Kommission leitet Offensive für mehr Natur in Europa ein

Mit großflächigen Renaturierungen und einer Halbierung der Pestizide will die EU in acht Jahren die Wende in der Öko-Krise schaffen. Naturschützer loben das Paket als historisch

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Drohnenfoto eines Moores

Die EU-Kommission wagt einen neuen großen Wurf im Kampf gegen Klimawandel und Naturzerstörung. Nach monatelanger Verzögerung legte sie am Mittwoch weitreichende Vorschläge für eine ökologische Wiederbelebung des Kontinents vor. Die Kommissionsvorschläge zur Renaturierung sehen unter anderem vor, dass bis 2030 Maßnahmen zur Wiederherstellung geschädigter Ökosysteme auf mindestens 20 Prozent der Land- und Meeresfläche der Union umgesetzt werden. Bis 2050 sollen alle Ökosysteme an Land und 90 Prozent der Meere in einen guten ökologischen Zustand gebracht werden.

Für die Mitgliedstaaten sollen die Vorgaben verbindlich sein und alle Lebensräume betreffen – vom Wald, über die Agrarlandschaft bis hin zu Mooren, Küsten und Gewässern. Dabei geht es unter anderem um die Wiedervernässung trockengelegter Moorwiesen, die Umgestaltung von Forsten in naturnahe Wälder oder der Schutz von Flussauen und Seegraswiesen. Die Mitgliedstaaten müssen nun konkrete nationale Wiederherstellungspläne zur Umsetzung der Vorgaben aufstellen. Die Kommission prüft diese dann und kann die Länder auf Änderungen verpflichten.

Gleichzeitiger Klima- und Naturschutz soll Vorfahrt haben

Bevorzugt soll mit der Renaturierung in solchen Lebensräumen begonnen werden, die das größte Potenzial für den Abbau und die Speicherung von Kohlenstoff und die Vorbeugung gegen Naturkatastrophen wie Überschwemmungen bieten. Dazu gehören Flusstäler, Auwälder und Moore. Die Kommission stellt bis 2030 insgesamt 100 Milliarden Euro für das Programm zur Verfügung.

Drohnenfoto eines Moores
Moore spielen eine wichtige Rolle beim Klima- und Naturschutz

Auch für Städte soll es verbindliche Ziele für mehr Grün geben: Der Verlust an städtischen Grünflächen soll bis 2030 gestoppt werden. Bis 2050 sollen Grünflächen um fünf Prozent wachsen, und in allen europäischen Städten sollen dann 10 Prozent der Fläche mit schattenspendenden Baumkronen überspannt sein.

Mehr Schmetterlinge und Vögel auf den Äckern

In der vom Artenrückgang besonders stark betroffenen Agrarlandschaft soll sich der Erfolg der Renaturierung daran zeigen, dass wieder mehr Schmetterlinge und Feldvögel dort leben können und die Zahl von Hecken, Baumreihen und anderen Naturrefugien deutlich zunimmt. Um Flüsse wieder in einen besseren ökologischen Zustand zu versetzen, sollen Hindernisse wie Sperrwerke abgebaut werden.

Bis 2030 sollen mindestens 25 000 Flusskilometer in in frei fließende Flüsse umgewandelt werden. Weiteres Ziel ist die Umkehr des dramatischen Insektensterbens. So soll der Rückgang der Bestände bestäubender Insekten bis 2030 gestoppt werden. In der Landwirtschaft soll die Menge der verwendeten Pestizide bis 2030 um 50 Prozent reduziert werden.

Die Verordnungsentwürfe sind Schlüsselelemente des Green Deals zur Transformation der Staatengemeinschaft hin zu Klimaneutralität und Nachhaltigkeit. Die Kommission sieht ihr Paket auch als Signal für die bevorstehende Weltnaturkonferenz, bei der im Dezember in Kanada ein globales Rahmenabkommen zum Schutz und zur nachhaltigen Nutzung der Natur beschlossen werden soll. Dazu wollen zahlreiche Staaten – darunter die EU – erreichen, dass bis 2030 jeweils 30 Prozent der Land- und Meeresflächen der Erde unter wirksamen Schutz gestellt werden.

Europa wandelt sich nicht zur Wildnis

Selbst bei Umsetzung der Strategie wird sich Europa in den nächsten Jahren nicht in ein Wildnis-Paradies verwandeln. Die Maßnahmen zur Renaturierung betreffen ausdrücklich alle Lebensräume – nicht nur die in Schutzgebieten. Eine Wiederbelebung der biologischen Vielfalt soll etwa in der Landwirtschaft weiter mit einer wirtschaftlichen Nutzung einher gehen. „Die Wiederherstellung der Natur ist nicht gleichbedeutend mit Naturschutz und führt nicht automatisch zu mehr Schutzgebieten“, betont die Kommission. Auch müssen renaturierte Gebiete anschließend nicht zwingend als Schutzgebiete ausgewiesen werden.

„Bei der Wiederherstellung geht es darum, im Einklang mit der Natur zu leben und zu produzieren, indem überall für mehr biologische Vielfalt gesorgt wird, und zwar auch in den Gebieten, in denen Wirtschaftstätigkeiten stattfinden, wie z. B. Wälder, landwirtschaftliche Flächen und Städte“, stellt die Kommission klar. Konkret setzen die Vorschläge die „Farm-to-fork-Strategie“ für gesündere und nachhaltigere Lebensmittelproduktion und die Biodiversitätsstrategie zur Bekämpfung des Artensterbens um. Die Entwürfe müssen zunächst vom EU-Parlament und anschließend von den Staats- und Regierungschefs der Gemeinschaft gebilligt werden, bevor sie in Kraft treten.

Drohnenfoto eines Moores
Moore, Wälder und Meere sollen wieder natürlicher werden. Das schützt Klima und Natur, finden auch die G7. Sie unterstützen das Konzept der Nature-based Solutions

„Naturschutz sichert Lebensmittelversorgung“

Wohl auch, um Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen, betonte die Kommission, dass damit auch ein wichtiger Beitrag zur Lebensmittelsicherheit geleistet werde. Bei Agrarindustrie und Bauernverbänden stoßen vor allem die Pläne zur Pestizid-Reduzierung auf Ablehnung. Angesichts des Kriegs in der Ukraine und der damit verbundenen Getreideknappheit sei eine weitere Verringerung der Produktion durch den Verzicht auf Chemie auf den Äckern nicht zu verantworten, argumentieren sie.

Die Kommission hält ihre Vorschläge dagegen für einen entscheidenden Beitrag, um den Kollaps von Ökosystemen zu verhindern und den Auswirkungen von Klimawandel und Biodiversitätsverlust entgegenzuwirken. Die Wiederherstellung von Natur sei eine preiswerte Investition in Ernährungssicherheit, Widerstandsfähigkeit gegen den Klimawandel, Gesundheit und menschliches Wohlbefinden, betonten die Kommissare. Die Verringerung von Pestiziden werde den ökologischen Fußabdruck der Lebensmittelerzeugung der EU deutlich verringern und Gesundheit und das Wohlbefinden von Bürgerinnen und Bürgern sowie der Beschäftigten in der Landwirtschaft schützen.

Der für den europäischen Green Deal zuständige Kommissions-Vizepräsident Frans Timmermans nannte das Paket „einen enormen Schritt nach vorn bei der Bewältigung des drohenden Ökozids“. Umweltkommissar Virginijus Sinkevičius betonte, die Pläne spiegelten den eindeutigen Wunsch einer Mehrheit der Europäer, wieder mehr Natur zuzulassen.

Naturschutzverbände loben Vorhaben als Meilenstein

Auch Naturschutzverbände begrüßten die Kommissionsvorschläge einhellig. Der Naturschutz-Dachverband Birdlife International erklärte, die Pläne seien trotz einiger Schwächen historisch und böten eine „riesige Chance zur Bekämpfung der Biodiversitäts- und Klimakrise“.

"Es geht nicht nur um das Überleben der Natur, sondern auch um das Überleben der Menschheit“, sagte Birdlife-Expertin Sofie Ruysschaert. „Von der Landwirtschaft bis zur Fischerei hängt unsere Fähigkeit, die Menschheit weiterhin zu ernähren, davon ab, dass wir die Schäden an den Ökosystemen beheben, solange wir noch können.“

Die WWF-Biodiversitätsexpertin Sabien Leemans würdigte die Pläne als große Chance, die Natur zurückzubringen, bevor die Klima- und Biodiversitätskrise völlig außer Kontrolle gerate.

Auch Nabu-Präsident Jörg-Andreas Krüger lobte, dass die Pläne Natur- und Klimakrise gleichzeitig angingen. „Die vorgestellten Renaturierungsziele für natürliche Lebensräume wirken in Richtung beider Krisen“, die Bundesregierung müsse sie deshalb unterstützen und wo nötig verbessern. Zudem müssten sie so schnell wie möglich in Deutschland umgesetzt werden.

Der EU-Experte des Verbandes, Raphael Weyland, kritisierte allerdings, dass die Vorgaben für die Wiedervernässung von Mooren auf den letzten Metern noch abgeschwächt worden seien. Dies müsse im Gesetzgebungsverfahren ausgebügelt werden.

Im Projekt „Countdown Natur“ berichten wir mit Blick auf den UN-Naturschutzgipfel über die Gefahren für die biologische Vielfalt und Lösungen zu ihrem Schutz. Die Recherchen zu diesem Beitrag wurden von der Hering Stiftung Natur und Mensch gefördert. Sie können weitere Recherchen mit einem Abonnement unterstützen.

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Thomas Krumenacker

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