Wie reagiert unser Körper im Hitzestress? 7 überlebenswichtige Infos für die Heißzeit

Hitze bringt unsere Körper erstaunlich rasch an Grenzen. Warum reagieren Kleinkinder, Kranke und alte Menschen besonders empfindlich? Wie sehen die Alarmzeichen einer Überlastung aus? Wann wird es kritisch? Und wie kühlt man sich und andere am schnellsten ab? Das Riffreporter-FAQ zur Heißzeit

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Bei Hitze: trinken! Ein großes Glas pro Stunde hilft fit zu bleiben, Kinder, Ältere und Kranke brauchen besonders viel Flüssigkeit

Freiburg fühlt sich an wie Marrakesch, Franken wie Sizilien: Die aktuelle Hitzewelle lähmt das Land, durch die Klimakrise werden sie noch häufiger und heißer. Und treffen auf Menschen, die schlecht vorbereitet sind. Doch warum macht uns die Hitze eigentlich so schlapp?

1. Was passiert im Körper bei Hitze?

Mehrere Tage Gluthitze und kaum nächtliche Abkühlung – das bringt auch gesunde Körper an ihre Grenzen. Denn diese sind erstaunlich eng gesteckt: Der Mensch funktioniert nur bei einer Körperkerntempe­ratur zwischen 36 und 37,5 Grad Celsius optimal. Während einer Hitzewelle versuchen Herz, Lunge und Blutgefäße, diese Kerntemperatur zu halten. Und das belastet unsere Körper stark. Wie stark, hängt unter anderem vom Alter ab (siehe Frage 3 und 5), von der allgemeinen Fitness, möglichen Vorerkran­kungen (siehe Frage 4) und der Herkunft – Sizilianer vertragen hohe Temperaturen gemeinhin besser als Finnen.

Für alle gilt: Schwitzen ist bei unserem körpereigenen Kühlungssystem nur der finale Clou. Das Entscheidende passiert im Kopf. Genauer: Im Hypothalamus. Wie die Zentralsteuerung einer Heizung fragt er permanent Sensoren im Körperinneren und an der Haut ab und vergleicht Soll­ und Istwert.

Wird der Körper zu warm, entsendet er Botenstoffe, die die Hautgefäße erweitern. Das Herz pumpt Blut von den inneren Organen in Richtung Körperhülle. Über Hals, Kopf und Hände geben wir über ein Drittel unserer Wärme­menge ab, den Effekt kennen wir alle: Das Gesicht rötet sich, die Adern schwellen an, Hände und Füße werden dick.

Reicht das nicht aus, aktiviert der Hypothalamus die Hautporen. Sie öffnen sich und sondern Flüssigkeit ab: Schweiß. Der verdunstet und kühlt so die Haut samt der nahen Blutge­fäße ab. Damit das klappt, braucht der Körper unbedingt genügend Flüssigkeitsreserven. Ohne sie heizt der Körper weiter auf. Und baut ab.

Schon ab 38,2 Grad Körpertemperatur sind wir körperlich, geistig und motorisch nicht mehr fit. Überhitzt der Körper weiter, gerät ein gefährlicher Prozess in Gang. Ab 42 Grad gerinnt das Blut erst zu viel, dann gar nicht mehr. Das Hirn schwillt an, die Nieren filtern Giftstoffe nicht mehr aus dem Körper – Multiorganversagen droht. Denaturieren die Eiweiße, kommt alle Hilfe zu spät: Wie bei einem gekochten Ei gibt es keinen Weg zurück.

2. Was sind die Alarmzeichen für Hitzestress?

Erste Anzeichen sind Kopfschmerzen, man fühlt sich schlapp, kann sich schlechter konzentrieren, macht Fehler, wird müde, verwirrt oder aggressiv, bekommt beim Atmen schlechter Luft oder Kreislaufprobleme. Dann am besten sofort kühlen – siehe dazu Frage 7.

Bei Flüssigkeits- und Elektrolytemangel wird der Urin ungewöhnlich dunkel und riecht stark. Nach zwei, drei Tagen starker Hitze leiden viele nachts unter einem Hitzekrampf, meist in den Beinen. Das Gegenmittel: Sofort trinken – Richtwert: ein großes Glas pro Stunde – und am besten Wasser mit vielen Mineralien.

Beim akuten Hitzekollaps macht der Kreislauf schlapp. Das Herz schafft es dann nicht mehr, das Blut mit der nötigen Kraft durch die äußeren Gefäße zu pumpen, wo es Wärme abgibt. Die Folge sind oft Schwindel und Übelkeit. Gerade Kinder müssen nun sofort abgekühlt werden!

Die Hitzeerschöpfung verharmlost der Volksmund gern als „Sonnenstich“. Schwere Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen und Durchfall sind klassische Symptome und Folge davon, dass bei zu großer Hitze zu viel Sonne auf den Kopf geschienen hat. Das zentrale Nervensystem ist gereizt oder sogar entzündet. Bis der Körper sich von dieser Erkrankung erholt, können Tage vergehen.

Beim Hitzschlag ist die Hitzeerschöpfung so gravierend, dass die Wärmeregulierung des Hypothalamus gestört wird. Die Betroffenen schwitzen oft nicht mehr, ihre Haut ist rot und heiß – doch auch trockene, kühle Haut bei gleichzeitig hoher Körpertemperatur kann ein Zeichen für einen drohenden Hitzschlag sein. Gelingt es nicht, die Körpertemperatur auf unter 40 Grad zu senken, wird es lebensgefährlich. Jede:r Zehnte überlebt den Hitzschlag nicht.

3. Warum sollte man auf Kleinkinder in der Hitze besonders achten?

Kinder haben bis zu einem Alter von etwa vier Jahren ein ungünstiges Verhältnis von Körper­masse zu Körperoberfläche. Ihr Kreislauf muss zur Wärmeableitung mehr arbeiten, doch weder die beteiligten Organe noch die Schweißproduktion sind dafür ausreichend entwickelt. Auf Hitzestress reagieren Babys da­her schnell mit einem knallroten Kopf und verzweifeltem Gebrüll. Wirkt Ihr Kind apathisch, bringen sie es sofort an einen schattigen, kühlen Ort, ziehen überflüssige Kleidung aus, kühlen es mit nassen Tüchern und verständigen einen Notarzt.

Grundsätzlich gilt: An heißen Tagen sollten Kleinkinder daher unbe­dingt im Kühlen bleiben, keine direkte Sonne abkriegen und viel trinken Planschen in erfrischendem Wasser hilft auch – aber nur im Schatten, besser im kühlen Bad in der Wanne als im Freibad in der Sonne – es sei denn, Ihre Wohnung ist auch zu heiß. Dann suchen Sie einen kühlen Ort auf, siehe Frage 6.

Kinder allein im Auto sitzen zu lassen, kann zu einem lebensgefährlichen Hitzschlag führen: In der Sonne heizt sich ein Auto bei einer Außentemperatur von 20 Grad in unter einer halben Stunde auf 36 Grad auf. (Das gilt auch für Hunde!)

4. Warum sind Vorerkrankte besonders gefährdet?

Hitze macht Gesunde groggy und Kranke kränker. Patienten mit Herzschwäche sind besonders schnell erschöpft. Wer Luftnot hat, hat bei Hitze mehr Luftnot. Patienten mit Lungenkrankheiten husten häufiger, weil die Bronchien sich zusammenziehen und die Lungengefäße weitergestellt werden. Die Coronapandemie mit ihren vielen Langzeitkranken hat die Lage noch verschlimmert. Denn bei Zigtausenden hat das Virus die Lunge dauerhaft beschädigt.Dazu kommt: Bei Hitze steigen die Ozonwerte, die reizend auf die Atemwege wirken. Aber auch Schadstoffe wie Stickoxide oder feine Schmutzpartikel in der Luft scheinen den Lungen bei hohen Temperaturen stärker zuzusetzen. Besonders Menschen mit chronischen Atemwegserkrankungen wie Asthma sind dann gefährdet.

Auch bei anderen chronischen Erkran­kungen verschärft Hitze die Symptome. Bei Diabetes etwa, bei Demenz, bei Schizophrenie. Bei Neurodermitis brennt die Haut noch schlimmer, Menschen mit multipler Sklerose können sich schlechter bewegen, weil die Nerven Impulse schlechter weiterleiten.

Ein grundsätzliches Problem : Viele Medikamente wurden bei normalen Temperaturen getestet, drehen aber an wichtigen physiologischen Stellschrauben. Wird etwa der zu hohe Blutdruck medikamentös durch eine Erweiterung der Gefäße gesenkt, kann der Körper sich bei großer Hitze nicht mehr anpassen. Womöglich fällt der Blutdruck so stark ab, dass einem schummerig wird.

Die gleiche Gefahr gilt für Zuckerkranke: Je höher die Temperatur, desto stärker steigt die Durchblutung. Dadurch kann gespritztes Insulin schneller wirken als sonst. So kommt es möglicherweise zu Blutzuckerschwankungen und Unterzuckerungen. Diabetes-Patient:innen, die Entwässerungstabletten nehmen, laufen wiederum Gefahr, zu viel Flüssigkeit zu verlieren.

Nicht zuletzt riskieren auch Menschen, die Psychopharmaka einnehmen, dass sie sich bei Hitze falsch dosieren, obwohl sie laut Beipackzettel alles richtig machen. In Australien ist daher etwa das Pflegepersonal speziell geschult, um psychisch kranke Menschen oder Schmerzmittel- und Drogenabhängige bei den dort noch viel extremeren Hitzewellen angemessen zu versorgen.

5. Warum haben ältere Menschen das höchste Risiko?

Bei Hitze ist das neue 70 leider nicht das alte 40. Personen über 65 Jahre zählen zu den vulnerabelsten Gruppen, denn bei ihnen kommt alles zusammen: Zum einen leiden viele an den oben genannten Krankheiten, zum anderen funktioniert aufgrund ihr Hitzeregulationssystem nicht mehr richtig. Selbst Senioren, die fit wie ein Turnschuh geblieben sind, können nicht mehr so effektiv schwitzen wie früher; je älter sie sind, umso weniger gelingt es ihnen.

Außerdem besitzt ihr Körper ein geringeres Gesamtvolumen an Flüssigkeit, und die Niere ist nicht mehr in der Lage, den Harn in genügender Weise zu konzentrieren. Sie scheiden Flüssigkeit aus, die sie eigentlich dringend brauchen, um ihre Körper zu kühlen und in Schwung zu halten.

Bettlägerige Menschen riskieren einen Hitzestau, daher sollten sie in den heißen Tagen sehr leicht gekleidet sein, keine Decke, nur ein Laken zum Zudecken, so wenig Kissen wie möglich (sie speichern die Wärme).

Geradezu kontraproduktiv ist, dass ältere Menschen generell wenig Durst empfinden und, wenn sie etwas trinken, fälschlicherweise den Eindruck haben, genug getrunken zu haben. Umso wichtiger, dass gerade Hochbetagte Unterstützung bekommen, um einer Dehydrierung vorzubeugen. Achten Sie daher bitte an Hitzetagen auf ältere Alleinstehende in Ihrer Umgebung. Scheint es ihnen nicht gut zu gehen, gilt auch hier: sofort abkühlen und Flüssigkeit zuführen, zur Not eine:n Arzt:in verständigen.

6. Wie halte ich mich und andere kühl?

Es klingt banal, aber entscheidend ist, Hitze, Sonne und körperliche Anstrengung zu vermeiden. Wenn es drinnen kühler ist als draußen: drinnen bleiben! Damit es so bleibt, die Wohnungen nachts und/oder frühmorgens ausreichend lüften, tagsüber dann wie im Süden Europas Rollläden runter, Fensterläden zu oder falls keine Außenabschirmung vorhanden, Rollos oder Vorhänge schließen. Je nachdem, wie heiß die Außenluft ist, wie die Fenster ausgerichtet sind (Nord oder Süd Nord) und ob durch die Wohnung ein kühlender Luftzug weht oder nicht, Fenster auf oder zu.

Mit Ventilatoren zirkuliert die Luft: ist diese sehr warm, ist der Kühlungseffekt überschaubar. Klimaanlagen helfen Ihnen persönlich, ihre Abluft heizt aber die Umgebung an – und sie verbrauchen viel Strom.

Ist die eigene Wohnung zu warm, suchen Sie kühle oder klimatisierte Räume in möglichst nächster Nähe auf und kühlen Sie sich ein paar Stunden runter: Kirchen, Shoppingmalls, U-Bahnstationen, Rathäuser, Kinos, Bibliotheken, Museen.

Geht das nicht, kühlen Sie Kopf, Hände und Dekolleté mit normal kaltem Wasser, gönnen Sie sich ein Fußbad oder sprühen sich mit kühlem Wasser ein. Das Umweltbundesamt hat hier noch mehr praktische Tipps zusammengetragen.

Kontraproduktiv ist es, nasse Tücher aufzuhängen oder Gefäße mit kaltem Wasser aufzustellen – das steigert die Luftfeuchtigkeit, was die Hitze noch unerträglicher macht und das Schwitzen schwerer.

Leicht verdauliches Essen – Salat, Gemüse und viel Flüssigkeit – ist hilfreich, weil der Körper weniger Energie für die Verdauung braucht und sie ins Abkühlen stecken kann. Und wie gesagt: Viel trinken, aber keinen Alkohol, der entzieht dem Körper Flüssigkeit, genau wie Kaffee oder schwarzer Tee. Besser sind kalter Früchtetee, Wasser mit Zitrone oder alkoholfreies Bier.

Körperliche Aktivität – im Job wie in der Freizeit (Joggen, Rasen mähen…) – auf die kühleren Morgen- und Abendstunden reduzieren, wenn möglich mittags eine Siesta einlegen. Säuglinge und Kleinkinder sollten von 11 Uhr bis nach 15 Uhr nicht der direkten Sonne ausgesetzt werden, da dann die Strahlung am stärksten ist.

Noch mehr Infos finden Sie hier und hier und zum Download hier.

7. Kann ich mich an Hitze auch gewöhnen?

Ja, der menschliche Körper lässt sich auch beim Schwitzen trainieren – aber das dauert viel länger als eine Hitzewelle. Viele kennen das aus dem Urlaub im Süden. Die erste Woche setzt einem die Hitze sehr zu, dann wird es nach und nach besser.

Der Körper schwitzt dann schneller und mehr. Und er spielt seinen letzten Trick aus: Er senkt den Anteil von Elektrolyten im Schweiß, so bleiben Natrium, Kalium oder Kalzium dem Körper erhalten. Nach zwei bis drei Wochen passt sich unser Körper an Dauerhitze an. Wir schwitzen schneller und mehr; gleichzei­tig sinkt der Anteil von Elektrolyten im Schweiß. So bleiben Natrium, Kalium oder Kalzium dem Körper erhalten. Doch ist man so weit, geht‘s leider meist schon wieder nach Hause. Und bei der nächsten Hitzewelle fängt der Stress von vorne an.

Wer darauf vorbereitet sein will: Der Deutsche Wetterdienst erstellt auch Hitze-Vorhersagen und verschickt Hitze-Warnungen aufs Smartphone.

Katja Trippel hat zusammen mit Claudia Traidl-Hoffmann, Ärztin und Direktorin am Institut für Umweltmedizin Helmholtz-Zentrum München das Buch „Überhitzt – Die Folgen des Klimawandels für unsere Gesundheit. Was wir tun können“ verfasst.

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