Zum Artikel springen
  1. RiffReporter /
  2. Wissen /
  3. Achtlos mit Zahlen um sich werfen

Achtlos mit Zahlen um sich werfen

29.01.2021
4 Minuten
Ampullen mit Covid-19-Impfstoff

RiffReporter arbeitet zum Thema Corona mit Medienjournalist*innen von Übermedien zusammen. Übermedien ist das unabhängige Magazin für Medienkritik. Wir werden in Zukunft häufiger gemeinsam Artikel veröffentlichen, die sich mit der Berichterstattung über Covid-19 beschäftigen.

Das Logo des Magazins Übermedien
Übermedien ist das unabhängige Magazin für Medienkritik.
Unterstützen Sie „Corona: Ein Virus bedroht die Welt“ mit einer einmaligen Zahlung. Oder lesen und fördern Sie alle Themenmagazine mit einem RiffReporter-Abo.

Eine Zahl dominiert die Titelseite des „Handelsblatts“ vom 26. Januar 2021. Schon optisch mutet die fett gedruckte Acht wie die tragende Säule der Überschrift „Rückschlag beim Impfstoff“ an. Das Corona-Vakzin des Herstellers Astra-Zeneca wirke bei Senioren nur zu acht Prozent, lässt die Unterzeile wissen.

Wobei von „wissen“ keine Rede sein kann – nicht im Mindesten. Zwar empfahl zwei Tage später die Ständige Impfkommission (Stiko) den Impfstoff nur für Menschen unter 65 Jahren. Doch nicht wegen fehlender Wirksamkeit, sondern wegen noch fehlender Daten in dieser Altersgruppe.

Zahlen wirken

Journalisten lernen, sorgfältig mit Sprache umzugehen. Aber mit Zahlen? Da wäre noch mehr Vorsicht angebracht, erst recht in der aktuellen Coronakrise. Denn Zahlen sind die Sprache der Pandemie. Sie unterrichten die Menschen über den Stand der Dinge: Breitet sich das Virus aus, wenn ja, wie schnell? Wie groß ist das Risiko, schwer zu erkranken oder zu sterben oder eben: Wie gut wirkt der Impfstoff X in meiner Altersgruppe?

Zahlen beeinflussen das Verhalten der Menschen, ähnlich einer Tachonadel, die den rechtzeitigen Tritt auf Bremse veranlasst. Sie senden eine klare Botschaft. Schnell steigende Neuinfektionen bedeuten Alarm. Ein Impfstoff mit acht Prozent Wirksamkeit: wertlos.

Weil sie Exaktheit und Wissenschaftlichkeit suggerieren, untermauern Zahlen das Gesagte. Deshalb sind sie auch ein beliebtes Instrument der Desinformation. Radikale Gegner der Coronapolitik streuen sie, um zu verunsichern.

Ein paar Beispiele: Angeblich seien in den USA nur sechs Prozent der „offiziellen“ Coronatoten tatsächlich an Covid-19 gestorben (was Faktenchecker widerlegten). Oder: Jeder fünfte Proband einer frühen Impfstoffstudie des Herstellers Moderna sei ernsthaft erkrankt (ebenfalls von Faktencheckern zurechtgerückt). Auf dem bildlichen Tacho tauchen neben der „offiziellen“ Tempoanzeige viele andere Zahlen auf, größere wie kleinere. Soll der Fahrer jetzt bremsen, soll er Gas geben?

Wer zersetzen will, bedient sich völlig frei am kursierenden Zahlenmaterial und interpretiert es nach Belieben. Wer hingegen den Anspruch hat, die Öffentlichkeit aufzuklären, hat es nicht so leicht. Statt eine Zahl achtlos in die Arena zu werfen, muss er sie auf Herz und Nieren prüfen. Erst recht, wenn die zitierte Zahl nicht einer wissenschaftlichen, von Fachkollegen bereits begutachteten Quelle entstammt, sondern „Koalitionsskreisen der Bundesregierung“, wie das „Handelsblatt“ seine Leser wissen ließ.

Kostenfreien Newsletter bestellen

Sie möchten regelmäßig über neue Beiträge dieses Projektes informiert werden? Dann bestellen Sie hier unseren kostenlosen Newsletter.

Wissenschaftler lernen, eine Hypothese zu prüfen, indem sie versuchen, sie zu widerlegen: Alles ist nur so lange gültig, wie neue Daten nicht dagegen sprechen. Die genannten acht Prozent halten einer solchen Prüfung keine fünf Minuten stand. Schon ein flüchtiger Blick in eine Studie von Forschern der University of Oxford, die die Immunantwort auf den Astra-Zeneca-Impfstoff in verschiedenen Altersgruppen untersuchte, lässt die acht Prozent wackeln. Die Forscher führten die Studie eigens durch, um die Immunantwort zu untersuchen, die der Impfstoff bei Älteren auslöst.

Fast die Hälfte der 560 Probanden war über 70 Jahre alt. Das Fazit: Das Vakzin löse über alle Altersgruppen hinweg eine ähnlich starke Immunantwort aus. Zwar ist das eine frühere Studie, noch nicht die so genannte Phase-III-Studie, die Wirksamkeit und Unbedenklichkeit eines neuen Impfstoffs oder Medikaments an einem großen Patientenkollektiv und damit mit statistischer Signifikanz prüft. Das Gesamtbild kann sich noch verändern. Doch das Ergebnis der Studie passt nun mal nicht zu der Aussage, der Impfstoff sei bei Senioren wirkungslos. Es passt auch nicht zur Anwendungspraxis des Vakzins, der in Großbritannien auch an Senioren verimpft wird.

Keine Grundlage für eine Schlagzeile

Fakt ist, dass die Wirksamkeit des Impfstoff bei über 65-Jährigen noch unklar ist. In den laufenden Phase-III-Studien sind die Senioren unter den bislang knapp 12.000 Probanden mit 660 stark unterrepräsentiert. Das bedeutet, man kann zwar einen Schätzwert für die Wirksamkeit angeben, doch dieser ist extrem unsicher, kann also nach unten oder oben stark abweichen.

Zwei Tage nach der „Handelsblatt“-Story wurde die Berechnung publik, auf die die „Handelsblatt“-Autoren sich stützten. Sie zeigt, dass in der Altersgruppe über 65 nur zwei Infektionen auftraten, jeweils eine unter den geimpften Probanden und in der Kontrollgruppe, die ein Placebo erhalten haben. Rechnerisch ergibt sich ein Schätzwert von einigen Prozent, die wohl den zitierten acht Prozent zu Grunde liegen. Doch wegen der extrem geringen Zahl an Infektionen bleibt eine riesige statistische Unschärfe, die Wirksamkeit könnte auch viel größer sein. Das Ergebnis ist also nichtssagend, und keine Grundlage für eine Schlagzeile.

Die Kritik am Astra-Zeneca-Impfstoff kann also allenfalls darauf abzielen, dass seine Wirksamkeit bei Älteren noch unklar ist. Dieses Unwissen kann Anlass sein, ihn nicht bei Älteren einzusetzen. Dass es für verschiedene Altersgruppen verschiedene Impfstoffe geben könnte, ist jedoch seit Monaten klar und hat mit einem „Rückschlag“ nichts zu tun. Höchstens wirkt es sich auf die geplante Impfreihenfolge aus.

Zurecht holt sich ein Mitautor des „Handelsblatt“-Artikels, Gregor Waschinski, auf Twitter vernichtende Kritik ein: „Very badly done“ – „Sehr schlecht gemacht“, wettert der spanische Europaparlamentarier Luis Garicano.

Widersinnige Botschaften

Achtloser bis inkompetenter Umgang mit Zahlen begegnet dem Publikum indessen täglich. So marschieren starke Ausschläge bei den Neuinfektionen oder Todesfällen scheinbar widerstandslos in die Überschriften. Von wo sie mitunter widersinnige Botschaften senden. Während seit Tagen die Zahlen spürbar sinken, heißt es mittwochs plötzlich, die Fallzahlen stiegen deutlich. Seit Monaten wissen die Redaktionen um die wochentäglichen Schwankungen, die mit dem Meldeverzug vom Wochenende viel mehr zu tun haben als mit der Dynamik der Pandemie. Dass mittwochs mal doppelt so viele Neuinfektionen anfallen wie dienstags, sollte sie nicht wundern. Trotzdem suggerieren sie, die Ansteckungen seien in den letzten 24 Stunden erfolgt.

Warum nicht jeweils das Sieben-Tage-Mittel oder die Sieben-Tage-Inzidenz melden und damit einen ruhigeren Blick auf das Geschehen werfen?

Nach einem Jahr Pandemie sollte jede Redaktion begriffen haben: Ohne eine ausreichende Zahl qualifizierter und sorgfältig arbeitender Wissenschaftsjournalisten in den Reihen ihrer Redakteure und freien Mitarbeiter steht man immer im Risiko, gewaltig danebenzuliegen. Und sich so zu blamieren wie das „Handelsblatt“. So wie Sportjournalisten jeden Move eines Fußballspielers einschätzen lernen und Politikjournalisten im Nebensatz der Kanzlerin eine breaking news entdecken, können Wissenschaftsjournalisten in Studien auch das Kleingedruckte interpretieren – und redaktionsintern Kollegen vor Kurzschlussfolgerungen warnen.

Guter Wissenschaftsjournalismus ist kostspielig, ja. Aber daran zu sparen ist noch viel teuer.

Unterstützen Sie „Corona: Ein Virus bedroht die Welt“ mit einer einmaligen Zahlung. Oder lesen und fördern Sie alle Themenmagazine mit einem RiffReporter-Abo.
Dr. Christian J. Meier

Dr. Christian J. Meier

schreibt seit 2005 Artikel und Sachbücher über Wissenschaft, Technik und Digitalisierung für verschiedene Verlage. Er hat eine Neigung für umstrittene Themen wie Nanotechnologie oder KI, die die Zukunft grundlegend verändern können. Über die Zukunft schreibt er zudem in fiktionalen Texten. Einige seiner Kurzgeschichten wurden publiziert. Aktuell ist sein erster Thriller „K.I. – Wer das Schicksal programmiert“ erschienen.


Corona: Ein Virus bedroht die Welt

Die Corona-Pandemie und ihre Gefahren prägen unser Leben. Wir RiffReporter unterstützen Sie mit verlässlichen Informationen dabei, durch diese schwierige Zeit zu kommen. Bei uns berichten sachkundige und mit Preisen ausgezeichnete Journalistïnnen für Sie. Hier bekommen Sie

Recherchen für dieses Projekt werden vom Recherchefonds der Wissenschaftspressekonferenz e.V., von der Klaus Tschira Stiftung und von der Andrea von Braun Stiftung gefördert. Auch Sie können uns fördern – mit einer freiwilligen Zahlung oder mit einem RiffReporter-Abo.

Verantwortlich im Sinne des Presserechts

Dr. Christian J. Meier

Walter-Trautmann-Weg 24
64823 Groß-Umstadt

www: http://www.scicaster.de

E-Mail: c.meier@scicaster.de

Tel: +49 6078 7821662

Weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

VGWort Pixel