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„Araber machen's besser“

Mit ihrem Electro-Sound mit arabischem Einschlag treffen der palästinensische DJ Marwan Hawash und sein israelischer Kollege David Pearl einen Nerv

29.11.2021
8 Minuten
Der palästinensiche Dj Marwan Hawash organisiert mit seinem Freund David Pearl die Partyreihe Arabs do it better.

Auf ihren Partys tanzen Araber wie Juden den „Electronic Hafla“: Techno mit arabischem Einschlag. Im Dezember feiern Marwan Hawash, 32, und David Pearl, 37, den 5. Geburtstag ihrer Partyreihe. Das Wort „Koexistenz“ können der Palästinenser und der armenisch-stämmige Israeli allerdings gar nicht leiden. Dass man zusammen tanzt, heißt längst nicht, dass alles in Ordnung ist

Eure Partys heißen „Arabs do it better“. Ein provokanter Titel – zumindest für jüdische Israelis

David Pearl: Alles begann mit der Annaloulou-Bar in Jaffa, im Süden von Tel Aviv. Ich habe dort schon lange als DJ aufgelegt, als ich Marwan kennenlernte. Ein besonderer Ort: multi-gender, multikulturell. Es ging dort nicht um Araber oder Juden, Israelis oder Palästinenser – und doch irgendwie um uns alle. Aber niemand hat ein Ding daraus gemacht. Es war eine winzige Bar. So winzig wie Israel und Palästina. So winzig, dass man miteinander auskommen muss. Klaustrophobisch und wunderbar zugleich. Dass der Laden auf dem Höhepunkt seines Erfolgs dichtmachen musste, ist ein Resultat der rasenden Gentrifizierung des einst arabischen Jaffas. Vielleicht glorifizieren wir die Bar deshalb so. Wir sprechen darüber, als ob es Woodstock war!

Marwan Hawash: Man fühlte sich dort einfach wohl. Mir hatte ein Freund vom Annaloulou erzählt, als ich nach Jaffa gezogen bin. Ein Drittel der Bevölkerung sind Palästinenser, und ich habe Anschluss gesucht. Gleich beim ersten Besuch habe ich den Besitzer gefragt, ob ich auflegen darf. Dann habe ich dort als Bartender gearbeitet. Und als die Besitzer nach Berlin zogen, habe ich die Bar mit ein paar anderen Leuten übernommen. Ich war damals für die DJs und Events zuständig. Und dann hörte ich irgendwo Davids Mixtape.

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David Pearl: Das Tape war eigentlich eine Hommage an meinen palästinensischen Ex-Freund Khader. Ich fragte ihn: ‚Hör mal, ich will was mit arabischer Musik machen und es „Arabs do it better“ nennen. Ist das ok?‘ Er witzelte nur: ‚Habibi, du hast mich fünf Jahre ertragen, du darfst machen, was du willst.‘

Marwan Hawash: Ich fand den Namen gleich genial, konnte aber nicht glauben, dass ein jüdischer Israeli dieselbe Musik kennt und mag wie ich!

Nicht hier, nicht da

David Pearl: Nun ja, das ist ein Grund, wieso wir uns so gut verstehen. Wir haben beide einen sehr eklektischen Musik-Geschmack. Aber es mag auch daran liegen, dass ich mich in Israel immer zerrissen gefühlt habe. Ich bin in Jerewan in Armenien geboren, mein Vater ist Christ, meine Mutter Jüdin. Wir sind wegen der politischen Situation nach Israel ausgewandert, als ich 8 Jahre alt war. Vor kurzem fand ich heraus, dass meine Mutter meinen Vater vor die Wahl gestellt hatte: Amerika, Deutschland oder Israel. ‚Ernsthaft? Wieso ausgerechnet Israel?‘ (beide lachen) Aber deshalb bin ich jetzt wohl, wer ich bin. Und sonst hätte ich Marwan nie kennengelernt.

Marwan Hawash: Das stimmt wohl, Habibi. Ich bin in Bethlehem geboren, also im Westjordanland. Aber die Eltern meiner Mutter lebten in Haifa. Als mein Großvater starb, zogen wir also nach Israel um. Das war auch die Zeit nach den Intifadas, und es wurde immer schwieriger in Bethlehem, mit der Besatzung, den Checkpoints und dem Sperrwall. Haifa ist eine wunderschöne Stadt mit einer sehr großen palästinensischen Community. Aber es war doch seltsam für mich: In der Schule sprachen alle Arabisch. Draußen dann Hebräisch.

David Pearl und Marwan Hawash stehen gemeinsam hinterm Dj-Pult.
David Pearl und Marwan Hawash stehen gemeinsam hinterm Dj-Pult.

David Pearl: Wir haben ja beide eine andere Muttersprache. Bei mir ist es Armenisch. Ich war eigentlich ein sehr schüchternes Kind. Aber ich war der erste in der Familie, der Hebräisch sprach, also musste ich immer alles erledigen für meine Eltern. Ich mochte arabische Musik übrigens schon als Kind sehr gern. Aber meinen Eltern klang das zu sehr nach türkischer Musik, und die war für sie nach dem Genozid tabu. Es ist schon schräg: Ich fühle mich fremd in Israel, weil ich nicht hier geboren bin, und Marwan fühlt sich fremd, obwohl er Palästinenser ist.

„Ich fühle mich fremd in Israel, weil ich nicht hier geboren bin, und Marwan fühlt sich fremd, obwohl er Palästinenser ist.“


Marwan Hawash: Erst mit dem Studium verließ ich die palästinensische Blase in Haifa so richtig. Ich ging an ein College in der Nähe von Tel Aviv, um Marketing zu studieren. Dort waren dann alle Juden, reiche Kids. Plötzlich begann ich die Dinge in Frage zu stellen. Als Palästinenser fühlst du dich in Israel immer als Außenseiter. Wenn sie deinen Namen hören, merkst du schon, dass du nicht willkommen bist. Die Musik ist für mich eine Möglichkeit, ein Stück palästinensische Identität zu bewahren, aber auch weiterzuentwickeln. In Tel Aviv hört man sonst nur europäischen Techno oder House. Das ist nett, aber hat nicht viel mit der Region zu tun.

David Pearl: Schon im Annaloulou haben wir viel arabischen Pop aufgelegt. Libanesische Bands, aber auch Traditionelleres aus Marokko oder dem Jemen. Der Haken an dieser Musik ist, dass in Israel darauf hinabgeguckt wird. Man nennt es „Hochzeitsmusik“, tanzt dazu, aber nimmt sie nicht ernst. Im Annaloulou haben wir es geschafft, mehr daraus zu machen. Wir haben arabische Rhythmen kombiniert mit Künstlern aus Europa, Südamerika oder Afrika. Meine Idee, unsere Musik „Electronic Hafla“ zu nennen, gefiel Marwan anfangs trotzdem nicht. Weil „Hafla” in Israel eben diese Art von Hochzeitsmusik bezeichnet.

Arabs do it better-Party in der Annaloulou-Bar im israelischen Jaffa.
Arabs do it better-Party in der Annaloulou-Bar im israelischen Jaffa.

Marwan Hawash: Dabei heißt Hafla auf Arabisch einfach nur „Party”. Mich stört die Exotisierung. Wenn eine Bar in Tel Aviv „Hafla“ spielt, dann meinen sie „orientalische“ Musik. Aber das ist nicht exotisch für uns, das ist unsere einheimische Musik, mit der wir aufgewachsen sind. Auch viele Juden. Ich will aber zeigen, dass sich arabische Musik genauso weiterentwickelt, dass es ganz neue Sounds aus der Region gibt.

David Pearl: Marwan und ich haben denselben Hunger für Diversität in der Musik. Wir tanzen zu Techno und chillen zu Latin, mögen traditionelle armenische und türkische Musik, aber auch Pop. Trotzdem musste mich Marwan überreden, die erste „Arabs do it better“-Party zu machen. Ich wollte mir da als armenisch-stämmiger Israeli nichts aneignen.

Marwan Hawash: Ich nervte David eine ganze Weile damit, und hatte schließlich die Idee, die erste Party während der Gay Pride in Tel Aviv zu veranstalten.

David Pearl: Mir war die Gay Pride damals schon viel zu Mainstream. Zu unpolitisch. Mir hat der Gedanke gefallen, eine Party zu machen, zu der ich selbst gern gehen würde. Unsere ersten Partys fanden noch in der Annaloulou Bar statt. Aber schnell hatten wir über tausend Gäste. Die Leute kamen nicht wegen Marwan und mir, die kamen wegen der Atmosphäre, wegen unserem Zugang zur Musik. Elektro mit arabischen Melodien gemixt, aber manchmal auch afrikanischen oder lateinamerikanischen Rhythmen. Musik, die versteht, was es bedeutet eine Minderheit zu sein. Und das Ganze unter diesem Namen: „Arabs do it better!“ Ich warte immer noch darauf, dass uns jemand deswegen Ärger macht….

Unsere Existenz macht uns politisch, ob wir wollen oder nicht

Marwan Hawash: Mit dem Namen können wir uns nicht verstecken, allein unsere Existenz macht uns politisch, ob wir wollen oder nicht. Das ist schon eine Herausforderung. Es ist schwer genug, Palästinenser in Israel zu sein. Da gibt es immer dieses Bild von „den“ Arabern, selbst in der Party-Szene. Jedes Mal, wenn ich als DJ gebucht wurde, druckten die Veranstalter Kamele oder Frauen mit Hidschab auf den Flyer. Diese Stereotypen ärgern mich wahnsinnig. Arabische Kultur ist so viel mehr als das.

David Pearl: Das war auch für mich eine steile Lernkurve. Da haben wir uns anfangs oft gestritten, weil ich die ersten Flyer designt habe. Es hat ein bisschen gedauert, bis ich Marwans Perspektive verstanden habe. Ich bin eigentlich keine politische Person, aber wenn du in Israel aufwächst und ein bisschen sensibel für deine Mitmenschen bist, kannst du das nicht ignorieren. Nicht alles, was arabisch ist, muss nach Orient aussehen. Genauso wie nicht jedes Lied zwingend eine Oud-Laute braucht. Für mich sind diese Diskussionen mit Marwan wichtig, um zu verstehen.

Marwan Hawash: Ich habe einen israelischen Ausweis, bin aber Palästinenser. Die Medien wollen oft zeigen: ‘Schaut mal, die können doch ganz friedvoll zusammenleben. Die feiern sogar zusammen! Koexistenz geht doch.‘ Aber das ist für mich ein Weißwaschen der Situation. Wir wollen nicht zeigen, dass Israel so ein netter Ort ist, an dem für Palästinenser alles möglich ist.

David Pearl: Wir sind einfach zwei Leute, die zusammen Partys organisieren. Der eine ist Palästinenser, der andere jüdische Armenier. Wir identifizieren uns nicht über Religion, Geschlecht oder Nationalität, sondern als Menschen mit Werten und Glaubenssätzen.

Marwan Hawash: Wir haben mit der Annaloulou damals auch in Ramallah Partys veranstaltet und sind mit der Szene dort eng verbunden. In Ramallah kamen dann nur Palästinenser und die Ausländer vor Ort; in Haifa sind es vor allem Palästinenser aus Israel; und in Tel Aviv Juden, Araber und Touristen. Dieses palästinensische Dreieck, das die politischen Grenzen ignoriert, gibt uns ein Gefühl von Empowerment. Mit meinem israelischen Ausweis ist es zwar kein Problem nach Ramallah zu reisen. Aber wenn wir einen DJ oder eine DJane aus Ramallah nach Israel holen wollen, gibt es immer Probleme. Entweder erlaubt das Militär nur bis 22 Uhr, oder wir bekommen gar keinen Passierschein.

David Pearl: Ich lerne wirklich jeden Tag dazu. Wir sind im selben Land aufgewachsen, mit denselben Regeln, aber sie haben unterschiedliche Auswirkungen auf uns. Aber uns beiden war auch klar, dass wir nicht mehr in Israel wohnen wollen. Ich bin vor fast fünf Jahren nach Berlin gezogen und lebe dort mit meinem deutschen Freund, und Marwan hat jetzt auch seine Basis in Berlin. Seine Freundin kommt aus Ramallah, lebt aber in Italien. Aber als wir im Mai für zwei Partys in Israel waren, hat es uns wieder voll erwischt.

Auf der anderen Seite gibt es kein Raketenabwehrsystem

Marwan Hawash: Der Gaza-Krieg war keine große Überraschung. Aber das, was daraufhin in den gemischten Städten in Israel geschah. Durch das Viertel meiner Eltern in Haifa zog ein jüdischer Mob, vielleicht 300 Männer, die riefen: „Tod den Arabern!“ Die Schläger machten Zeichen auf palästinensische Häuser im Viertel. Plötzlich sah man den Rassismus und Hass ganz unverhohlen. Ich hatte das erste Mal Angst um mein Leben. Das Gruselige war, dass die jüdischen Schläger von der Polizei geschützt wurden, die israelischen Medien aber nur die arabische Aggression zeigten. Aber ganz ehrlich: Man versteht die Frustration, wenn der Staat uns so offensichtlich als Bürger zweiter Klasse behandelt.

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David Pearl: Für mich war es sehr bizarr. Ich war gerade in diesem High nach der ersten Party nach der Corona-Welle. In Deutschland war ja alles zu. Ich saß mit einem Freund im Café, als die ersten Raketen kamen. Wir rannten nicht zum Bunker. Wir guckten einfach in den Himmel und aßen weiter unsere Pommes. Weil es so normal für uns war. 2014 beim letzten Gaza-Krieg lebte ich noch in Israel, als Kind wohnten wir an der Grenze zum Libanon mit den Katjuscha-Raketen. Aber dann kam plötzlich die Depression: Mir wurde klar, dass es auf der anderen Seite keinen „Iron Dome“ gibt, so heißt das israelische Raketenabwehrsystem. Ich schämte mich für meine Abgestumpftheit, für das Privileg, dass ich Zeit habe, darüber nachzudenken. Seitdem ich in Berlin lebe, schaffe ich es, die Situation mehr im Weitwinkel zu betrachten.

Marwan Hawash: Auch musikalisch erlauben wir uns in Berlin tiefer zu graben und mehr zu experimentieren. Mit Corona konnte einiges nicht stattfinden. Aber Stimmung und Leute sind selbst bei unseren kleinen Biergarten-Partys großartig. Da tanzen dann Syrer, Libanesen, Israelis und Deutsche miteinander. Unser nächster Plan ist ein eigenes Label. Mit „Arabs do it better“ wollen wir anderen Musikern eine Plattform bieten.

Aber was machen Araber denn nun eigentlich besser?

Marwan Hawash: Na, Partys und Musik!

David Pearl: Und Sex natürlich.

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Agnes Fazekas

Agnes Fazekas

Agnes Fazekas lebt seit 2014 als freie Journalistin in Tel Aviv und berichtet aus aus Israel, Palästina und Nachbarländern. Dabei sucht sie am liebsten die Geschichten hinter den Schlagzeilen, und schreibt Reportagen, Features und Porträts über alles, was die Menschen bewegt – und was sie bewegen.


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