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Mond und Menstruation

Würzburger Chronobiologin findet Hinweise für einen Einfluss der Mondphasen auf die weibliche Fruchtbarkeit

10.04.2021
5 Minuten
Vollmond über einem Gewässer, auf der Wasseroberfläche spiegelt sich das helle Mondlicht.

Bei Korallen ist die Sache klar: Ei- und Samenzelle haben bei einer Befruchtung außerhalb des Körpers, die diese Meeresbewohner praktizieren, nur eine Chance aufeinander zu treffen, wenn sie gleichzeitig in den Umlauf gebracht werden. Der Zeitgeber für die gemeinsame Verabredung ist der Mond. So entlassen jedes Jahr kurz nach einer bestimmten Vollmondnacht Millionen Korallenpolypen Eier und Spermien ins Wasser. Auch ohne Augen können diese Nesseltiere den Mondschein wahrnehmen. Sie sind mit winzigen molekularen Lichtsensoren ausgestattet, den so genannten Cryptochromen.

Das ist sehr spannend, hat mit uns Menschen aber herzlich wenig zu tun. Oder etwa doch? Ob und wie sehr der Erdtrabant auch die Biologie des Menschen beeinflusst, ist ein Dauerthema in der Forschung – und höchst umstritten. Viele WissenschaftlerInnen siedeln die zuweilen vermutete Macht des Mondes auf die Biologie des Menschen im Reich der Mythen an. Dabei: alles Leben stammt aus dem Meer und auch in uns Menschen steckt ein wenig Nesseltier. Könnte der Mond da nicht doch ..? Eine Forscherin aus Würzburg wollte es jetzt genauer wissen.

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Mond- und Menstruationszyklus zeitweise im Einklang

Neben Korallen timen auch viele andere Meeresorganismen ihre Fortpflanzung nach dem Mond. Die Chronobiologin Charlotte Förster vom Lehrstuhl für Neurobiologie an der Universität Würzburg wollte deshalb prüfen, ob sich dieses evolutionäre Erbe auch im Menschen findet.

Die Forscherin machte sich im Kolleginnen- und Bekanntenkreis auf die Suche nach Frauen, die über einen längeren Zeitraum einen Menstruationskalender geführt hatten und bereit waren, ihre Daten zu teilen. Förster wurde fündig. 22 Frauen machten mit. Das sind nicht viele; die Stärke dieser Studie liegt jedoch in der Länge der Aufzeichnungen, die von fünf bis 32 Jahre reichten.

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Die Ergebnisse, die Charlotte Förster nach der Auswertung der Kalender zusammen mit KollegInnen nun im Fachjournal „Science Advances“ veröffentlichte, könnten eine Art Gleichklang vermuten lassen: Bei den untersuchten Frauen lief der Menstruationszyklus zumindest in gewissen Zeiten ihres Lebens (bis maximal sieben Jahre) mit dem Mondzyklus synchron. Während dieser Phase setzte die Regelblutung bei Vollmond beziehungsweise ein bis zwei Tage davor oder (seltener) exakt bei Neumond ein. Bis zu einem Alter von 35 Jahren trat dieses Phänomen häufiger auf (im Durchschnitt bei fast 25 Prozent der aufgezeichneten Zeit) als im fortgeschrittenen Alter (im Durchschnitt bei knapp 10 Prozent).

Ältere Studien widersprüchlich

Ältere Studien zum gleichen Phänomen liefern kein einheitliches Bild. Einige konnten keinen Zusammenhang zwischen Vollmond und dem Beginn der Regelblutung feststellen. Untersuchungen, die sich besonders auf die Frauen mit einer Zykluslänge von rund 29,5 Tagen konzentriert hatten, dagegen schon.

Hinweise, dass das Miteinander von Mond und weiblichem Zyklus nicht vollkommen aus der Luft gegriffen ist, liefert auch diese Beobachtung: Frauen mit einem Zykluslänge von 29,5 Tagen haben statistisch gesehen die größten Chancen, schwanger zu werden. In Vollmondnächten werden im Durchschnitt zwei bis drei Prozent mehr Kinder geboren als in anderen Nächten.

Ein Zusammenhang zwischen Mond und Menstruation liegt wegen der ähnlichen Dauer der Zyklen scheinbar nahe. 27,3 Tage braucht der Mond, um die Erde einmal zu umkreisen. Alle Phasen vom Neumond über den zunehmenden Mond bis zum Vollmond und abnehmenden Mond durchläuft er in 29,5 Tagen. Der Menstruationszyklus kann von Frau zu Frau, aber auch im Laufe der fruchtbaren Lebensperiode unterschiedliche Längen (von 20 bis 35 Tagen) einnehmen. Im Durchschnitt dauert er aber 28 Tage und damit fast exakt so lange wie der Mondzyklus.

Nicht nur die Helligkeit auch die Distanz des Mondes zur Erde könnte sich über Gravitationskräfte auswirken. Die stärksten Gleichklang zwischen Menstruation und Mond fand Charlotte Förster in ihrer Auswertung zumindest dann, wenn der Mond der Erde besonders nah ist.

Evolutionärer Vorteil durch Synchronisation?

So unterschiedliche Tiere wie der Europäische Dachs und auch der Meeresringelwurm pflanzen sich hauptsächlich während der dunkelsten Mondphasen fort. In diesen Zeiten werden sie keine gar so leichte Beute für Fressfeinde. Gorilla und Orang Utan haben (wie der Mensch) einen Zyklus von etwa 30 Tagen. Ob Mond und Menstruation hier irgendwie zusammenhängen, wurde bisher kaum untersucht. Lediglich in einer Studie an Berggorillas fanden Forscher vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie Hinweise, dass der Mond Einfluss auf die fruchtbaren Phasen der Tiere haben könnte.

Vollmond
Viele Meeresorganismen richten ihre Fortpflanzung nach dem Mond.

Die wichtigste Frage ist aber vielleicht, welchen Vorteil unsere Urahnen von einer durch den Mond gesteuerten Fortpflanzung gehabt haben könnten? „Wir Menschen haben die Tendenz, in Vollmondnächten aktiver zu sein als bei Neumond", sagt Förster. Es gibt eine auffällige Beziehung zwischen der Einschlafzeit, der Schlafdauer und den Mondphasen. Bei indigenen Völkern, die ohne elektrisches Licht leben, ist dieser Effekt besonders deutlich zu sehen: Mitglieder der Toba-Qom-Gemeinschaften in Argentinien gehen bei Vollmond beispielsweise im Durchschnitt eineinhalb Stunden später schlafen als bei Neumond. Selbst in Großstädten, in denen es nachts oft taghell ist, können sich die Menschen dem Einfluss des Mondes nicht völlig entziehen. Auch hier sind sie im Durchschnitt in Vollmondnächten 20 Minuten länger wach als bei Neumond.

Zu Urzeiten sei es wohl nicht sehr ratsam gewesen, in den besonders dunklen Nächten bei Neumond, viel oder lange draußen unterwegs zu sein, mutmaßt Charlotte Förster: „Eventuell waren daher die Neumondnächte besonders geeignet, sich zurückzuziehen und sich der Fortpflanzung zu widmen.“

Virginia Vitzhum, eine Anthropologin von der US-amerikanischen Indiana University zeigte sich von dieser Spekulation im „New Scientist“ allerdings nicht sonderlich überzeugt. Bevor es Empfängnisverhütungsmittel gab, seien Frauen die meiste Zeit ihres fruchtbaren Erwachsenenlebens entweder schwanger gewesen oder hätten ein Kind gestillt: „Das heißt, es gab nicht viele Gelegenheiten für die Evolution eine Synchronisierung mit dem Mond zu favorisieren“, sagt Vitzhum.

Fruchtbarkeit und Lichtverschmutzung

In älteren Studien aus den 1960er bis 1980er Jahren, die über einen Zusammenhang zwischen Mond und Menstruation berichteten, setzte die Regelblutung der betreffenden Frauen um den Vollmond herum ein. Der Eisprung folgte 14 Tage später also ungefähr an Neumond. Charlotte Förster sah bei ihrer Auswertung der Menstruationskalender ähnliche Effekte. Bei der Mehrzahl der Frauen, setzte die Regelblutung bei Vollmond ein. Doch bei einigen Frauen war es genau umgekehrt: bei Vollmond der Eisprung, bei Neumond die Regelblutung.

„Irgendetwas muss in der Zeit zwischen den 80er Jahren und heute passiert sein, “ mutmaßt Charlotte Förster. Womöglich habe die Lichtverschmutzung, die in den letzten Jahrzehnten rasant zunahm, ihren Anteil. Zumindest gibt es Hinweise dafür, dass Frauen, die in (nachts hell erleuchteten) Großstädten leben einen kürzeren Zyklus haben, als Frauen, die in ländlichen Regionen zu Hause sind. Nun ist die Zykluslänge ein altersunabhängiger Vorhersagewert für die Fruchtbarkeit einer Frau. Schwedische Fortpflanzungsmediziner stellten vor 13 Jahren fest, dass die Chance schwanger zu werden für Frauen mit einem langen Zyklus (mehr als 34 Tage) fast doppelt so hoch ist, wie bei Frauen mit einem mit einem kürzeren Zyklus (weniger als 26 Tage).

Die Fruchtbarkeit des modernen Menschen ist durch Lebenswandel und -umstände gefährdet. Dabei spielen viele verschiedene Faktoren eine Rolle. Neben Schadstoffen und Stress könnte das künstliche (Dauer)Nachtlicht beteiligt sein, das vielleicht auch dem Mond seinen Einfluss auf die Menstruation streitig macht.

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Dr. Ulrike Gebhardt

Dr. Ulrike Gebhardt

Ulrike Gebhardt ist Biologin, freie Journalistin und Buchautorin. Sie arbeitet unter anderem für die „Neue Zürcher Zeitung“ und „spektrum.de“. Anfang 2019 erschien ihr Buch „Gesundheit zwischen Fasten und Fülle“.


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