahr ab, und zwar schneller, als bei jeder anderen Art. Die Turteltaube wird von der Internationalen Naturschutzunion IUCN deshalb als global gefährdet eingestuft.

Ihr Bestand in Europa brach in den letzten 15 Jahren um fast die Hälfte ein, in einigen Ländern und Regionen liegt der Rückgang bei mehr als 90 Prozent, so auch in Teilen Deutschlands. Bei uns und in vielen anderen Ländern steht sie weit oben auf der Roten Liste. Auch durch die Europäische Vogelschutzrichtlinie ist die Turteltaube streng geschützt. Trotzdem wird sie auf dem Zug massiv bejagt – oft illegal, in manchen Ländern sogar legal.

Vogelschutzorganisationen wie das Komitee gegen den Vogelmord haben in den letzten Jahren immer wieder auf die Gefährdung der Turteltaube und anderer Zugvögel durch die Jagd hingewiesen. Gegen mehrere Länder, darunter Italien und Frankreich, wurden Umweltbeschwerden bei der Europäischen Kommission auf den Weg gebracht.

Macron scheiterte mit dem Versuch, die Turteltaubenjagd zu erlauben, Italien macht es nun

Erst im vergangenen Herbst stoppte der französische Verfassungsgerichtshof nach einem öffentlichen Aufschrei in letzter Minute die von Präsident Emmanuel Macron freigegebene Jagd auf mehr als 17.000 der bedrohten Vögel. Nun sind Naturschützer in ganz Europa geschockt vom Plan der italienischen Regierung, im kommenden Herbst den Abschuss von insgesamt 7,5 Millionen Turteltaube zu erlauben. Das sind mehr Turteltauben als überhaupt in der gesamten Europäischen Union leben. Der EU-Bestand wird auf 2,9 bis 5,6 Millionen Brutpaare geschätzt.

Das italienische Umweltministerium hatte eine vierjährige Schonzeit vorgeschlagen. Doch die Vertreter der Regionen gaben bei einem Regierungstreffen in Rom dem Druck der Jagdlobby nach. Sie beschlossen, dass jeder der 500.000 italienischen Jäger zwischen dem 1. und dem 19. September bis zu 15 Turteltauben töten darf.

„Capitano Ultimo“ kämpft jetzt für die Turteltaube und Öko-Tourismus

Als einziger Politiker hat der Vertreter Kalabriens, die Antimafia-Ikone Sergio De Caprio, die Proteste von Vogelschützern unterstützt und gegen die Jagd auf Turteltauben gestimmt. Weil in dem Gremium Einstimmigkeit erforderlich ist, stoppte er damit vorübergehend die Freigabe der Jagd. In einer Wiederholungssitzung übernahmen daraufhin die Regionalpräsidenten die Kontrolle und stimmten einhellig für die Jagd auf die bedrohte Vogelart in diesem Herbst.

Sergio De Caprio, in Italien überall bekannt unter seinem Kampfnamen „Capitano Ultimo“, ist in seinem Heimatland eine Legende. Sein Leben wurde sogar in einer Serie verfilmt. Denn der 60-Jährige war es, der 1993 als Leiter einer Spezialeinheit der Carabinieri den wohl spektakulärsten Erfolg des Landes im Kampf gegen die Mafia erzielte: Er spürte den „Boss der Bosse“, Cosa-Nostra-Chef Toto Riina auf und nahm ihn fest. Riina, wegen seiner Brutalität „Die Bestie“ genannt, war unter anderem verantwortlich für die Ermordung der Anti-Mafia-Ermittler Paolo Borsellino und Giovanni Falcone und wurde für insgesamt mehr als 200 Morde zu 13 mal lebenslänglich verurteilt. Er starb 2017 in der Haft.

Nach dem Ausscheiden aus der Anti-Terroreinheit wechselte De Caprio an die Spitze einer Spezialeinheit zur Bekämpfung von Umweltstraftaten. In dieser Zeit deckte er enge Verflechtungen zwischen der Politik und der milliardenschweren Müllmafia in seiner Heimat Sizilien auf. Seit einem Jahr ist er als parteiunabhängiger Politiker Umweltminister der Region Kalabrien. Bis heute wird er auf Schritt und Tritt von einer Polizeieskorte begleitet. Öffentlich zeigt er sich zu seinem eigenen Schutz stets vermummt.


Ich habe meinen Kollegen gesagt, ‚Wir müssen etwas machen, das in die Richtung des Schutzes der Art geht und nicht das Gegenteil. Deswegen stimme ich nicht mit euch überein’. Aber ich war allein und ich bin allein geblieben.
Ein Porträt einer Turteltaube vor leerem Hintergrund
Bedrohte Schönheit. Italien erlaubt die Jagd auf mehr Turteltauben als in der Europäischen Union noch leben.
Zwei Turteltauben sitzen bei Hitzeflimmern auf dem Boden eines Ackers.
Anfang September ist der Höhepunkt des Turteltauben-Zuges in Südeuropa. Genau zu diesem Zeitpunkt erlaubt Italien die Jagd auf die Vögel.

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Thomas Krumenacker

Thomas Krumenacker

Thomas Krumenacker ist Journalist und Naturfotograf in Berlin. Neben den RiffReportern schreibt er für überregionale Zeitungen und Fachjournale über Wissenschaftsthemen.


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