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Können Impfen und Testen die dritte Welle brechen?

Die ansteckendere Variante des Coronavirus treibt die Infektionszahlen nach oben. Schnelltests können den Anstieg bremsen – wie effektiv, bleibt unklar.

30.03.2021
6 Minuten
Eine brechende Meereswelle als Sinnbild für das Brechen der Welle von Coronainfektionen

Während die dritte Coronawelle läuft, debattiert Deutschland darüber, wie sie zu brechen sei. Seit Beginn der Pandemie gibt es neben dem ungeliebten Lockdown inzwischen zwei weitere Werkzeuge dafür: Impfungen und Schnelltests. Umstritten bleibt indessen, ob die neuen Methoden ausreichen, um die Fallzahlen wieder zu senken oder ob zusätzlich ein verschärfter Lockdown nötig ist. Die ansteckendere Virusvariante B117 mache es deutlich schwerer, die Pandemie zu kontrollieren, meinen viele Experten.

Es gibt Hinweise darauf, dass Schnelltests ein effektives Werkzeug sind. In der Slowakei gelang es im letzten Herbst durch ihren massenweisen Einsatz in der Bevölkerung stark betroffener Landesteile, die Fallzahlen besonders schnell zu senken: Binnen nur einer Woche um über die Hälfte, wie slowakische und britische Forscher im Fachmagazin Science zeigen. Allerdings sei ein Teil der Senkung auch auf kontaktreduzierende Maßnahmen zurückzuführen, schreiben die Autoren. Wie viel genau wodurch verursacht ist, können sie nicht auseinander rechnen. Sie betonen jedoch, dass ein Monat Lockdown im November in England viel ineffektiver beim Senken der Fallzahlen war.

Halbblinde Tests

Dass Testen allein lange nicht alle Infektionsketten durchbricht, zeigt indessen eine Studie des Forschernetzwerks „Cochrane International“. Es hat einen Überblick über Studien zu den Tests verschiedener Hersteller gemacht. Demnach übersehen Schnelltests häufig asymptomatische Covid-19-Fälle. Bei Massentests von Symptomlosen schlage das merklich zu Buche, rechnet Cochrane anhand eines hypothetischen Beispiels vor: Testete man alle 10.000 Einwohner einer kleinen Stadt, dann würden bei 50 Infizierten zwischen 15 und 26 Fälle übersehen, im schlimmsten Fall also mehr als die Hälfte.

Auch der Kombi-Effekt von Impfen und Schnelltests bleibt wohl vorerst ein unzureichendes Mittel, wie ein Team um Kai Nagel von der Technischen Universität berechnete. Die Forscher haben ein Simulationsmodell für das Infektionsgeschehen entwickelt, das Impfungen und den Einsatz von Schnelltests in Schulen, Kitas, Betrieben und im Freizeitbereich mit einbezieht. Ihre Hauptbotschaft, um es vorwegzunehmen: Komplett abwehren lasse sich die Welle weder mit Impfungen noch mit einem massiven Einsatz von Schnelltests. Diese Instrumente könnten die Welle aber immerhin auf das Niveau der zweiten Welle senken.

B117 macht Eindämmung schwieriger

Dass die Eindämmung schwieriger geworden ist, liegt an der Variante B117, die das derzeitige exponentielle Wachstum antreibt. Setzt sich dieses weiter fort, kann die Inzidenz innerhalb weniger Wochen sehr hoch werden. Denn sie verdoppelt sich dann jeweils in einem bestimmten Zeitraum. Angenommen, es dauert zwei Wochen von Inzidenz 100 bis Inzidenz 200, dann werden nach weiteren zwei Wochen schon 400 und wieder zwei Wochen 800 erreicht.

Ändere sich nichts, dann könnte sich bis Mai die Inzidenz verzehnfachen, zeigte Nagels Team Mitte März in einer Studie. Auch der dämpfende Effekt des wärmeren Wetters sei in dieser Modellrechnung schon enthalten, schreiben die Forscher.

Aber wie schlimm wäre das eigentlich? Die Gruppe mit dem höchsten Risiko zu versterben, Bewohner von Alten- und Pflegeheimen, ist inzwischen weitgehend geimpft. Doch für die noch ungeimpften 50– bis 80-Jährigen und jüngere Menschen mit Vorerkrankungen wie Diabetes, bleibt Sars-CoV-2 eine lebensbedrohliche Gefahr. Ihr Risiko für eine schweren Verlauf ist hoch: Laut einer britischen Studie müssen von tausend Infizierten zwischen 50 und 55 Jahren zweiundzwanzig ins Krankenhaus. Von den Infizierten zwischen 75 und 80 Jahren sogar jeder zweite.

Alter als größter Covid-19-Risikofaktor

Auch die Sterberate liegt für diese Altersgruppe deutlich über der oft als Maßstab herangezogenen saisonalen Grippe. Das Alter hat sich als der größte Risikofaktor für einen Covid-19-Tod herauskristallisiert. Das Risiko an einer Infektion zu sterben liegt für 50-Jährige bei 0,2 Prozent. Das heißt, von 10.000 Infizierten sterben zwanzig. Dieses Risiko verdoppelt sich etwa alle sechs Lebensjahre. Für 79-Jährige beträgt es schon sieben Prozent. Von 10.000 Infizierten dieses Alters sterben also 700. Diese Sterberaten basieren auf Antikörpertests in verschiedenen Ländern der Welt. Sie berücksichtigen also auch symptomfreie Infektionen, die oft nicht entdeckt werden.

Hohe Infektionszahlen bei Menschen dieser mittleren Altersstufen würden somit zu einer erheblichen Belastung, wenn nicht Überlastung von Kliniken führen und könnten sehr viele Todesopfer kosten.

Unter 50– bis 80-Jährigen könnten noch Hunderttausdende sterben

Das Virus hat im vergangenen Jahr schon gezeigt, dass es binnen kurzer Zeit große Teile einer Bevölkerung infizieren kann. Im italienischen Bergamo hatten sich im Juni 2020, also wenige Monate nach dem Beginn der Pandemie dort, über die Hälfte der Bürger infiziert. Erhält das Virus die Gelegenheit, sich in einer Bevölkerung auszubreiten, wird es erst durch die so genannte Herdenimmunität nennenswert gebremst: Diese setzt ein, sobald ausreichend viele Menschen immun sind, sei es durch eine durchgemachte Infektion oder durch Impfung. Je ansteckender ein Virus ist, desto mehr Menschen müssen immun sein, bevor die Herdenimmunität wirksam wird.

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Bei der ansteckenderen Variante von Sars-CoV-2 gehen Fachleute von etwa 80 Prozent der Bevölkerung aus. Im schlimmsten Fall könnten sich also auch rund 80 Prozent der 50– bis 80-jährigen Deutschen infizieren, das sind mehr als 27 Millionen Menschen. Solange nur wenige von ihnen geimpft sind, würden in diesem Szenario über 300.000 Menschen sterben. Englische Forscher haben deutliche Hinweise, dass das mutierte Virus sogar noch etwas tödlicher ist als das ursprüngliche. Es könnten also noch mehr Menschen mittleren Alters sterben. Ein solches Szenario ist indessen unwahrscheinlich, weil selbst zögerliche Politiker noch lange vor seinem Eintreten handeln würden. Doch möglich ist es.

„Ungeschützte Kontakte in Innenräumen sind nicht akzeptabel“

Die gute Nachricht: Die zusätzlichen Werkzeuge helfen effektiv, das Virus einzudämmen. Dennoch verlange die Variante B117 einen Kraftakt, meinen die Forscher um Kai Nagel. Um zu vermeiden, dass die dritte Welle höher wird als die zweite, brauche es eine „Gesamtstrategie, die besser wirkt als die im Januar 2021“, schreiben sie.

In ihrer Publikation stellen sie Modellrechnungen für Berlin und Umgebung vor. „Die Ergebnisse schätzen wir aber als übertragbar für ganz Deutschland ein“, sagt das Teammitglied Ricardo Ewert von der TU Berlin. Denn Simulationen für andere Regionen hätten identische Ergebnisse geliefert, sagt der Forscher.

Bleibt alles wie jetzt, würde die Inzidenz bis Mitte Mai auf über 2.000 Fälle pro 100.000 Einwohner und Woche ansteigen. Das wäre etwa das Vierfache der Inzidenz des derzeit besonders stark von Corona betroffenen Tschechien, wo laut dem tschechischen Intensivmediziner Martin Straka Triagen stattfanden.

Als wichtigsten Ansatzpunkt, um das Wachstum einzudämmen sehen die Forscher den Aufenthalt in Innenräumen mit mehreren Personen. Allein diese summierten sich zu einem R-Wert über der kritischen Schwelle von 1. Der R-Wert gibt an, wie viele Personen ein Infizierter im Schnitt ansteckt. Um das exponentielle Wachstum zu brechen, muss er unter eins sinken.

Der unvermeidbare Kontakt im eigenen Haushalt trage schon 0,5 zum R-Wert bei, schreiben die Berliner Forscher. Besuche bei anderen Haushalten addiere 0,6 dazu. Allein diese beiden Faktoren führten also zu einem R-Wert von 1,1. Mithin also schon zu viel. „Jeglicher ungeschützte Kontakt in Innenräumen außerhalb des eigenen Haushalts ist daher nicht akzeptabel“, betonen die Autoren. Sie weisen darauf hin, dass private Kontakte in Innenräumen außerhalb des eigenen Haushaltes in Großbritannien sogar verboten sind.

Testen in Schulen, Betrieben und in der Freizeit

Als geschützt betrachtet Nagels Team Kontakte, wenn Masken getragen oder Schnelltests ausgeführt werden. Schnelltests in Schulen und Kitas und im Büro erachten die Wissenschaftler als probates Mittel, um Fallzahlen spürbar zu senken. Allein zweimalige Tests pro Woche in Schulen und Kitas würden die Inzidenz am Scheitelpunkt der Welle von 2.000 auf unter 1.500 senken. Machte man dies auch in Betrieben, wäre eine Senkung auf 1.000 möglich. Wenn dann zusätzlich noch 20 Prozent der Freizeitaktivitäten mit Tests abgesichert würden, gelänge eine Senkung auf 500.

Doch auch dies wäre noch deutlich mehr als in der zweiten Welle, in der die Inzidenz maximal bis etwas über 200 gestiegen war. Um die Welle soweit zu drücken, müsste in Schulen, Kitas und Betrieben sogar dreimal pro Woche getestet werden. In Berlin wären dafür wöchentlich neun Millionen Schnelltests nötig. Somit gibt die Studie Lothar Wieler recht, der „harte Maßnahme der Kontaktreduktion“ fordert, um die dritte Welle zu brechen. Tests seien keine „Wunderwaffe“ gegen die Pandemie, meint Wieler.

Vertreter des Cochrane-Netzwerks warnen noch eindringlicher davor, sich zu sehr auf die Tests zu verlassen. Längst nicht alle angebotenen Tests erreichten die von der WHO geforderte Genauigkeit, sagt John Deeks, Professor für Biostatistik an der Universität Birmingham. Er zeigt sich kritisch gegenüber routinemäßigen Tests an Schulen oder in Betrieben. „Wir haben keine Daten oder Studien gefunden, die die Genauigkeit dieser Tests bewerten, wenn sie beim wiederholten Screening von Personen ohne bekannte Exposition gegenüber SARS-CoV-2 eingesetzt werden. Solche Teststrategien haben keine Evidenz aus der realen Welt.“

Also bilden Impfungen und Schnelltests zwar wichtige Säulen für die Kontrolle der Pandemie, aber alleine noch keine tragfähige Strategie. Zu einer solchen gehören weiterhin auch kontaktreduzierende Maßnahmen, wie Shutdowns.

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Dr. Christian J. Meier

Dr. Christian J. Meier

schreibt seit 2005 Artikel und Sachbücher über Wissenschaft, Technik und Digitalisierung für verschiedene Verlage. Er hat eine Neigung für umstrittene Themen wie Nanotechnologie oder KI, die die Zukunft grundlegend verändern können. Über die Zukunft schreibt er zudem in fiktionalen Texten. Einige seiner Kurzgeschichten wurden publiziert. Aktuell ist sein erster Thriller „K.I. – Wer das Schicksal programmiert“ erschienen.


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