„Ich bin kein Asi-Ghetto-Kind“

Regisseurin Sahar Rahimi im Interview zu Klassismus. Teil 3: Geld und Werte.

9 Minuten
Sahar Rahimi blickt in Jeans, weißem Shirt und schwarzer, cooler Jacke gerade und entschlossen in die Kamera. Im Hintergrund nackte Betonwand und dunkle Möbel, oben ein schmaler Strauß Blumen in einer hohen Vase. Sie hat ihre dunklen, lockigen Haare aufgetürmt und ist geschminkt mit Rouge, Lippenstift und Nagellack. In ihrer rechten Hand hält sie eine beige Handtasche, auf den ersten Blick sieht das aus wie ein Buch. In ihrer linken Hand hält sie ein Gläschen Hipp-Babynahrung. Auf den ersten Blick denkt man, es sei eine Dose Cola oder ähnliches.

Sahar Rahimis Eltern sind mit ihr aus dem Iran nach Deutschland gekommen (Teil 1 des Interviews). Sie haben den Bildungsweg ihrer Tochter durch Gymnasium und Theaterstudium begleitet (Teil 2 des Interviews).

Sahar hat inzwischen eine kleine Tochter. Sie kann anfangen zurückzublicken: auf den Berufseinstieg, finanzielle Engpässe, Selbst- und Außenbild und Werte. Was sind Aufgaben und Kämpfe? Wo liegen Gelassenheit und Engagement?

Wie war denn dein Einstieg ins Berufsleben? Wenn du Studentin bist, kannst du Bafög beziehen.

Genau, habe ich auch.

Aber wenn du ins Berufsleben einsteigst, dann fällt das plötzlich weg.

Wir hatten einen ziemlich smoothen Einstieg. Ich glaube, ganz viele Probleme werden auch durch so eine Gruppe aufgefangen. Wir waren noch im Studium, da wurden wir schon zum Impulse-Festival eingeladen. Wir hatten erst mal einen total einfachen Einstieg ins Berufsleben, weil unsere Gruppe sich schnell einen Namen gemacht hatte. Und dann gab’s aber, so ein Jahr, zwei Jahre später, einen Einbruch. Da kam plötzlich keine Förderung mehr, dann kam plötzlich nichts mehr. Da haben wir dann alle angefangen, Nebenjobs zu machen, als Garderobiere und so weiter.

Es gab dann die in unserer Gruppe, deren Eltern noch unterstützten, und die, deren Eltern nicht unterstützt haben. Ich habe ein halbes Jahr Hartz IV empfangen. Für mich war das ein sehr schwieriger Moment, weil ich das Gefühl hatte: Was soll das? Ich hab’s doch jetzt schon geschafft. Jetzt falle ich wieder zurück in das, wo ich ja eigentlich nicht hin wollte. Ich wollte nicht den Klischees entsprechen, und dann war ich da wieder. Aber einfach weiterzumachen, hat sich ausgezahlt. Dann ging’s weiter. Wir waren sehr fleißig. Bis wir da angekommen sind, wo wir sind. Jetzt können wir uns gut finanzieren. Wir haben alle Anträge gestellt, die man so stellen kann. Und haben wirklich keine Spielmöglichkeit verpasst. Aber wir hatten auch schon alle Burn-Out-Anzeichen. 2016 oder so, weiß ich noch, da waren wir alle kaputt. Weil das jahrelang so durchgezogen wurde ohne Rücksicht auf Verluste und auf Partnerschaften.

Eine windige Szene am Meer: Im Vordergrund hält eine hellhäutige, blonde Frau im roten Kleid eine afrikanische Maske. Rechts von ihr ist etwas in ein weißes Tuch eingehüllt und bunt dekoriert. Im Hintergrund, vor dem Ozean, sieht man mehrere dunkelhäutige Menschen am Strand direkt am Wasser und vor einem großen Schiff, dessen Bauch sehr rostig ist und das im Wesentlichen an Land liegt.
Szene aus der Arbeit „Farewell“ von Monster Truck. 2016.
Auf einem Schwarz-Weiß-Fotos sieht man durch eine spiegelnde Scheibe gleichzeitig einen Raum mit Besuchern, die Handys und Papiere in der Hand halten und einigen Performern, die Faultiere spielen, und auch die Straße samt Auto.
„Faultierperformer“ und Besucher bei der Arbeit „Stay!“ von Monster Truck, August 2011, im Haus der Kulturen der Welt in Berlin.
Zwei in schwarze Kutten gehüllte Gestalten stehen sich auf runder, heller Bühne vor dunklem Hintergrund gegenüber. Zwischen ihnen rieselt ein feiner Strahl Sand herab. Die rechte Gestalt hebt eine Hand zum Gesicht ihres Gegenübers – aber da ist nichts. Unter den Kapuzen „starren“ zwei silberne Kugeln sich gegenseitig an.
Szene aus der Produktion „Prince of Persia“ von Monster Truck. 2010.
Sahar Rahimi blickt in Jeans, weißem Shirt und schwarzer, cooler Jacke gerade und entschlossen in die Kamera. Im Hintergrund nackte Betonwand und dunkle Möbel, oben ein schmaler Strauß Blumen in einer hohen Vase. Sie hat ihre dunklen, lockigen Haare aufgetürmt und ist geschminkt mit Rouge, Lippenstift und Nagellack. In ihrer rechten Hand hält sie eine beige Handtasche, auf den ersten Blick sieht das aus wie ein Buch. In ihrer linken Hand hält sie ein Gläschen Hipp-Babynahrung. Auf den ersten Blick denkt man, es sei eine Dose Cola oder ähnliches.
Regisseurin und Performerin Sahar Rahimi ist Mit-Gründerin der freien Theater-Gruppe „Monster Truck“, ausgezeichnet mit dem Preis des Favoriten Festivals und dem Tabori Preis. Sie studierte am Institut für Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen und lebt zurzeit in München. Sie sieht sich als Arbeiterkind.

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