„Der Leuchtende Pfad ist immer noch eine offene Wunde in Peru“

Ein Gespräch mit der Historikerin Cecilia Méndez über Vergangenheitsbewältigung – und wer in Lateinamerika Guerrillero und wer Terrorist ist.

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Eine rund 35-jährige Frau mit langen Haaren, Jeans und Lederjacke hält ein Flugblatt in der Hand, mit dem sie auf die Opfer des Terrorismus aufmerksam macht. Dahinter ein Plakat mit dem gefangenen Anführer des Leuchtenden Pfades, Abimael Guzman, in gestreifter Häftlingskleidung und hinter Gitterstäben.

Südamerika-Reporterin Hildegard Willer hat mit der peruanischen Historikerin Cecilia Méndez darüber gesprochen, warum der Tod des Anführers Abimael Guzmans so viele Gemüter erhitzte; warum der Leuchtende Pfad keine Guerrilla-Gruppe wie andere war, und wo der Prozess der Aufarbeitung des Bürgerkrieges heute steht.

Am 11. September starb Abimael Guzman, der wohl grausamste und berüchtigtste Terrorist Lateinamerikas, eines natürlichen Todes im Hochsicherheitsgefängnis der Marine in Callao. Der 86-jährige Gründer und Anführer der Terrororganisation Leuchtender Pfad (Sendero Luminoso) taugte nie zur romantischen Verklärung als “Guerrillero”. Zu grausam waren seine Taten; die von Maos Langem Marsch inspirierte sogenannte Revolution kostete fast 70.000 Menschen den Tod. Paradoxerweise waren die Opfer gerade die indigenen Landbewohnerïnnen, die der Leuchtende Pfad befreien wollte.

Abimael Guzmans Gefangennahme vor 29 Jahren war der Wendepunkt in diesem blutigen Bürgerkrieg zwischen dem Leuchtenden Pfad und der Armee, der zehn Jahre lang vor allem die Andenbewohnerïnnen in Angst und Schrecken versetzt hatte. Nach seiner Gefangennahme wurde Guzman im Sträflingsanzug und in einem Gitterkäfig der Öffentlichkeit vorgeführt – die Bilder gingen um die Welt. Seither wurde es ruhig um den Leuchtenden Pfad und seine Anführerïnnen, die im Hochsicherheitsgefängnis eine lebenslange Haftstrafe verbüßen.

Auch wenn politisch motivierte Terroranschläge in Peru selten geworden sind – in Politik und Gesellschaft ist das Schreckensbild des Terrorismus des Leuchtenden Pfades immer noch mächtig. Die Familie Fujimori gründete ihre politische Dynastie auf den von ihnen sogenannten Sieg gegen den Terrorismus. Wer immer seither in Peru öffentlich den Status Quo herausfordert, muss damit rechnen, als Terrorist, also als Sympathisant des Leuchtenden Pfades, verunglimpft zu werden. Auch Pedro Castillo, ein indigener Dorfschullehrer und der erste linke Präsident Perus seit 30 Jahren, wird von der Opposition immer wieder in die Ecke eines Terroristen gestellt.

Südamerika-Reporterinnen: Was bedeutet der Tod von Abimael Guzman für die Aufarbeitung des bewaffneten Konfliktes in Peru?

Cecilia Méndez: Sehr wenige Menschen stellen sich im Moment diese Frage, es gibt kein gesellschaftliches Klima dafür. Wir haben erstmals eine Regierung, die sich als links definiert, nach einer Wahlkampagne, in der die Kandidaten der Linken von der Opposition als Terroristen verunglimpft wurden, und in der jegliche Kritik am Status Quo als Terrorismus dargestellt wurde. Als nun Abimael Guzman starb, kam von konservativer Seite gleich die Kritik, dass die Regierung sich nicht klar vom Leuchtenden Pfad distanzieren würde.

Anstatt darüber nachzudenken, was dieser Tod bedeutet, ging eine nationale Debatte darüber los, was mit dem Leichnam geschehen sollte.

Wenn wir tiefer analysieren, dann geht mit dem Tod von Abimael Guzman ein Zyklus zu Ende, der 1980 begann und ein Blutbad in Gang setzte, das 18 Jahre lang währen sollte. Nie zuvor gab es in Peru kriegerische Auseinandersetzungen, die so lange andauerten und so viele Opfer forderten. Diese Periode geht zu Ende, denn nun ist Amnestie kein Thema mehr. Zugleich haben wir ein gesellschaftliches Klima, in dem es nicht angesagt ist, darüber zu reden.

Eine Terrasse mit einem runden Holztisch, dahinter eine Holzwand, an der sich eine Pflanze hochrankt. Am Tisch sitzt eine rund 40-jährige Frau mit dunklen Locken, grosser Brille und grauem Pullover. Vor ihr auf dem  Tisch ein alter Foliant.
Die peruanische Historikerin Cecilia Mendez lehrt an der University of California in Santa Barbara (USA).

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