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Corona-Impfzentrum für Kinder ab 5: „Darauf haben ganz, ganz viele Eltern schon lange gewartet“

Der Bremer Bürgermeister Andreas Bovenschulte erklärt im Interview, warum er nicht auf die Stiko-Entscheidung gewartet hat und wieso das Land Bremen mit einem eigenen Kinder-Impfzentrum eine Lücke füllt.

3 Minuten
Ein Mann mit Brille und Halbglatze lächelt in die Kamera, im Hintergrund das historische Rathaus von Bremen.

Bremen gilt mit einer Impfquote bei Erwachsenen von über 93 Prozent (Stand 13.12.2021.) als deutschlandweiter Spitzenreiter. Die Gründe hierfür sind vielfältig: Eine frühe Einbeziehung vielfältiger Akteurïnnen aus der Mitte der Gesellschaft, Impf-Informationen in verschiedenen Sprachen, mobile und aufsuchende Impfangebote auch in Stadtteilen, in denen aufgrund von Sprachbarrieren oder anderen Gründen eine größere Impf-Skepsis zu erwarten war.

Nun öffnet in Bremen pünktlich zur ersten Lieferung des Biontech-Impfstoffs für Kinder ab fünf – und zeitgleich mit dem Erstarken der Omikron-Variante des Corona-Virus – ein eigenes Impfzentrum für Kinder. Wir sprachen mit dem Bremer Bürgermeister, Andreas Bovenschulte (SPD), über die Hintergründe, die Organisation und warum er nicht auf eine Entscheidung der Stiko gewartet hat.

Herr Bovenschulte, am Dienstag öffnen Sie in Bremen ein Impfzentrum speziell für Kinder zwischen 5 und 11. Warum?

Nachdem die Europäische Arzneimittelkommission den Impfstoff für Kinder zugelassen hat, registrieren wir in Bremen eine riesige Nachfrage von Eltern, die ihre Kinder so gut wie möglich vor einer Corona-Infektion schützen wollen. Zumal es bei Kindern jetzt zu Beginn des Winters naturgemäß wieder mehr Infektionen gibt. Darauf haben wir reagiert und werden eine Impfstelle in der Innenstadt eigens mit Kinderärztinnen und Kinderärzten besetzen.

Wie werden die Impfungen organisiert und wie viele Impfungen sind geplant?

Wir planen mit bis zu 100 Impfungen am Tag. Alle Kinder beziehungsweise Eltern werden in den kommenden Tagen angeschrieben und erhalten für ihre Kinder einen Impfcode, mit dem sie dann verbindlich einen Impftermin buchen können. Die ersten Briefe an die Jahrgänge 2010 und 2011 sind bereits in der Post, die übrigen Jahrgänge werden in den nächsten Tagen angeschrieben.

Weil aber längst nicht alle Kinderärztinnen und Kinderärzte derzeit eine Impfung anbieten, haben wir uns dazu entschlossen diese Lücke umgehend zu schließen.

Sie haben mit der Planung begonnen, lange bevor die Stiko ihre Empfehlung für diese Altersgruppe geäußert hat. Warum haben Sie nicht gewartet, bis diese vorlag?

Mittlerweile hat die Ständige Impfkommission sich ja geäußert: Sie empfiehlt eine Impfung für fünf- bis elfjährige Kinder, sofern sie Vorerkrankungen haben oder Kontakt zu Risikopatienten. Und sie spricht sich nicht gegen eine Impfung auch für gesunde Kinder aus, sofern die Eltern das wünschen. Darauf haben ganz, ganz viele Eltern schon lange gewartet, weil sie ihre Kinder schnellstmöglich durch eine Impfung besser gegen Corona schützen wollen. Weil aber längst nicht alle Kinderärztinnen und Kinderärzte derzeit eine Impfung anbieten, haben wir uns dazu entschlossen diese Lücke umgehend zu schließen. Ab dem 13. Dezember steht der Kinder-Impfstoff zur Verfügung, einen Tag später geht unsere Kinder-Impfstelle in Betrieb.

In Bremen und Bremerhaven gab es bereits Kinderärzte, die Kinder in dieser Altersgruppe bereits vor der offiziellen Zulassung durch die europäische Arzneimittelbehörde geimpft haben. Andere wollten nach der Zulassung zusätzlich eine Stiko-Empfehlung abwarten. Wie bewerten Sie dieses unterschiedliche Vorgehen?

Ich bin mir sicher, dass sich weder die Eltern noch die Ärzte eine solche Entscheidung leicht machen – weder in die eine wie in die andere Richtung. Das ist in jedem Fall eine individuelle Entscheidung, die Eltern und Kinderärztin oder Kinderarzt gemeinsam nach Wertung aller Fakten prüfen müssen. Da steht mir als Bürgermeister keine Wertung zu.

Die Aussage von Stiko-Chef Thomas Mertens, er würde seine Kinder derzeit nicht impfen lassen, hat viele Eltern verunsichert. Wie bewerten Sie diese Aussage?

Es ist sicherlich nicht glücklich, wenn sich ausgerechnet der Chef der Ständigen Impfkommission skeptisch gegenüber einer Corona-Impfung äußert. Und ich kann sehr gut verstehen, wenn das Eltern irritiert und verunsichert. Aber man sollte es auch nicht überbewerten. Die Entscheidung, ob ein Kind geimpft wird oder nicht, ist immer eine Einzelfallentscheidung und muss individuell betrachtet werden. Der Gesundheitszustand des Kindes spielt dabei eine Rolle. Aber auch der Gesundheitszustand der engen Bezugspersonen wie Eltern, Geschwister oder Großeltern. Und natürlich sind auch die konkreten Lebensumstände des Kindes beziehungsweise seiner Familie zu berücksichtigen. Grundsätzlich habe ich persönlich aber großes Vertrauen in die Impfstoffe.

Wenn meine Kinder in dem Alter wären – ich würde sie ohne Bedenken impfen lassen.

Wird es für geimpfte Kinder Erleichterungen im Alltag geben – etwa eine verkürzte Quarantäne bei Fällen in ihren Kita-Gruppen oder Schulklassen oder ein Verzicht auf regelmäßiges Testen in der Schule?

Grundsätzlich gilt: Wer vollständig geimpft ist, muss als Kontaktperson nicht in Quarantäne. Das ist dann künftig auch bei Kindern so. In den Kitas wird es praktisch kaum eine Rolle spielen, weil die meisten Kinder ja noch keine fünf sind. Und in den Schulen wechseln wir derzeit ja mit der gesamten Klasse in den digitalen Unterricht, sobald wir mindestens vier positive Fälle in einer Klasse haben. Daran wird sich bis auf Weiteres auch nichts ändern.

Was raten Sie Eltern, die sich unsicher sind?

Wer sich nicht sicher ist, ob er sein oder ihr Kind impfen lassen soll oder nicht, sollte sich intensiv mit der Kinderärztin oder dem Kinderarzt seines Vertrauens beraten.

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Tanja Krämer

Tanja Krämer

Tanja Krämer ist freie Journalistin mit den Schwerpunkten Wissenschaft und Reportage. Sie ist zudem Mitgründerin und Vorstand von RiffReporter.


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