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Die Geschichte unserer Zeit

Wer als Journalist über die Klimakrise berichtet, muss mehr sein als ein Stenograph der Tragödie – Gastbeitrag von Kyle Pope

23.04.2020
7 Minuten
Brennende Palme bei einem Buschbrand im Schutzgebiet Dos Palmas in der Nähe von Palm Springs, Kalifornien 2017. Am Stamm lodert das Feuer, die Flammen und der Rauch werden vom Wind nach links gedrückt. Oben sind noch grüne Palmwedel zu sehen. Der Baum steht in einer Steppenlandschaft. Solche Feuer werden durch die Dürre und damit durch den Klimawandel begünstigt und verschärft, auch wenn die globale Erwärmung nicht die einzige Ursache ist.

Journalist:innen haben lange mit falschen Vorstellungen und überkommenen Gewohnheiten über den Klimawandel berichtet – fast so, als sei er die politische Initiative einer Partei und ungefähr so bedeutsam für das Alltagsleben wie eine Theorie in der Physik. Das muss sich ändern, fordert der Chef einer wichtigen Branchenzeitschrift, des Columbia Journalism Review.

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Der Journalismus war schon immer gut darin, schnell zu sein. Die Heimmannschaft gewinnt. Eine alte Frau wurde erschossen. Ein Präsident ist gewählt. Je schneller sich eine Geschichte bewegt, je komprimierter das Drama, desto besser können wir darüber berichten.

Langsam ist schwieriger. Geschichten, die Feinheiten enthalten, die sich entwickeln, die kein Ende haben – das ist nicht unsere Stärke. Rassismus, systemische Armut, die langfristigen Auswirkungen einer überholten Politik, solche Themen haben wir immer wieder nicht in den Griff bekommen. Wir jagen dem Unmittelbaren, dem Vergänglichen nach und ignorieren das Seismische, das Fundamentale.

Die Gründe dafür sind verständlich. Es ist einfacher, über ein Ereignis zu berichten, als im Laufe der Zeit tief in komplexe Charaktere und Bürokratien einzutauchen. Im Fernsehen ist die Zeit knapp, im Druck der Platz begrenzt. Die Genugtuung bei schnellen Treffern ist oberflächlich, aber schnell. In den vergangenen zehn Jahren haben die sozialen Medien dazu geführt, dass die Budgets und die Aufmerksamkeitsspanne der Redaktionen geschrumpft sind. Häufig ersetzen Klicks unser Gewissen, wenn wir über Nachrichten entscheiden.

Aber das ist auch unentschuldbar. Der Wert von Nachrichten besteht nicht mehr darin, zu sagen, was gestern passiert ist. (Dafür haben wir Twitter.) Die Aufgabe besteht darin, Ereignisse sorgfältig und tiefgehend zu untersuchen – einen Moment nicht isoliert zu betrachten, sondern als Teil eines größeren Kontexts. Als Kalifornien im vergangenen Jahr von Waldbränden heimgesucht wurde, erwähnten nur drei Prozent der Fernsehberichte, dass der Klimawandel etwas mit der Intensität der Schäden zu tun haben könnte. In den meisten Fällen waren die Reporter nur Stenographen der Tragödie.

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Dieses Logo weist darauf hin, dass der Artikel im Rahmen der Aktion Covering Climate Now von einem Partner-Medium übernommen wurde, in diesem Fall vom Columbia Journalism Review in New York.
Hinweis auf die Aktion CoveringClimateNow

Ich bin davon überzeugt, dass das Versäumnis des Journalismus, über die Geschichte Klimawandel angemessen zu berichten, einst als einer seiner großen Fehlschläge verstanden wird. Seit 1988, als James Hansen, ein Wissenschaftler der NASA, vor dem Kongress saß und die Vereinigten Staaten vor den Auswirkungen eines sich erwärmenden Planeten warnte, haben Nachrichtenmedien gezaudert und die kritische Berichterstattung über das, was mit der Erde geschieht, verzögert und aufgeschoben. Sie haben sich die Einordnung von den PR-Kampagnen der Ölindustrie vorgeben lassen, haben sich selbst eingeredet, dass die Wissenschaft kompliziert und umstritten ist (das ist sie nicht), und sich mit dem Gedanken getröstet, dass das Thema für ihr Publikum zu abstrakt und deprimierend sei (wieder falsch).

Das Ergebnis war ein massives Medienversagen: Im Jahr 2012 stellten Forscher von Media Matters fest, dass die US-Nachrichtenmedien vierzigmal so viel über die Kardashians berichteten wie über den steigenden Meeresspiegel. Während des Wahlkampfs 2016 versäumten es die Moderatorinnen und Moderatoren, in den drei Präsidentschaftsdebatten eine einzige Klimafrage zu stellen. Im Jahr 2018 widmeten die Nachrichtensender dem königlichen Baby mehr Sendezeit als der sich erwärmenden Erde.

Als Greta Thunberg fragte: How dare you? hörte die Welt zu

Im Herbst 2019 begann sich die Lage jedoch zu ändern. Das Tempo der Klimageschichte schien sich von langsam zu schnell zu verwandeln, da die Auswirkungen der Krise selbst für die hartnäckigsten Nachrichtenredaktionen nicht mehr zu ignorieren waren. Überschwemmungen in Venedig und Dürreperioden in Indien waren wie geschaffen für die Abendnachrichten. Verheerende Brände in Kalifornien und Australien führten zu Nachrichtensendungen in der ganzen Welt. Massenproteste und ihre studententischen Anführer schmückten die Titelseiten der Zeitschriften. Als Greta Thunberg, die sechzehnjährige Klimaaktivistin, auf dem Klimagipfel der Vereinten Nationen in New York City vor die Deligierten trat und fragte: „How dare you?“ (Was fällt Euch ein?), hörten die Welt und ihre Nachrichtenmedien zu.

Endlich gab es im Journalismus ein Erwachen; er verstand die düstere Realität des Klimawandels. Die Frage ist nun, wie die Geschichte erzählt werden soll. Können wir sicherstellen, dass die Katastrophen, die wir beobachten, in den Kontext gestellt und erklärt werden? Werden wir die Schurken der Krise zur Rechenschaft ziehen? Sind wir in der Lage, über Lösungen für Probleme zu schreiben, ohne diese zu trivialisieren? Wie können wir schnell und langsam sein? Währenddessen ist die Frage geklärt, ob wir die Klimageschichte erzählen sollen oder nicht: Wir müssen.

Vor einem Jahr, frustriert durch das anhaltende Schweigen des Journalismus über das Schicksal der Natur, schloss sich der Columbia Journalism Review (CJR) mit The Nation zusammen, um Covering Climate Now zu starten, eine Initiative zur Förderung von mehr und besserer Klima-Berichterstattung. The Guardian meldete sich schnell als unser erster Medienpartner. Gemeinsam machten wir uns daran, zu verstehen, warum die Nachrichtenmedien nicht mehr tun – und ihnen zu helfen, es besser zu machen.

Unsere ursprüngliche Forderung sollte bescheiden sein. Wir wussten, dass nur wenige Nachrichtenredaktionen Geld im Budget hatten, um neue Klimareporterinnen und -reporter einzustellen, und wir verstanden, dass die Komplexität der Geschichte – langsam gegenüber schnell – gegen uns arbeitete. Unsere Bitte war also einfach: Wir wollten, dass sich Nachrichtenredaktionen verpflichten, eine Woche lang ihr Engagement zu erhöhen, mehr Klimareporter als normalerweise zu beschäftigen und uns dann über das, was sie gelernt haben, zu berichten.

Wir haben uns im April 2019 unter der Leitung von Mark Hertsgaard zusammengetan, meinem Partner bei der Initiative und jetzt Exekutivdirektor von Covering Climate Now. Unser Ziel war die zweite Septemberwoche: Das Experiment der Berichterstattung sollte den UN-Klimagipfel begleiten. Im Frühling und Sommer vergangenen Jahres sprachen wir mit Redakteurinnen und Reportern, die Nachrichtenmedien aus aller Welt vertraten. Wir erfuhren, dass es einen breiten Konsens darüber gab, dass mehr Berichterstattung nötig ist – nur wenige Journalisten (außerhalb der rechten Echokammer) verleugnen die Bedeutung der Klimageschichte. Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, vor allem die jungen, hatten ihre Redaktionen seit langem gedrängt, mehr zu tun.

Doch die Nachrichtenmedien hielten sich immer noch zurück, und zwar aus drei Hauptgründen. Erstens herrschte, insbesondere im Fernsehen, die verhängnisvolle Auffassung, dass Berichterstattung über die Klimageschichte ein politischer Akt sei, der das konservative Publikum abschrecken könne. Zweitens waren die Redaktionen davon überzeugt, dass sie einfach nicht über das Personal verfügten, um mehr Klima-Berichterstattung zu einer Zeit zu machen, in der sie die Kernbereiche – Polizei, Gerichte, Rathaus – vernachlässigen mussten. Und drittens wussten die Reporterinnen und Reporter einfach nicht, wo sie anfangen sollten: Ihnen fehlte die Ausbildung um die Ergebnisse der Klimawissenschaft zu interpretieren, sie hatten Mühe, lokale Blickwinkel für globale Ereignisse zu finden, oder sie sahen nicht, wie sie den Klimawandel mit den Geschichten verbinden sollten, die sie bereits täglich verfolgen.

„Wir haben einen Wendepunkt für den Journalismus erreicht“

In Bezug auf den ersten Punkt hofften wir, dass die Unterstützung des CJR – und die Tatsache, dass große Sender wie CBS News an den Bemühungen beteiligt waren – den leitenden Nachrichtenredakteurinnen und -redakteuren Rückendeckung bieten könnte, wenn sie darüber besorgt waren, wie ihre Klimaberichterstattung ankommt. Was die Ressourcen betrifft, so haben wir nie jemanden gedrängt, den Stellenplan zu ergänzen. Stattdessen ermutigten wir alle, ihre bestehenden Berichtsfelder zu überdenken und jede und jeden zum Klimajournalisten zu machen, von den Nachrichten über Sport und Wirtschaft bis hin zur Kultur.

Die letzte Sorge – dass Nachrichtenorganisationen, selbst große, nicht wussten, wo sie anfangen sollten – schien zunächst deprimierend, gab uns aber dann Hoffnung. Wenn sie schlecht ausgerüstet wären, um die wichtigste Geschichte unserer Zeit zu erzählen, würden wir ihnen Werkzeuge zur Verfügung stellen.

Unser bescheidener Anfang – ein Plädoyer für Aufmerksamkeit – erbrachte erstaunliche Ergebnisse. In der festgesetzten Woche im September nahmen mehr als dreihundert Nachrichtenorganisationen an Covering Climate Now teil, darunter einige der meistgelesenen der Welt. Zusammen veröffentlichten oder sendeten sie mehr als 3600 Geschichten für ein Publikum von insgesamt mehr als einer Milliarde Menschen. Laut Google Trends erreichten die Suchbegriffe zum Thema Klima im September die höchsten Stände in der Geschichte der Firma. Seitdem ist die Zahl unserer Partner auf mehr als vierhundert angewachsen, und ihr Publikum geht auf zwei Milliarden Menschen zu. Wir fangen gerade erst an, ein Netzwerk aufzubauen, das in der Lage ist, der Welt mitzuteilen, dass es noch nicht zu spät ist, uns selbst zu retten. (…)

Wir haben einen Wendepunkt für den Journalismus und den Planeten erreicht. Alte Ideen, die unsere Aufmerksamkeit für den Klimawandel gedämpft hatten, haben sich als falsch erwiesen. Das Thema ist weder zu polarisierend noch zu kompliziert und man verliert dabei auch kein Geld. Alte Formen des Geschichtenerzählens – schnell, ohne den Lesern dabei zu helfen, entscheidende Zusammenhänge zu erkennen – können wir nicht mehr gebrauchen, um der Krise zu begegnen, mit der wir konfrontiert sind. Wir sind es unserem Publikum und unserem Gewissen schuldig, besser nachzudenken. Der Klimawandel ist die Geschichte unserer Zeit. Der Journalismus wird daran gemessen werden, wie er über die verheerende Realität berichtet.◀

Dieser Beitrag ist Teil der Berichterstattung von KlimaSocial im Rahmen der globalen Aktionswoche „Lösungen“ der Initiative Covering Climate Now. Er wurde im Rahmen der Partnerschaft von mehr als 400 Medien aus dem Columbia Journalism Review übernommen, wo er als Editorial am 19. April 2020 erschienen ist. Der Autor Kyle Pope, Chefredakteur und Herausgeber von CJR, ist einer der Gründer der Initiative. Übersetzung von Christopher Schrader mithilfe von deepl.com.

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Christopher Schrader

Christopher Schrader

Christopher Schrader, einer der Gewinner des AAAS Kavli Prize for Science Journalism, war 15 Jahre Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung, bevor er sich 2015 mit den Themen Klimaforschung, Energietechnik, Umwelt, Physik und Geowissenschaften selbständig machte.


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