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  3. Wie Vogelschützer dem Nahost-Konflikt trotzen

Schleiereulen als Friedenstauben

Trotz der neuerlichen Gewalt gibt es im Nahen Osten ermutigende Projekte zur Völkerverständigung.

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14.05.2021
7 Minuten
Eine Schleiereule bei tiefer Nacht in einem kahlen Baum

Kaum hat sich die Corona-Lage auch im Nahen Osten etwas entspannt, flammt der Konflikt zwischen radikalen Palästinensern und Israel wieder auf. Doch auf beiden Seiten gibt es Menschen, die unverdrossen auf Verständigung setzen. Ein prominenter israelischer Vogelschützer gehört dazu. Wir haben mit ihm gesprochen.

Palästinenser, Israelis und Jordanier gemeinsam gegen Pestizide im Garten Eden

Das Bet-Shean-Tal, eine Autostunde nördlich von Jerusalem, ist auf den ersten Blick ein Paradies: weite Täler, sattgrüne Felder und Fischteiche, wohin das Auge sieht. “Falls der Garten Eden im Land Israel ist, dann ist sein Tor in Bet Shean”, heißt es im Talmud. Heute ist die Region im wasserreichen Jordantal eher ein Spiegel der aktuellen politischen Lage im Nahen Osten als ein biblisches Paradies. Israel im Norden, Jordanien im Osten und das palästinensische Westjordanland im Süden bilden hier ein Dreieck. Der „kleine Grenzverkehr“, den es in besseren Zeiten schon gab, existiert derzeit nicht.

Und doch ist es diese Region, von der hoffnungsvolle Zeichen ausgehen – auch in Zeiten, in denen der Nahost-Konflikt hochkocht. Denn hier im Jordantal haben die Menschen es geschafft, trotz aller Unterschiede über die Grenzen hinweg neue Kontakte aufzubauen. Maßgeblich verantwortlich für dieses kleine Wunder sind israelische Vogelschützer und ihr Kampf gegen ein weltweit bekanntes Problem: die Intensivlandwirtschaft.

Tonnen von Chemikalien, vor allem zur Bekämpfung von Ratten und Mäusen, werden im Jordantal jährlich versprüht, denn Wissenschaftler machen die Nager für den Ausfall von bis zu 35 Prozent der Weizenernte verantwortlich. Doch das Gift macht nicht nur den lästigen Nagern den Garaus: Schädlingsbekämpfungsmittel verseuchen die Böden und das Grundwasser. Auch mehrere Massensterben unter Vögeln hat das Gift verursacht. Das ist in dieser Region besonders verheerend, denn das Jordantal ist Teil des Rift Valleys, einer der weltweit bedeutendsten Routen des Vogelzugs.

Schwarzstörche, Seidenreiher und Stelzenläufer rasten auf ihrem Herbstzug im Jordantal an der israelisch-jordanischen Grenze, im Hintergrund die jordanischen Berge. Aufgenommen mit 35 mm Brennweite aus Tarnzelt
Das Jordantal ist eines der wichtigsten Rastgebiete für Zugvögel aus ganz Europa.

Vögel schützen und Vorurteile abbauen

Millionen Vögel aus Europa, Russland und Zentralasien nutzen diese Region als Zwischenstopp zum Auftanken auf dem Weg in ihre afrikanischen Winterquartiere und zurück. Hunderte vom Aussterben bedrohte Greifvögel wie Schelladler, Kaiseradler, Merlin, Rohr- und Kornweihen überwintern hier. Sie alle suchen im Jordantal nach Beute – häufig Nagetiere – und laufen dabei Gefahr, vergiftet zu werden.

Warum nicht statt Chemie auf einen natürlichen Nagerkiller setzen, fragten sich Yossi Leshem – inzwischen emeritierter Professor an der Uni Tel Aviv und führender Vogelschützer Israels – und seine Mitstreiter schon vor mehr als 30 Jahren. Eine ideale „biologische Waffe“ brütete schließlich damals schon in geringer Zahl im Bet-Shean-Tal: die Schleiereule. Ein Eulenpaar verzehrt samt Brut pro Jahr 2000 bis 6000 Nager. Untersuchungen ergaben, dass die Zahl der Nager-Jäger nur deshalb relativ gering war, weil es an geeigneten Brutplätzen mangelte. Also stellten die Vogelschützer Mitte der 1980er Jahre im grenznahen Kibbutz Sde Elyahu die ersten Nistkästen auf – zum Teil gefertigt aus ehemaligen Munitonsboxen der Armee. Später schlossen sich Partner in Jordanien und dem palästinensischen Westjordanland an.

Was vor mehr als 30 Jahren klein begann, ist mittlerweile eines der erfolgreichsten Programme der biologischen Schädlingsbekämpfung weltweit – und überdies ein Vorzeigeprojekt regionaler Zusammenarbeit in einem der Krisenherde der Welt.

Wir sprachen mit Yossi Leshem angesichts der gegenwärtig wieder aufgeflammten Gewalt über das Projekt und seine langjährige Arbeit für Vögel und regionale Verständigung.

„Zugvögel kennen keine Grenzen. Warum sollten wir, die wir Vögel schützen, also an Grenzen haltmachen?“ Yossi Leshem
Yossi Leshem steht mit einem Thomas-Shirt mit Schleiereulen vor einem Radar zur Zugvogelforschung.
Yossi Leshem ist Israels führender Vogelschützer. Er hat den Vogelzug unter anderem mit Hilfe von Radarsystemen erforscht und schmiedet heute Allianzen für Naturschutz über die Grenzen Israels hinweg.


Thomas Krumenacker: Seit vielen Jahren engagieren Sie sich für die Verständigung zwischen Israelis, Palästinensern und Jordaniern durch den gemeinsamen Schutz der Natur. Warum glauben Sie, dass ausgerechnet Vögel Friedensstifter sein können?

Yossi Leshem: Vögel symbolisieren Freiheit und Grenzenlosigkeit wie kaum ein anderes Lebewesen. Sie gehören keinem Land – sie wandern zwischen Ländern und sogar Kontinenten hin und her und sind daher ein quasi fleischgewordenes Symbol für den Frieden. Aus diesem Grund haben wir unsere Zusammenarbeit zwischen Israelis, Jordaniern und Palästinensern seit ihrem Beginn vor einem Vierteljahrhundert unter das Motto gestellt: „Zugvögel kennen keine Grenzen“. Warum sollten wir, die wir Vögel schützen, also an Grenzen haltmachen?

Sie haben Landwirten in Israel, Jordanien und den palästinensischen Gebieten gezeigt, dass man durch die Bereitstellung von Nistkästen für die Eulen Nagetiere auf natürliche Weise bekämpfen und deutlich weniger Agrarchemikalien versprühen kann. Wie ist es dazu gekommen, und wo steht das Projekt heute?

Wir haben das zunächst nur auf israelischer Seite gemacht und rasch erkannt, dass es nicht ausreicht, die Pestizide nur auf einer Seite des Jordans zu reduzieren. Die Eulen jagen natürlich auf beiden Seiten der Grenze und auch im palästinensischen Westjordanland. Wir haben dann nach Partnern gesucht. Nur, weil wir Menschen wie meinen jordanischen Partner General Mansour Abu Rashid gefunden haben, konnten wir die Idee weitertragen und zum Erfolg machen. Seit wir 2002 die Zusammenarbeit mit Jordanien und dann 2007 mit den Palästinensern begonnen haben, haben wir in jeder Situation daran festgehalten. Und politische Krisen gab es eine Menge. Nur im vergangenen Jahr konnten wir uns wegen Covid-19 nicht mehr treffen. Also haben wir über Zoom weitergemacht.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit in Zeiten der Krise wie jetzt?

Mit Jordanien funktioniert es noch gut, die Palästinenser machen wegen der politischen Situation zur Zeit alleine weiter und nehmen nicht an gemeinsamen Treffen teil wie in der Vergangenheit. In diesem Jahr hat aber auch Marokko entschieden, dem Projekt beizutreten, und schon seit 2015 machen Zypern und Griechenland mit.

Eine bildliche Darstellung einer fliegenden Schleiereule, die einen Olivenzweig in den Krallen trägt
Das Symbol des Kooperationsprojekts: Eine Schleiereule mit einem Olivenzweig

Kernidee des Projektes ist ja der Vogelschutz. War es von Anfang an auch ein Ziel, durch gemeinsame Aktivitäten auf den verschiedenen Seiten der Grenze zum gegenseitigen Verständnis beizutragen und damit ein Fundament gegen Hass und Feindschaft zu legen?

Natürlich. Wir haben zwei gleich wichtige Ziele. Wir wollen einerseits einen Beitrag zum Natur- und Umweltschutz leisten: Heute stehen an vielen Orten in Israel, Jordanien und im Westjordanland Nistkästen – mehr als 5000 insgesamt. Regional konnten wir den Einsatz von Pestiziden um die Hälfte senken. Das hilft sehr vielen Zugvögeln bei uns, in Jordanien, bei den Palästinensern und in Europa, wo sie brüten. Aber genauso wichtig ist der menschliche Aspekt. Wir haben enge Verbindungen zwischen muslimischen und jüdischen Bauern und genauso zwischen Naturschützern und Forschern auf allen Seiten der Grenze geschaffen.

Wirft der aktuelle Konflikt die Bemühungen ihres Projekts wieder zurück, oder sind die Bindungen inzwischen stark genug, um so etwas auszuhalten?

Die politische Situation macht die tägliche Arbeit und Zusammenarbeit sehr schwierig. Gerade für unsere palästinensischen Freunde. Wir haben deshalb mit Alexander Roulin aus der Schweiz einen Vertreter eines neutralen Staates einbezogen, mit dem die Palästinenser leichter kommunizieren und agieren können als mit uns.

Sogar der Papst hat Sie schon eingeladen, um Ihre Initiative vorzustellen.

Schon die Umstände unseres Besuchs waren sehr symbolisch. Papst Franziskus empfing uns nämlich am 11. Mai: Für mich – einen Juden – war das der Schabbat, und für General Mansour und unseren palästinensischen Kollegen, dessen Namen ich zu seinem Schutz nicht nenne, fiel das Treffen in die Fastenzeit des Ramadan. Der Papst ermunterte uns, weiterzumachen und sagte, dass dies der Weg sei, um Konflikte zu lösen – mit der Natur und durch ihren Schutz.

Yossi Leshem, Mansour Abu Rashid und Papst Franziskus stehen im Vatikan vor einem Tisch mit Vogelbildern.
Yossi Leshem und Mansour Abu Rashid erklärenPapst Franziskus das Projekt „Schleiereule als Friedenstaube“. Der Vertreter der Palästinenser möchte aus Furcht vor Repressionen nicht mit auf dem Bild sein.

Auch der ehemalige US-Präsident Jimmy Carter hat ihre Arbeit einmal als einen der wenigen Lichtblicke bezeichnet, die er im Nahen Osten ausgemacht habe. Wie kam es dazu?

Ich lud Jimmy Carter ein, als er 2005 als Vorsitzender seiner Stiftung nach Jericho kam, um mit Jassir Arafat zu sprechen. Ich wusste, dass er ein begeisterter Twitcher war.

Ein Vogelbeobachter.

Ja genau. Der US-Botschafter sagte mir dann, dass Carter keine Zeit habe, also besorgte ich mir seine private E-Mail. Und siehe da. Morgens um halb sechs fand sich ein Zeitfenster, und wir haben gemeinsam Vögel beringt und unsere Kooperationsprojekte vorgestellt. Auch Carter war sich sicher, dass Vögel den Job hervorragend beherrschen, Menschen zusammenzubringen.

Das Eulenprojekt ist nicht das einzige, bei dem Sie den Vogelschutz auch als Mittel der Verständigung nutzen. Welche Initiativen gibt es noch?

In der Vergangenheit haben wir hunderte Schüler aus Jordanien, Israel und den Palästinensergebieten miteinander in Kontakt gebracht. Wir haben ihnen Computer gegeben, mit denen sie die Zugwege besenderter Störche – übrigens deutsche Vögel – über ihre Region verfolgen konnten. Auch Treffen zwischen den Schülern haben wir organisiert. Heute funktioniert das leider nicht mehr. Palästinenser und Jordanier haben auch zehn Jahre lang an unserem Marathon zum Schutz der Kraniche im Hula-Tal teilgenommen, zusammen mit Israelis. Und vor zwei Jahren gab es ein gemeinsames Seminar über Mauersegler mit den Palästinensern. In Bethlehem gibt es jetzt in der Nähe der Geburtskirche Nistkästen. Jetzt brüten sie dort, genauso wie an der Klagemauer in Jerusalem.

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Jugendliche Jungen und Mädchen hinter einer großen Jordanien-Flagge unter dem Zieleinlauf des Kranich-Rennens im Hula-Tal.
Jordanische und palästinensische Jugendliche beim traditionellen Marathon zugunsten des Kranichschutzes im nordisraelischen Hula-Tal

Während wir miteinander sprechen, gehen bei Ihnen zahlreiche Raketen aus dem Gaza-Streifen nieder. Was überzeugt Sie in Stunden wie diesen, dass Frieden im Nahen Osten möglich ist?

Bis vor wenigen Stunden war der Nachthimmel hier voll mit Raketen und Abwehrraketen. Eine riesige Zahl, überall. Ich bin nicht naiv. Ich bin 74 Jahre alt, ich habe den Sechstagekrieg, den Abnutzungskrieg, den Jom-Kippur-Krieg und den Libanonkrieg mitgemacht und bin Oberstleutnant der Luftwaffenreserve. Durch diese Erfahrungen habe ich erkannt, dass man mit Gewalt nichts erreicht! Es wird nur Blut vergossen, es werden nur Hunderte von Milliarden Dollar für Kriege verschwendet statt für Forschung, Umweltschutz und Bildung. Die einzige Lösung ist also die Kooperation. Mein jordanischer Partner, General Mansour, kämpfte 20 Jahre lang mit Israel und wurde zweimal verwundet. Genau wie ich hat er erkannt, dass Frieden der einzige Weg ist. Wir tragen natürlich nur einen sehr kleinen Teil dazu bei, denn der Frieden wird letztlich von Staaten und Politikern gemacht. Und da ist das Versagen im Nahen Osten kolossal.

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Thomas Krumenacker

Thomas Krumenacker

Thomas Krumenacker ist Journalist und Naturfotograf in Berlin. Neben den RiffReportern schreibt er für überregionale Zeitungen und Fachjournale über Wissenschaftsthemen.


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