Pandemia: Wenn Seuchenexperten es mit der Angst zu tun bekommen

Jeremy Farrar, der Chef des Wellcome Trust, berichtet von zwei Momenten in seinem Forscherleben, in denen er in den Abgrund schaute – aus ganz unterschiedlichen Gründen

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ein Mann in weißer Uniform spricht mit einem Patienten [AI]

Wenn ein tödliches neues Virus auftaucht, dann bringt es meist auch die Angst mit sich. Kein Wunder: Solche Erreger sind schließlich furchterregend: Sie kommen scheinbar aus dem Nichts, sind zunächst kaum verstanden und häufig gibt es kein Heilmittel. Das anfängliche Unwissen ist Nährboden für Gerüchte und Verschwörungstheorien, Spekulationen und alarmistische Schlagzeilen. In dieser Situation ist Angst verständlich – und manchmal durchaus berechtigt.

Ärzten und Wissenschaftlern geht das nicht anders. Ich habe im Laufe der vergangenen zehn Jahre mit Hunderten Experten über ihre Erfahrungen mit Infektionskrankheiten gesprochen. Fast immer kam in ihren Erzählungen auch dieser Moment vor, in dem sie angesichts einer neuen Krankheit selbst richtig Angst hatten.

Wie SARS seinen Entdecker das Leben kostete

Einer von ihnen ist Jeremy Farrar, ein Arzt und Experte für Infektionskrankheiten, der lange in Vietnam gearbeitet hat und der nun seit einigen Jahren den Wellcome Trust leitet, eine der größten Stiftungen der Welt. Farrar sagt, er habe in seinem Arbeitsleben zwei Mal so richtig Angst gehabt: Einmal kurz nach dem ersten SARS-Ausbruch und einmal zu Beginn der SARS-Pandemie, die wir alle gerade durchleben. Für die aktuelle Folge unseres „Pandemia-Podcasts“ habe ich mit ihm über diese beiden Momente gesprochen.

Der erste dieser Momente ereignete sich im Januar 2004 in Ho-Chi-Minh-Stadt in der Nacht des vietnamesischen Neujahrsfests Tết. Farrar und sein Kollege Professor Tran Tinh Hien arbeiteten in dieser Nacht und wurden in ein anderes Krankenhaus gerufen, wo ein junges Mädchen mit einer schweren Lungenentzündung eingeliefert worden war.

Was alle sofort dachten: Könnte dies die Rückkehr von SARS sein? Im Jahr zuvor war SARS nach Vietnam gekommen. Carlo Urbani, ein Freund von Farrar, hatte den ersten Patienten dort behandelt. Urbani hatte erkannt, dass es sich vermutlich um eine neue gefährliche Krankheit handelte und die Weltgesundheitsorganisation gewarnt. Es ist auch ihm zu verdanken, dass die Welt vor dem Schlimmsten bewahrt wurde. Urbani selbst aber hatte sich mit SARS infiziert und war an der Krankheit gestorben.

Ausbreitung von Mensch zu Mensch?

Nachdem die Ärzte das Mädchen untersucht hatten, waren sie sich sicher, dass sie nicht an SARS litt. Aber was dann? Hien blieb bei ihr für ein ausführliches Gespräch und die Geschichte, die er hörte war erstaunlich: Das Mädchen und ihr Bruder hatten eine Ente als Haustier gehabt und als diese vor Kurzem gestorben war, hatten sie das Tier begraben.

Aber offenbar war das Mädchen mit dem Begräbnis nicht zufrieden gewesen, sagt Farrar. „Sie hat sie also wieder ausgebuddelt, geküsst und gekuschelt und dann neu begraben. Und dann hat sie einige Tage später eine unglaublich schwere Lungeninfektion entwickelt.“

Hien machte einen Abstrich und brachte diesen auf seinem Motorrad zum einige Kilometer entfernten Krankenhaus, wo Farrar und er arbeiteten. Die Tests ergaben, dass es sich um ein Vogelgrippevirus vom Typ H5N1 handelte. Forscher hatten 1997 in Hong Kong erstmals Infektionen beim Menschen mit diesem Virus festgestellt. Damals hatten sich 18 Menschen infiziert und 6 von ihnen waren gestorben. Seitdem beunruhigte Forscher die Möglichkeit, dass dieses oder ein ähnliches Virus eine Pandemie auslösen könnte.

In Hong-Kong hatte sich das Virus zwar nicht von Mensch zu Mensch ausgebreitet. Aber galt das noch immer? Oder hatte das Virus sich vielleicht verändert? Hatten sich die Ärzte womöglich bei dem Mädchen angesteckt?

So einem Virus ausgesetzt zu sein, noch dazu in einem Land mit begrenzten Ressourcen und ohne Masken und Schutzkleidung, sei furchterregend gewesen, sagt Farrar. „Das war eine sehr sehr beängstigende Zeit“, erzählt er. „Ich erinnere mich daran, dass ich im Krankenhaus geblieben bin, es nicht verlassen habe, im Grunde die Dinge gemacht habe, die Carlo Urbani gemacht hatte, der ein guter Freund mit drei kleinen Kindern war. Und wir hatten damals auch drei kleine Kinder. Und er war gestorben.“

Zum Glück hatten sich weder Hien noch Farrar infiziert. Mit der Zeit stellte sich heraus, dass das Virus sich nach wie vor nicht effizient von Mensch zu Mensch ausbreitete – und die Angst ließ ebenfalls nach. (Auch wenn eine Pandemie mit diesem Virus bis heute eines der Horror-Szenarien vieler Forscher ist.)

„Für den Fall, dass mir etwas zustößt"

Das zweite Mal, dass Farrar richtig Angst bekam, war 16 Jahre später, im Januar 2020. Berichte eines neuen Coronavirus beunruhigten Farrar und sie kamen ausgerechnet aus Wuhan, einer Stadt mit einem Labor, das diese Viren untersuchte.

Sein erster Gedanke: „Könnte es ein Laborunfall gewesen sein?“ Damals habe er die Wahrscheinlichkeit auf 50 zu 50 geschätzt, sagt er. Allein die Möglichkeit machte ihm angesichts der geopolitischen Situation und den Spannungen zwischen China und den USA furchtbare Angst. Die Konsequenzen könnten katastrophal sein. Selbst ein Krieg schien nicht ausgeschlossen.

Und Farrar bekam auch persönlich Angst, wie er im Podcast (und in seinem Buch „Spike“) schildert: Was wenn nur ihm und der Handvoll Experten, mit denen er sich online austauschte, die Möglichkeit so klar war? Mit seiner Frau und mit seinem Bruder führte er Gespräche, die er mit dem Satz begann: „Das hier solltet ihr wissen, für den Fall, dass mir etwas zustößt.“

Angst vor dem, was Menschen tun könnten

Farrar wusste, an wen er sich wenden konnte: Die Vorsitzende im Aufsichtsrat des Wellcome-Trust war damals Eliza Manningham-Buller, die früher den britischen Inlandsgeheimdienst MI-5 geleitet hatte. Sie empfahl ihm, seine Routinen abzuwechseln, nicht jeden Tag die gleichen Wege zurückzulegen und sich ein Wegwerf-Telefon zu beschaffen. Im Rückblick sei einiges an seinem Verhalten irrational gewesen, sagt Farrar – verursacht auch durch einen Mangel an Schlaf und das Gefühl, mit einer Situation konfrontiert zu sein, für die er nicht ausgebildet war und die ihn überforderte. „Ich rief meinen Bruder an und sagte ihm, dass Dinge passierten, über die ich keine Kontrolle hatte und ich kann nicht sagen, warum ich Angst hatte, aber ich hatte Angst."

(Heute glaubt Farrar, dass die Wahrscheinlichkeit, dass das Virus aus dem Labor stammt, nur bei etwa fünf Prozent liegt. Mehr zu dieser Frage in einer der nächsten Pandemia-Folgen.)

Ich finde Farrars Geschichte nicht nur interessant, weil sie zeigt, dass Experten ähnliche (manchmal auch nicht ganz rationale) Ängste haben angesichts neuer Ausbrüche. Ich finde auch den Unterschied zwischen den beiden Momenten, die Farrar schildert, bezeichnend:

Denn 2004 war es vor allem die Angst vor dem, was das Virus tun könnte.

2020 war es vor allem die Angst vor dem, was der Mensch tun könnte.

Ich denke, dass das viel aussagt über die Welt in der wir uns befinden – auch wenn Farrar, einer der optimistischsten Menschen, die ich kenne, da vermutlich nicht zustimmen würde.

Die internationale Forschung an gefährlichen Erregern steht still

Und als ob das nicht schon furchteinflößend genug ist: Farrar hat mich im Interview auch darauf hingewiesen, dass wir in den vergangenen 20 Jahren alle zwei bis drei Jahre mit einem großen neuen Ausbruch zu kämpfen hatten, sei es SARS-1, Vogelgrippe, Zika, Ebola oder SARS-2. Neue Viren springen ständig auf den Menschen über. Aber die globale Zusammenarbeit von Forschern, um solche Zoonosen frühzeitig zu erkennen, steht im Moment an vielen Stellen still, auch wegen der Spannungen rund um den Ursprung von SARS2.

„Die Welt ist sehr, sehr verletzlich im Moment, denn wenn es jetzt zu so einem Übersprung kommen würde, dann würden wir das nicht wissen. Diese Ereignisse werden gerade nicht registriert. Sie werden nicht gesucht“, sagt Farrar. Und: „Nur weil wir gerade einen Covid-19-Ausbruch haben, heißt nicht, dass es nicht zu einem zweiten Ausbruch kommen kann.”“

Der Podcast mit Jeremy Farrar:

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