Schweineleben in Spanien

Das südeuropäische Land ist einer der weltweit größten Schweinefleischproduzenten. Vorsichtig wird inzwischen auch in Spanien über die Grenzen der industriellen Fleischproduktion diskutiert.

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Ein spanischer Schinkenkeller. Schweineschinken werden in langen Reihen zum Trocknen und Reifen aufgehängt.

Unterwegs im Nordosten Spaniens, in Katalonien. Vor den Fenstern des Regionalzugs ziehen die flachen Felder der Plana de Vic, der Hochebene von Vic, vorbei. Im Hintergrund sieht man die schneebedeckten Pyrenäen, davor Äcker, große Flächen, die mit weißen Stellboxen für Rinder überzogen sind. Dazwischen: Schlachthöfe. Und: immer wieder die riesigen Mastanlagen der Schweineindustrie. Statistisch gesehen kommen im katalanischen Osona siebe Schweine auf einen Anwohner. Der Landkreis im Nordosten der iberischen Halbinsel gehört damit zu den großen Zentren der spanischen Schweineindustrie.

Schweinezucht hat eine Jahrtausende alte Tradition in Spanien und die meisten verbinden damit idyllische Bilder von schwarzen, iberischen Schweinen, die freilaufend in schattigen Hainen nach Eicheln wühlen. Mit der Wirklichkeit hat das wenig zu tun. Die Rekordziffer von 56 Millionen Tieren wurde in Spanien laut Verband 2020 gemästet und geschlachtet, mehr als 90 Prozent davon werden in industriellen Großanlagen gehalten. Platz dafür gibt es im dünn besiedelten Hinterland genug. Das Geschäft ist rentabel und so hat sich das Land in den letzten Jahren zu einem der europaweit bedeutendsten Schweinefleischproduzenten entwickelt, nur knapp überholt von Deutschland und weit vor den Niederlanden.

Doch der Schweineboom hat Folgen. Immer wieder machen Tierschutzorganisationen mit erschütternden Videos auf die unhaltbaren Zustände in den "macrogranjas“, den industriellen Zuchtanlagen, aufmerksam und fordern, wie Greenpeace, einen sofortigen Genehmigungsstopp. Die Großbetriebe pusten nicht nur klimaschädliche Gase wie Methan und Ammoniak in die Luft, die Gülle verschmutzt auch das Grundwasser. Weil Spanien seit Jahren die Grenzwerte für Nitrat überschreitet, muss sich das Land vor dem Europäischen Gerichtshof verantworten.

Die Kosten des schnellen Geldes

Als der spanische Verbraucherminister Alberto Garzón die intensive Viehwirtschaft wegen eben dieser Konsequenzen in einem Interview mit der britischen Zeitung The Guardian scharf kritisierte, trat er damit Anfang des Jahres eine breite gesellschaftliche Debatte los. Während Umweltorganisationen und extensiv arbeitende Landwirte die klaren Worte des linken Politikers begrüßten, forderten Bauern- und Viehzüchterverbände des Politikers. Inzwischen ist die Diskussion versandet, konkrete Schritte für einen Umbau der industriellen Schweineproduktion zu einem nachhaltigeren Modell folgten nicht. Die Beharrungskräfte sind stark.

Nitratverseuchtes Grundwasser

Das zeigt auch der Besuch im katalanischen Provinzstädtchen Osona. Joel Vidal steht im dicken Parka vor dem Bahnhof und reibt sich die fröstelnden Hände. Es ist kalt an diesem Morgen, in der Luft liegt penetrant ein Güllegeruch. Der studierte Geograph arbeitet für die Umweltschutzorganisation Grup de Defensa del Ter. Einmal im Jahr lassen die Aktivisten die Qualität von 150 Quellen von einem unabhängigen Labor überprüfen. In der Plana de Vic sind 80 Prozent der Quellen mit Nitrat verseucht, im Ort selbst sind es knapp über die Hälfte.

Zur Illustration führt der Umweltschützer zur „Forn de la Cavernera“, dem Dorfbrunnen am Ortseingang. Früher trafen sich Familien hier zum Picknick, jetzt warnt ein Schild „Achtung, kein Trinkwasser“. Vidal hält einen Teststreifen, wie er auch zur Überprüfung der Wasserqualität in Aquarien verwendet wird, unter den Strahl. Innerhalb von fünf Minuten verfärbt er sich tiefrot. „Wer von diesem Wasser trinkt, würde wahrscheinlich heftige Bauchschmerzen bekommen“, sagt Vidal und zuckt resigniert mit den Schultern.

Männerhände halten ein Teströhrchen eines Nitrattests und eine dazugehörende Farbpalette. Das Wasser im Teströhrchen ist tiefrot. Danach hat das hier getestete Grundwasser mehr als 200 Miligram Nitrat pro Liter
Über die Hälfte der Quellen in Osona sind mit Nitrat verseucht – teils mit über 200 Miligramm pro Liter.

Die Messergebnisse sind seit Jahren die gleichen, doch Verwaltung und Politik reagieren nur zögerlich. Zwar hat die katalanische Regionalregierung bereits im Sommer 2019 einen zunächst zwei-, inzwischen vierjährigen Genehmigungsstopp verhängt, auch die autonome Region Kastilien-La Mancha will keine neuen Zuchtanlagen mehr erlauben. Doch damit allein lasse sich das Umweltproblem nicht lösen, sagt Vidal: „Schon die existierenden Tiere produzieren so viel Exkremente, dass keine Fläche groß genug ist, um sie als Gülle aufzunehmen.“ Auch eine Anlage für Biomasse ist geplant, aber auch die wird nur einen sehr kleinen Teil der Exkremente verwerten können. Also leiten Bauern immer wieder Gülle illegal auf Felder und Flüsse.

Joel Vidal kurvt über einen Forstweg zu einer idyllischen Talsenke im Naturschutzgebiet Cabrerès. Hinter hohen Bäumen versteckt sich eine tarngrün getünchte Anlage. Vor fünf Jahren ließ der Betrieb Tausende Liter Gülle in den Fluss, der Grup de Defensa del Ter dokumentierte die Schäden mit Fotos und Videos. Doch als Beweis reichte das Material vor Gericht nicht aus. Dabei war der betroffene Schweinewirt schon einmal wegen einer früheren Gülleableitung belangt worden. Seinen Anwälten war es damals gelungen, eine Haftstrafe in eine Geldstrafe von etwa 5000 Euro umzuwandeln. „Nicht nur die Politik, auch die Justiz scheut sich vor einem harten Durchgreifen“, vermutet Vidal. Mit dem Argument, die Fleischindustrie schaffe Arbeitsplätze und trage zur Wirtschaftsleistung bei, drücke man beide Augen zu.

Nicht nur beim Umweltschutz, auch beim Schutz der Tiere wird wenig sanktioniert. Lediglich sieben Geldstrafen unter 2000 Euro wurden in den letzten zwei Jahren verhängt. Dabei gibt es immer wieder erschütternde Berichte. Greenpeace hat ein Video veröffentlicht, das die Zustände in einer Anlage des Grupo Fuertes im südspanischen Castelléjar dokumentiert, dem größten Mastbetrieb des Landes. Auf den Bildern sieht man, wie frisch geborene Ferkel auf einem Bett aus Exkrementen liegen. Andere Tiere haben blutig gebissene Schwänze. Über die Flure huschen Ratten. Ähnliche Berichte gibt es auch aus anderen spanischen Regionen Katalonien. Laut EU-Vorschriften müssen Mastschweine mindestens einen Quadratmeter Raum, Zugang zu Frischwasser und Frischluft haben – doch viele Halter ignorierten die ohnehin laxen europäischen Vorschriften für die Haltung von Nutztieren, sagt Jordi Gispert vom Tierschutzverein ADDA. Konsequenzen hätten sie kaum zu befürchten. „In der Regel kündigen die Inspektoren ihren Besuch bei den Betrieben an – das reicht, um die gröbsten Missstände zu beseitigen.“

Kontrolliert wird nur lax – und nach Ankündigung

Gispert sitzt an einem mit Dokumenten und Ordnern überladenden Schreibtisch. Gemeinsam mit anderen NGOS versucht sein Verein, die vom Verbraucherminister Garzón ausgelöste Debatte über die „macrogranjas“ doch noch zu nutzen. „Im Bewusstsein der spanischen Bevölkerung zumindest scheint sich langsam etwas zu ändern“, sagt Gispert. „Aber wenn es darum geht, mehr Geld für nachhaltiger produziertes Fleisch auszugeben, zögern viele.“ Gerade jetzt, wo der Ukraine-Krieg die Getreidepreise in die Höhe treibt, schauten viele beim Einkaufen ganz besonders auf die Preise. Schinken und Schnitzel ganz vom Speiseplan streichen, dazu sind in Spanien nur wenige bereit: Zwar ging der Fleischkonsum in den letzten Jahren leicht zurück, stieg in der Pandemie aber wieder an. Schweine essen, das ist auch Teil des kulturellen Selbstverständnisses in Spanien.

Ein Etikett, in dem aufgeführt wird, wie produziert wird – ob in intensiver, industrieller Viehhaltung oder extensiv, könnte höhere Preise aber in Verbraucheraugen vertretbar machern, glaubt Gispert. Mehr als 800 Organisationen haben in einem offenen Brief die Einführung einer solchen Etikettierung gefordert, das Verbraucherministerium will den Vorschlag jetzt prüfen. Es wäre ein kleiner Etappensieg bei der Bewältigung eines Problems, bei der Spanien noch ganz am Anfang steht.

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Julia Macher


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