Wie gefährlich ist Long Covid?

Britische Statistiker haben errechnet, dass es auf der Insel schon 1,3 Millionen Long Covid-Fälle geben könnte, Die Spätfolgen einer Corona-Infektion sollte man nicht unterschätzen.

6 Minuten
Symbolbild zu Corona: Kind auf dem Arm der Mutter mit Maske

Die britischen Behörden veröffentlichen jeden Monat in ihrem Corona-Bericht eine beunruhigende Zahl. Sie beschreibt die Dimension, die Long Covid in Großbritannien bereits erreicht haben könnte. Schätzungsweise 1,3 Millionen Menschen hatten Anfang Dezember 2021 Symptome, die als Spätfolgen einer Infektion mit dem Coronavirus gewertet werden. Damit wären zwei Prozent der Bevölkerung von Long Covid betroffen. Die Schätzung stammt vom Office for National Statistics (ONS) und basiert auf der Befragung von mehr als 350.000 Menschen.

Jeder Fünfte ist stark eingeschränkt

Long Covid bezeichnet Corona-Spätfolgen, die auch mehrere Wochen nach einer Infektion noch auftreten. Covid-19 beginnt dann quasi eine chronische Erkrankung zu werden. Nach Angaben des ONS liegt die Infektion bei 890.000 Betroffenen mehr als zwölf Wochen zurück, etwa 500.000 berichten sogar ein Jahr später noch über Long-Covid-Symptome. Jeder Fünfte sagt, er sei bei den Aktivitäten des täglichen Lebens stark eingeschränkt. Insgesamt wurde in der Befragung nach dem Auftreten von zwölf Symptomen gefragt. Die Hälfte der Long-Covid-Fälle klagt über eine starke Müdigkeit, je 37 Prozent nennen den Verlust des Geruchssinns oder Kurzatmigkeit. 28 Prozent haben Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren.

Noch ist nicht klar, ob die Spätfolgen einer Corona-Erkrankung tatsächlich so massiv auftreten, wie vom ONS beschrieben. Die Teilnehmerzahl der Studie ist zwar sehr groß. „Die Schätzungen beziehen sich auf die von den Studienteilnehmern selbst berichteten Long-Covid-Erfahrungen und nicht auf das klinisch diagnostizierte anhaltende Post-COVID-19-Syndrom in der Gesamtbevölkerung“, erläutern die Statistiker. Nicht immer sind bei der Befragung des ONS Ärzte beteiligt, die Selbsteinschätzungen der PatientInnen könnten falsch sein. Trotzdem werten die Experten die Ergebnisse als „eindringliche Warnung“, dass Long Covid zu einem wachsenden Problem in der Bevölkerung wird.

Deutsche Zahlen zu Long Covid im Sommer

Das Robert-Koch-Institut arbeitet noch an Zahlen für Deutschland. Eine Studie soll Vergleiche von Personen mit und ohne SARS-COV-2-Infektion in Hinblick auf Symptome, Lebensqualität, Inanspruchnahme medizinischer Versorgung und gesundheitsbedingte Einschränkungen im Alltag ermöglichen. Die Daten werden nach Angaben des RKI bis Ende März 2022 erhoben und zeitnah veröffentlicht.

Long Covid bleibt die ungewisse Größe der Corona-Pandemie. In Deutschland steht das Thema wenig in der Öffentlichkeit, bei der Debatte um die Impfpflicht am Mittwoch im Bundestag wurde es kaum erwähnt. Dabei sind die ExpertInnen einig, dass das Coronavirus sogar dann monatelang gesundheitliche Einschränkungen bewirken kann, wenn die eigentliche Erkrankung mild verlaufen ist. Das Post-Covid-Zentrum der Charite in Berlin berichtet, dass vier Wochen nach Infektionsbeginn noch etwa 20 Prozent der Betroffenen und nach sechs Monaten noch etwa 10 Prozent an Symptomen leiden. Dass Infektionskrankheiten langanhaltende Beschwerden auslösen können, ist beispielsweise vom Pfeifferschen Drüsenfieber (Infektiöse Mononucleose) bekannt, das mehr als sechs Monate dauern kann. Auch der mit dem Sars-Cov-2-Virus verwandte Erreger der ersten Sars-Epidemie 2002 zeigte diesen Effekt.

Long Covid auch bei Jugendlichen

Ende Oktober alarmierte eine Studie des Zentrums für Evidenzbasierte Gesundheitsversorgung der Uni Dresden. Die Forschenden haben Krankenkassendaten von mehr als 150.000 Personen mit nachgewiesener Covid-19-Erkrankung ausgewertet. Sie verglichen, wie häufig die in dieser Gruppe neu gemeldeten Symptome und Diagnosen im Vergleich mit einer Gruppe von 750.000 nicht an Covid-19 erkrankten Menschen auftreten. Das Ergebnis zeigt, welche Bedeutung Long Covid inzwischen hat. Nicht nur bei Erwachsenen, sondern auch bei Kindern und Jugendlichen, werden demnach mehr als drei Monate nach der Covid-19-Diagnose deutlich mehr neue Symptome und Erkrankungen diagnostiziert als in der Vergleichsgruppe. Die Rate lag bei den Corona-Fällen um mehr als 30 Prozent höher, Erwachsene sind stärker betroffen als Kinder und Jugendliche.

Eine Meta-Studie kanadischer Forscher, die im März 2022 veröffentlicht wird, zeigt zwei besonders intensive Langzeitfolgen von Corona: Jeder dritte Infizierte leidet 12 oder mehr Wochen nach der COVID-19-Diagnose noch unter Müdigkeit, jeder Fünfte zeigt eine kognitive Beeinträchtigung.

Wie entsteht Long Covid?

Trotzdem ist die Entstehung von Long Covid kaum verstanden. Am einfachsten zu erklären sind Langzeitfolgen nach schweren Verläufen. Wenn Patienten ins Krankenhaus eingeliefert werden, weil die Lunge schwer geschädigt ist oder sie sogar künstlich oder maschinell beatmet werden müssen, dauert es lange, bis die Lunge wieder die alte Leistungsfähigkeit erreicht.

Doch so einfach ist es nicht. Long Covid kann auch bei weniger schwer verlaufenden Infektionen auftreten. Ein Erklärungsversuch ist, dass einige Coronaviren nach der akuten Infektion in verschiedenen Geweben verbleiben und dort weiterhin Schäden verursachen, obwohl die eigentliche Infektion schon abgeklungen ist. Denkbar ist auch, dass die durch die Erstinfektion ausgelöste breite Immunreaktionen gegen körpereigenes Gewebe hervorrufen können.

Forschende am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf haben selbst bei einem milden Verlauf der Erkrankung länger anhaltende Schäden an mehreren Organen gefunden. Im Rahmen der regelmäßig stattfindenden Hamburg City Health Study (HCHS) wurden 443 Personen nach einer SARS-CoV-2 Infektion mit nur leichten Symptomen umfassend untersucht und die Daten mit nicht an COVID-19 erkrankten Teilnehmenden verglichen. Dabei fanden die MedizinerInnen eine durchschnittliche Abnahme der Herzleistung um ein bis zwei Prozent und bei der Blutanalyse deutliche Hinweise auf eine höhere Belastung des Herzens. Auch die Lungen- und Nierenfunktion der Erkrankten lag um zwei bis drei Prozent unter den Werten der Vergleichsgruppe, Thrombosen in den Beinvenen traten häufiger auf. Schädigungen am Gehirn konnte die Forschungsgruppe aber nicht erkennen. Allerdings ist nicht klar, ob diese körperlichen Nachteile sich tatsächlich in körperlichen Folgen widerspiegeln.

Diagnose oft nicht eindeutig

Die Diagnose Long Covid ist für MedizinerInnen noch schwer zu stellen. Die Symptome einer chronisch gewordenen Corona-Infektion können auch durch andere Krankheiten hervorgerufen werden. Psychische Probleme können etwa durch den Stress und die geringeren sozialen Kontakte während der Pandemie entstanden sein. Die Patienten berichten sehr häufig über Müdigkeit (Fatigue), Kurzatmigkeit, Leistungseinschränkung, Kopfschmerzen und Störungen im Geruchs- und Geschmackssinn. Zudem klagen sie über Husten, Schlafstörungen, depressive Verstimmung, Angstsymptomatik, Schmerzen, Konzentrationsstörungen, Hautveränderungen und Haarausfall. Wohl deshalb schwanken die Statistiken über die Häufigkeit von Long Covid. Ob man das Auftreten der Erkrankung überschätzt, wird sich erst mit besseren Daten und nach längeren Beobachtungen zeigen.

Doch selbst wenn der Anteil der Corona-Infektionen, die in Long Covid übergehen, geringer sein sollte als bisher bekannt: Es ist höchste Zeit, sich intensiv mit dem Phänomen zu beschäftigen. Schon deshalb, weil es zum jetzigen Zeitpunkt noch Menschen mit Long Covid gibt, die sich bereits in den Anfängen der Pandemie angesteckt haben. Zwei Zahlen zeigen, was das mit den Betroffenen macht: etwa 50 Prozent der Langzeitbetroffenen können nur eingeschränkt arbeiten. In 80 Prozent der Fälle haben sich die Symptome nach zwölf Monaten kaum gebessert. Jördis Fromhold, Chefärztin der Median-Klinik Heiligendamm, berichtet: „Oft sind bei Long Covid 20– bis 50-jährige gesunde und leistungsstarke Menschen ohne Vorerkrankungen betroffen, die bis dato nie auf eine ärztliche Infrastruktur angewiesen waren.“ Die Ärzte haben bisher keine Therapien, sie versuchen lediglich einzelne Symptome zu kurieren.

Es wird mehr Long Covid geben

Hinzu kommt der Verdacht, dass die Zahl der Fälle noch steigen wird. Zwar zeigt Omikron häufiger milde Verläufe, doch es wäre ein Trugschluss, daraus abzuleiten, dass damit automatisch auch die Wahrscheinlichkeit für Long Covid sinkt. Zum einen sind die grundlegenden Symptome, die die Omikron-Variante auslöst, ähnlich denen, die man schon von anderen Varianten kennt. Zum anderen dokumentieren Studien, dass schon bei Delta und den Vorläufervarianten des Virus Menschen an Long Covid erkrankten, die keine oder kaum Symptome hatten.

Die Statistiker können bisher keine Antwort zum Auftreten von Long Covid als Folge von Omikron geben. Dafür ist es noch zu früh. Naturgemäß stammen die bisher verwendeten Daten, zumeist von Patienten, die im Jahr 2020 oder bis zum Sommer 2021 infiziert wurden. Die Corona-Lage hat sich verändert. Damals waren viele Personen noch nicht geimpft, die Delta-Variante hatte sich noch nicht so weit ausgebreitet, Omikron gab es noch nicht. Das könnte sich auf das Auftreten von Long Covid auswirken.

Impfung schützt vor Long Covid

Einige Studien, die im Januar veröffentlicht wurden, geben aber Anlass zur Hoffnung. Denn die Corona-Impfung scheint nicht nur vor einem schweren Verlauf der Krankheit zu schützen, sondern reduziert auch die Wahrscheinlichkeit von Long Covid. Laut einer britischen Studie berichten Personen, die zwei Impfstoffdosen erhalten hatten und sich trotzdem infizierten, nur etwa halb so häufig über Symptome, die mindestens 28 Tage nach der Infektion anhielten, wie ungeimpfte Personen. Dennoch klagen fünf Prozent der Befragten über Einschränkungen, die Long Covid zugeordnet werden können. Daten aus Israel liefern ein ähnliches Resultat. Dennoch müssen diese Zahlen weiter mit Vorsicht bewertet werden, erst weitere Studien werden Klarheit bringen. Aber selbst die vermeintlich kleine Zahl von fünf Prozent stünde bei hunderttausend Neu-Infektionen pro Tag für 5000 Menschen täglich. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass die Idee einer unkontrollierten Ausbreitung des Virus in der Bevölkerung große Probleme mit sich bringt.

Verantwortlich im Sinne des Presserechts

Rainer Kurlemann

Kronprinzenstraße 36
40217 Düsseldorf

www: https://www.rainerkurlemann.de

E-Mail: rainer.kurlemann@gmail.com

Weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

Redaktion: Ulrike Gebhardt

VGWort Pixel