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Nachhaltig und engagiert: Wie indonesische Künstler die documenta umkrempeln

Das Kollektiv ruangrupa will weder Exotismus noch Weltverbesserei bieten, sondern pragmatische Ziele für eine Zukunft der zeitgenössischen Kunst unter globalen Bedingungen

01.10.2021
9 Minuten
Die bunt bemalte ehemalige Kaufhalle in der Kasseler Fußgängerzone: Von hier aus bereitet das Artistic Team um ruangrupa die Documenta Fifteen vor.

Das Herz der documenta fifteen schlägt aktuell auf dem Parkdeck einer alten Kaufhalle mitten in der Kasseler Fußgängerzone. Drei Biertische samt Bänken stehen dort neben einer provisorischen Treppe, die zu den Büros in den oberen Etagen führt. Außer bei Regen sitzen hier fast immer einige Menschen, rauchen oder trinken Kaffee, besprechen die nächsten Schritte einer Produktion, Visaprobleme von Gästen oder wie man eine Kinderbetreuung für die Mitarbeiterïnnen einrichten könnte. Gleich dahinter führt eine Metalltür in ein improvisiertes Großraumbüro-Lager-Studio: die ehemalige Werkstatt der „Sportarena“, die das 5000 Quadratmeter große Gebäude 1999 übernommen hatte, bevor es 2018 in den Leerstand entlassen wurde. Einige Studentïnnen arbeiten hier gerade an einem Designprojekt, von nebenan dringt Baustellenlärm herüber.

„Wir wollten einen neuen Raum schaffen, einen Treffpunkt, um unsere gemeinschaftliche Arbeitsweise zu stärken“, erklärt Reza Afisina, Mitglied des neunköpfigen Kollektivs ruangrupa (kurz: ruru), das zur Künstlerischen Leitung der nächsten documenta berufen worden ist. Fünf weitere internationale Kunstschaffende vervollständigen das Artistic Team, außerdem sitzen die kuratorialen Assistentïnnen und das Produktionsteam unter dem gleichen Dach. „Hier im ruruHaus können wir uns alle jederzeit treffen, gemeinsam essen und trinken, uns besser kennenlernen, während wir alle zusammenarbeiten. So wie wir das auch in Jakarta tun.“

Das Lumbung-Prinzip könnte man auch Kooperative nennen

Das Team im ruruHaus lebt das Lumbung-Konzept vor, nach dem das Kollektiv aus Indonesien die documenta im kommenden Jahr gestalten will: eine Reisscheune, in die ein ganzes Dorf seine Ernte gemeinsam einfährt, um sie hinterher nach Bedarf umzuverteilen. Jeder nimmt sich nur so viel, wie er braucht – Überschuss wird entweder aufgespart oder in gemeinschaftliche Projekte investiert. Es geht um eine nachhaltige, soziale Arbeitsweise, bei der sich die Beteiligten gegenseitig helfen und fördern, ohne den eigenen Gewinn in den Vordergrund zu stellen. Dabei handelt es sich durchaus nicht um naives Streben nach einer gerechteren Welt, sondern vielmehr um ein sehr pragmatisches Verhältnis: Jedes Lumbung-Mitglied hat klar definierte soziale Verpflichtungen der Gemeinschaft gegenüber. Weniger exotisch könnte man dieses Prinzip Genossenschaft oder Kooperative nennen.

„Die Gefahr ist tatsächlich, dass unsere Idee im westlichen Kunstbetrieb als Exotismus abgestempelt wird“, gibt Reza Afisina zu. „Aber eigentlich ist es überhaupt nichts Neues – Kunstschaffende in Indonesien und vielen anderen Ländern arbeiten schon lange auf diese Weise. Sonst könnten sie gar nicht überleben.“

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Fünf Personen stehen und sitzen vor dem bunten Pförtnerhaus des Gudskul „Studienkollektiv und Ekosystem für zeitgenössische Kunst“ von ruangrupa in Jakarta
Im Hof des Gudskul „Studienkollektiv und Ekosystem für zeitgenössische Kunst“ von ruangrupa in Jakarta
Ade Darmawan sitzt barfuß auf dem Boden des Gemeinschaftsbüros von ruangrupa in Jakarta
Ade Darmawan im Gemeinschaftsbüro von ruangrupa in Jakarta
Reza Afisina und Iswanto Hartono sitzen bei schönem Wetter an einem Biertisch auf dem Parkdeck des ruruHauses in Kassel.
Reza Afisina und Iswanto Hartono bei einer Besprechung im ruruHaus in Kassel
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Christina Schott

Christina Schott

Christina Schott berichtet seit 2002 aus und über Südostasien – mit Fokus auf Gesellschaft, Kultur und Umwelt.

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