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Knochenarbeit Digitalisierung

Die Frankfurter Kulturdezernentin Ina Hartwig stellte ihre Digitalisierungsstrategie für die städtischen Kultureinrichtungen vor

von
12.02.2021
5 Minuten
Die Kuratorin des Historischen Museums Frankfurt Dorothee Linnemann demonstriert der Kulturdezernentin Ina Hartwig die Funktion des Hochleistungsscanners Suprascan QUARTZ A1.

Frankfurt ist nicht nur Sitz zahlreicher Bankhäuser, sondern auch eine Stadt der Museen. Damit die Kultur auch in Zukunft ein Aushängeschild der fünftgrößten Stadt Deutschlands bleibt, hat die Kulturdezernentin Ina Hartwig eine umfassende Digitalisierungsstrategie für die städtischen Kultureinrichtungen entwickelt. Ab 2021 stehen nun erstmals jährlich 300 000 Euro für Maßnahmen in diesem Bereich zur Verfügung, bis 2026 beziffert sie den Investitionsbedarf auf insgesamt 5 Millionen Euro. Dazu wurden sechs neue Stellen geschaffen, 20 weitere sollen in den kommenden fünf Jahren folgen.

Das ist für 15 Museen und Archive, teilweise mit mehreren Standorten, nicht übermäßig viel. Doch zeigt sich, dass selbst bei der Digitalisierung Geld nicht alles ist. Genauso wichtig sind die inhaltliche und strukturelle Basis sowie die Kompatibilität der technischen Maßnahmen mit analogen Projekten. Ina Hartwig sprach vom „kulturellen Kapital“ und davon, dass die Aufgaben der Museen neu gedacht werden müssten. Was damit gemeint ist, steht in ihrem Strategiepapier, das sie gemeinsam mit vier beteiligten Frankfurter Museumsdirektor:innen vorstellte.

Ina Hartwig lässt keinen Zweifel daran, wie wichtig ihr die Sache ist. „Der tiefgreifende Wandel in der Archiv- und in der Museumsarbeit ist so positiv wie unumkehrbar“, sagt sie . Wenn die kulturelle Teilhabe für alle, wie Hilmar Hoffmann sie verstanden habe, auch weiter gewährleistet werden solle, gäbe es keine Alternative. „Die klassischen Aufgaben des Museums müssen digital neu gedacht werden“, sagt sie. Das Museum soll also nicht nur digital erweitert, sondern muss strukturell neu aufgestellt werden. Während Hilmar Hoffmann unter dem Motto „Kultur für alle!“ von 1970 bis 1990 in Frankfurt die Weichen für die kulturelle Vielfalt der Stadt gelegt hatte, stellen sich für die aktuelle Kulturdezernentin Ina Hartwig völlig neue Fragen. Das kulturelle Erbe muss in einer digital organisierten, globalen Gesellschaft neu verankert werden.

Das Ziel ist das postdigitale Museum

Konkret heißt das: Die Stadtverwaltung gibt Leitlinien vor und besorgt das Geld, sie stellt sicher, dass die einzelnen Häuser die Digitalisierung „selbstbestimmt und gemeinwohlorientiert“ einsetzen, wie es im Strategiepapier heißt. Und weiter: „Die Strategieausrichtung eines jeden Hauses soll dabei nicht vorweggenommen werden: Jede Institution muss sich die Frage beantworten, wie sie die digitale Transformation gestalten will.“

Zusammenarbeit und Austausch sind dabei genauso wichtig wie die anspruchsvolle technische Seite der Transformation. In einem Arbeitskreis zur Digitalisierung tauschen sich seit zwei Jahren die Mitarbeiter:innen verschiedener Frankfurter Museen aus, was auch zu gemeinsamen Projektideen führte. Das Projekt METAhub etwa, eine auf Datenbanken basierte Augmented Reality-Anwendung, mit der Frankfurter Kulturgüter im digitalen Raum verortet und im Stadtraum erfahrbar gemacht werden können, hat dort seinen Anfang genommen. Das Projekt des Jüdischen und Archäologischen Museum Frankfurts, das Kuratoren mit Künstlerinnen, Dramaturgen und Codern zusammenbringt, wird von der Kulturstiftung des Bundes gefördert.

„Das klassische Museum hat sich überlebt“, fährt Ina Hartwig fort. Die digitale Transformation der Gesellschaft habe durch Corona einen Schub erhalten, die Frankfurter Museen aber waren nicht unvorbereitet. Das Historische Museum und das Jüdische Museum, die in den letzten Jahren bereits einen umfassenden Erneuerungsprozess durchgemacht haben, verfügen über eine gute digitale Infrastruktur mit freiem WLAN in allen Räumen. Das Jüdische Museum bietet aktuell vermehrt Livestream-Events an und versucht mit digitalen Klangwelten, Yogastunden oder Schattentheater für die Kinder die allgemeine mentale Belastung des Lockdowns zu lindern. Das Historische Museum ermöglicht nun die Teilnahme an Programmen des partizipativen Stadtlabors online, Rundgänge durch die pandemiebedingt geschlossenen Ausstellungen sowie Aufzeichnungen von Diskussionsveranstaltungen wie „Queer dressed – Mode jenseits der Geschlechternorm“, die im Rahmen der Ausstellung „Kleidung in Bewegung – Frauenmode seit 1850“ stattfand. „Das ist die Lehre von Corona“, konstatiert Direktor Jan Gerchow, „die digitalen Angebote des Museums sind zentral.“

Aber selbst ein räumlich, technisch und strukturell neu aufgestelltes Haus wie das Historische Museum Frankfurt arbeitet unablässig weiter am großen Ganzen. Als „größte Herausforderung“ bezeichnet Jan Gerchow die Digitalisierung der 630 000 Sammlungsobjekte, von denen bislang nur 180 000 inventarisiert seien. Um die Bearbeitung zu beschleunigen, wurde vom städtischen Digitalisierungsbudget ein Hochleistungsscanner angeschafft und ein Online-Redakteur eingestellt. 2019 hatte die Stadtverwaltung ihren Museen bereits eine neue einheitliche Inventarisierungssoftware zur Verfügung gestellt. Die Museumsaktivitäten könnten in Zukunft komplett mit der digitalen Sammlung vernetzt werden. In diesem Bereich ist das Jüdische Museum Frankfurt Vorreiterin. Es sammelt nicht nur Objekte, wie Direktorin Mirjam Wenzel bemerkt, sondern auch Geschichten. Es verbindet über ihre digitale Sammlung materielle und immaterielle Zeugnisse mit Insta-Posts wie mit Ergebnissen analoger Workshops. „Wir verstehen uns als postdigitales Museum“, sagt Mirjam Wenzel. Die Digitalisierung ist bereits weitgehend in die Museumsarbeit integriert.

Digitalisierung im Dienst der Dekolonisierung

Jan Gerchow hingegen treibt bereits seit über zehn Jahren eine größere Nähe zu den eigentlichen Eigentümern der Sammlungen des Historischen Museums voran, also zu den Bürger:innen der Stadt Frankfurt. Eine zeitgemäße Museumsarbeit müsse auf Augenhöhe mit dem Publikum passieren, ist er überzeugt. Dieser von ihm als „ganzheitlicher Ansatz“ bezeichneter Weg nimmt die Nutzer:innnen als Expert:innen ernst, der gegenseitige Austausch erhöhe zudem die Multiperspektivität des Hauses.

Einen etwas anderen Schwerpunkt im Bereich Digitalisierung hat das Frankfurter Weltkulturen Museum gelegt. Dessen Direktorin Eva Raabe betonte, dass das digitale Sammlungsmanagement des ehemaligen Völkerkundemuseums auf die Provenienzforschung ausgerichtet sein müsse. “Dekolonisierung heißt Zugang zu den Sammlungen schaffen“, sagt die Ethnologin mit Schwerpunkt Ozeanien. Nicht nur die Bedürfnisse des Publikums und der Wissenschaft müssten bedacht werden, sondern auch die der Herkunftsgemeinschaften. Dies mache beispielsweise nicht allein die Übersetzung der Datenbank-Texte in mehrere Sprachen notwendig, vielmehr müssten die Verzeichnisse traditionelle Begriffe der verschiedenen Kulturen aufnehmen, auch indigene Protokolle zur Nutzung einzelner Objekte müssten digital sichtbar gemacht werden können.

Die einzelnen digitalen Maßnahmen der Frankfurter Museen sind jede für sich gesehen vom Prinzip her nicht alle brandneu. Auch andernorts realisieren Museen wie etwa das Badische Landesmuseum Karlsruhe oder das Linden-Museum in Stuttgart auf hohem Niveau ähnliche digitale Projekte. 2017 hatte das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg die Digitalisierung der Landesmuseen strategisch gefördert. Das über drei Jahre laufende Projekt zielte auf die Vermittlung von Knowhow, gegenseitige Vernetzung und mehr Bewusstsein für den kulturellen Wandel.

Hochleistungsscanner wird gemeinsam genutzt

Was aber an der Frankfurter Digitalisierungsstrategie besonders überzeugt, ist das durchdachte Ineinandergreifen der verschiedenen Maßnahmen innerhalb einer Kommune. Im Archäologischen Museum Frankfurt steht seit neuestem ein 3-D-Scanner, der auch von anderen Museen genutzt werden kann, genauso wie der neue Hochleistungsscanner für Dokumente, Fotos oder Grafik im Historischen Museum. Es zeigt sich, dass eine effiziente Digitalisierung von Kultureinrichtungen keine Marginalie ist. Sie erfordert strategisches Handeln und bleibt, was die händische Digitalisierung der Objekte angeht, echte Knochenarbeit.

Im Schlusswort der Kulturdezernentin kam noch ein weiterer Gedanke zur Sprache, der ihre umfassende Digitalisierungsstrategie mehr als rechtfertigt. Die Frankfurter Museen seien eigentlich schon zu internationalen Museen geworden, so Ina Hartwig. Sie erreichten schon jetzt ein sehr viel größeres Publikum als zu rein analogen Zeiten. Die von den Museen engagiert mit vorwärts getriebene Frankfurter Initiative hat das Zeug, auch die letzten Kritiker:innen zu überzeugen. Wenn ein postdigitales Museum gut aufgestellt ist, öffnen sich zweifellos enorme Chancen: Mirjam Wenzel etwa hatte berichtet, dass eine der letzten Livestream-Veranstaltungen des Jüdischen Museums, die eigentlich analog geplant war, 3800 Menschen erreicht habe. Pro Woche hätten bis zu 30 000 Menschen das im Herbst neueröffnete Haus auf digitalem Wege besucht.

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Carmela Thiele

Carmela Thiele

Carmela Thiele schreibt als Journalistin über Kunst und Kultur.


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Die Museen sind in einem tektonischen Verschiebeprozess begriffen. Sie erfüllen als Gatekeeper des Wissens eine wichtige gesellschaftliche Rolle, bieten aber auch multiple Erfahrungsräume und dienen als praktisches Labor des Denkens. DebatteMuseum verfolgt diesen Prozess der Veränderung und der Reorganisation. Das Online-Magazin berichtet seit 2017 über die vielfältige Museumsszene, neue Ausstellungsformen und Vermittlungsstrategien. Es schreiben Carmela Thiele und Gäste.

Nach Katrin Ströbel und Clemens von Wedemeyer hat Bettina Munk das aktuelle Titelbild für DebatteMuseum zur Verfügung gestellt. Es zeigt die Installation ORIGIN Computer animation und Drawing Series Planetesimale P_1 in der Ausstellung Drawing Rooms Hamburger Kunsthalle 2016. 

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