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Coronatests dürfen ruhig etwas kosten. Wir müssen Ungeimpfte anders schützen

11.10.2021
5 Minuten
Ein Mann in weißer Schutzkleidung führt einer jungen Frau ein Wattestäbchen in die Nase ein.

Es sollte endlich wieder eine ausgelassene Party sein: Anfang September durften in einer Diskothek in Münster 380 Menschen zu lauter Musik feiern. Die Tür war besonders streng: Rein durfte nur, wer geimpft oder genesen war – 2 G. Aber obwohl sich die jungen Frauen und Männer an die Vorgaben hielten, obwohl die Betreiber das Hygienekonzept befolgten, entwickelte sich die Party zu einem Super-Spreader-Ereignis: 85 Menschen haben sich in dem Club mit dem Coronavirus angesteckt. Wie viele Menschen sie ihrerseits infiziert haben, ist nicht bekannt.

Geimpfte wiegen sich oft in trügerischer Sicherheit: „Ich bin geimpft, mir kann nichts weiter geschehen.“ Das sind inzwischen etwa 65 Prozent aller Einwohner Deutschlands ab zwölf Jahren [Stand: 8. Oktober 2021]. Es dürften sogar noch deutlich mehr sein, wie das Robert-Koch-Institut (RKI) einräumt. Schätzungen zufolge könnte die Impfquote bei den Erwachsenen sogar bei mehr als 80 Prozent liegen.

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Geimpft, aber trotzdem infiziert und ansteckend

Die Impfungen schützen gut, aber eben nicht vollkommen. Genesene und Geimpfte können sich sehr wohl weiterhin mit SARS-CoV-2 infizieren. Das RKI zählte von Februar bis Anfang Oktober 2021 knapp 68.000 wahrscheinliche Impfdurchbrüche. Das bedeutet, dass vollständig geimpfte Personen sich mit SARS-CoV-2 infizierten und Krankheitssymptome entwickelten. Die sind allerdings meist mild, wie bei den Münsteraner Club-Besucherïnnen. Die Zahl der nicht erkannten Infektionen wird um einiges höher liegen.

Infizierte Geimpfte und Genesene erkranken selbst so gut wie nie schwer. Aber: Sie können das Virus weitergeben. Eine Studie aus den Niederlanden zeigt, dass Geimpfte, die sich mit der aktuell grassierenden Delta-Variante von SARS-CoV-2 (B.1.617.2) ansteckten, ähnlich hohe Virusmengen in sich tragen wie infizierte Ungeimpfte. Und in knapp sieben von zehn Fällen waren diese Viren infektiös. Daten aus Singapur bestätigen diese Beobachtungen.

Ausgerechnet jetzt soll ein bewährtes Mittel zur Pandemieeindämmung wegfallen: Ab Montag, 11. Oktober, gibt es kostenlose Corona-Bürgertests nur noch in Ausnahmefällen, zum Beispiel für Kinder. Alle anderen müssen die Tests bezahlen. Das soll die Staatskasse entlasten, denn allein 2021 kostete die flächendeckende Versorgung mit Tests den Bund 3,7 Milliarden Euro.

Auf den ersten Blick ist das ein falsches Signal: Sicherlich werden sich viele Leute einen Test sparen, wenn sie dafür 15, 20 oder sogar 30 Euro zahlen müssen. Für viele Menschen zählten die Antigen-Schnelltests zur Routine etwa auf dem Weg zu den Eltern, zu Freunden, ins Kino oder in die Kneipe.

Vielleicht ist es gar nicht so schlimm, auf die Antigentests für Geimpfte und Genesene zu verzichten – obwohl auch sie das Virus weitergeben können.

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Antigentests sind unzuverlässig

Eine normale Corona-Infektion verläuft ja so: Jemand steckt sich mit SARS-CoV-2 an, die Viren vermehren sich. Nach etwa zwei Tagen hat dieser Mensch genügend Virus im Körper, um seinerseits Leute anzustecken. Ein Antigentest benötigt aber noch mehr Virus – genauer bestimmte Virenbestandteile, die erst eine ganze Zeit nach der Infektion in ausreichender Menge vorliegen. Der Test schlägt daher erst vier Tage nach der Infektion an, meist sogar noch später.

Es gibt also ein Zeitfenster, in dem der Test negativ ist, die Person aber nicht nur bereits infiziert ist, sondern sogar andere Menschen anstecken kann. Kurzum: Antigentests gelten als unzuverlässig, um eine frühe Infektion mit dem Corona-Virus zu entdecken.

Bei Geimpften spitzt sich dieses Test-Paradox sogar weiter zu. Die niederländischen Forscherïnnen schlossen aus ihren Beobachtungen, dass infizierte Geimpfte nicht so lange ansteckend sind wie Ungeimpfte. Die bleiben mitunter zwei Wochen lang infektiös. Geimpfte, die sich mit der Delta-Variante von SARS-CoV-2 infiziert haben, sind also zwar ansteckend. Der Antigentest schlägt allerdings erst an, wenn sie es vermutlich gar nicht mehr sind. Der Test findet nur noch Schrott von toten Viren, der sich über Tage ansammelt. Antigentests sind also für Geimpfte sinnlos. Für sie können wir darauf verzichten.

Dass wir ganz ohne Tests allerdings die Impfdurchbrüche übersehen, ist gefährlich für eine große Gruppe Menschen, von denen sich viele gerne impfen ließen, es aber bislang nicht können: Denn für 9,2 Millionen Kinder unter Zwölf fehlt ein zugelassener Impfstoff. Sollten sich Geimpfte und Genesene also weiterhin regelmäßig testen, um diese vulnerable Gruppe zu schützen? Zumal sich mitten im Herbst weitere Lockerungen abzeichnen, mit weitreichenderen Folgen.

Die Schulen tun ja einiges, um Infektionen frühzeitig zu erkennen. Schülerïnnen in nordrhein-westfälischen Grund- und Förderschulen prüfen seit Ende Mai mit Lollitests, ob sie sich mit dem Corona-Virus angesteckt haben. Die Kinder lutschen für etwa 30 Sekunden an dem „Lolli“, einem Wattestäbchen. Die Lehrerïnnen sammeln alle Proben ein und packen sie in einen Behälter. Das nennt man „poolen“. Im Labor testen Mitarbeiterïnnen die Gesamtprobe mittels PCR darauf, ob Viren-RNA vorhanden ist, also ob in der Klasse eine akute Infektion vorliegt. Wenn ja, bitten sie jedes Kind einzeln noch einmal zum Test.

PCR-Tests gelten nicht nur als deutlich zuverlässiger und sensitiver als Antigentests. Aufgrund der spielerischen und unkomplizierten Art, die Proben zu gewinnen, nehmen die Kinder sie gut an, wie eine Studie im Fachmagazin The Lancet zeigt. So können Schulen akute Infektionen schnell erkennen und eindämmen. Trotzdem setzen nur wenige Länder dieses Konzept um. Die meisten nutzen weiterhin die ungenauen, aber günstigeren Antigen-Schnelltests.

Wenn ein Test anschlägt, ist es aber schon zu spät. Dann sind schon Kinder krank. Und auch wenn sie nur sehr selten wirklich Symptome zeigen, auch sie können an Long Covid erkranken. Es gilt, die Infektionen zu verhindern.

Bewährte Strategie – Masken

Masken sind dabei besonders effizient. Verschiedene Studien in den USA zeigen, wie gut das gerade in Schulen funktioniert. Und ausgerechnet in einer Zeit, in der die Antigentests ihre Aussagekraft verlieren, soll dieser Schutz für die Jüngsten nun fallen. Berlin hat für Kinder der Klassen 1 bis 6 am 4. Oktober die Maskenpflicht aufgehoben – also gerade für die Kinder, die noch nicht geimpft werden können. Bayerns Schülerïnnen brauchen zumindest im Unterricht keine Masken mehr zu tragen. NRW wiederum steht in den Startlöchern: Dort soll vermutlich ab November die Maskenpflicht entfallen, auch hier allerdings lediglich an den Sitzplätzen.

Masken schützen aber nicht nur die Kinder untereinander. Geimpfte und Genesene infizieren sich seltener mit SARS-CoV-2, wenn sie in der Öffentlichkeit weiterhin konsequent Masken tragen. Masken hätten wahrscheinlich auch einige der Infektionen im Münsteraner Club verhindern können. Denn es galt zwar 2G, aber eben keine Maskenpflicht. Und so konnte vermutlich ein einziger Infizierter so viele weitere Personen anstecken. Es war glücklicher Zufall, dass diese Menschen bereits geimpft oder genesen waren und dementsprechend nur milde Symptome entwickelten. 85 Umgeimpfte wären nicht alle so glimpflich davongekommen.

Wenn wir weiterhin ungeimpfte Kinder und andere Menschen vor einer Infektion schützen wollen, helfen uns Antigentests nicht weiter, sondern Masken, Abstand, Händewaschen sowie – und davon können Deutschlands Schülerïnnen inzwischen ein Lied singen – Lüften, Lüften, Lüften.

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Sigrid März

Sigrid März

Sigrid März ist freie Wissenschaftsjournalistin und schreibt hauptsächlich über Forschung & Biotechnologie sowie Medizin & Gesundheit.


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