Serie: Der kleine Unterschied … zwischen Frauenknie und Männerknie

Frauen und Männer sind in vielem gleich. Aber ihre Körper unterscheiden sich auch abseits der Geschlechtsorgane – etwa darin, wie das Knie arbeitet. Teil 1 der Serie

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Das Bild ist in eine linke und eine rechte Hälfte geteilt. Links ist eine Zeichnung eines menschlichen Knies in türkisen Linien auf beigem Hintergrund zu sehen, rechts eine spiegelverkehrte Zeichnung des gleichen Knies in beigen Linien auf türkisem Hintergrund.

Frauen und Männer sind in vielem gleich. Aber ihre Körper unterscheiden sich auch abseits der Geschlechtsorgane. Das Knie zum Beispiel, das größte Gelenk des menschlichen Körpers, das beim Laufen, Treppensteigen oder Springen mit einem Vielfachen des eigenen Körpergewichts belastet wird, ist bei Männern und Frauen zwar im grundsätzlichen Aufbau identisch: In verschiedene Richtungen verlaufende Bänder halten Oberschenkelknochen, Schienbein und Kniescheibe in Position zueinander und sorgen wie gespannte Gummibänder dafür, dass das Knie beweglich und stabil zugleich bleibt. Doch wer misst, wie die einzelnen Teile des Knies zueinander stehen, findet Unterschiede – zum Beispiel beim Q-Winkel.

Was ist das für ein Winkel?

Der Quadrizeps-Winkel, kurz Q-Winkel, beschreibt, wie sich im Bein die Kraft zwischen dem Quadrizeps und der Patellasehne verteilt. Der Quadrizeps ist der große Muskel an der Vorderseite des Oberschenkels, die Patellasehne verläuft über die Kniescheibe. Weil bei Frauen der Beckenknochen, an dem ein Teil des Oberschenkelmuskels entspringt, breiter ist, wirkt die Kraft bei ihnen seitlicher auf die Patellasehne ein als bei Männern. Sie haben also einen größeren Q-Winkel: Bei Männern beträgt er meist 12 bis 15 Grad, bei Frauen 15 bis 18 Grad.

Ist ein großer Q-Winkel gut oder schlecht?

Je größer der Q-Winkel, desto stärker zieht der Quadrizepsmuskel die Kniescheibe nach außen – weg von der Ideallinie sozusagen. Das kann zu Knieschmerzen führen und begünstigt Verrenkungen, bei denen die Kniescheibe aus dem Gelenk springt, sowie Kreuzbandrisse.

Hat sich die Evolution etwas einfallen lassen, um das auszugleichen?

Leider nein. All diese Probleme treten bei Frauen tatsächlich häufiger auf als bei Männern. Neben dem größeren Q-Winkel tragen dazu auch andere Faktoren bei: So ist der Oberschenkelhals – der kleine, schräg nach innen Richtung Hüfte führende Abschnitt am oberen Ende des Oberschenkelknochens – bei Frauen stärker nach vorn gedreht. Um das auszugleichen, drehen Frauen ihre Kniegelenke oft nach innen, haben also eher X-Beine als Männer. Das begünstigt sowohl Kreuzbandrisse ohne Einwirkung von außen als auch etwa ein Verkanten beim Skifahren, das wiederum zu einem Kreuzbandriss führen kann. Und obendrein haben Frauen auch noch laxere Bänder als Männer.

Müssten solche Bänder nicht stabiler sein? Ein lose über einen Gegenstand gewickeltes Gummiband reißt weniger leicht als ein straff gespanntes.

Möglicherweise begünstigen die laxeren Bänder eine noch extremere X-Stellung. Vielleicht ist ein laxes Band aber auch weniger mit einem lose gewickelten Gummiband vergleichbar als mit einem dünneren, wenig reißfesten. Denn Bänder bestehen zu großen Teilen aus dem Eiweiß Kollagen. Eine Hypothese besagt, dass das weibliche Sexualhormon Östrogen die Quervernetzung der Kollagenfasern reduziert und diese dadurch weniger reißfest macht oder dass das männliche Sexualhormon Testosteron das Gegenteil bewirkt. Fest steht jedenfalls: Frauen erleiden um zwei- bis achtmal häufiger einen Kreuzbandriss als Männer.

Na toll. Kann man dagegen etwas tun?

Studien haben gezeigt, dass eine exakt aufeinander abgestimmte Kombination von Muskel-, Ausdauer- und Balanceübungen das Risiko eines Kreuzbandrisses deutlich verringert – sowohl bei Frauen als auch bei Männern.

Bei der Beantwortung der Fragen geholfen haben Peter Diehl vom Orthopädiezentrum München Ost und Susanne Scheipl von der Universitätsklinik für Orthopädie und Traumatologie der Medizinischen Universität Graz, Mitherausgeberin eines Fachbuchs über Geschlechterunterschiede in der Orthopädie.

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Ruth Eisenreich


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