Wie die Kunst in die Welt kam

Seit Urzeiten fertigen Menschen Gemälde, Schnitzereien und Schmuck. Lange galt Europa als Ausgangspunkt dieser Kunst. Doch das Bild davon, wann, wo und von wem die ersten Objekte erschaffen wurden, muss jetzt revidiert werden

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Das Foto zeigt ein leuchtend rotbraunes, wunderschön gezeichnetes Bison. Das Bild wurde auf den gelblichen Untergrund einer Höhlenwand gemalt. Die Umrisse des Tieres, Beine, Hufe, Haare, Augen, Schnauze und Schwanz sind tiefschwarz. Gut zu erkennen ist der mächtige Buckel des Rückens, oben mit zotteligen Haaren bedeckt. Äußerst muskulös wirkt auch die behaarte Brustpartie, während die Beine eher dünn und zierlich sind.

Felszeichnungen oder symbolische Gravuren auf Knochen gibt es schon viel länger als bislang gedacht, besagen aktuelle Forschungsergebnisse. Und die ältesten gegenständlichen Darstellungen finden sich nicht in Europa, sondern in Indonesien. Es waren auch nicht nur Angehörige des Homo sapiens, die Kunstwerke schufen, sondern genauso die Neandertaler. Rätselhaft bleibt, weshalb Menschen überhaupt derart kreativ wurden. Hatte es religiöse oder ästhetische Gründe – oder waren Künstler einfach „sexy“?

Das Foto zeigt vor schwarzem Hintergrund eine Pferdefigur, die von oben und unten so angestrahlt wird, dass der Rumpf eher dunkel bleibt, die Ränder der Figur jedoch wie magisch leuchten. Kopf und Hals des Tiers erscheinen im Vergleich zum Rumpf übergroß, die Beine sind nur als Stümpfe vorhanden.
Rund 40.000 Jahre alt ist dieses in der Vogelherdhöhle bei Niederstotzingen im Lonetal gefundene Pferd aus Mammutelfenbein. In Europa wurden zahllose hochwertige Kunstwerke aus dieser Zeit entdeckt
Zu sehen sind drei, jeweils leicht um die senkrechte Achse gedrehte Ansichten desselben Riesenhirsch-Fußknochens. Der gelblich-braune Knochen ist vor schwarzem Hintergrund effektvoll angeleuchtet und zeigt rund zehn eingravierte Kerben.
Dieses Knochenstück vom Fuß eines Riesenhirsches wurde unter Leitung des Göttinger Forschers Thomas Terberger in der Einhornhöhle im Harz ausgegraben. Es ist mehr als 51.000 Jahre alt. Die Kerben auf dem Knochen müssen daher von Neandertalern eingeritzt worden sein und bezeugen, dass diese Urmenschen symbolisch denken konnten
Links ist die gelbliche Felswand einer Höhle zu sehen, auf der in roter Farbe aufgemalte Muster, Figuren und ein leiterartiges Gebilde zu erkennen sind. Das rechte Bild zeigt eine Zeichnung, welche die roten Objekte – insbesondere die Leiter – auf beigem Untergrund deutlicher hervorhebt.
Uralte Kunst aus der Höhle La Pasiega im Nordosten Spaniens (rechts als Zeichnung von 1913). Die leiterartigen Gebilde sind mindestens 64.000 Jahre alt und müssen von Neandertalern stammen; das Alter der anderen Figuren ist unklar
Auf einer beige- und hellbraun getönten Felswand hebt sich die dunkelrot gezeichnete Figur eines Schweines mit dickem Bauch, schmalen Beinchen und einem kleinen Kopf auf der rechten Seite ab. Links ist das Hinterteil mit dem Schwänzchen zu sehen, über dem sich zusätzlich die Umrisse zweier menschlicher Hände abzeichnen. Eine Strichzeichnung auf dem Rumpf des Tieres könnte das Fell andeuten; sie verstärkt sich hin zu den Rändern, so dass die Zeichnung fast einen dreidimensionalen Charakter erhält.
Diese Zeichnung eines Wildschweins aus der Leang Tedongnge-Höhle auf Sulawesi in Indonesien entstand vor mehr als 45.000 Jahren. Sie gilt als das älteste derzeit bekannte gegenständliche Bild der Erde
Auf der rechten Bildseite sieht man einen steil ansteigenden Berg, vorne rechts den Eingang zu einer Höhle, der oben von Felsen überwölbt wird. Vor der Höhle stehen wissenschaftliche Messgeräte. Ein Trampelpfad führt von der Höhle fort, den Hang entlang. Links fällt das Gelände steil ab bis zum Meer, das unten an Felskuppen brandet. Darüber spannt sich ein blauer Himmel mit wenigen, kleinen Wolken.
In der südafrikanischen Blombos-Höhle siedelten in einer Periode vor mehr als 100.000 bis 70.000 Jahren Steinzeitmenschen, die uralte künstlerische Spuren hinterließen: durchbohrte Schneckengehäuse, Linienzeichnungen, Ockerstückchen mit Gravuren
Vor schwarzem Hintergrund ist ein länglicher, rotbrauner Stein mit scharfen Kanten und einer relativ ebenen Vorderseite zu sehen. Auf ihr ist ein dunkelrotes, abstraktes Muster aus mehreren Strichen zu erkennen.
Das abstrakte Linienmuster, das Menschen vor 73.000 Jahren mit rotem Ocker auf diesen Stein aus der Blombos-Höhle zeichneten, gilt als frühes Zeichen symbolhafter Kunst
Links ist das Foto eines grün-bläulich-gelben Felsens zu sehen, auf dem sich links oben der Umriss einer menschlichen Hand abzeichnet, der von dunkelrotem Farbstoff umgeben ist. Rechts neben der Hand und unten finden sich zudem weitere dunkelrote Farbpunkte in regelmäßigen Abständen. Das rechte Bild zeigt eine Höhlenwand mit einem Gemisch aus gelblichen und dunkelroten Farbtönen, auf dem sich – nicht ganz einfach erkennbar – drei hellen Handflächen abzeichnen, die von dunkelroten Pigmenten umgeben sind.
Beliebte Kunstmotive der Steinzeit sind Umrisse von menschlichen Händen – links in der Höhle Pech Merle, Südfrankreich, rechts in der spanischen Maltravieso Höhle. Welchen Geschlechts mögen die Kunstschaffenden von damals gewesen sein? Das überraschende Resultat einer Studie: Drei Viertel der Handumrisse stammen von Frauen

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