„Mit Prognosen sind wir vorsichtig geworden“

Die Wissenschaftshistorikerin Sabine Höhler im Gespräch

5 Minuten
Apollo 8 fotografiert 1968, wie die Erde über dem Mond aufgeht.

Unser Blick auf die Welt verändert sich. In den 1960er- und 1970er-Jahren verglichen viele die Erde mit einem Raumschiff: zerbrechlich, schützenswert, aber steuerbar. Das passte in die Zeit, erklärt die Historikerin Sabine Höhler vom Königlichen Institut für Technologie in Stockholm. Heute zweifeln wir hingegen an unserem Wissen und an der Kontrollierbarkeit.

Frau Höhler, es heißt, Science Fiction beschäftige sich gar nicht mit der Zukunft, sondern mit der Gegenwart.

Das sehe ich auch so, und diese Ansicht wird durch die Forschung gestützt. Für manche ist zwar die Hauptattraktion, dass Science Fiction neue Technologien gebiert. Aber aus meiner Sicht ist Science Fiction in erster Linie eine Form der Selbstverständigung in der Gesellschaft. Die Autoren experimentieren. Sie zeigen, dass es anders sein könnte, als es jetzt ist. Sie nutzen die Weiten des Weltraums, um Dinge möglich zu machen, die es auf der Erde nicht gibt. Sie behandeln die großen Fragen der Menschheit, und es sind immer auch die Fragen ihrer Zeit. Heute geht es um den Klimawandel, die Gentechnik oder die Künstliche Intelligenz. Die Autoren fragen, was wirklich ist und was den Menschen ausmacht. In den 1970er-Jahren drehte sich hingegen alles um die Probleme der 1970er-Jahre: Bevölkerungswachstum, Umweltverschmutzung und die schwindenden Ressourcen.

Der Club of Rome, der kürzlich 50 Jahre alt wurde, hat damals davor gewarnt, dass alles auf einen Kollaps zulaufe, wenn die Menschheit nicht das Ruder herumreißt.

Als Historikerin tue ich mich schwer damit, den Bericht „Die Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome mit dem Wissen der Gegenwart zu bewerten. Jede Zeit hat ihre Weise, die Prognosen sinnvoll zu finden. Damals war es erstmals möglich, die Welt im Computer zu simulieren, was den Prognosen eine neue Beweiskraft verlieh. Das hat den Wissenschaftlern Autorität verliehen und ihre Aussagen sind auf fruchtbaren Boden gefallen. Auch heute sehen übrigens nicht wenige die Welt am Abgrund – nur denken sie heute an den Klimawandel.

Wie sinnvoll sind Prognosen, wenn wir letztlich nicht wissen können, was die Zukunft bringt?

Oft geht es gar nicht darum, die Zukunft exakt vorherzusagen, sondern darum, das Spektrum möglicher Entwicklungspfade auszuloten. In den Projektionen zum globalen Klimawandel laufen die Pfade schon in einer nahen Zukunft von fünf bis zehn Jahren erheblich auseinander. Mit der Vorlaufzeit wachsen auch die Unsicherheiten. Wir kennen das von Wahlprognosen oder aus der Wettervorhersage. Trotzdem sind Vorhersagen sinnvoll, denn sie laden zur Verständigung über gewünschte und problematische Zukünfte ein und zeigen Pfadabhängigkeiten auf, machen also deutlich, wie unsere gegenwärtigen Entscheidungen die Entscheidungsmöglichkeiten von morgen beeinflussen. In diesem Sinne haben sowohl die wissenschaftliche Prognostik als auch Science Fiction eine zukunftsgestaltende Funktion.

Sabine Höhler, Jahrgang 1966, hat an den Universitäten Karlsruhe und Braunschweig studiert und sich an der Universität Darmstadt im Fach Wissenschafts-, Technik- und Umweltgeschichte habilitiert. Seit 2011 forscht sie am Königlichen Institut für Technologie in Stockholm.
Sabine Höhler, Jahrgang 1966, hat an den Universitäten Karlsruhe und Braunschweig studiert und sich an der Universität Darmstadt im Fach Wissenschafts-, Technik- und Umweltgeschichte habilitiert. Seit 2011 forscht sie am Königlichen Institut für Technologie in Stockholm.

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