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Als hätten sich die Vögel verabredet

Was wir bei den Flugbegleiter-Exkursionen in Berlin, Köln und der Lüneburger Heide gesehen, gehört und erlebt haben

von
08.05.2019
7 Minuten
Steinschmätzer und Schwarzkehlchen im Blick: TeilnehmerInnen der Flugbegleiter-Exkursion in die Lüneburger Heide konnten gleich zwei nicht ganz alltägliche Feldvogelarten gleichzeitig aus nächster Nähe beobachten

Mit Johanna Romberg in der Lüneburger Heide

Einige Moment lang dachte ich, die Feldlerche würde uns im Stich lassen. Es war schon nach 8 Uhr, als sie sich zum ersten Mal hören ließ. Wir blieben sofort stehen und legten die Hände hinter die Ohren, aber sie sang, gefühlt, am anderen Ende der Heide, so weit weg, dass die Kohlmeisen und Baumpieper in unserer Nähe sie glatt übertönten. Nach ein paar Takten schwieg sie wieder.

Eine Vogelexkursion in die Lüneburger Heide ohne Feldlerche: Das hätte ich als persönliche Schmach empfunden. Zwar weiß ich als langjährige Beobachterin natürlich, dass Vögel unberechenbar sind (das ist ja auch das Wunderbare an ihnen). Aber als Leiterin einer Flugbegleiter-Vogelexkursion fühlte ich mich irgendwie doch verantwortlich dafür, den Teilnehmern diese für das Gebiet so typische Art auch vorzuführen.

Zum Glück spielte die Lerche an diesem Morgen doch noch mit. Und nicht nur sie.

Wir sind um sieben Uhr früh aufgebrochen, eine kleine, aber hochmotivierte und erfahrungshungrige Gruppe von VogelfreundInnen und ich. Unser Weg verläuft durch das Naturschutzgebiet Lüneburger Heide, gelegen südlich von Hamburg zwischen Buchholz und Soltau.

Sechs VogelbeobachterInnen stehen auf einem Weg in der Lüneburger Heide und richten ihre Ferngläser auf eine Feldlerche
Ja wo singt sie denn? Sechs VogelfreundInnen lauschen dem ersten, noch sehr entfernten Gesang der Feldlerche in der Heide bei Egestorf.

Es ist eines der ältesten und mit 234 Quadratkilometern größten Naturschutzgebiete Deutschlands. Ornithologisch ist es vor allem als Refugium für Feld- und Wiesenvögel interessant, also diejenigen Arten, die aus der durchschnittlichen norddeutschen Agrarlandschaft immer mehr verschwinden oder schon verschwunden sind: Goldammern, Stieglitze, Wiesen- und Baumpieper, Neuntöter, Schwarz- und Braunkehlchen. Auch eine kleine, sorgsam gehütete Restpopulation von Birkhühnern hält sich hier. Und natürlich kommen sowohl Heide- als auch Feldlerche vor, beide in großer Zahl, weil sie hier einen seltenen gewordenen Biotoptyp vorfinden: weite, offene Flächen, über die weder Traktoren, Güllewagen noch Mähdrescher fahren. „Landwirtschaft“ betreiben hier fast ausschließlich die Heidschnucken, die Gras und Baumtriebe kurz halten und so dafür sorgen, dass die lila blühende Heide sich bis heute kilometerweit über die sandigen Endmoränenhügel dehnt.

Diese Offenheit kommt auch Beobachtern entgegen. Was immer über den – zur dieser Jahreszeit noch erdbraunen – Erika- und Calluna-Büschen flattert und singt, lässt sich leicht entdecken. Und da das Wetter an diesem Samstagmorgen günstig ist – kühl, aber sonnig und nicht zu windig – brauchen wir schon für die ersten paar hundert Meter unserer Strecke eine gute halbe Stunde. Um Goldammern zu betrachten, deren gelbe Köpfe im Frühlicht besonders intensiv leuchten, um Buchfinken schmettern und Meisen zetern zu hören, um den melancholischen Gesangsgirlanden der Heidelerche zu lauschen und die Flugshow der Baumpieper zu bewundern, die sich beim Balzen senkrecht, fast ohne einen Flügelschlag, von den Wacholderbüschen herab gleiten lassen.

Gegen 8.15 Uhr lässt sich endlich auch die Feldlerche aus der Nähe hören und sehen. Nicht nur eine. Ein halbes Dutzend tummelt sich plötzlich neben und über uns, singt hoch am Himmel und wuselt durchs Heidekraut auf der Suche nach Insekten.

Ein Steinschmätzer steht in typisch aufrechter Haltung vor blühenden Heidesträuchern.
Auf dem Boden, sehr aufrecht, im Hintergrund Heidekraut: Ziemlich genauso haben wir ihn auch gesehen, den Steinschmätzer. Nur dass bei unserer Exkursion die Heide noch nicht so schön blühte.

Die Lerchen sind erst der Anfang. Teilnehmerin Ruth, die von uns allen die schärfsten Augen hat, entdeckt auf einer kahlen Fläche einen etwa lerchengroßen Vogel mit auffallend weißem Bauch. Leichter Überaugenstreif, orange überhauchte Brust, sehr aufrechte Haltung. Eine halbe Minute rätseln wir herum, dann fliegt er auf und präsentiert seinen unverkennbaren schwarzweißen Bürzel: ein Steinschmätzer-Weibchen! Das Männchen dazu sehen wir auch noch; es kabbelt sich gerade mit einem ungewöhnlich bunten Vogel, den wir als Schwarzkehlchen identifizieren. Auch dieses Teil eines Paares, das offenbar gerade sein Brutgeschäft begonnen hat.

Spätestens in diesem Moment zeigt sich, dass über dieser Exkursion ein Zauber liegt. Es ist, als hätten die Vögel verabredet, sich diesen sechs Leuten mit Ferngläsern nicht nur zu zeigen, sondern einen möglichst bleibenden Eindruck bei ihnen zu hinterlassen.

„Einige von euch haben noch nie einen Steinschmätzer gesehen? Okay, meine Verwandten auf der anderen Seite des Bachs werden sich gleich nochmal prominent auf ein paar Zaunpfählen postieren, damit ihr sie von allen Seiten bewundern könnt.“

„Ihr habt mich vorhin nur kurz gehört? Kein Problem, ein Artgenosse aus dem Nachbarrevier wird sich nachher von einem Baum herab melden, so laut und ausdauernd, dass ihr nicht so schnell vergessen werdet, wie ein Gartenrotschwanz klingt.“

„Ich habe vorhin zu hoch am Himmel gesungen? Okay, dann steige ich nochmal über Euren Köpfen auf, so dicht, dass ihr die weißen Seitenfedern meines Schwanzes leuchten sehen könnt. Und die Feldlerchen, die euch künftig über den Weg fliegen, ohne Probleme erkennen werdet.“

So, genau so kommt es uns vor. Und zwar wörtlich.

Ein Wendehals, der auf einem Ast hockt, wendet seinen Hals dem Fotografen zu.
Gesehen haben wir ihn leider nicht, was kein Wunder ist: Aus größerer Entfernung hebt sich der Wendehals farblich kaum von den Ästen ab, auf denen er gern hockt. Aber gehört haben wir ihn laut und deutlich.

Am Ende der Exkursion stehen 36 Arten auf unserer Liste, und die meisten TeilnehmerInnen können sich über mindestens eine Erstbeobachtung freuen. Denn zu den Steinschmätzern und Schwarzkehlchen sind noch zwei Braunkehlchen gekommen, die auch in der Heide wirklich rar sind. Kurz nachdem wir sie entdeckt hatten, ließ sich – dramaturgisch perfekt – auch noch der Wendehals hören, in aller Deutlichkeit.

Einstimmiges Fazit: Im nächsten Jahr sollte es unbedingt wieder eine Flugbegleiter-Exkursion im Raum Hamburg geben. Vorläufiges Ziel: die Elbtalaue.

Die Dorngrasmücke trotzt dem Regen

In die Wahner Heide mit Franz Lindinger und Claudia Ruby

Für die rheinischen Flugbegleiter geht es in die Wahner Heide. Direkt an den Köln-Bonner-Flughafen grenzt ein fast 40 Quadratkilometer großes Naturschutzgebiet. Bis 2004 wurde die Heide als Truppenübungsplatz genutzt, und wie so oft konnte sich die Natur neben fahrenden Panzern und Schießübungen ungestört entwickeln. Heute gilt die Wahner Heide mit rund 100 Brutvogelarten, mehr als 2500 Käferarten, und über 700 Tier- und Pflanzenarten der Roten Liste als eines der artenreichsten Naturschutzgebiete in NRW.

Auf kleinstem Raum grenzen Heideflächen und Sümpfe, Feuchtwiesen und Bruchwälder aneinander. Startende und landende Maschinen vom benachbarten Flughafen sind immer wieder zu sehen und zu hören – und mischen sich auf merkwürdige Weise mit dem Gesang seltener Vogelarten. Bodenbrüter wie Heidelerche und Schwarzkehlchen gibt es hier noch in großer Zahl, und damit das so bleibt, werden die Besucher aufgefordert, auf den Wegen zu bleiben. Trotz Zäunen und Warnhinweisen wegen alter Munition im Boden hält sich nicht jeder daran.

Franz Lindinger, Vogelkenner, Kameramann und Nabu-Mitglied, leitet unsere Exkursion. Schon Tage vorher verfolgen wir gespannt die einschlägigen Wetter-Apps: Dass es regnen wird, ist klar – der frühe Morgen soll jedoch trocken bleiben und so stehen wir am Samstag morgen um 7 Uhr am sogenannten Paradeplatz der Wahner Heide. Die ersten Bestimmungsübungen starten direkt auf dem Parkplatz.

Was dann geschieht, erzählt unsere Bildergalerie:

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Ein noch kahler Baum hebt sich schwarz vor dem Morgenhimmel über der Wahner Heide ab
Morgens um 7 Uhr ist es noch kalt in der Wahner Heide. Das Vogelkonzert aber hat schon begonnen – wir hören Amsel, Fitis, Kohlmeise, Zaunkönig und Ringeltauben.
Eine Gruppe von Vogelbeobachtern in Anoraks hat Spektive und Ferngläser auf einen Vogel gerichtet, der vom Betrachter aus gesehen rechts singt
Zwei Spektive, acht Ferngläser, 16 Augen und Ohren sind im Einsatz. Und schon an der ersten Station – am Paradeplatz – erwartet uns ein ganz besonderer Vogel.
Auf einem ziemlich verwitterten Baumstumpf sitzt eine braunweiß gemusterte Heidelerche und blickt nach rechts
Die Heidelerche. Sie bleibt lange genug sitzen, so dass wir uns alle Merkmale genau anschauen können. Der typische Überaugenstreif, der – anders als bei der Feldlerche – bis zum Hinterkopf reicht, ist hier gut zu sehen.
Auf der stark zerfurchten Borke einer alten Eiche sitzt ein Kleiber und pickt kopfüber daran
Ein Stück weiter demonstriert der Kleiber, was nur er kann: Mit dem Kopf voran klettert er den Baum hinab.
Franz Lindinger, Vogelbeobachter und Tontechniker, erklärt einer Gruppe von Beobachtern die Unterschiede zwischen verschiedenen Vogellauten
Vogelkenner Franz Lindinger leitet unsere Exkursion.
Zwischen zwei Ästen sitzt ein Buntspecht-Weibchen, dem Betrachter den Rücken zugewandt
Mit einem lauten „tok-tok-tok“ verrät sich der Buntspecht. Es ist ein Weibchen, sonst würde man hier einen roten Genickfleck sehen.
Auf der Spitze eines belaubten Busches sitzt eine knallgelbe Goldammer und singt
Es hat schon zu nieseln begonnen, als die Goldammer ihren typischen Gesang anstimmt: „Wie, wie, wie hab ich dich lieb.“ Für eine Teilnehmerin ist es die erste Goldammer überhaupt – und die Exkursion damit ein voller Erfolg.
Eine Gruppe von Vogelbeobachtern in Jeans und Anoraks richtet ihre Ferngläser himmelwärts
Es kann auch Spass machen, Vogelbeobachter zu beobachten.
Auf einem noch kahlen Busch sitzt ein Schwarzkehlchen-Weibchen; im Bild sind Regentropfen zu erkennen
Der Schwierigkeitsgrad steigt: ein Weibchen im Regen. Der Bestand der Schwarzkehlchen nimmt seit einiger Zeit zu. Sie konnten von der Roten Liste gestrichen werden.
Eine Mönchsgrasmücke sitzt in einem noch kahlen Busch und singt
Der Gesang ist laut und deutlich zu hören – aber wo steckt die Mönchsgrasmücke? Ganz weit oben.
Auf dem obersten Zweig eines Dornbuschs, auf den es kräftig regnet, sitzt eine Dorngrasmücke und singt
Mittlerweile regnet es kräftiger. Die Dorngrasmücke lässt sich davon nicht irritieren. Ein schöner Abschluss für unsere Exkursion.
Eine Gruppe grauer Esel steht auf einer mit Heide bewachsenen Grünfläche in der Wahner Heide
Esel sorgen dafür, dass das offene Gelände der Heidelandschaft erhalten bleibt. Früher haben Panzer die Verbuschung verhindert. Heute übernehmen Weidetiere die Aufgabe.

Wir Sumpfflaneure

Im Tegeler Fließ mit Christian Schwägerl

Am Eingang zum Landschaftsschutzgebiet verharren wir ein paar Minuten. Mit einiger Mühe haben sich viele der Teilnehmer an diesem Samstagmorgen aus dem Bett geschält, um rechtzeitig am vereinbarten Treffpunkt im Berliner Nordwesten zu sein. Jetzt heißt es nach diesem Energieschub, für einen Moment zur Ruhe zukommen, hinzuhören. Und was es da alles zu hören gibt: Kirchenglocken, die Feuerwehr, Flugzeuge, das Grundbrummen der Großstadt. Dazu das angenehme Rauschen der Blätter im Wind – und die ersten Vögel: Zaunkönige, Amseln, Ringeltauben und Nebelkrähen. Dann pirschen wir hinein ins Tegeler Fließ, wo die ältesten Überreste menschlicher Besiedlung im Berliner Raum gefunden wurden und wo seit Jahrhunderten Mühlen-, Ziegel- und Torfwirtschaft eine Landschaft haben entstehen lassen, die nun urwüchsig erscheint.

Wir beschreiben uns gegenseitig die Vogelstimmen, die wir hören, suchen nach Wegen, sie zu uns merken – und plötzlich sind alle gebannt: Auf der anderen Seite des Hermsdorfer Sees sitzt ein Eisvogel, der genüßlich einen kleinen Fisch bearbeitet. Wenige Minuten später gesellt sich eine Schwanzmeisenfamilie zu uns. Die Eltern turnen mit fluffigen Jungvögeln durchs Gebüsch, die sich kein Pixar-Programmierer besser ausdenken könnte. Kurz danach das dritte Highlight: ein Rohrschwirl singt im Röhricht, unermüdlich wie ein Uhrwerk.

Er wird nicht der einzige Sumpfbewohner sein, der uns Sumpfflaneuren begegnet. Das Quieken der Wasserralle allerdings, die es hier geben soll, hören wir nicht, Einer von vielen Gründen, zurückzukommen.

Die Teilnehmer einer Vogelexkursion scharen sich um Christian Schwägerl, der die drei Schichten der Klangwelt nach dem Bioakustiker Bernie Krause erklärt: Geophonie, Biophonie und Anthropophonie.
Am Anfang der Exkursion ging es um die drei Schichten der Klangwelt um uns herum, wie Bernie Krause sie klassifiziert hat: die Geophonie, die Biophonie und die Anthropophonie.

Unsere Artenliste aus dem Tegeler Fließ, 4.Mai 2019, 7.45–11 Uhr, bedeckt, windstill, ca. 7 Grad C

  • Amsel
  • Bachstelze
  • Blaumeise
  • Buchfink
  • Buntspecht
  • Eichelhäher
  • Eisvogel
  • Elster
  • Feldsperling
  • Fitis
  • Gartenbaumläufer
  • Gartenrotschwanz
  • Goldammer
  • Grünfink
  • Grünsprecht
  • Haubentaucher
  • Hausrotschwanz
  • Haussperling
  • Heckenbraunelle
  • Höckerschwan
  • Klappergrasmücke
  • Kleiber
  • Kohlmeise
  • Kraniche
  • Kuckuck
  • Mönchsgrasmücke
  • Nachtigall
  • Nebelkrähe
  • Rauchschwalbe
  • Ringeltaube
  • Rohrschwirl
  • Rotkehlchen
  • Schwanzmeisen
  • Singdrossel
  • Sommergoldhähnchen
  • Star
  • Stieglitz
  • Stockente
  • Teichrohrsänger
  • Zaunkönig
  • Zilpzalp

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Johanna Romberg

Johanna Romberg

Johanna Romberg war von 1987 bis 2019 Autorin und Redakteurin der Zeitschrift GEO. 2018 erschien ihr erstes Buch „Federnlesen – vom Glück, Vögel zu beobachten“ im Lübbe-Verlag. Soeben ist ihr zweites Buch erschienen, Titel: „Der Braune Bär fliegt erst nach Mitternacht. Unsere Naturschätze – wie wir sie entdecken und retten können“.


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