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Unser Festmahl vor der Hungersnot: Der Geologe James Powell malt das Klimakrisen-Leben 2084 aus

Science fiction mit Realismusanspruch – düstere Szenarien, die unter die Haut gehen

von
22.02.2021
4 Minuten
Dunkle, bedrohliche Regenwolken.

Vor dem Hintergrund, dass in den vergangenen Monaten auch der Tod von Hunderttausenden Menschen durch Covid vielen Mitmenschen nicht Anlass genug war, ihr Verhalten freiwillig und ohne Murren einzuschränken, hat das Buch „2084“ von James Lawrence Powell schwere Startbedingungen.

Der US-amerikanische Geologe, Forschungsmanager und Regierungsberater möchte mit realistisch anmutenden Zukunftsszenarien die Gefahren einer ungebremsten Erderhitzung so lebensnah heraufbeschwören, dass auch dem Letzten klar wird, wie wichtig es ist, die Klimakrise abzuwenden.

Das Buch ist aus der Perspektive eines 2012 geborenen Historikers geschrieben, der Ende 2084 zu verstehen versucht, wie all die schrecklichen Dinge passieren konnten, die während seines Lebens über die Menschheit gekommen sind. Dieser Historiker übt sich nicht nur in der altmodischen Kunst, ein Buch mit Hilfe von Stift und Papier niederzuschreiben, sondern hatte zeitlebens auch ein Faible dafür, Zeitzeugen zu interviewen.

Diese Zeitzeugen lernen Leserinnen und Leser in jeweils abgeschlossenen Geschichten kennen, angefangen mit einem Klimatologen, der uns heute Lebenden ausbuchstabiert, dass wir wider besseres Wissen unverantwortlich viel Kohlendioxid freigesetzt haben und uns von Lügen über eine angebliche Verschwörung der Wissenschaft ablenken ließen, für die es keine harten Belege gab.

„Es war unmöglich, Einwohner wie Politiker davon zu überzeugen, dass dies das Festmahl vor der kommenden Hungersnot war"

Selbst in den frühen 2020ern hätte die Erderwärmung noch auf drei Grad Celsius begrenzt werden können, sagt der Klimaforscher. „Als endlich etwas geschah, waren selbst vier Grad nicht mehr einzuhalten.“

Kollabierende Gletscher, untergehende Städte

Die nächste Interviewpartnerin des Historikers ist eine langjährige Umweltkorrespondentin der Tageszeitung Le Monde, die Ergebnisse ihrer Recherchen in ganz Europa rekapituliert. „Der Permafrost, der Fels und Erde auf dem Matterhorn festhielt, schmolz und ließ Geröll bergab rutschen“, erzählt sie und beschreibt Skihütten und Restaurants in Alpendörfern, die unter Gesteinsmassen begraben sind. „Marokko in der Schweiz“ heißt dieses Kapitel. Die Journalistin berichtet von Mittagstemperaturen von 51 Grad, von mehreren Hundert Millionen Flüchtlingen, die im kühleren Norden Europas Schutz suchen und von ausgetrockneten Plantagen in Spanien.

Insgesamt zehn solcher fiktiver Interviews bietet das Buch. Sie sind in einer sehr lebendigen Sprache und mit einiger Vorstellungskraft verfasst, gründen aber zugleich auf dem aktuellsten Wissensstand der Klimaforschung. Und so lässt Autor Powell, selbst Geologe, einen Geologen der Zukunft sprechen, der den Untergang von New Orleans nach einem Monstersturm im Jahr 2048 mit kühler Präzision rekonstruiert.

Ein früherer peruanischer Umweltminister erzählt, wie das Schmelzwasser aus den Anden zunächst die Illusion schuf, es gebe Wasser im Überfluss. „Es war unmöglich, Einwohner wie Politiker davon zu überzeugen, dass dies das Festmahl vor der kommenden Hungersnot war", erinnert er sich.

Das Buch macht aber bei Veränderungen unserer physischen Umwelt nicht Halt. In mehreren Szenarien berichtet es von Kriegen – im Nahen Osten ebenso wie am Indus – bei denen die Klimakrise der entscheidende Treiber war. Es malt die Eroberung des kühleren Kanadas durch die USA ebenso aus wie die Wiedergeburt des Faschismus in den USA infolge des klimabedingten Chaos und der unerbittlichen Verteilungskämpfe. Man kann sich gut vorstellen, wie Powell sich beim Schreiben dieses Buchs regelrecht mental verausgabt hat. Bis zum freiwilligem Sterben als neuem Trend reicht seine Wissenschaftsfiktion.

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Doch reichen solche Szenarien, um die aktuelle Debatte zu beeinflussen?

Zu wünschen wäre es, dass der Fiktion gelingt, was seit nunmehr 50 Jahren öffentlicher Debatte über die Gefahr der Erderhitzung Zahlen und Fakten nicht zu schaffen vermögen. Offenbar fehlt es trotz der Popularität von Fantasy- und Zukunftsfilmen auf Streamingportalen weiten Teilen der Öffentlichkeit noch immer an einer ausreichenden Vorstellungskraft für die Risiken, die wir durch fortgesetzt hohe Emissionen in die Erdatmosphäre nicht nur heraufbeschwören, sondern in die Geophysik des Planeten einprogrammieren.

Follow the science

Der kapitale Fehler von Öffentlichkeit und Politik ist es, die Klimakrise zu behandeln wie jedes andere politische Problem, das man heute lösen kann oder eben auch erst morgen. „2084“, dessen Jahreszahl wohl nicht ohne Grund hundert Jahre zu George Orwells Dystopie addiert, führt vor Augen, wie illusionär diese Annahme ist. Der Leser bekommt hautnah zu spüren, dass die künftigen Erdbewohner zu vielem in der Lage sein müssen, aber unser heutiges Verhalten nicht werden verzeihen können.

Haben Wissenschaftler in den ersten Jahrzehnten der Klimadebatte darauf gesetzt, allein durch Zahlen und Projektionen zu überzeugen, ist seit einigen Jahren die Überzeugung gereift, dass politisches Engagement nötig sei. Zuerst der „March for Science“ und dann die Demonstrationen von „Fridays for Future“ senden die Botschaft, die Gesellschaft müsse auf die harten Erkenntnisse der Klimaforschung hören.

In der Diskussion wurden schon bisher die konkreten Risiken steigender Temperaturen und Meeresspiegel benannt. Dass nun aber mit Powell ein Wissenschaftler selbst zum Mittel der Fiktion greift, kann nur als weitere Eskalation im Ringen um eine angemessene gesellschaftliche Reaktion verstanden werden.

Das Buch ist deshalb zu empfehlen. Es eignet sich auch für die Diskussion im Unterricht oder in Strategiesitzungen von Unternehmen.

Ausweg Kernkraft?

Die einzige Schwäche von „2084“ ist der Versuch eines Lösungskapitels ganz zu Ende, in dem der Eindruck entsteht, die Kernenergie allein könne die Klimakrise aufhalten. So wichtig eine offene Diskussion über die Energiepolitik ist, so lässt sich doch mit Sicherheit sagen, dass es für gewichtige CO2-Quellen in der Wärmeversorgung, in der Mobilität und in der Landwirtschaft nukleare Alternativen nicht gibt. Zudem ist Kernenergie weder das billigste noch das am schnellsten verfügbare Mittel CO2-freier Stromgewinnung.

Aber letztlich lädt auch dieses Kapitel zu dem ein, was dieses Buch beflügeln will: Eine Diskussion, die sich offen der Aussicht stellt, dass wir Heutigen den Planeten Erde innerhalb dieses Jahrhunderts bis zur Unkenntlichkeit herunterwirtschaften werden, wenn es nicht schnell zu sehr grundlegenden Veränderungen kommt.

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James Lawrence Powell, 2084: Eine Zeitreise durch den Klimawandel, Quadriga, 256 Seiten, 22 Euro

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Christian Schwägerl

Christian Schwägerl

Christian Schwägerl ist freiberuflicher Journalist in den Bereichen Umwelt, Wissenschaft und Politik sowie Buchautor und Mitgründer von RiffReporter.


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Wir Menschen verändern die Erde so tiefgreifend und langfristig, dass der Planet auf Dauer von uns geprägt sein wird. Wir hinterlassen Spuren in der Tiefsee und der Ozonschicht, im Erbgut von Arten und im Weltklima. Keine Generation vor uns hatte so viel Macht über den Planeten. Und so viel Verantwortung. Naturwissenschaftler sprechen deshalb von einer neuen geologischen Erdepoche, dem Anthropozän. Unser Projekt „AnthropoScence" erforscht die Menschenzeit mit journalistischen Mitteln.

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