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Klick dich gesund mit Dr. Amazon

Der weltgrößte Onlinehändler steigt massiv in den Gesundheitsmarkt ein. Warum das für Patienten und das Gesundheitswesen nicht unbedingt eine gute Nachricht ist.

von
06.01.2021
13 Minuten
Medikamentendöschen mit persönlichem Namen und Dosierung

Irgendwann in der nahen Zukunft. Pauls Smartphone vibriert: eine Nachricht von der Amazon-Klinik. „Bitte kommen Sie so rasch wie möglich!“ Dazu gleich ein paar Terminvorschläge. Amazons Fitnessband „Halo“, das Paul rund um die Uhr trägt, zeichne die Herzfrequenz kontinuierlich auf, erklärt die Ärztin bei der Untersuchung. Ein Diagnose-Algorithmus habe subtile Herzrhythmusstörungen entdeckt, die auf einen baldigen Infarkt hindeuteten, mahnt die Medizinerin. Auf dem Nachhauseweg zückt Paul das Handy und geht auf Amazons Website. Dort wartet schon das Rezept für ein Herzmittel. Er klickt es an, woraufhin sich Angebote von mehreren Herstellern der Arznei öffnen. Nach der Auswahl des günstigsten bestätigt die Seite die Lieferung an die Haustür per Amazon-Drohne um 15 Uhr 30.

Amazon will den Gesundheitsmarkt aufmischen

Zurück ins Jetzt. Den Deutschen ist Amazon als Alles-Laden für Konsum bekannt. Gesundheit kaufen sie in der Regel nicht auf der Website eines amerikanischen Tech-Giganten. Doch Amazon arbeitet daran, das zu ändern. Seit Jahren drängt der Digitalriese aus Seattle in den Gesundheitsmarkt, zunächst vor allem in den USA. Da aber auch in Deutschland die Medizin immer digitaler wird, wie jüngst durch die neue elektronische Patientenakte sichtbar, sind Amazons Absichten auch hierzulande relevant.

Amazons Ziele unterscheiden sich auf den ersten Blick nicht von denen anderer Tech-Giganten. Im einem anderen Beitrag von „KI für alle“ ging es um Google. Das Hightech-Mekka wollte immer schon die Zukunft neu erfinden. Es verwundert nicht, dass es von der Gesundheitswirtschaft als einer der größten und am schnellsten wachsenden Geschäftsfeldern der Welt nicht lassen kann.

Zumal die Medizin derzeit einen tiefgreifenden digitalen Wandel erlebt – womit sich die großen Tech-Firmen quasi zuständig fühlen. „Das Gesundheitswesen ist einer der Sektoren, der von künstlicher Intelligenz und maschinellem Lernen verbessert werden wird“, sagte Jeff Bezos im Jahr 2018. „Alexa wird dabei eine Rolle spielen“, meinte der Gründer und Chef von Amazon.

Jeff Bezos, Gründer und CEO von Amazon
Jeff Bezos, Gründer und CEO von Amazon

Das klingt sehr viel bescheidener, als der Anspruch, den die Taten des Onlineriesen erahnen lassen. Nicht umsonst zählte 2019 das amerikanische Branchenmagazin „Modern Healthcare“ Bezos zu den drei „einflussreichsten Personen im Gesundheitswesen“. Denn Amazon dringt auf breiter Front in das Gesundheitswesen vor. Es geht der Firma nicht so sehr um die Zukunftsvision einer individualisierten Medizin, die Google im Blick hat. Vieles deutet darauf hin, dass Amazon das bestehende Gesundheitswesen neu formen will. Das Unternehmen wählt dabei einen Plattform-Ansatz: Es will nicht nur Glied in einer Versorgungskette sein, sondern eine alternative Gesundheitsinfrastruktur anbieten.

Eine private Plattform für die neue Medizin

Beim profaneren Konsum tut es das schließlich auch: Amazon besitzt nicht nur einen Onlineshop, sondern auch physische Einkaufsläden und baut an einer umfassenden, durchdigitalisierten Lieferlogistik mit Flugzeugen, Schiffen und Drohnen. Auch hier will Amazon nicht nur ein Glied in der Kette sein. Der Einzelhandel selbst soll in Amazon aufgehen, in Form eines hocheffizienten digital-analogen Hybrids.

Aber kann ein Techunternehmen das Gleiche mit dem hoch komplexen Gesundheitswesen schaffen? Ja, glaubt ein Kenner der Techgiganten. „Amazon hat alles, was es braucht, um das Gesundheitswesen zu revolutionieren“, schreibt Scott Galloway, Professor für Marketing an der Stern School of Business der New York University und Autor des Buches „The Four“ über Amazon, Google, Facebook und Apple. In wenigen Jahren werde Amazon das am schnellsten wachsende Gesundheitsunternehmen der Welt sein, prognostiziert Galloway.

Es habe das Geld, um massiv in den Sektor zu investieren, schreibt der Experte. Zudem wisse es mehr über die Gesundheitsvorsorge seiner Kunden als jede Krankenversicherung: Was sie essen beispielsweise, oder ob sie Trainingsgeräte kaufen. Schließlich, so Galloway, bringe Amazons Handelsplattform Angebot und Nachfrage auf eine sehr effiziente Weise zusammen. Er sieht einen Service namens „Prime Health“ voraus, für den Ärzte ihre Dienste anbieten. Per Video könnte eine Dermatologin beim Sohn des Prime-Health-Kunden einen Ausschlag diagnostizieren. „Sie müssen nichts weiter tun, als sich einzuloggen, und der Prime-Health-Dermatologe hat sofortigen Zugriff auf die medizinischen Daten Ihres Kindes“, schreibt Galloway.

Gesundheit als Online-Shopping

Amazon ist zielstrebig auf diesem Weg. Derzeit etabliert es sich in den USA als Online-Apotheke. 2018 kaufte es die Firma PillPack. Dieses Unternehmen verpackt verschriebene Medikamente in einzelne mit Datum und Uhrzeit versehene Dosen und sendet das Paket an die Patienten. Mit diesem Service passt es zu Amazons Mantra, es dem Kunden so bequem wie möglich zu machen. Seit Kurzem gehört PillPack zum neu gegründeten Lieferservice für verschreibungspflichtige Arzneien in den USA namens „Amazon Pharmacy“.

Auf Amazons Website sollen Patienten damit teilweise ihre Gesundheit managen können. Amazon will seinen Prime-Kunden bis zu 80 Prozent Rabatt für Nachahmerpräparate bieten. Die Website soll den resultierenden Preis mit dem vergleichen, was der Patient über seine Krankenversicherung zuzahlen würde. Letzteres setzt freilich voraus, dass der Kunde Amazon über seine Versicherung informiert.

Medikamentenfläschchen mit Namen und täglicher Dosis. Amazon Pharmacy versendet persönlich dosierte Arzneien.
Amazon Pharmacy versendet persönlich dosierte Arzneien.

Amazon könnte aus der gesamten Gesundheitsversorgung einen Online-Shop machen, glaubt der amerikanische Analyst für die Gesundheitsbrache Jeff Becker, der sich mit Amazons medizinischen Ambitionen befasst. Der Patient könnte darin den Arzt aussuchen oder den Anbieter für seine MRT-Untersuchung. Auf Anweisung eines Arztes könnte der Service auch Bluttest-Kits oder Urinfläschchen verschicken. „Wir glauben, dass Amazon eine verbraucherfreundliche digitale Eingangstür zum Gesundheitswesen aufbauen und als Service vermarkten wird“, sagte Becker 2018 dem US-Nachrichtenmagazin Newsweek.

Virtuelle Hausbesuche, assistiert von künstlicher Intelligenz

Ein wichtiger Baustein dafür ist Telemedizin, also eine über das Netz vermittelte Konsultation. Während der aktuellen Corona-Pandemie lernen viele deutsche Patienten das in Form von Videosprechstunden mit ihrem Arzt kennen. Telemedizin greift aber schon, bevor ein Arzt ins Spiel kommt. Wenn eine Patientin Symptome spürt, kann sie sie online prüfen, bevor sie einen Termin in der Praxis vereinbart. Websites wie Gesundheitsinformation.de bieten geprüftes Wissen zu medizinischen Themen. Apps helfen auch beim Management von Krankheiten, etwa beim Vereinbaren von Arztterminen.

In Zukunft könnte es noch automatisierter ablaufen. Über smarte Kameras und Lautsprecher, Fitnessbänder und andere Messgeräte lässt sich ein Datenstrom über die Patientin erzeugen. Künstliche Intelligenz wertet diesen aus. In Forschungsprojekten war sie darin schon erfolgreich. An Fotos von Melanomen entscheidet sie treffsicher, ob dieses gut- oder bösartig ist. Aus subtilen Mustern in der Stimme eines Patienten kann KI ein Herzkreislaufrisiko erkennen. Ein daraufhin konsultierter Arzt könnte früher als jetzt gegensteuern.

Die Telemedizin passt zu Amazons Ziel, mit digitaler Technik Kosten und Zeit zu sparen, nicht zuletzt für die Kunden. Intern verwirklicht die Firma das schon mit einem Dienst namens „Amazon Care“. Dieser bietet Angestellten Chats oder Videosprechstunden mit Ärzten. Bei Bedarf sendet der Arzt Medikamente oder eine Pflegekraft, etwa um Blutproben zu entnehmen oder Injektionen zu verabreichen. Der Service soll nun auch außerhalb der Firma ausgerollt werden.

Alexas Ohr für Wehwehchen

Ein weiterer Eckpfeiler für Amazons Pläne in der Telemedizin ist sein digitaler Sprachassistent Alexa. Dessen Stimme breitet sich im Alltag aus. Alexa steuert smarte Lautsprecher, Fernseher, Smartphones und viele andere Geräte. Sie führt gesprochene Befehle aus. Das Spektrum ihrer Funktionen erweitert sich ständig, da Dritte so genannte Skills für Alexa programmieren können. Im Hintergrund greift Alexa auf Amazons immenses Rechnernetz und Speicherplatz zu.

Einige Skills machen aus Alexa eine Art medizinische Beraterin. 2018 entstand innerhalb des Alexa-Teams ein Spezialteam für „Health & Wellness“. Dieses sorgt dafür, dass Alexa-Skills konform mit dem US-Gesetz für den Schutz von Patientendaten HIPAA (Health Insurance Portability and Accountability Act) sind. Schon seit Jahren wächst die Zahl der gesundheitsbezogenen Skills. Es gibt Skills, um mit Diabetes umzugehen, um Blutdruck-Werte zu dokumentieren oder Arzttermine zu vereinbaren. Gesundheitsbezogene Fragen kann Alexa beantworten, indem sie auf die Website des britischen öffentlichen Gesundheitsdienstes „National Health Service“ zugreift.

Alexas Gesundheitsmonitoring soll auch in das Verhalten, insbesondere in das Kaufverhalten von Nutzern eingreifen. Ein Patent von Amazon beschreibt, wie das aussehen könnte: „Alexa, ich bin hungrig“, sagt eine Frau. Dabei schnieft und hustet sie. „Möchtest du eine Hühnersuppe?“, fragt Alexa, ein altbewährtes Hausmittel gegen Erkältung anbietend. Als die Frau ablehnt, disponiert Alexa um: „Möchtest du Hustentropfen mit einer Stunde Lieferzeit?“.

Dr. Alexa spricht auch deutsch

Auch deutsche Krankenkassen bieten Alexa-Skills. Einer davon erklärt medizinische Fachbegriffe, nachdem der Patient Alexa die Diagnose vorgelesen hat, ein anderer hilft Angehörigen beim gemeinsamen Gedächtnistraining mit Demenzkranken, wieder andere liefern Impfinformationen für diverse Reiseländer. Per Alexa-Skill können Nutzer Krankenversicherungen eines deutschen Anbieters aussuchen und bestellen.

Amazon könnte sogar selbst die Krankenversicherung ersetzen, glaubt der Kenner der großen Digitalunternehmen Scott Galloway. Als Datensammler weiß das Unternehmen sehr viel über seine Kunden, vieles davon lässt auf Einkommen und Gesundheitsrisiken schließen. „Wundern Sie sich nicht, wenn Alexa Sie fragt: 'Wollen Sie 25 % bei Ihrer Gesundheitsversicherung sparen“, schreibt Galloway. Ähnliche Angebote könnte Amazon auch ganzen Betrieben machen, glaubt der Marketing-Experte.

Schließlich bringt Amazon sein avisiertes Gesundheitsimperium auch in die analoge Wirklichkeit. Seinen Einzelhandel hat es teils schon physisch verankert, etwa durch den Kauf der amerikanischen Biosupermarkt-Kette „Whole Foods“ oder die kassenlosen Läden namens Amazon Go. In der Medizin wiederholt der Digitalriese dieses Muster nun in Form von Kliniken für die medizinische Grundversorgung, zunächst für seine Mitarbeiter. Fünf solcher Kliniken hat es dieses Jahr im Raum Dallas geöffnet, fünfzehn weitere sind geplant.

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Ein Amazon Go Laden
Ein Amazon Go Laden

Alles soll sich bei Amazon um den Kunden drehen, um den Einzelnen also. Soviel ist allgemein bekannt. Doch der Tech-Gigant hat noch ein anderes Standbein. Sein Tochterunternehmen „Amazon Web Services“ vermietet Hard- und Software an Kunden. AWS ist einer der führenden Cloud-Computing-Anbieter weltweit – und für Amazon ein weiterer Eckpfeiler für seine Pläne im Gesundheitswesen.

AWS ist so etwas wie ein Arbeitspferd des Internets. Viel genutzte Dienste wie Dropbox oder Netflix speichern und verarbeiten ihre Daten dort. Firmen lagern ihre IT an diesen Dienstleister aus, weil sie dann nur so viel Hardware nutzen, wie sie tatsächlich brauchen: AWS weist die Ressourcen flexibel dem jeweiligen Bedarf zu. Auch die Analyse von Daten bietet AWS an, zum Teil mit lernfähigen Algorithmen, die etwa Muster in Daten erkennen – auch in Patientendaten.

Patientendaten in der Cloud

Daten über Patienten können lebenswichtige Hinweise für ihre Behandlung enthalten. In der aktuellen Corona-Pandemie beispielsweise können das Risikofaktoren für einen schweren Verlauf sein. Patientenakten enthalten solche Informationen aber oft irgendwo, etwa in handschriftlichen Notizen. Risikofaktoren werden so leicht übersehen. In einheitlich strukturierten Patientenakten wäre das leichter. Auch ließe sich damit schneller ermitteln, wer sich für eine klinische Studie eignet und wer nicht. Lernfähige Algorithmen können große Mengen von Patienteninformationen automatisch strukturieren.

AWS bietet so einen Dienst in seiner Cloud. „Amazon Comprehend Medical“ scannt den Rohtext und hebt wichtige Konzepte hervor, etwa Symptome, Testergebnisse, erhaltene Medikamente und ihre Dosis. Er erkennt auch Negationen, wenn etwa der Patient eine Behandlung abgelehnt hat. Die Gesundheitsbranche nutzt Amazon Comprehend Medical bereits, so etwa das „Fred Hutchinson Krebsforschungszentrum“ in Seattle. Die anderen Anwender sind ihrerseits Dienstleister für das Gesundheitswesen. Sie arbeiten für Pharmafirmen, Kliniken oder Ärzte.

Die Digitalisierung des Gesundheitswesens ruft nach einer digitalen Infrastruktur, die viele seiner Akteure nicht besitzen, AWS hingegen schon. Ein eigenes Team widmet sich dort Gesundheits- und Pharmaunternehmen. Und die kommen. Auf der Kundenliste von AWS stehen Pharmagrößen wie Bristol-Myers Squibb, Novartis und Pfizer, die Bostoner Elitenschmiede Harvard Medical School, aber auch Behörden, etwa das mit dem Robert-Koch-Institut vergleichbare amerikanische CDC.

„Project Gesundheit“

Verglichen mit Google wirkt Amazons Angriff auf den Medizinmarkt erdgebunden. Er zielt eher darauf, verschleppte Reformen im Gesundheitssystem der USA zu übernehmen. Die Medizin komplett neu zu erfinden, hin zu einer personalisierten und präventiven Heilkunst scheint nicht das Ziel. Nicht das primäre Ziel zumindest. Denn auch Amazon unternimmt Schritte in diese Richtung.

Die Vision lautet etwa so: Ein ständiger Datenstrom informiert hochpräzise und umfassend über den körperlichen Status jedes Menschen. Algorithmen erkennen früh alle möglichen Krankheitssignale, Monate vor einem Hirnschlag etwa, und empfehlen einen Arztbesuch. So genannte Wearables wie Fitnessbänder sollen die Körpersignale überwachen. Google hat mit Fitbit einen Anbieter für solche Bänder gekauft. Seit Kurzem hat nun auch Amazon ein Fitnessband namens „Halo“ im Angebot. Es überwacht das Gewicht des Trägers, zählt Schritte, analysiert die Stimme oder misst die Schlafqualität.

Zudem sucht bei Amazon eine undurchsichtige Abteilung namens „Grand Challenge“ nach Antworten auf drängende Fragen der Zukunft. Der ehemalige Google-Mann Babak Parviz leitet sie. Der Ehrgeiz ist groß. Das „Project Gesundheit“ (ja, auf deutsch) etwa will einen Impfstoff gegen gewöhnliche Rhinoviren entwickeln und damit die Welt von laufenden Nasen erlösen. Aber auch ernste Krankheiten wie Krebs erforscht das Team. Wie andere Forscher auch, will es mittels maschineller Datenanalysen Muster in Patientendaten finden, die früh auf diese Krankheit hinweisen.

Schattenseiten der Medizin à la Amazon

Wie sich Amazons privates Gesundheitswesen anfühlen könnte, hat die Szene am Anfang dieses Artikels gezeigt. Für den Patienten wäre es genauso bequem, schnell und übersichtlich wie heute ein Einkauf beim Online-Riesen. Schon heute führen Algorithmen den Kunden durch den Amazon-Shop, empfehlen etwa ähnliche Bücher oder Filme. Im ebenso verwirrenden Gesundheitsmarkt könnte diese Technik Orientierung bieten, aber auch zu bizarren Ergebnissen führen. Man stelle sich einmal folgende Empfehlung vor: „Kunden, die diese Chemotherapie gewählt haben, buchten im Anschluss häufig dieses Reha-Zentrum.“

Längst entwickeln Forscher Empfehlungssysteme für medizinische Therapien, etwa Dresdner Forscher um Felix Gräßer oder das IT-Unternehmen IBM mit seiner künstlichen Intelligenz „Watson“. Die Systeme sollen Ärzten helfen, die Behandlung zu finden, auf die ein bestimmter Patient am wahrscheinlichsten anspricht. Verlassen sollte man sich indessen nicht auf Dr. Algorithmus. IBMs „Watson“ habe lebensgefährliche Therapievorschläge gegeben, kritisierten Ärzte, die das System in einer Kopenhagener Klinik getestet hatten. Mal ein schlechtes Buch empfohlen zu bekommen, mag verkraftbar sein. Bei medizinischen Produkten indessen können Fehler fatale Folgen haben. Amazon muss einen Weg finden, Qualität zu garantieren.

Sollte man Amazon Gesundheitsdaten anvertrauen?

Die Hebel, die Amazon einsetzen kann, um sein Ziel zu erreichen sind Daten, Rechnerleistung und ausgefeilte Algorithmen. Ob der Online-Gigant jedoch die wichtigste Zutat verdient, ist fraglich: Das Vertrauen der Patienten. Bislang jedenfalls gibt Amazon wenig Anlass, diesen Vertrauensvorschuss zu gewähren.

Beim Datenschutz besonders in der Kritik steht Amazons Sprachassistent Alexa. Amazon speichert die Sprachbefehle der Nutzer in seiner Cloud. Eine Software transkribiert die Audiodaten. Amazon speichert auch das Transkript. Zwar kann der Nutzer diese Daten löschen lassen. Doch 2019 räumte Amazon ein, dass es diesem Wunsch nicht immer nachkommt. Ein weiterer Kritikpunkt: Alexa zeichnet mitunter Gespräche auf, ohne dass die Nutzerin es weiß. Der Assistent wird durch Signalwörter, etwa „Alexa“, aktiviert. Fallen diese in einer gewöhnlichen Gespräch, hört die Software mit. Alexa dürfte dabei oft auch Aufnahmen von Dritten machen: Besucher oder im Haushalt lebende Kinder könnten unbewusst persönliche Informationen an Amazons Cloud senden, warnt ein Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes des Deutschen Bundestags. Einmal versendete Alexa das unbemerkt mitgeschnittene Gespräch eines Paares an einen ihrer Kontakte, da sie den vermeintlichen Befehl dazu im Gespräch wahrgenommen hatte.

Auch Gesundheitsanfragen an Alexa speichert Amazon, wie der Journalist Benedikt Fuest in der Zeitung „Die Welt“ berichtet. Er fand in seiner Alexa-Historie die Fragen nach Brustschmerz und Fieber wieder. „Gäbe es eine Amazon-Krankenversicherung schon, ich wäre wohl ein Risikokandidat, also ein eher unattraktiver Kunde“, schreibt Fuest.

Wer seine Gesundheitsdaten Amazon nicht anvertrauen möchte, kann auch nicht sicher sein, dass sie nicht doch dort landen. „Out of Control“ überschreibt der Norwegische Verbraucherrat eine Studie über Apps, die personenbezogene Daten unbemerkt vom Nutzer an Dritte weiterleiten. Ein digitaler Menstruationskalender tauscht demnach Information mit Amazon aus.

Der Clouddienst AWS wiederum zeigt Datenlecks. Die Daten von Hotelbuchungsdiensten wie Booking.com waren jahrelang ungeschützt. Ein Dienstleister der Plattformen hatte seinen Datencontainer bei AWS auf wenig Datenschutz konfiguriert. Sensible Daten wie Kreditkarten- oder Ausweisinformation von Millionen Hotelgästen waren zugänglich. Hinweise, dass Cyberkrimnelle das Leck genutzt hätten, gibt es indessen nicht. Ähnliche Sicherheitslücken jedoch gab es öfter. Die Verantwortung für den Schutz der Daten überlässt AWS offenbar seinen Kunden.

Kein Schutz vor behördlichem Zugriff

Auch ein AWS-Kunde, der sorgfältig mit den Daten umgeht, kann nicht wirklich ruhig schlafen. Denn der amerikanische Staat hat sich im Bedarfsfall den Zugriff erlaubt. Gemäß des „Cloud Act“ müssen amerikanische IT-Firmen den US-Behörden auch dann Daten herausgeben, wenn sie diese im Ausland speichern. Dass die deutsche Polizei Daten von Bodykameras an Beamten in Amazons Cloud speichert, wird daher scharf kritisiert.

Christoph Meinel warnt wegen des Cloud Act generell davor, amerikanische Cloud-Dienste zu nutzen: „Deutschland gibt seine Souveränität am Router ab“, schrieb der Informatiker vom Potsdamer Hasso-Plattner Institut in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Zwar lassen sich Daten verschlüsseln, bevor sie in die Cloud wandern. Doch damit wäre ein Dienst wie AWS weniger attraktiv. Denn Kunden wollen nicht nur Speicherplatz auslagern, sondern möglichst die gesamte IT. Auch die Analyse der Daten soll in der Cloud laufen. Dafür werden sie entschlüsselt – eine potenzielle Sicherheitslücke.

Wie sicher ist es, dass Amazon beim Thema Gesundheit nicht das das branchenübliche Gebaren zeigt? Dieses sieht so aus: Neue Märkte forsch mit digitaler Technik überrollen und sich um Kollateralschäden, etwa an der Privatsphäre, später kümmern. „Betatest“ nennen Programmierer das Ausprobieren einer Software durch reale Nutzer. Es stellt sich die Frage: Eignen sich Patienten als Betatester?

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Dr. Christian J. Meier

Dr. Christian J. Meier

schreibt seit 2005 Artikel und Sachbücher über Wissenschaft, Technik und Digitalisierung für verschiedene Verlage. Er hat eine Neigung für umstrittene Themen wie Nanotechnologie oder KI, die die Zukunft grundlegend verändern können. Über die Zukunft schreibt er zudem in fiktionalen Texten. Einige seiner Kurzgeschichten wurden publiziert. Aktuell ist sein erster Thriller „K.I. – Wer das Schicksal programmiert“ erschienen.


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Lektorat: Silke Jäger