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Wie das Rebhuhn überleben kann

Inmitten der Agrarlandschaft haben sich die Bestände der bedrohten Art erholt – dank eines Projekts von Göttinger Forschern. Von Thomas Krumenacker

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02.09.2020
9 Minuten
Eine Rebhuhn-Henne mit ihren Küken am Feldrand

„Rebhuhntelemetrie ist wie ein Krimi“, sagt Eckhard Gottschalk. Der Biologe an der Uni Göttingen muss es wissen. Gemeinsam mit seiner Kollegin Lisa Dumpe und weiteren Mitstreitern hat Gottschalk das Leben der heimlichen Feldvögel erforscht. Wie im Krimi geht es auch für die Rebhühner häufig nicht gut aus. „Man zieht los um seine Rebhühner zu orten und dann kommt schon wieder dieses Todessignal“, sagt Gottschalk.

Wenn im Fernseh-Krimi das rhythmische Piepen der medizinischen Geräte auf der Intensivstation in einen hohen Dauerton übergeht, signalisiert es das Ende für den Patienten. Ähnlich ist es bei der Telemetrie, der Ortung von Tieren über Miniatursender an deren Körper. Ertönt ein hektisches Piepen statt der normalen Frequenz bedeutet dies, dass sich der Sender nicht bewegt. Meistens ist das Tier in diesem Fall tot.

Kaum eine Vogelart ist so stark zurückgegangen wie das Rebhuhn

Auch als Art insgesamt lässt sich das Rebhuhn irgendwo zwischen Intensivstation und Exitus verorten. Seine Bestände sind in Deutschland und in den meisten anderen europäischen Ländern in den vergangenen Jahrzehnten ins Bodenlose gestürzt. Das paneuropäische Monitoringprogramm für Agrarvogelarten weist einen Einbruch um 94 Prozent seit 1980 aus. In Deutschland verzeichnet der Dachverband Deutscher Avifaunisten (DDA) ebenfalls einen Rückgang um mehr als 90 Prozent Berücksichtigt man schon vorherige Bestandseinbrüche ist das Bild noch düsterer.

Gegenüber den 1970er-Jahren ist die Rebhuhn-Population hierzulande wahrscheinlich sogar um 99 Prozent eingebrochen. Es gibt keine andere Vogelart in Deutschland, die in den letzten Jahren so stark im Bestand zurückgegangen ist. Aktuell geht der DDA von einem Restbestand von 21.000 bis 37.000 Paaren aus. Die meisten Rebhühner leben noch in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen, zusammen etwa ein Drittel aller Rebhühner hierzulande.

In der Schweiz ertönte gerade sogar das „Todessignal“: nachdem erstmals in einem Jahr weder Bruten noch Einzelvögel nachgewiesen werden konnten, wurde das Rebhuhn dort de facto für ausgestorben erklärt.

Testfall für die globale Naturschutzpolitik

Umweltpolitiker und Naturschützer weltweit diskutieren derzeit über neue Ziele für den globalen Naturschutz bis zum Jahr 2030, mit denen das dramatische Artensterben aufgehalten werden kann. Über diese neuen Ziele – und damit auch über die Zukunftschancen für Vogelarten wie das Rebhuhn – soll 2021 ein UN-Gipfel entscheiden. Ende September wird der Schutz der biologischen Vielfalt Thema der Generalversammlung der Vereinten Nationen sein.

Deutschland und der Europäischen Union kommen dabei aus vielerlei Gründen eine Schlüsselrolle zu. Politisch gelten die 27 Staaten, die Kommission und auch die Bundesregierung im globalen Vergleich als Vorreiter einer progressiven Umweltpolitik. Doch intern sieht es anders aus – wie das Beispiel Rebhuhn zeigt.

Die EU-Agrarpolitik und ihre Umsetzung in Deutschland hat über Jahrzehnte massiv zum Niedergang der Artenvielfalt beigetragen. Jetzt gelobt die EU Besserung, und hat dazu gerade ihren Plan gegen das Artensterben vorgelegt. Diese EU-Biodiversitätsstrategie sieht unter anderem vor, dass innerhalb der nächsten zehn Jahre europaweit zehn Prozent Naturflächen inmitten der intensiv landwirtschaftlich genutzten Gebiete entstehen sollen. Damit soll das Artensterben am seinem größten Brennpunkt in Europa aufgehalten werden, der Landwirtschaft.

Aber was vermögen versprengte Natur-Oasen inmitten der Agrarwüsten zu bewirken? Kann damit der Arten- und Individuenrückgang aufgehalten werden? Dies einschätzen zu können, ist eine wichtige Voraussetzung, um auch für den globalen Naturschutz die richtigen Ziele zu setzen und zu verfolgen. Das Projekt zum Schutz des Rebhuhns nahe Göttingen liefert dazu wertvolle Erkenntnisse – wir waren vor Ort.

Eine Gruppe Rebhühner sitzt in einer blütenreichen Wiese
Rebhühner brauchen zum Überleben deckungs- und insektenreiche Wiesen oder Brachen

90 Landwirte machen mit beim Versuch, dem Rebhuhn das Überleben in der Agrarsteppe zu sichern

„Wenn das Rebhuhn in Deutschland nicht dauerhaft nur in einer Handvoll Schutzgebiete überleben soll, muss sich etwas in der Agrarlandschaft ändern“, sagt der Biologe Eckhard Gottschalk. Aufzuzeigen, wie das gehen kann, ist das Ziel des vom Interreg-Programm der Europäischen Union geförderten Projekts „Partridge“. Auf zehn Demonstrationsflächen – verteilt auf Schottland, England, die Niederlande, Belgien und Deutschland – erforschen Rebhuhnschützer, wie es gelingen kann, Rebhuhnpopulationen mit Maßnahmen zu erhalten und zu fördern, die sich auch unter den Bedingungen der Intensivlandwirtschaft umsetzen lassen.

90 Landwirte beteiligen sich an dem Projekt. In jedem der beteiligten Länder gibt es zwei Demonstrationsgebiete, in Deutschland liegen sie nahe Göttingen und werden von Gottschalk, Dumpe und weiteren Rebhuhnschützern betreut. Zielvorgabe ist es, die Artenvielfalt in den Partridge-Projektgebieten über die sechsjährige Laufzeit bis 2023 um bis zu 30 Prozent gegenüber einer gleich großen Anzahl von Vergleichsgebieten zu steigern, in denen keine speziellen Maßnahmen ergriffen werden. Das gesamte Konzept ist auf die Leitart Rebhuhn zugeschnitten. Gemacht wird innerhalb der Flächen, was dem Rebhuhn nützt. Aber natürlich profitieren auch andere Tier- und Pflanzenarten desselben Lebensraums davon.

Einziger Haken an „Partridge“: Nach Ende der Projektdauer wird die Förderung eingestellt und die mühsam zu Rebhuhn-Lebensräumen umgestalteten Flächen verwandeln sich wieder in intensiv genutzten Acker, wenn nicht ein anderer Geldgeber einspringt. Das liegt im Wesen des Projekts. Patridge soll aufzeigen, wie es funktionieren kann, die Art zu erhalten, wenn ein gewisser Anteil der Agrarfläche rebhuhngerecht gestaltet wird. Nicht mehr, und nicht weniger.

Vor den Toren Göttingens ein Vorgeschmack auf mehr Artenvielfalt

Wegen dieses Ansatzes ist Partridge gerade etwas unverhofft zu einem Modell geworden, auf das es sich besonders zu blicken lohnt. Denn die EU-Kommission hat in ihrer neuen Biodiversitätsstrategie sehr ähnliche Ziele zum Stopp des Artensterbens vorgegeben, wie sie bereits durch das Projekt umgesetzt werden.

Vor allem das Flächenziel ist interessant. Die zehn Prozent, die die EU innerhalb der Intensivlandwirtschaft für naturnahe Strukturen reservieren will, entsprechen weitgehend der Realität in den jeweils fünf Quadratkilometer großen Gebieten des Göttinger Rebhuhnschutzprojekts.

Dort sind neben den sieben Prozent durch Patridge weitere drei Prozent der Ackerfläche durch andere Umweltmaßnahmen in einem naturnahen und rebhuhngerechten Zustand. Man kann also vor den Toren Göttingens einen Vorgeschmack darauf bekommen, was mit der Umsetzung eines wichtigen EU-Ziels für den Erhalt der Artenvielfalt wirklich erreicht werden kann.

Überleben im Blütenmeer

Eines fällt beim Besuch im Göttinger Rebhuhnschutzgebiet sofort auf. Vogelschutz kann sehr schön daherkommen. Die Projektflächen sind die reine Augenweide. Kernmaßnahme für die Rebhühner ist nämlich das Anlegen großer Blühflächen und mehrjähriger Brachen. Und so präsentiert sich der (Über)-Lebensraum für das Rebhuhn als ein buntes Blütenmeer aus Natternkopf, Färberkamille, Schafgarbe, Königskerze, Lichtnelke, Flockenblume, Mohn, Kornblume und vielen weiteren Blühpflanzen.

Die Mischung haben Dumpe, Gottschalk und Mitstreiter selbst entwickelt. Die Traumlandschaft auf Zeit wird aus Projektmitteln finanziert. Landwirten können dadurch Pachtverträge angeboten werden, die für sie Naturschutz auch auf ertragreichen Böden attraktiv macht. Denn es sind die oft guten Böden der Bördelandschaften, auf denen die Rebhühner mit der Landwirtschaft konkurrieren.

Die Projektmitarbeiterinnen und Mitarbeiter Amelie Laux (links), Eckhard Gottschalk und Lisa Dumpe stehen im Projektgebiet Diemaden vor den Toren Göttingens inmitten einer blühenden Wiese. Im Hintergrund sieht man die Gebäude der Stadt.
Die Projektmitarbeiterinnen und Mitarbeiter Amelie Laux (links), Eckhard Gottschalk und Lisa Dumpe im Projektgebiet Diemaden vor den Toren Göttingens.
Ein Rebhuhn fliegt auf. Foto aus einer Überwachungskamera
Rebhühner sind äußerst agil. „Sie lieben es, zu rennen, rufen, hüpfen, auffliegen, nur so zum Spaß, vor allem wenn ihre schon größeren Jungen dabei sind“, haben die Göttinger Rebhuhnschützer beobachtet. „Es gibt so etwas wie Gute Laune-Attacken.“
Zwei kleine Rebhuhn-Küken flattern im Gras, Foto aus einer Überwachungskamera
Im Schutz der hohen Vegetation unternehmen diese beiden Rebhuhn-Küken ihre ersten Flatterübungen.

“All-inclusive-Lebensraum“ für das ganze Rebhuhn-Jahr

Die Blüh- und Brachflächen sollen den Rebhühnern vor allem Nahrung und Schutz bieten. In Göttingen setzen die Projektleiter dazu vor allem auf größere und zweigeteilte Blühflächen – je zur Hälfte mit diesjähriger und vorjähriger Vegetation. Dieser „All inclusive-Ansatz“ auf rund 20 Flächen von jeweils mindestens einem Hektar Größe ermöglicht es Rebhühnern, ohne größere Raumwechsel im Frühling zur Zeit der Eiablage und Brut Schutz in der höheren Vegetation des Vorjahres zu finden.

Zudem bietet die dann noch nicht so dichte Vegetation des laufenden Jahres den gerade geschlüpften Jungen ausreichend breite Pfade zum Laufen und dennoch bereits Deckung gegen Angriffe aus der Luft. Der lockere Bewuchs lässt gleichzeitig mehr Licht und Sonne auf den Boden gelangen und schafft so ein wärmeres und trockeneres Mikroklima genau dann, wenn die noch empfindlichen kleinen Rebhuhn-Küken ihre ersten Ausflüge unternehmen.

Sender liefern wertvolle Hinweise für den Rebhuhn-Schutz

Wie wichtig es ist, dass die Rebhuhnflächen eine gewisse Größe aufweisen, haben die Göttinger Rebhuhnschützer durch wissenschaftliche Untersuchungen herausgefunden. Über insgesamt sieben Jahre hinweg versahen die Forscherinnen und Forscher mehr als 200 Rebhühner mit Sendern, um ihre Bewegungen nachzuvollziehen. Eine Erkenntnis: Rebhühner halten zusammen. die Paare meist ein Leben lang, aber auch die Familien mit ihren ausgewachsenen Jungvögeln bleiben länger als die meisten Singvögel zusammen und überwintern sogar gemeinsam.

Die Forscher fanden aber auch heraus, dass die allermeisten Rebhühner nur eine einzige Brutsaison erleben. „Die Prädationsrate ist erstaunlich hoch“, sagt Gottschalk. „Rebhühner haben viel Pech im Leben." Hauptfeind ist der Fuchs. Zur Brutzeit, wenn die Hennen eng an das Nest gebunden sind, ist das Risiko am größten. „Der gefährlichste Monat im Leben eines Rebuhns ist der Juni“, fanden die Forscher heraus.

Weil nur die Hennen brüten, werden sie häufiger Opfer. Auch deshalb, weil sie bis zuletzt auf dem Gelege sitzen bleiben und hoffen, dass ihr Tarngefieder sie schützt. „Sie setzten alles auf eine Karte, weil sie vielleicht nie wieder die Chance bekommen, eine Brut hochzuziehen“, sagt Gottschalk. „Wenn die Henne die Nerven verliert und auffliegt, ist das ganze Gelege verloren.“

Während die Verluste durch natürliche Feinde wie den Fuchs – und manchmal auch unnatürliche wie Waschbär, Marderhund oder Katzen – durch die Telemetrieforschung gut belegt sind, bleibt die Rolle anderer wichtiger Faktoren für den Rückgang der Art im Dunkeln. Wie sehr wirken sich ungünstige Wetterverhältnisse auf die Kükensterblichkeit aus? Wie steht es um den Insektenmangel? Diese Fragen sind schwierig zu beantworten, weil man kleinen Küken keine Sender umhängen kann.

“Rebhühner haben viel Pech im Leben“

Aus ihren Forschungsergebnissen zogen die Göttinger Biologen wichtige Schlüsse für die konkrete Ausgestaltung der Schutzflächen. Weil die allermeisten Nester schon vor dem Schlüpfen der Küken von Füchsen ausgefressen werden, gilt es, den Feind möglichst entfernt vom Nest zu halten. Denn: schaffen es die Rebhühner bis zum Schlüpfen, sind ihre Chancen mit 50:50 vergleichsweise gut. Die Überlebensrate ist damit höher als in anderen Untersuchungsgebieten in Großbritannien und Polen, wo sie in den vergangenen Jahren von knapp 60 Prozent auf nur noch 35 Prozent gesunken ist.

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Ein Luftbild der Rebhuhn-Schutzfläche in Göttingen
Möglichst tiefe Flächen bieten den Rebhühnern bessere Chancen, Füchsen auszuweichen als schmale Streifen.
Eine Blühfläche vor dem Hintergrund einheitlicher Felder der Intensivlandwirtschaft
Inmitten der Intensivlandwirtschaft sind die Blühflächen des Rebhuhnschutzprojekts Inseln der Vielfalt, auf denen die Rebhühner Nahrung und Schutz finden.
Eine Gruppe eng aneinandergekuschelter Rebhuhn-Küken
Schaffen es die Rebhuhn-Küken bis zum Schlüpfen, haben sie eine 50-prozentige Überlebenschance
Eine Informationstafel vor der blühenden Rebhuhnschutzfläche
Informationstafeln weisen Besucher darauf hin, dass die Blütenpracht Teil des Rebhuhnschutzes ist.
Der Übergangsbereich zwischen Schutzfläche und Landwirtschaftsfläche. links Rebhuhnschutzfläche, rechts ein Getreidefeld.
links Rebhuhnschutzfläche, rechts ein Getreidefeld. Erst das Vorhandensein nahrungsreicher Blühflächen macht den Rebhühnern die Besiedlung auch stark landwirtschaftlich genutzter Gebiete möglich.

Artenschutz kann auch in der Agrarlandschaft funktionieren

Die Studien-Ergebnisse zeigen: Artenschutz auch auf überschaubarer Fläche kann funktionieren. Dort, wo Rebhühner noch geeignete Lebensräume zum Brüten finden, schaffen sie die Trendwende. Das belegt auch die bisherige Bilanz von Partridge in Deutschland. Die Zahl der Rebhuhn-Paare in der Demonstrationsfläche Diemaden hat sich seit vergangenem Jahr von 14 auf 26 fast verdoppelt.

Dorngrasmücken haben in den Maßnahmenflächen eine 20fach höhere Siedlungsdichte als in der angrenzenden Landschaft, bei der Goldammer liegt die Siedlungsdichte um das achtfache höher. Und das Potenzial für die Zielart Rebhuhn scheint noch nicht einmal ausgeschöpft, wie das zweite heutige Demonstrationsgebiet Nesselröden zeigt. Dort hat es vor einigen Jahren auf Initiative von Landwirten bereits einmal über mehrere Jahre hinweg einen vergleichbaren Anteil von rebhuhngerechten Blühflächen gegeben wie im Partridge-Projekt. Die Zahl der Rebhuhn-Brutpaare verneunfachte sich dort innerhalb von drei Jahren.

Die Botschaft an die Europäische Union scheint also klar. Das ausgegebene 10-Prozent-Ziel kann etwas gegen das Artensterben bringen, wenn es konsequent und klug umgesetzt wird. Auch das ebenfalls im EU-Biodiversitätskonzept angestrebte Ziel, innerhalb von zehn Jahren die Verwendung chemischer Pestizide sowie den Einsatz hochriskanter Pestizide um 50 Prozent zu verringern, könnte den EU-Plan zum Rettungsanker für das Rebhuhn machen.

Dann hätte die mit so viel Pech geschlagene Vogelart endlich einmal Glück gehabt.

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Weitere Informationen zum Rebhuhnschutz in Deutschland im Internet: www.rebhuhnschutzprojekt.de

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Thomas Krumenacker

Thomas Krumenacker

Thomas Krumenacker ist Journalist und Naturfotograf in Berlin. Neben den RiffReportern schreibt er für überregionale Zeitungen und Fachjournale über Wissenschaftsthemen.


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