Ach du Scheiße! Vom Menschenrecht auf eine Toilette und innovativem Abwasserrecycling

4,2 Milliarden Menschen auf der Welt haben keine Toilette. Mit internationalen Toilettenutensilien, Fotografien, Quiz- und Mitmach-Aktionen machte das Projekt „Ach du Scheiße!“ mit der Stadtbibliothek Erfurt darauf aufmerksam

6 Minuten
Annette Wagner mit einem goldenen Haufen an Fäkalien, der vermutlich aus Kunststoff ist mit Mikrofon in der Hand

30 Liter Trinkwasser spült jeder von uns in Deutschland täglich das Klo runter, während Millionen Menschen auf der Welt an den Folgen von Dürre und verunreinigtem Trinkwasser leiden. Die Wissenschaftsjournalistin Annette Wagner machte in Kooperation mit der Stadtbibliothek Erfurt auf dieses Problem, um das es beim sechsten Nachhaltigen Entwicklungsziel der Vereinten Nationen geht, aufmerksam. Ihr Projekt „Ach du Scheiße“ behandelte die Toilettenproblematik auf der ganzen Welt. Durch Quizformate, Vorträge und durch Mitmach-Aktionen konnten auf dem Domplatz in Erfurt hunderte Teilnehmende etwa erfahren, was Deutschland von extrem wasserarmen Ländern wie Jordanien lernen kann; welche innovativen Modellprojekte und Forschungen zu Abwasserrecycling es hierzulande gibt oder wie jeder von uns sein tägliches „Geschäft“ umweltfreundlicher gestalten kann.

Von kleinen Workshops zum großen Event

Alles begann 2019: Damals veranstaltete Wagner einen interkulturellen Empowerment-Workshop zu dem Thema. Sie lud Bremer Migrantïnnen und einheimische Abwasser-Expertïnnen ein, sich über optimale Toilettentypen in ihren Herkunfts-Klimazonen und über kulturspezifische Benutzergewohnheiten auszutauschen. Das Ziel von Wagner bei solchen Veranstaltungen ist vor allem, dass Menschen die Alltagswelt um sich herum besser verstehen und Zusammenhänge einordnen können. Als Wissenschaftsjournalistin will sie zu diesem Ziel beitragen, „indem ich in immer wieder neuen Formaten komplexe Dinge verständlich erkläre und Debatten anstifte“, wie sie sagt.

Menschen sitzen mit Abstand auf Sitzblöcken und hören Rednern zu
Die Zuschauenden konnten verschiedenen Vorträgen und Diskussionsrunden lauschen

So soll auch ihr Projekt „Ach du Scheiße!“ aus der Masterclass Wissenschaftsjournalismus der Riffreporter Debatten wirken: Mit „kuriosen Toiletten-Accessoires“, großformatigen Fotos aus aller Welt, einem Klopapier-Verbrauchs-Quiz, einem Toilettengedicht-Wettbewerb und Berichten von eigenen investigativen Recherchen im wasserarmen Jordanien wolle sie zum Mitdenken und Handeln animieren. Wann ihr Ziel erreicht wäre? „Wenn einige Teilnehmerïnnen hinterher sagen: „Das war so witzig – und so interessant!“, erzählt die Wissenschaftsjournalistin, „und wenn sie dann abends ihren Nachbarn erklären, dass man aus menschlichem Abwasser ganz einfach Humus und Energie gewinnen kann.“ Andere würden künftig vielleicht Recyclingklopapier kaufen oder sich dafür interessieren, warum in Thüringen im Sommer das Wasser neuerdings knapp wird. Als Kooperationspartner hatte sich Wagner nämlich die Stadt- und Regionalbibliothek der Landeshauptstadt Erfurt ausgesucht.

Austausch, der weiterbringt

Zunächst aber galt es, selbst Impulse für packende Wissensvermittlung zu bekommen: Die Riffreporter- Masterclass, die von der Robert-Bosch-Stiftung gefördert wird, hat Wagner „wie eine Frischzellenkur“ erlebt. Ein halbes Jahr lang wurden die Stipendiatïnnen von Vordenkerïnnen aus Bildungswesen und Journalismus gecoacht. „In der Gemeinschaft der Masterfellows unterstützten wir uns gegenseitig mit konstruktiver Kritik beim Entwickeln unsere Bildungsprojekte“. Ihre Ziele: Bibliotheken als offene Orte der Wissensvermittlung mitgestalten, journalistische Arbeitsmethoden transparent machen, gegenwärtig verbreitete Mythen über Medien entkräften – all das wollte sie im Austausch mit anderen voranbringen.

Eine Frau hält ein Buch, viele Kinder vor ihr, die zuhören
Für die Kleinen gab es eine interaktive Vorleserunde

Die Probe

Drei Tage plante Wagner für die Aufklärungs-Veranstaltung auf dem Erfurter Domplatz ein. Ende August 2021 wurden unter freiem Himmel Toiletten-Utensilien und Fotografien aus aller Welt aufgehängt, eine moderne Komposttoilette fürs Camping aufgebaut und eine Leseecke mit Kinder- und Sachbüchern eingerichtet.

Wagner band viele Kooperationspartner und Experten ein: So entwickelten und lieferten etwa Professoren und Studierende der Bauhaus-Universität Weimar und das norddeutsche Sozialunternehmen www.werkhaus.de die innovative Urinrecyclingtoilette P-Bank. Darin konnten die Besucherïnnen Urin spenden und ein Fläschchen von daraus gewonnenem Phosphor mitnehmen … also von einem Rohstoff, der immer knapper wird und von Deutschland importiert werden muss, aber etwa in der Landwirtschaft als kostbarer Dünger gebraucht wird. Zudem konnten die Menschen vor Ort erfahren, wie durch frühzeitige Trennung von Urin und Fäkalien und deren Recycling sinnvolle Wiederverwertungs-Kreisläufe entstehen und so Wasser und Wertstoffe zurückgewonnen werden können. Aus menschlichem Kot kann Energie für Strom und Heizung erzeugt und somit auch Geld gespart werden.

Zwei Männer, die vor einem gelben Kasten sitzen, der wie ein kleines Häuschen aussieht
Ein Highlight: Die Urinrecyclingtoilette

Wagner führte dann auch durch ihre Fotoausstellung zu weltweitem Sanitärnotstand und klugen Abwasserrecylinglösungen mit Bildern etwa von Sajjad Hussain. Auch ihre eigene Sammlung landestypischer Toilettenuntensilien, die ständig erweitert wird, kam zum Einsatz. Zudem konnten die Menschen ihr Wissen in Quiz-Formaten zu Toilettenbautypen in aller Welt oder individuellem Klopapierverbrauch testen. Für die Kleineren gab es interaktive Bilderbuchvorlesungen, für fachlich Interessierte zwei Kurzvorträge mit Videos und Fotos zu deutschen Modellprojekten und zu Wagners Recherchereise zur Thematik in der jordanischen Wüste.

Aber nicht nur in anderen Klimazonen, auch im Lokalen wurde gezeigt, wie jeder Einzelne etwas verändern kann: So stand etwa der städtische Wasserkoordinator Matthias Hartmann für Auskünfte zur Verfügung. Besucherïnnen wollten von ihm etwa wissen, wie umweltfreundlichere Abwasserlösungen in Erfurter Haushalten und in den sanitärtechnisch noch nicht erschlossenen Kleingartengebieten entlang der Gera konkret aussehen könnten.

Ein Mann erklärt Besuchenden etwas
Auch der städtische Erfurter Wasserkoordinator stand für Fragen zur Verfügung.

Was bleibt?

Insgesamt haben sich etwa 500 Menschen das Projekt „Ach du Scheiße!“ auf dem Erfurter Domplatz angeschaut. Die lokalen Zeitungen sowie regionale Radio- und Fernsehsender berichteten ausführlich und sehr anerkennend über den Vermittlungsansatz. Wagner ist insgesamt mit der Masterclass äußerst zufrieden. Sie würde der Fördermaßnahme glatte zehn von zehn Punkten geben. Auch plant sie das entwickelte Projekt weiterzuführen und bietet es anderen Bibliotheken und auch Schulen an. Sie freut sich, dass sie im „Presseclub“ der Zentral- und Landesbibliothek Berlin über das Thema diskutieren wird. Wagner war die Zusammenarbeit mit den Bibliotheken zur Optimierung des Formates von Anfang an wichtig: „Wer wirksame Bildungsformate in Bibliotheken gestalten will, muss eine Art Master of Ceremony sein, so etwas wie ein DJ“, sagt sie. „Groove und Rhythmus eines guten Workshops reißen mit. Und wer für komplexe Themen begeistern wolle, müsse in der Moderation „den richtigen Ton treffen“.

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