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Küchenzurufe im Dutzend

von
15.01.2021
2 Minuten
Gestricktes Schwein steht im Schnee.

Es ist das Privileg von Journalisten, jeden Tag etwas dazulernen zu dürfen. Klar, viele von uns betreiben den Beruf auch, um die Miete oder Kreditraten zu bezahlen, um den Kühlschrank zu füllen oder die Altersversorgung zu sichern. Und irgendwo da draußen gibt es auch jene staubgrau erscheinenden Kollegen, die in einer Ecke ihrer Redaktion eine Contentverwaltung betreiben, gegen die das Rathaus von Kleinkleckersdorf wie ein hippes Start-up wirkt. Solchen Leuten entgeht das Glück, jeden Tag einen schönen Küchenzuruf aus der Arbeit mitzubringen.

Recherche in der Community

Diese Reporterseligkeit haben wir in diesen Wochen in unserer Dialogrecherche immer wieder erlebt. Zur Erinnerung: Für unsere Recherche zum „Schweinesystem“ haben wir eine Community aus Dutzenden LandwirtInnen, TierschützerInnen, VerbraucherInnen und WissenschaftlerInnen aus Deutschland und Finnland versammelt und über das Tool 100eyes aus Jakob Vicaris Firma tactile.news befragt. 100eyes war zu Beginn der Recherche ein Prototyp, von dem wir uns zwar viel versprachen, aber uns war nicht klar, wie gut es funktionieren würde. Schweinezüchter – zumal finnische! – erschienen uns in der ganzen Vielfalt unserer Voreingenommenheit als nicht besonders kommunikative Klientel.

Aber wir wollten es versuchen, wir wollten diese Breite an Wissen, Interessen und Einschätzungen erobern, die ihre Basis in jahrelanger Praxis haben. Und es war klar, dass wir die angepeilte Tiefe nie und nimmer auf klassischem Wege erreichen würden: 30, 40, 50 Menschen anrufen, interviewen – das hätte jeden Zeitrahmen gesprengt.

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Das Gegenteil von Kaputtrecherchieren

Also saßen wir nach dem Absenden der ersten Fragen gespannt und auch ein wenig bange vor dem Rechner und warteten auf die ersten Antworten. Was in den Wochen danach geschah, übertraf tatsächlich unsere kühnsten Träume. Natürlich antworteten uns nicht alle, die sich vorher dazu bereiterklärt hatten, die anderen aber lieferten uns eine Materialfülle, die wir so nicht erwartet hatten. Mehr als 400 Antworten erreichten uns. Oder anders gesagt: Uns fielen die Küchenzurufe geradezu im Dutzend vor die Füße. Wir lernten sehr viel über Eberfleisch und den Umgang mit diesem vermeintlich ungenießbaren Produkt. Wir erfuhren so manches über die Kontrolldichte in deutschen Ställen und darüber, welche Schattierungen Tierliebe haben kann.

Diese Crowdrecherche ist nur der erste Teil unserer Arbeit, sie sollte uns Ansatzpunkte für das Vertiefen in klassischer ReporterInnenarbeit liefern. Das hat auch prima geklappt. Wir mussten auf diesem Weg aber auch feststellen, dass wir einige unserer Recherchethesen über den Haufen werfen können. In einer klassischen, naturgemäß begrenzten Recherche hätte wir unser Thema an diesem Punkt vielleicht „kaputtrecherchiert“ gehabt, in unserem Fall taten sich gleich mehrere neue Ansätze auf, die wir untersuchen wollen.

Es war ein Experiment, eine sehr stark heterogene Community heranzuziehen – aber es hat funktioniert. Wohin uns das nun führt? Dazu bald mehr an dieser Stelle…

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Jens Eber

Jens Eber

Jens Eber ist freier Journalist mit Schwerpunkt Wald und Umwelt.


Das Schweinesystem

Die Schweinehaltung in Deutschland ist mittlerweile an so vielen Stellen prekär und öffentlich in die Kritik geraten, dass sie an einer tiefgreifenden Neugestaltung nicht mehr vorbeikommt. An allen Ecken und Enden zeigen sich schwerwiegende Probleme: der Schlachthofskandal bei Tönnies, menschenunwürdige Arbeitsbedingungen, Bilder von Tierqual in den Medien. Auf der anderen Seite ein Preis für Schweinefleisch, der immer stärker verfällt und Schweinebauern ruiniert. So kann es nicht weitergehen. Das weiß jede*r, der mit diesem Markt zu tun hat. Nur wie man der Abwärtsspirale wieder entkommen kann, darauf gibt es bislang keine Antwort. Wie weiter?

Die Antwort wollen wir mit unserer Dialogrecherche Schweinesystem finden. Der Arbeitstitel "Schweinesystem" ist kein Urteil. Er beschreibt unseren Willen, das System und seine Stellschrauben zu verstehen. Wir recherchieren ergebnisoffen, Wir befragen über mehrere Wochen verschiedene Menschen: Verbraucher*innen, Wissenschaftler*innen, Landwirt*innen. Sie antworten uns direkt per E-Mail oder Messenger. Wir hören zu. Denn wir sind gespannt auf neue Perspektiven. Und erst danach reisen unsere Reporter*innen Katharina Jakob und Jens Eber gemeinsam mit Filmemacher Oliver Eberhardt los, um vor Ort zu recherchieren. Einfach mal neue Fragen stellen, neue Welten erkunden, Natürlich hier im Riff.

Unsere Recherche wird unterstützt durch das Kartographen-Stipendium 2020 von Fleiß und Mut. Verein zur Förderung journalistischer Weiterbildung für hochqualifizierte Recherchen e. V., ermöglicht durch die »Stiftung Mercator«.

Verantwortlich im Sinne des Presserechts

Jens Eber

Osterholzstraße 26
89522 Heidenheim

E-Mail: info@klartext-hdh.de

www: https://freischreiber.de/profiles/jens-eber-2

Tel: +49 176 72839041

Weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

Redaktion: Katharina Jakob
Fotografie: Jens Eber