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Reisen in die Finsternis

Rezension eines mutmachenden Buchs zum Thema „Lichtverschmutzung“

von Stefan Oldenburg
4 Minuten
Auf dieser grandiosen Aufnahme von Bernd Pröschold erstrahlt die Spitze des Matterhorns im Licht des aufgehenden Mondes.

Treten wir nachts vor die Türe, erstreckt sich über unseren Köpfen oftmals nur grauer Milchglasscheibenhimmel. Strahlende Milchstraße? Fehlanzeige. Mit künstlichem Licht macht der moderne Mensch die Nacht zum Tag, weshalb gut zwei Drittel der Menschheit kaum noch einen sternenübersäten Nachthimmel erleben können. Nur wenige besonders helle Sterne und Planeten sind am Firmament erkennbar. Lichtschwache Himmelsobjekte wie planetarische Nebel oder ferne Galaxien bleiben unsichtbar.

Bereits Ende des 19. Jahrhunderts beklagen sich Astronomen wie Edward Charles Pickering oder Max Wolf über schlechter werdende Beobachtungsbedingungen. Heute sprechen wir von „Lichtverschmutzung“. Nur ansatzweise beschreibt dieser irreführende Begriff aber die Problematik und trägt dazu bei, dass diese Form der Umweltzerstörung im öffentlichen Bewusstsein noch immer wenig präsent ist.

Künstliches Licht ist ein globales Phänomen: Zu viel, beziehungsweise falsch verwendet, ist allnächtliche Lichtflut für massenhaftes Sterben von Tieren verantwortlich und eine der Ursachen für das Ausdünnen der Artenvielfalt bei Fauna und Flora. Insbesondere nachtaktive Insekten haben keine Lobby. Die Folgen ihres Verschwindens sind vielfältig. Um nur zwei zu nennen: Sie fehlen als Bestäuber ebenso wie als Nahrung für Jungvögel.

Auch der Mensch selbst gefährdet sich durch Lichtverschmutzung, indem er seinen über Jahrzehntausende an den Wechsel von Tag und Nacht angepassten Rhythmus aus dem Lot bringt. Längst haben daher auch Biologen oder Mediziner die schädliche Seite künstlichen Lichts und ihre gravierenden ökologischen Folgen im Fokus. Nicht zuletzt verschwindet mit dem sichtbaren Sternenhimmel ein Kulturgut.

Wie wertvoll dieses Gut ist, wird gleich im einleitenden Kapitel des Buches „Reiseziel Sternenhimmel“ von Bernd Pröschold deutlich. In fast lyrischen Worten beschreibt er den Zauber, den das Erleben des Nachthimmels für ihn hat.

Der Funke springt über

Die Sprache seines gesamten Buchs ist im Stil der Einleitung gehalten, weshalb man es gerne liest. Allein durch seine Sprache hebt sich „Reiseziel Sternenhimmel“ von ähnlichen Publikationen ab. Durchweg springt der Funke auf den Leser über und er liest zwischen den Zeilen, wie wunderbar tiefdunkler, sternenübersäter Nachthimmel ist – und wie dramatisch sein Verschwinden.

Bernd Pröschold ist bekannt als Pionier der Zeitrafferfotografie, insbesondere der Langzeitrafferfotografie. Er sagt: „Von Anfang an war ich besessen von der Idee, nicht nur den Nachtverlauf, sondern auch die Abend- und Morgendämmerung in die Zeitrafferfilme einzubeziehen.“ Nachvollziehbar, dass er schon immer den dunkelst möglichen Nachthimmel für seine Filme und Fotografien sucht. Und logisch, dass sein Buch mit seinen grandiosen Fotografien illustriert ist.

Der Autor nähert sich dem Thema Lichtverschmutzung indem er die auch für Amateurastronomen immer schlechter werdenden Bedingungen für nächtliche Himmelsbeobachtungen nicht einfach als gegeben hinnimmt, sondern Optionen für Beobachtungsorte mit wenig lichtverschmutztem Firmament aufzeigt.

Aufnahme von Bernd Pröschold: Bei Windstille spiegeln sich die Sterne auf der Wasseroberfläche an der Küste Ölands.
Nur weit außerhalb von Ballungsgebieten zeigt sich noch ein prächtiger Sternenhimmel wie dieser: Bei Windstille spiegeln sich die Sterne auf der Wasseroberfläche an der Küste Ölands. Foto: Bernd Pröschold.

Warum sind Astroreisen notwendig?

Auf den ersten 33 Seiten widmet sich Bernd Pröschold jenen Aspekten, die Astroreisen notwendig machen (Lichtverschmutzung) und mit denen sie sich erfolgreich gestalten lassen (Standort und Zeitpunkt). Ausführungen zu technischen Aspekten der Beobachtung und Himmelsfotografie runden den Einstieg ab.

Ab Seite 34 stellt der Autor Reiseziele mit wenig lichtverschmutztem Nachthimmel vor, die er persönlich bereist hat und die er für Himmelsbeobachtungen und Himmelsfotografie empfehlen kann. Er führt den Leser zunächst an Ziele, die in Mitteleuropa liegen: Natürlich die Alpen, aber auch an Nord- und Ostsee, Mittelgebirge wie Harz, Eifel oder den Bayerischen Wald. Ausführlich widmet er sich einsamen Regionen Skandinaviens; auch Polarlichtfans erhalten in diesem Kapitel wertvolle Tipps. Bernd Pröschold widmet auch den Kanarischen Inseln und einigen Reisezielen rund um das Mittelmeer ausführliche Beschreibungen. Mit Berichten seiner Touren nach Namibia und Südamerika rundet er sein Werk ab.

Das winterliche Solenmassiv im Licht des aufgehenden Mondes. Eine Aufnahme von Bernd Pröschold,
Naturerlebnis pur: Das winterliche Solenmassiv im Licht des aufgehenden Mondes. Foto: Bernd Pröschold.

Die Auswahl der Orte ist exemplarisch

Die Auswahl der beschriebenen Orte ist durchweg exemplarisch zu verstehen. Schon der erste dieser Beobachtungsorte, die westfriesische Insel Terschelling, zeigt dies. Auch die beiden Nachbarinseln, im Westen Vlieland und im Osten Ameland, sind freilich ähnlich gut geeignet, sucht man seinen nächtlichen Beobachtungsort nur drei, vier Kilometer weit entfernt vom Leuchtfeuer der Leuchttürme.

In der Beispielhaftigkeit der Reiseziele, die Bernd Pröschold in Wort und Bild präsentiert, liegt kein Nachteil. Vielmehr bietet sich gerade hierdurch dem Leser Freiraum für Gedankenspiele und weckt Lust auf die eigene Suche geeigneter Beobachtungsorte, die ähnlich gute Beobachtungsbedingungen bieten, wie die im Buch beschriebenen.


Die Beispielhaftigkeit der Reiseziele weckt Lust auf die eigene Suche geeigneter Beobachtungsorte mit dunklem Nachthimmel.


In allen Reisezielbeschreibungen schwingt der Aspekt des Naturerlebnisses von Nächten unter dunklem Sternenhimmel mit. In einem SWR-Interview beschreibt Bernd Pröschold, was wohl jeder Amateurastronom bestens nachvollziehen kann: „Es ist ganz ruhig. Nachts ist es auch häufig windstill, man hört nur ganz wenige Geräusche. Man hört vielleicht das Surren der Montierung, die neben einem steht. Man hört vielleicht einen Uhu, und ist ganz konzentriert auf seine Arbeit, und das ist etwas ganz Meditatives.

Das Buch bildet und unterhält den Leser. Es lädt ihn ein, in Gedanken auf Reisen gehen. Auch wenn vor der eigenen Haustüre der meisten Himmelsbeobachter die Himmelsobjekte ihre Geheimnisse hinter einem Grauschleier verbergen, so ist der Eindruck nach Lektüre ein positiver: Selbst in Mitteleuropa gib es viele Orte, die (noch!) wenig lichtverschmutzt sind. Das macht Mut! Diese Oasen der Dunkelheit zu bewahren und auf ihren Wert aufmerksam zu machen, auch dazu trägt Bernd Pröscholds „Reiseziel Sternenhimmel“ auf konstruktive Weise bei. Und der Leser mag erkennen: „Finsternis“ ist keine Zutat zu einem Horrorfilm – sondern ein unbedingt schützenswertes Natur- und Kulturgut.

Bernd Pröschold: Reiseziel Sternenhimmel: Die dunkelsten Beobachtungsplätze in Deutschland und Europa. Franckh Kosmos Verlag, Stuttgart. 2018. Gebunden, 208 Seiten. 246×179×22mm (LxBxH). 30 €. ISBN 978–3440158432.

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Dieser Beitrag basiert auf der Rezension „Leoparden und Mücken“, in: „Sterne und Weltraum“, 1–2019, S. 97.

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Stefan Oldenburg

Stefan Oldenburg ist Wissenschaftsjournalist, Fotograf und Amateurastronom. Für die Weltraumreporter schrieb er von Januar 2018 bis Oktober 2021.


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Lektorat: Daniela Becker

Fotografie: Bernd Pröschold

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