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Wir müssen reden

Kommunikation ist ein Schlüssel, um die Klimakrise zu beherrschen. Aber wir alle sprechen viel zu wenig miteinander

26.02.2021
15 Minuten
Schattenrisse von einem Mann und einer Frau im Gespräch. Im Hintergrund ist eine blass-lila Fläche zu sehen. Text: Auf Augenhöhe: Wir müssen offen und ehrlich miteinander über die Klimakrise sprechen.

Ursachen und Folgen, Lösungen und Hoffnungen, persönliche Werte und soziale Normen – dieses ganze Spektrum sollte Klimakommunikation abdecken. Doch bisher reden wir alle zu wenig über die Klimakrise und die Wege, ihr zu entgehen. Und wenn, dann oft falsch und wenig wirksam. Es ist also nötig, die Methoden der Kommunikation selbst zum Thema zu machen.

Wir müssen reden. Im Alltag ist das ein schillernder Satz, er klingt nach Ehekrise und Konflikten im Team, er weckt eine düstere Vorahnung. Jetzt wird es gleich laut, oder vielleicht noch schlimmer: leise und schneidend. Es steht einem eine Szene bevor, man kann in Erklärungsnot geraten, man muss das eigene Verhalten rechtfertigen. Oft genug lautet die unterschwellige Botschaft: Hör mir endlich zu!

Und doch: Wir müssen wirklich über das Klima reden. Und wir müssen zuhören. Wie in der Paarbeziehung werden wir die Probleme der Klimakrise anders nicht lösen. Schon bevor wir alle ständig über Corona geredet haben – und andere Inhalte damit zur Seite drängten – waren Klimawandel, Klimaschutz und Klimakrise viel zu selten Thema. Denn damit anzufangen, führt womöglich ins soziale Abseits: Der Karikaturist Ralph Ruthe schilderte im September 2019 in einer Serie von Tweets, was ihm mitten in Deutschland bei einem Gespräch über den Klimawandel mit seinem Au-Pair Laura aus Kolumbien passiert ist.

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Dieser Text ist eine leicht gekürzte und bearbeitete Version der Einleitung des „Handbuchs Klimakommunikation", das bei Klimafakten.de veröffentlicht wird. Dort sind die bisher erschienen Kapitel kostenfrei zu lesen oder herunterzuladen.

Sie, seine Kinder und er hatten sich bei einem Regenguss im Park mit zehn anderen Personen unter den großen Schirm eines Lokals gerettet. Erst war die Stimmung noch fröhlich; ein kleines gemeinsames Abenteuer schweißt zusammen. Doch dann erzählte Ruthe der eben erst in Deutschland angekommenen jungen Frau aus Lateinamerika von der Veränderung des Wetters durch den Klimawandel, und die anderen Leute konnten nicht anders als zuzuhören: „Die Stimmung unter dem Sonnenschirm veränderte sich. Das gesellige Gebrummel ebbte ab“, berichtete Ruthe. „Die Leute schauten weg. Niemand suchte mehr Blickkontakt zu uns und ich bemerkte, dass sie anfingen, uns zu ignorieren (…), als wäre das, was der Typ da erzählt, gar nicht zu hören.“

Über die Klimakrise zu reden, ganz spontan, mit der Familie, den Freunden, Kollegen oder Nachbarn, aus Anlass von Extremwettereignissen, Demonstrationen oder politischen Entscheidungen, macht oft schlechte Laune. Wir ahnen, dass es zum Konflikt führen könnte, dass irgendjemand mit einem Gegenargument kommt und wir es nicht entkräften können. Dass uns die eigene Inkonsequenz im alltäglichen Verhalten vorgehalten wird. Vielleicht fühlen wir uns in den Details der hochkomplexen Klimaforschung nicht sicher genug. Oder wissen selbst nicht recht, wie die Klimakrise noch zu lösen sein kann. Und wer mag schon anderen vorschreiben, was sie zu tun und zu lassen haben, worauf sie „verzichten“ sollten? Leben und leben lassen und so. Da hält man oft lieber gleich den Mund.

Die Schweigespirale – von den Lauten und Leisen, den Wenigen und Vielen

Was dann passiert, nannte die deutsche Demoskopin Elisabeth Noelle-Neumann vom Institut Allensbach schon 1980 die „Schweigespirale“. Bei kontroversen Themen zeigen Gesprächspartner:innen oft deutlich, was sie über eine geäußerte Meinung denken. Und weil die meisten Menschen Ablehnung und soziale Isolation fürchten, behalten sie solche Ansichten dann eher für sich. Oft geschieht das schon vorausschauend, geleitet von einer vagen Ahnung oder der Erinnerung an Miterlebtes. Damit aber gerät der eigene Standpunkt – mindestens gefühlt – noch weiter in die Minderheit. Der Prozess nährt sich also selbst.

„Die tatsächliche Stärke der Meinungslager muss nicht ausschlaggebend sein für ihr Gewicht in einem Schweigespiralprozess“, heißt es auf der Webseite eines ehemaligen Ko-Autors, der dort Noelle-Neumanns Werk vorstellt. „Die Meinung einer Minderheit kann in der Öffentlichkeit als Mehrheit erscheinen, wenn ihre Anhänger nur selbstbewusst genug auftreten und ihre Meinung öffentlich mit Nachdruck vertreten.“

Das kann als Analyse, aber eben auch als Rezept für die Diskussion über die Klimakrise dienen, es ist Diagnose wie mögliche Therapie. In den USA, aber in vermindertem Umfang auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz, melden sich lautstarke Randgruppen mit ihren manipulierten Zahlen und manipulierenden Schein-Argumenten und geben tatsächlichen Mehrheiten das Gefühl, eine Minderheit zu sein. Solche Tricks und kognitiven Fehlleistungen werden wir in diesem Handbuch noch ausführlich besprechen. Wichtig ist aber, und das gilt für viele solche Besonderheiten der Kommunikation: Man kann Probleme überwinden, wenn man sie erkannt hat und bewusst gegensteuert. Auch wenn das Letztere nicht aus sich selbst heraus und nicht immer eine Garantie für Ersteres ist.

Miteinander über den Klimawandel zu sprechen, bezeichnen manche darum als „das wichtigste Mittel“. Das gilt sicherlich für den Druck auf Politiker:innen, den ihre Wähler:innen ausüben können, aber eben auch für alltägliche Gespräche. Solche Alltagsunterhaltungen können zum Beispiel, so schildert es die Journalistin Alexandra Zykunov in einer Ausgabe der Zeitschrift Brigitte Be Green, mit Mode und Shopping beginnen: Sie erzähle immer wieder nebenbei, dass sie keine Marken-Kleidung mehr kaufe. „Das war nämlich bis vor kurzem meine Strategie: Leuten, die sich wenig bis sehr wenig mit der Klimakrise beschäftigen, spannende nachhaltige Dinge zu erzählen, sich dabei aber ein wenig dumm zu stellen, damit man ja nicht oberlehrerhaft rüberkommt.“

In dem Artikel hadert Zykunov mit ihrer Strategie, gelobt erst, nie wieder mit all jenen zu sprechen, die sie pauschal und etwas übertreiben als „Klimawandel-Leugner“ bezeichnet, obwohl es vielleicht nur Auf-Morgen-Verschieber, Weg-Gucker oder Im-dunklen-Wald-Pfeifer sind. Aber am Schluss macht sie sich dann doch klar, dass es eigentlich keine Alternative gibt.

Das und die Sache mit dem Oberlehrer zeigen schon: Hier lauern Fallen. Es kostet Überwindung, ein solches Gespräch zu beginnen. Einfacher ist es, wenn man eine Veranstaltung organisiert hat, und sowieso nur diejenigen kommen, die schon Interesse haben. Dann sind jedenfalls Rahmen und Thema und Rückhalt klar, aber allzu oft erreicht man dann eben auch nur diejenigen, die sowieso im Boot sind: Menschen, die einen Schub für ihre Motivation suchen, und konkrete Vorschläge – was ja an sich sehr wichtig ist. Aber eben etwas anderes, als wenn es um das Überzeugen oder das gemeinsame Suchen nach Positionen geht.

So let us not talk falsely now, the hour is getting late (Bob Dylan, All along the watchtower)

Wenn sich die Schweigespirale weiter dreht, kommt kaum etwas von dem Thema wirklich dort an, wo Entscheidungen getroffen werden. Damit sind nicht nur die politischen Gremien gemeint, sondern vor allem Wohnzimmer, Teeküchen, Klassenräume, Umkleidekabinen, Liegewiesen, Werkstätten, Kantinentische, Kneipentresen. Oder in Corona-Zeiten die virtuellen Plattformen, Online-Nachbarschaftsforen, Einsatzbesprechungen und Kaffeepausen per Videochat. Und vor allem: die Köpfe und Herzen der Menschen dort.

So lange sie den Klimawandel nicht als existentielle Bedrohung erkennen, die wir gemeinsam lösen müssen und können, und solange das nicht mehr mit dem Bauch als mit dem Verstand geschieht, passiert nicht viel. Dann wird kaum jemand als die Aktivist:innen aus der Jugendbewegung FridaysForFuture die umfassenden Antworten der Politik einfordern und im eigenen Alltag schon mal mit der nötigen Anpassung beginnen. Woher soll aber dann die Motivation der Volksvertreter:innen kommen, radikale Ideen umzusetzen, wenn ihre Wähler:innen das gar nicht zu wollen scheinen?

Eine Grafik zeigt eine Person, die auf Büchern steht und eine Zielscheibe hochhält, in deren Zentrum ein roter Pfeil steckt. Die Szene ist umgeben von konzentrischen Kreise und eingerahmt von den Ecken eines Rechtsecks, die den Eindruck eines Kamera-Suchers vermitteln. Im Hintergrund sind ein Farbverlauf von Rot nach Blau und eine angedeutete Sprechblase zu sehen. Der Bildtext lautet: Grafiken dieser Art prägen die Online-Version der Handbuch-Texte. Sie drücken symbolisch aus, worum es in einem Kapitel, oder hier der Einleitung, geht.
Grafiken dieser Art prägen die Online-Version der Handbuch-Texte. Sie drücken symbolisch aus, worum es in einem Kapitel, oder hier der Einleitung, geht.

Wir alle sind Klima-Kommunikator:innen. Ja – auch Sie!

Wir müssen also über das Reden reden, uns selbst beim Zuhören zuhören. Das bedeutet, auch die Kommunikation über die Klimakrise muss zum Thema werden, mindestens für diejenigen, die die nötige Transformation unserer Gesellschaft aktiv vorantreiben möchten. Gemeint sind damit auch ganz explizit all die Menschen aus Wissenschaft, Technik oder Verwaltung: Auch Sie sind Kommunikatorinnen und Kommunikatoren. Es mag sein, dass es in Ihrer Firma, Behörde oder Hochschule eine spezielle Abteilung dafür gibt. Aber Ihre Kompetenz und Ihre Authentizität, Ihre Motive und Ihre Werte, Ihre Geschichte und Ihre Pläne fehlen in der Debatte, wenn Sie sich nicht einbringen.

Die erste, wichtigste, elementare Lektion ist dabei: Kommunikation ist viel mehr, als es ein lineares Modell von Sender-Botschaft-Empfänger nahelegt. Und es geht auch nicht um das simple Vermitteln von genügend Fakten, und dann – zack – fällt es allen Zuhörern wie Schuppen von den Augen, und sie gehen heim und ändern ihr Leben radikal. Das funktioniert sowieso nicht.

Kommunikation ist vielschichtig und multidirektional. Sie hat etliche Ebenen: Wörter, Tonlagen, Gesten, Mimik, Unausgesprochenes, Bilder, Emotionen, Assoziationen, Personen. Sie ist mit den Worten des Hirnforschers Gerhard Roth die „wechselseitige Konstruktion von Bedeutung“. Und dabei geht es um eine Bedeutung der Botschaft für das eigene Leben. Sie kann die Sender bestärken und die Empfänger motivieren, Gewohnheiten zu ändern.

Was das Konstruieren von Bedeutung stören oder fördern kann, dazu gibt es inzwischen einen großen Schatz von Erkenntnissen und Erfahrungen. Psychologen haben viel über typische Fehlleistungen herausgefunden, mit denen Menschen bei Konflikten missliebige Informationen verzerren, ausblenden oder gar nicht erst zur Kenntnis nehmen. Soziologen haben ergründet, welche Rolle das Bedürfnis nach Zugehörigkeit und sozialer Nähe spielt, wie Verhalten in die Werte und Normen von Gruppen einbettet ist. Kommunikationsforscher wissen, wie man sich mit unbedacht gewählten Worten selbst aus dem Rennen schießt – und wie sich das verhindern lässt (Stichwort Framing, zu dem das Handbuch ein eigenes Kapitel enthält).

Wir dürfen natürlich keine Wunder erwarten, das haben gerade in der Coronakrise immer wieder Fachleute betont, und es gilt genauso für die Klimakrise: „Eine One-size-fits-all-Kommunikationsstrategie gibt es in diesem Fall wie auch in allen anderen Themen nicht, denn die Menschen ticken zum Glück unterschiedlich“, sagt Eva Baumann von der Hochschule für Medien in Hannover. Es werde also stets „von den eigenen Einstellungen und Überzeugungen, vom Gefühlszustand, aber auch von Persönlichkeitsstrukturen abhängen, auf welchen Überzeugungsversuch welche Menschen wie reagieren“.

Aus der wissenschaftlichen muss eine soziale Realität werden

Das klingt so komplex, wie es auch ist, aber etliche der Punkte lassen sich in der Vorbereitung und im Gespräch systematisch abhaken. Grundsätzlich geht es bei allen Bemühungen, mit anderen Menschen über die Klimakrise zu reden, um einen vermeintlich kleinen Schritt. Es muss – wie es die Aktivist:innen der britischen Organisation Climate Outreach ausdrücken – aus der wissenschaftlichen Realität des Klimawandels eine soziale Realität werden.

Während die eine inzwischen von den weitaus meisten Menschen anerkannt wird, ist die andere für viele eher eine Fata Morgana: weit weg, flirrend, irgendwie irreal. Dabei müsste sie doch konkret sein, mindestens beunruhigend und aktivierend, und zur individuellen Lebenssituation der oder des Angesprochenen passen. Und wer sie wahrnimmt, die soziale Realität der Klimakrise, braucht Möglichkeiten, mit zu bewältigendem Aufwand und eingebettet in das eigene Umfeld, etwas am Verhalten und den (politischen) Präferenzen, Erwartungen und Forderungen zu ändern.

Damit das gelingen kann, benötigen wir alle ein umfassendes Verständnis von Kommunikation. In diesem Handbuch wollen wir versuchen, uns die nötigen Elemente davon zu erarbeiten, einige Grundsätze, Hilfsmittel und Methoden kennenzulernen und wo immer möglich einzuüben.

„Bei einem Konflikt zwischen Fakten und Werten werden die Fakten verlieren“

Eine wichtige Methode ist es zum Beispiel, Geschichten zu erzählen. Der Mensch ist ein Geschichten-Wesen. Seine Sprache erlaubt es ihm, ferne oder fiktive Welten zu beschreiben – oder auch die bisher unbeachteten nebenan. Wer zuhört, kann sie sich anhand der Erzählungen bildlich vorstellen. Das Geschilderte bekommt im Gehirn Realität und Macht. Zu den Methoden, um wirkungsvolle Geschichten zu konstruieren, gehört in Kapitel 11 die auch in Hollywood gern genommene „Heldenreise“.

Ein weiteres Mittel ist es, vertrauenswürdige Themenbotschafter:innen für die Kommunikation zu gewinnen. Ihnen gelingt es leichter, die Menschen aus ihrer eigenen Zielgruppe zu erreichen, weil sie deren Sprache sprechen und Einstellungen teilen. Die texanische Klimaforscherin Katharine Hayhoe ist ein Beispiel: Als evangelikale Christin erreicht sie die religiöse Rechte, die in den USA zu den stärksten Gegnern einer angemessenen Klimaschutzpolitik gehört. Als Wissenschaftlerin mit klarem Blick auf die Klimakrise erklärt Hayhoe die Ursachen und Folgen in ihren Videos und Vorträgen einfach und verständlich. Und als Mitglied einer Gruppe von tiefgläubigen Menschen spricht sie diejenigen an, denen man eingeredet hatte, die Warnungen vor dem Klimawandel bedrohten ihre Werte.

Effektiver kann man Menschen kaum steuern, das wissen Psychologen längst. „Wenn es einen Konflikt zwischen den Fakten und den Wertvorstellungen eines Menschen gibt, werden die Fakten verlieren“, fasst es Per Espen Stoknes zusammen. Der Norweger hat ein Buch über die kognitiven und emotionalen Aspekte des Klimawandel geschrieben und hält Vorträge darüber. Deswegen ist es so wichtig, was Hayhoe tut: die Fakten mit den Werten zu versöhnen und die Schein-Konflikte zu entlarven.

Die Erkenntnisse zur guten Kommunikation in Klimafragen haben eine starke Basis in der Erfahrung, der kollektiven wie der individuellen. Daneben gibt es viel wissenschaftliche Analyse zum Thema. Das Handbuch bemüht sich, einen breiten Überblick über Literatur und Praxis zu geben. Aber Sie müssen das nicht auswendig lernen. Wenn Sie nach der Lektüre des Handbuchs alles vergessen und sich ausschließlich und voller Vertrauen auf sich selbst verlassen, passieren Wunder. Vor allem deswegen, weil erst die Mischung Ihrer eigenen Geschichte und Motivation mit den Erkenntnissen und Erfahrungen Anderer Sie zu einer guten Kommunikatorin, zu einem guten Kommunikator macht.

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Aufbau des Handbuchs

Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“, heißt ein berühmter Aufsatz von Heinrich von Kleist. Wenn man irgendwo nicht weiterkomme, schrieb er vermutlich 1806, „so rathe ich Dir, mein lieber, sinnreicher Freund, mit dem nächsten Bekannten, der dir aufstößt, darüber zu sprechen“. Im Formulieren ganzer Sätze zwinge man den Geist, dem Anfang ein Ende hinzuzufügen, das Thema zu strukturieren und, so Kleist, „jene verworrene Vorstellung zur völligen Deutlichkeit“ auszuprägen.

Das ist einerseits ein weiterer Grund, viel mit Bekannten über die Klimakrise zu sprechen, man versteht sich dann selbst besser. Andererseits muss jedoch mindestens eine ungefähre (in Kleists Worten: verworrene) Vorstellung vorhanden sein, um Erfolge zu erzielen. Besser ist natürlich eine genauere Vorstellung. Dieses Handbuch hilft Ihnen, diese zu entwickeln.

Der gedankliche Schauplatz ist dabei meist eine im Voraus geplante Veranstaltung: ein Vortrag am Abend, die Sitzung mit den Firmen-Manager:innen, in der eine Klimaschutz-Beauftragte ihr Konzept vorstellt, ein Workshop im Sportverein am Samstagnachmittag, eine Kampagne für Fahrradwege oder ein Infostand in der Fußgängerzone. Aber auch vor dem Gespräch mit Nachbarn und Kollegen kann es nicht schaden, sich einige Gedanken zu machen, die sich dann beim Reden ausprägen können.

Mit dieser Liste von Beispielen ist übrigens auch etwas über das Zielpublikum dieses Handbuchs gesagt: Viele von Ihnen haben vielleicht im Beruf die Aufgabe, über die Reaktionen auf die Klimakrise nachzudenken und andere fürs Mitmachen zu gewinnen. Oder Sie machen es sich zur Aufgabe, weil Sie es wichtig finden und sich haben überzeugen lassen, dass es auch und gerade auf Sie ankommt.

Ob das nun in Unternehmen, Behörden, Instituten oder Vereinen geschieht; ob es dort um Gewinn, Spaß oder sozialen Fortschritt geht; ob Sie das in Vollzeit machen, es ein Aspekt Ihres Jobs unter mehreren ist, oder ob Sie es ehrenamtlich als gesellschaftliches Engagement nach Feierabend übernehmen – die Themen und Probleme sind vermutlich ähnlich. Und wenn Sie wissen möchten, wie Sie gegen einen Verwandten oder Nachbarn bestehen, der sich verhält wie John Cooks Comic-Figur Cranky Uncle, dann können Sie hier vielleicht auch etwas lernen.

Das Handbuch schlägt einen weiten Bogen. Es beginnt mit einem Abschnitt namens „Vor-Denken“; er umfasst die Kapitel 1 bis 3. Dort erfahren Sie, warum das Problem größer ist, als wir vielleicht denken: Es lässt sich nicht damit bewältigen, genügend Fakten zu verbreiten und den Fehlinformationen der Klimawandel-Leugner und Ölfirmen effektiv zu widersprechen. Gleichzeitig ist unsere geistige Fähigkeit, Informationen zu verarbeiten, geringer, als wir gern glauben möchten. Zahlreiche kognitive Fehlleistungen verstellen die Wege zum Wissen und vom Wissen zum Handeln. Um Verhalten zu ändern, müssen wir uns darum mit sozialen Werten und Normen beschäftigen.

Das konkrete Vorbereiten ist das Thema der Kapitel 4 bis 7: Wir müssen das Publikum kennenlernen und richtig einschätzen und beginnen darum möglichst mit Fragen, nicht mit Aussagen. Oft ist es auch eine gute Idee, gar nicht selbst in den Vordergrund zu treten, sondern eine Themenbotschafterin, einen Vermittler zu finden, die oder der die Werte und Einstellungen des Publikums kennt. Die Botschaften, die wir übermitteln oder übermitteln lassen, sollten aber schon vor Beginn feststehen und auf verborgene Bedeutungen abgeklopft werden. Welcher Bedeutungsrahmen (neudeutsch: welches Framing) wird damit transportiert? Konterkarieren die Assoziationen, die die Worte wecken, womöglich die erwünschte Wirkung?

Der größte Teil des Handbuchs beschäftigt sich unter dem Titel „Showtime“ mit den Aspekten der Kommunikation, von denen Erfolg und Misserfolg abhängen können (Kapitel 8 bis 20). Hier geht es zunächst darum, die psychologische Distanz zu verringern, die viele Menschen noch verspüren. Wer den Klimawandel als Bedrohung von Eisbären in der Zukunft oder Bewohnern ferner Regionen auffasst, spürt nicht unbedingt den Impuls zum Handeln. Zudem sollte der Grundton der Kommunikation positiv sein: Es gibt ja schon viele Lösungsansätze und Vorbilder. Damit lässt sich das Selbstwirksamkeitsgefühl des Publikums stärken. Veränderungen sind für viele besser zu ertragen, wenn sie sich selbst als Subjekte statt als Objekte des Wandels fühlen, wenn sie verloren geglaubte Kontrolle zurückerlangen.

Unterstützen kann man die eigenen Botschaften, indem man die Aufmerksamkeit des Publikums fesselt. Dabei können Geschichten helfen; Bilder sind ein weiteres Stilmittel. Spiele, Kunst oder Literatur können dazu beitragen, die Klimakrise und ihre Lösungen auf einer Ebene jenseits der geschliffenen Worte zu spüren.

All diese Methoden, die Botschaft ans Publikum zu bringen, wecken Emotionen. Diese sind, sagen Psychologen, „Bedürfnisanzeiger und Handlungsmotivatoren“ und spielen darum auch beim Verarbeiten und Umsetzen von Informationen eine entscheidende Rolle. Doch damit eine gewünschte Reaktion erzwingen zu wollen, kann auch nach hinten losgehen. Das gilt nicht nur, aber besonders für Informationen, Botschaften oder Bilder, die Angst auslösen (sollen). Wer Angst macht, sollte daher Lösungen anbieten, mit denen Leute ein Gefühl der Kontrolle über ihre Situation gewinnen.

Die Klimakrise mit der Coronakrise vergleichen zu wollen, scheint zurzeit eine naheliegende Strategie zu sein. „Covid-19 is climate change on warp speed“, twitterte der Klimaökonom Gernot Wagner von der New York University, also sozusagen Klimawandel mit der Antriebskraft des Raumschiffs Enterprise. Die Parallelen beider Krisen zu betonen, ohne die mit Corona verbundenen traumatischen Erlebnisse aufzurühren, erfordert einen sehr bewussten Umgang mit solchen Vergleichen. Ähnlich bedacht sollte man mit Kommunikationsmethoden wie dem sogenannten Nudging umgehen. Wissenschaftsjargon zu vermeiden und trotzdem korrekte Aussagen zur Genauigkeit (vulgo: Unsicherheit) zu machen, sowie auf Zweifler und Leugner zu reagieren, erfordert ebenfalls Planung und Übung.

Bei alldem sollten wir nicht vergessen, dass die Lösungen der Klimakrise in den Augen vieler Menschen dem Ende einer Ära gleichkommen. Die daraus entstehenden Gefühle der Trauer zuzulassen, zu verarbeiten und zu überwinden, braucht Hilfe und Zeit. Und am Ende müssen wir auch klarmachen, dass es neben allem anderen auch Druck auf Politiker braucht. Wir müssen für eine Veränderung von Standards, Normen, Werten, Gesetzen etc. werben: öffentlich, laut und ausdauernd. Die entscheidende Frage ist also: Haben wir die Menschen in unserem Publikum dazu ermutigt und ermächtigt?

Es mag sein, dass Reden nicht reicht. Aber damit fängt es an. ◀

Links, Quellen und Empfehlungen zum Weiterlesen

  • Den Zugang zu allen bisher erschienenen Kapiteln dieses Handbuchs finden Sie auf der Startseite des Projekts beim Portal klimafakten.de. Es gibt jedes Kapitel in zwei Fassungen: eine kompakte, für das Online-Lesen optimierte Version, die jeweils interaktive Übungen enthält, sowie eine ausführliche in einer PDF-Datei zum Herunterladen.
  • Eine Broschüre über die „Psychology of Climate Change Communication“ haben Forscher:innen am Center for Research on Environmental Decisions an der Columbia University in New York veröffentlicht. Das Team um die Psychologin Elke Weber hat aus seinem Wissen acht Prinzipien destilliert, die von „Kenne Dein Publikum“ bis „Mache Verhaltensänderung einfach“ reichen.
  • George Marshall von Climate Outreach und der norwegische Psychologe Per Espen Stoknes haben Bücher geschrieben und machen schon im Titel das Nicht-Denken an den Klimawandel zum Thema. George Marshall: Don’t even think about it, Bloomsbury, 2014; Per Espen Stoknes: What we think about when we try not to think about Global Warming, Chelsea Green, 2015
  • Climate Outreach hat eine Reihe hervorragender Materialien produziert, unter anderem das „TalkingClimate Handbook“, das ebenfalls acht Merkpunkte zum Reden und Zuhören enthält. Sie lassen sich anhand ihrer Anfangsbuchstaben zum Stichwort „Real Talk“ zusammenfassen – von „Respektiere Dein Gegenüber und suche nach Gemeinsamkeiten“ bis zu „Bleibe am Ball“ (im Englischen: Keep going).
  • Klimakommunikation hat ihre Wurzeln in der so genannten Debunking-Szene, die immer wiederkehrende und neue Mythen der Leugner und Manipulatoren richtigstellt. Die Webseite SkepticalScience.com ist hier eine Art Zentral-Instanz und Referenzpunkt.
  • Der „Leitfaden Umweltkommunikation“ der Tropenwald-Stiftung Oro Verde breitet einige der Prinzipien, nach denen auch dieses Handbuch arbeitet, klar und hilfreich aus.
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Christopher Schrader

Christopher Schrader

Christopher Schrader, einer der Gewinner des AAAS Kavli Prize for Science Journalism, war 15 Jahre Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung, bevor er sich 2015 mit den Themen Klimaforschung, Energietechnik, Umwelt, Physik und Geowissenschaften selbständig machte.


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Eine breitere Berichterstattung zu Klimafragen, vor allem zu Lösungen und nachhaltigen Wegen aus der Klimakrise, finden Sie in unserem Schwesterprojekt Klima wandeln.

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