Südafrika zehn Jahre nach dem Massaker von Marikana: Es bleibt eine offene Wunde.

Vor zehn Jahren, am 16. August 2012, wurde der Bergarbeiter-Streik in Marikana blutig niedergeschlagen. Viele Südafrikaner fühlten sich an die Polizeigewalt während der Apartheid erinnert. Politische Beobachter sprachen damals von einem Wendepunkt in der Geschichte. Aber was hat sich seitdem wirklich verändert?

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Magidiwana sitzt auf einem Plastikstuhl vor einem Wellblechhaus, an dem ein Fahrrad lehnt, hinter ihm steht ein Freund von ihm.

Am 16. August 2012, um kurz vor vier, eröffnet die Polizei das Feuer. Staub wirbelt auf. Als er sich wieder legt, liegen dutzende Bergleute auf dem Boden. Zuerst scheint es, als seien sie alle tot, bis sich ein Verwundeter mühsam aufrappelt. Schock und Ungläubigkeit in den Augen. Keiner hilft ihm. Erst nach einer Stunde lässt die Polizei Notärzte auf das Gelände.

Mzoxolo Magidiwana überlebt schwer verletzt, getroffen von neun Kugeln, die ihn unter anderem zeugungsunfähig machen. „Toter Mann“ würden sie ihn seitdem nennen, erzählt er ein paar Jahre später. Damals lebt er noch in seinem kleinen Blechhaus am Rande des Bergbaustädtchens Marikana im Nordwesten Südafrikas. Wegen dieser miserablen Lebensbedingungen und niedriger Löhne hatte der Arbeitskampf dort begonnen. Er endete mit einem nationalen Trauma, dem blutigsten Polizeieinsatz seit dem Ende der Apartheid in Südafrika.

Der Streik in Marikana endete mit einem Blutbad

Sechs Tage vor der Eskalation war Magidiwana gemeinsam mit rund dreitausend anderen Arbeitern des Lonmin-Konzerns in Marikana in einen Streik getreten. Die Stimmung war aufgeheizt: Zu lange waren sie mit ihren Forderungen bei der nationalen Bergbaugewerkschaft, NUM, auf taube Ohren gestoßen. Deshalb hatten sie sich der neuen radikaleren Arbeitnehmervertretung AMCU angeschlossen.

Doch Arbeitgeber Lonmin erkannte AMCU nicht als Tarifpartner an und verweigerte jedes Gespräch. Von Tag zu Tag spitzte sich die Lage weiter zu – zwischen Mitgliedern der beiden rivalisierenden Gewerkschaften, dem Sicherheitspersonal der Platinmine, der Polizei und den streikenden Bergleuten. Zehn Menschen kamen in den Tagen vor dem Marikana-Massaker ums Leben, darunter zwei Polizisten.

Der heutige Präsident Südafrikas Cyril Ramaphosa, damals Aufsichtsratsmitglied des Lonmin-Konzerns, soll politischen Druck ausgeübt haben, die Behörden beschlossen durchzugreifen. Heute vor zehn Jahren sperrten sie zwei Felshügel, auf denen sich die Streikenden versammelt hatten, mit Stacheldraht ab. Der Einsatz endete mit einem Blutbad: 34 Bergleute wurden getötet, die Hälfte von ihnen auf der Flucht.

Windschiefe weiße Kreuze erinnern dort seitdem an die Opfer. Eine Gedenkstätte, wie sie ihre Angehörigen fordern, wurde nicht eingerichtet. Es ist nur eine von vielen unerfüllten Forderungen.

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