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Zwei Zimmer im Stadtschloss für Mensch und Natur

Im Berliner Humboldt-Forum wird künftig auch zu sehen sein, wie die Universitäten die großen Fragen des Anthropozäns aufgreifen

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29.01.2021
4 Minuten
Das Bild zeigt den Entwurf eines Ausstellungsraums von „Nach der Natur“. Menschen stehen vor einer Projektion mit Fischen und abstrakten organischen Formen.

„Nach der Natur“ heißt die Ausstellung, in der die Humboldt-Universität ihre Forschung rund ums Anthropozän zeigt. Es ist ein ambitioniertes Projekt – und die verpasste Chance, das Verhältnis von Mensch und Natur im Stadtschloss als großen Wurf zu präsentieren.

Man muss sich nur für einen Moment vorstellen, die Ausstellung „Nach der Natur“ im Berliner Humboldt-Forum hätte nicht 750 Quadratmeter Platz, sondern zehn Mal so viel. 7500 Quadratmeter, um zu analysieren, was die Dominanz des Menschen mit seiner Umwelt gemacht hat – und die Gedanken Alexander von Humboldts, der die Wechselbeziehungen zwischen Mensch und Natur als einer der ersten formuliert hat, ins 21. Jahrhundert zu heben.

Das Humboldt-Forum, dessen inhaltliche Idee umstritten bleibt, hätte in einer solchen Referenz an seinen Namensgeber Maßstäbe setzen können. Viele Naturkundemuseen sind gerade dabei, ihre Konzepte zu modernisieren und die Tatsache, dass der Mensch zur bestimmenden Kraft auf dem Planeten geworden ist, in ihren Ausstellungen zu berücksichtigen.

Nun also 750 von insgesamt 40.000 Quadratmetern, die im neuen Stadtschloss zu bespielen sind. Anfang Januar hätte „Nach der Natur“ eigentlich eröffnet werden sollen, als erste Schau in dem mächtigen Neubau in Berlins historischer Mitte, in den auch noch das Stadtmuseum, das Museum für Asiatische Kunst und das Ethnologische Museum ziehen.

Die Illustration gibt einen Eindruck vom Innenraum der Ausstellung mit seinen weißen Vitrinen. Details sind nicht zu erkennen.
Objekte aus der Sammlung der Humboldt-Universität hängen von der Decke. Im Hintergrund: die 25 Meter lange Projektionsfläche, das Herzstück der Ausstellung „Nach der Natur“.

Das Coronavirus hat auch dieses Ereignis bis auf Weiteres verschoben, in den kommenden Wochen sollen aber Exponate digital zugänglich gemacht werden. Schon jetzt bekommt man unter www.humboldt-labor.de einen guten Einblick in das ambitionierte Konzept, das die – neben Forschung und Lehre – „Third Mission“ der Hochschulen verkörpert: der Öffentlichkeit zu zeigen, was an Universitäten passiert.

Wissenschaft nach der Natur?

Die zwei Räume im ersten Stock des Stadtschlosses sollen künftig als „Humboldt-Labor“ einen Einblick in die Forschung der Humboldt-Universität geben, in wechselnden Ausstellungen. „Nach der Natur“, auf drei Jahre angelegt, ist die erste, und sie gibt einen Eindruck davon, wie das Anthropozän in akademischen Institutionen bereits angekommen ist.

Der mehrdeutige Titel bezieht sich nicht nur auf eine Zeit „nach der Natur“ – also jetzt, da der der Mensch auf 75 Prozent der Landoberfläche schon verändert hat und seine Erfindungen und Aktivitäten in Gesteinsschichten und Eiskernen, in der Atmosphäre und in Ökosystemen Spuren hinterlassen haben. In ihm steckt auch, dass Wissenschaft „nach der Natur“ arbeitet, sie etwa bei technischen Innovationen zum Vorbild nimmt. Und er beinhaltet die Frage nach der Natur des Menschen, nach den Gesellschaftsordnungen, die er schafft – und die wiederum in einer Beziehung zur ökologischen Krise stehen.

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Die Versprechen etwa des Liberalismus sind eng an ein Wirtschaftswachstum gebunden, das auf die grenzenlose Verfügbarkeit von Rohstoffen setzt. Vergessen wurde dabei, dass die Erde auf die Eingriffe in ihr System ihrerseits mit Veränderungen reagiert und der Mensch sich in seinem Streben nach Wohlstand ganz nebenbei seiner eigenen Lebensgrundlagen beraubt.

Forschung in Echtzeit

Mit derlei Anfechtungen, denen sich das liberale Gesellschaftsmodell aktuell gegenübersieht, befasst sich etwa das Exzellenzcluster „Contestations of the Liberal Script“ der Humboldt-Universität. Ein Projekt mit dem sperrigen Namen „Integrative Research Institute on Transformation of Human-Environment-Systems“ fragt, wie sich die Mensch-Umwelt-Beziehungen verändern müssen, um eine nachhaltige Zukunft möglich zu machen. Wissenschaftler verschiedenster Fachrichtungen sind beteiligt, darunter der Geographie, Klimaforschung, Soziologie, Politikwissenschaft.

Es ist Forschung in Echtzeit, die zu sehen sein wird – und dem wird ein bewegliches Ausstellungsdesign gerecht.

Kurator Gorch Pieken, der auch das vielgelobte Konzept des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr in Dresden verantwortet, zeigt in seinem Büro auf dem Computer, was nun hoffentlich im Frühling in echt begehbar werden wird. Die alte Formel „immer an der Wand entlang“ habe man aufgebrochen, sagt Pieken, schon weil die Räume des Schloss-Nachbaus von einer eher „leblosen Schematik“ seien.

Herz der Ausstellung ist die „kinetische Wand“, eine 25 Meter lange Projektionsfläche, auf der Satellitenfilme der sich drehenden Erde zu sehen sein werden. Vor dieser Fläche können sich kleinteilige Rollos aus- und einrollen, auf denen wiederum andere Dinge passieren: Hier werden Statistiken und Experimente aufscheinen, es wird Liveschaltungen zu Wissenschaftlern geben. Auch die Besucher können mit den Rollos interagieren. So lässt sich eine Flutwelle auslösen, die in ihrer Höhe variiert – je nachdem, ob eine Erderwärmung von 1,5 Grad, 2 Grad oder 5 Grad simuliert wird.

Ernüchterte Perspektive auf unsere Spezies

Die Weltkarte gibt Einblicke in Forschungsansätze und -projekte. Die sind teils um die Ecke, teils weit weg angesiedelt: Die nachhaltige Nutzung von Wiesen im Spreewald gehört ebenso dazu wie die Begrünung von Städten und die Frage, was der Schweinefleischkonsum der Deutschen mit dem Sojaanbau in Argentinien zu tun hat. Es geht um Mechanismen der Globalisierung, wie der Tatsache, dass Bedürfnisse und Entscheidungen auf einer Hälfte des Globus Ökosysteme und Lebensbedingungen auf der anderen Hälfte beeinflussen.

Diese Erforschung von Mensch-Umwelt-Systemen, die für den Eintritt ins Anthropozän verantwortlich sind, setzt sich indirekt fort in Objekten, die der Sammlung der Humboldt-Universität entstammen und in Vitrinen von der Decke hängen.

Minerale aus einer Mine in Namibia werden zum Beispiel zu sehen sein, Anfang des 20. Jahrhunderts abgebaut, als sich das Deutsche Reich dringend benötigte Rohstoffe in seinen Kolonien beschaffte. Oder das Präparat einer Schimpansenhand, konserviert in einer Zeit, da die enge verwandtschaftliche Beziehung zwischen Affen und Menschen noch sehr gewöhnungsbedürftig war.

Die reiche Sammlung der 1809 gegründeten Humboldt-Universität ging aus der Königlichen Kunst- und Raritätenkammer hervor, die ab dem 16. Jahrhundert im Stadtschloss untergebracht war: Zeugnis einer Weltsicht, die den Menschen – genauer: den weißen, männlichen Menschen – noch fraglos als rechtmäßigen Herrscher über die Erde dachte. Wie passend wäre es da gewesen, der heutigen, ernüchterten Perspektive auf unsere Spezies und ihr Tun mehr Platz einzuräumen als zwei Räume im neuen alten Schloss.

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Petra Ahne

Petra Ahne

Petra Ahne war bis Ende 2020 Wissenschaftsredakteurin der Berliner Zeitung und ist Autorin der Bücher „Wölfe“ (2016) und „Hütten“ (2019) bei Matthes & Seitz. Sie interessiert sich besonders für das komplizierte Verhältnis von Mensch und Natur.


Anthropozän

Wir Menschen verändern die Erde so tiefgreifend und langfristig, dass der Planet auf Dauer von uns geprägt sein wird. Wir hinterlassen Spuren in der Tiefsee und der Ozonschicht, im Erbgut von Arten und im Weltklima. Keine Generation vor uns hatte so viel Macht über den Planeten. Und so viel Verantwortung. Naturwissenschaftler sprechen deshalb von einer neuen geologischen Erdepoche, dem Anthropozän. In diesem Themenmagazin erkunden wir die Menschenzeit.

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