US-Gremium empfiehlt Corona-Impfung bei 5– bis 11-Jährigen

Was wir bisher zu Nutzen und Risiken der Impfung für Kinder wissen

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Ein Mädchen mit rosa Mundschutz bekommt eine Spritze in den rechten Oberarm.

Das US-amerikanische Beratungsgremium zu Impffragen ACIP hat am 2. November 2021 einstimmig beschlossen, die Impfung mit dem Covid-19-Impfstoff von BioNTech/Pfizer für alle Kinder zwischen fünf und elf Jahren zu empfehlen. Ende Oktober hatte die FDA den Impfstoff für diese Altersgruppe in den USA zugelassen. Wie in Deutschland sind Impfempfehlung und Zulassung in den USA zwei getrennte Vorgänge.

Im Vergleich zum Impfstoff für Jugendliche und Erwachsene enthält der Kinder-Impfstoff nur ein Drittel der Wirkstoffmenge. Für einen vollständigen Impfschutz sind laut Zulassung zwei Spritzen im Abstand von drei Wochen nötig.

Was wir zum Nutzen wissen

In der noch laufenden Zulassungsstudie liegen zur Wirksamkeit bislang die Daten von rund 2250 Kindern vor, von denen rund 1500 den Impfstoff bekamen und etwa 750 eine Scheinimpfung. Jedes fünfte Kind gehörte zu einer Risikogruppe, hatte etwa eine chronische Lungenerkrankung oder war stark übergewichtig.

Es wurde vor allem untersucht, wie viele neutralisierende Antikörper die geimpften Kinder bilden, verglichen mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus einer anderen Studie. Dabei zeigte sich kein wesentlicher Unterschied. Die FDA wertet das als ausreichenden Hinweis darauf, dass die Impfung ähnlich gut wirkt. Allerdings lässt sich auf Basis dieser sogenannten Antikörpertiter nicht direkt die Effektivität des Impfstoffs berechnen. Denn dafür fehlt bisher ein zuverlässiger Immunmarker.

Die Studie wurde dennoch so aufgesetzt, um zügig zu einem Ergebnis zu kommen. Zum Vergleich: In den Studien mit Jugendlichen und Erwachsenen wurde der Impfschutz anhand der Covid-19-Erkrankungen mit Symptomen ermittelt. Um die Wirksamkeit der Impfung auf dieselbe Weise bei Kindern zu überprüfen, hätte die Studie viel mehr Menschen umfassen müssen. Schließlich entwickeln Kinder bei einer Infektion nicht so häufig Symptome und erkranken seltener schwer an Covid, verglichen mit Erwachsenen. Eine noch größere Kinder-Studie hat die Zulassungsbehörde im Vorfeld als unrealistisch erachtet und auch nicht als notwendig für ausreichende Erkenntnisse zur Wirksamkeit.

Die selteneren Erkrankungen bestätigten sich auch in der Studie: Über einen Zeitraum von drei Monaten traten gerade einmal 19 Erkrankungen mit Covid-19 auf, die meisten in der Placebo-Gruppe. Daraus ergibt sich eine rechnerische Wirksamkeit des Impfstoffs von rund 91 Prozent – die Wahrscheinlichkeit für eine Erkrankung sinkt mit Impfung also um 91 Prozent im Vergleich zu Ungeimpften.

Weil nur so wenige Kinder überhaupt erkrankt sind, ist diese Zahl statistisch allerdings nicht besonders aussagekräftig. Sie liegt aber in einer ähnlichen Größenordnung wie bei Jugendlichen und Erwachsenen. Weil glücklicherweise kein Kind schwer erkrankte, lässt sich zum Schutz vor schweren Verläufen auf dieser Basis keine zuverlässig Aussage machen.

Was wir zu den Risiken wissen

In dieser Studie überwachten die Wissenschaftlerïnnen die Kinder über einen Zeitraum von drei Monaten auf Nebenwirkungen. Für eine bessere Bewertung der kurzfristigen Impfreaktionen wurden weitere Kinder in die Studie aufgenommen, bei denen zum Zeitpunkt der Zulassung allerdings erst zwei Wochen nach der zweiten Impfung vergangen waren. Insgesamt stehen für die Bewertung der Verträglichkeit damit die Daten von rund 3000 geimpften Kindern zur Verfügung.

Wie bei Jugendlichen und Erwachsenen kam es bei vielen geimpften Kindern zu Impfreaktionen, am häufigsten nach der zweiten Impfung. So berichteten gut 70 Prozent über Schmerzen oder Schwellungen an der Einstichstelle (allerdings auch 30 Prozent mit Placebo), knapp 40 Prozent über Abgeschlagenheit (rund 25 Prozent mit Placebo) und knapp 30 Prozent über Kopfschmerzen (etwa 20 Prozent mit Placebo).

Diese Beschwerden traten meistens am zweiten Tag nach der Impfung auf, waren mehrheitlich eher leicht und verschwanden in der Regel von selbst innerhalb von ein bis zwei Tagen. Solche Symptome können bei allen Impfungen durch die Reaktion des Immunsystems auftreten.

Bekannte andere Nebenwirkungen des BioNTech-Impfstoffs wie Schwellungen der Lymphknoten oder Hautausschlag betrafen weniger als ein Prozent der geimpften Kinder. Schwere allergische Reaktionen (Anaphylaxien), Entzündungen des Herzmuskels (Myokarditis) oder des Herzbeutels (Perikarditis) fielen in der Zulassungsstudie nicht auf. Weil diese Nebenwirkungen so selten sind, hätte die Studie dafür allerdings deutlich größer sein müssen.

Warum die Impfung in den USA empfohlen wird

Bei der Entscheidung hat das ACIP verschiedene Faktoren abgewogen: Zwar verlaufe eine Coronainfektion bei Kindern in der Regel milder als bei Erwachsenen, und auch langfristige Folgen wie Long Covid seien seltener. Dennoch sei die Krankheitslast höher als bei manchen anderen Erkrankungen, für die Impfungen empfohlen sind, beispielsweise Hepatitis A. Aus den Ergebnissen der Zulassungsstudie schlussfolgerte das Gremium, dass die Impfung die Krankheitslast deutlich senken könne. Außerdem habe die Impfung, wie die Erfahrungen bei den älteren Menschen gezeigt haben, das Potenzial, die Ansteckungsgefahr in Schule und Familie und damit die Einschränkungen im Alltag zu verringern.

Weil bislang Daten zu Herzmuskelentzündungen durch die Impfung bei Kindern zwischen fünf und elf Jahren fehlen, konnte das Beratungsgremium das Risiko nur abschätzen:

Myokarditis ist als Nebenwirkung eher selten: Bei männlichen Jugendlichen sind pro eine Millionen Impfungen ungefähr 40 bis 100 Fälle verzeichnet, bei jungen Frauen vier bis zwölf. Eine Herzmuskelentzündung kann auch ohne Impfung auftreten. Sie ist bei Kindern grundsätzlich deutlich seltener als bei Jugendlichen.

Zudem ist die Dosis der Kinder-Impfung nur ein Drittel so groß wie für Jugendliche und Erwachsene. Das US-Gremium geht deshalb davon aus, dass diese Tatsache das Risiko für eine Myokarditis als Folge der Impfung bei Kindern zusätzlich reduziert.

Weil in der Summe der mögliche Nutzen größer ist als die möglichen Risiken, empfiehlt das Beratungsgremium die Impfung in den USA für alle Kinder zwischen fünf und elf Jahren.

Wann ist die Impfung in Deutschland möglich?

BioNTech hat die Zulassung für Kinder zwischen fünf und elf Jahren bereits bei der europäischen Zulassungsbehörde EMA beantragt. Medienberichten zufolge könnte die Entscheidung darüber noch vor Weihnachten fallen. Sobald der Impfstoff zugelassen ist, können Ärztïnnen ihn in Deutschland sofort einsetzen.

Bereits in der Diskussion um die Impfung der 12– bis 17-Jährigen hat sich jedoch gezeigt, dass die tatsächlichen Impfmöglichkeiten stark von der Empfehlung der Ständigen Impfkommission (STIKO) abhängen. Solange die Impfung nur für Risikogruppen empfohlen war, war es für Eltern manchmal schwierig, gesunde Kinder impfen zu lassen: In einigen Impfzentren war das lange nicht möglich, in sozialen Medien gab es Berichte, dass einige Kinderarztpraxen die Impfung verweigerten.

Für Kinder zwischen fünf und elf Jahren prüft die STIKO derzeit parallel zur EMA die Daten. Der STIKO-Vorsitzende Thomas Mertens hat sich bisher aber eher zurückhaltend dazu geäußert, ob es tatsächlich eine allgemeine Impfempfehlung für die Altersgruppe geben wird. Er weist darauf hin, dass in den USA Kinder häufiger und auch schwerer an COVID-19 zu erkranken scheinen als in Deutschland. Deshalb könne man die US-amerikanische Empfehlung nicht automatisch auf Deutschland übertragen. Die STIKO werde aber bei ihrer Entscheidung neben den Daten aus der Zulassungsstudie auch die besondere Situation der Kinder und ihre Belastung in der Pandemie berücksichtigen.

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