Zum Artikel springen
  1. RiffReporter /
  2. Wissen /
  3. Auch nicht vererbte Eltern-Gene wirken

Eltern-Gene wirken sogar, wenn sie nicht vererbt werden

Der „genetische Umwelteinfluss“ ist stärker als gedacht

05.04.2018
2 Minuten
Vater und Mutter gehen mit Ihrer Tochter spazieren. Man sieht sie von hinten

Wir vererben mehr als unsere Gene. Das haben wir allmählich gelernt. Doch heißt es nicht unbedingt, dass unsere Gene an Einfluss verlieren. Sie wirken im Gegenteil manchmal sogar dann, wenn sie gar nicht vererbt worden sind. Diese Erkenntnis hat Folgen für die Interpretation genomischer Studien.

Die Umwelt beeinflusst das Erbe. Das Erbe beeinflusst aber auch die Umwelt. Deshalb halten es viele Forscher längst für überholt, bei komplexen menschlichen Eigenschaften, die genetische Komponente und den Umwelteinfluss getrennt quantifizieren zu wollen. Erbe und Umwelt sind untrennbar verbandelt und erzielen ihre Wirkung immer nur gemeinsam. Letztlich ist es das Produkt beider Komponenten, das zu hundert Prozent für ein bestimmtes Merkmal verantwortlich ist, nicht die Summe.

So können Umwelteinflüsse zum Beispiel epigenetische Strukturen und damit die Aktivierbarkeit von Genen verstellen, was wiederum nicht selten die Entwicklung von Organen entscheidend prägt. Umgekehrt ist aber schon unsere Umwelt ein Stück weit eine Folge unserer Eigenschaften und damit unserer genetischen Mitgift. Dass dieses Zusammenspiel auch wichtig wird, wenn es um Vererbung selbst geht, fand unlängst ein internationales Forscherteam heraus. Die Genetiker um den bekannten isländischen Gründer der Firma deCODE genetics, Kari Stefansson, nutzten Erbgut-Daten von 21.637 Isländern, um zu belegen, dass sogar jene Genvarianten unsere Eigenschaften beeinflussen, die unsere Eltern uns nicht vererbt haben.

Für Adoptiveltern sind die Resultate tröstlich. Genomiker sollten aber nachdenklich werden

Abonnieren Sie „Erbe&Umwelt“. Sie unterstützen so gezielt weitere Recherchen.

Kostenfreie Erbe&Umwelt-News

Sie möchten regelmäßig über neue Beiträge im Magazin Erbe&Umwelt sowie über öffentliche Auftritte und weitere Aktivitäten von Peter Spork informiert werden? Dann bestellen Sie hier die kostenlose E&U-News

Wir besitzen fast jedes Gen in zwei Varianten, den Allelen, vererben davon aber nur eines an unsere Kinder. (Das zweite kommt dann vom anderen Elternteil.) Unser eigener Lebensstil und damit unsere Umwelt werden aber in aller Regel von beiden Allelen zugleich beeinflusst. Diese Umwelt teilen wir wiederum mit unseren Kindern, was sie lebenslang prägt und über viele ihrer Eigenschaften mitbestimmt. So ist es eigentlich nur logisch, dass auch jene Genvarianten, die unsere Kinder nicht von uns geerbt haben, zu ihrer Persönlichkeit und anderen Eigenschaften beitragen. Genau diesen Effekt konnten Stefansson und Kollegen jetzt nachweisen und sogar berechnen. Sie nennen den im Fachblatt Science publizierten Effekt genetic nurture – genetischer Umwelteinfluss. Überraschend ist dabei vor allem, wie groß dieser Einfluss sein kann: Bei manchen Merkmalen, etwa dem Hang zu Übergewicht oder dem Längenwachstum ist er zwar statistisch nicht nachweisbar. Bei anderen ist er aber dafür fast schon dramatisch hoch: Bezogen auf den Bildungsabschluss der Kinder etwa, entfalten die nicht vererbten Genvarianten der Eltern knapp 30 Prozent jener Wirkung, die die biologisch vererbten Allele haben.

Insgesamt dürften die neuen Daten für viele Adoptiveltern tröstlich sein. Auch wenn sie ihre Gene gar nicht vererbt haben, so wirken diese sich über den Umweg der Umwelt doch noch maßgeblich auf die Kinder aus. Genetiker dürften jetzt allerdings nachdenklich werden. Es scheint, als hätten sie die biologisch deterministische Macht der Gene in vielen ihrer bisherigen Studien überschätzt. Wenn Forscher in Zukunft im Rahmen einer so genannten genomweiten Assoziationsstudie Korrelationen zwischen Gemeinsamkeiten innerhalb einer Familie und vererbten Genvarianten berechnen, sollten sie immer auch in Betracht ziehen, dass die genetische Vererbung für diesen Effekt nicht alleine verantwortlich sein muss. Das gilt unter Umständen sogar für den Einfluss von Großeltern und – noch sehr viel stärker – von Geschwistern und erst recht von Zwillingen. Sie teilen oft einen großen Teil ihrer Umwelt, und damit zwangsläufig auch ihrer umweltabhängigen Prägung.

„Genetische und umweltbedingte Mechanismen sind miteinander verwoben." (Philipp Koellinger & Page Harden)

Vor allem aber sei das Phänomen des genetischen Umwelteinflusses ein weiteres „überzeugendes Beispiel dafür, wie fest genetische und umweltbedingte Mechanismen miteinander verwoben sind“, kommentieren die Genetiker Philipp Koellinger, Amsterdam, und Page Harden, Austin, in einem Begleitkommentar. Biologische Vererbung scheint also tatsächlich mehr zu sein als nur genetische Weitergabe von Information.

Abonnieren Sie „Erbe&Umwelt“. Sie unterstützen so gezielt weitere Recherchen.
Dr. Peter Spork

Dr. Peter Spork

Seit 30 Jahren freier Wissenschaftsjournalist, Vortragsredner und Sachbuchautor, darunter der Spiegel-Bestseller Gesundheit ist kein Zufall und Der zweite Code. Sein aktuelles Buch Die Vermessung des Lebens ist das erste populärwissenschaftliche deutsche Sachbuch zur Systembiologie.


Erbe&Umwelt

Das System des Lebens

Wenn Sie in den Spiegel schauen, sehen Sie ein fantastisches Wesen. Sie sind perfekt. Was Sie nicht sehen, ist das untrennbare Zusammenspiel von Erbe, Umwelt und Vergangenheit. Es hat Sie zu dem gemacht, was Sie sind: ein hochgradig vernetztes biologisches System aus 37 Billionen Körperzellen inmitten des noch umfassenderen Systems, das alles Lebendige und manches Leblose miteinander verbindet.

Reisen Sie mit mir, dem Wissenschaftsautor Peter Spork, in die spannende Welt der Systembiologie. Entdecken Sie, wie Genetik, Genregulation und Epigenetik, Schlafforschung und innere Rhythmik, Jungbleiben, Sport und Ernährung, Psychologie und Soziologie zusammenhängen. Denn die Wissenschaft entschlüsselt derzeit das System des Lebens. Sie entschlüsselt Ihre Gesundheit, Ihre Persönlichkeit, Ihre Zauberhaftigkeit.

E&U-News | E&U-Gratis | E&U-YouTube | E&U-Schwerpunkte | Vortragsmitschnitt | Ausführliche Infos

Verantwortlich im Sinne des Presserechts

Dr. Peter Spork

Gneisenaustr. 34
20253 Hamburg

www: http://www.peter-spork.de

E-Mail: info@peter-spork.de

Weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

Redaktion: Dr. Peter Spork
Faktencheck: Dr. Peter Spork
VGWort Pixel