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  3. Leb wohl, Lagerfeuer. Warum wir Abschied von einander nehmen müssen

Leb wohl, Lagerfeuer!

Seit einer Million Jahren haben Lagerfeuer uns Menschen gewärmt und die Nächte erhellt. Jetzt ist es Zeit für einen Abschied…

von
22.02.2021
6 Minuten
Auf einem verschneiten Acker steht eine Feuerschale. Darin Holzscheite und eine Flamme aus Pappe. Field-Writer Gerhard Richter sitzt daneben an einen Klappschreibtisch und tippt an der Hermes-Baby-Resieschreibmaschine einen Feldreport über den Abschied vom Lagerfeuer. Schont die Umwelt und wirkt gegen Klimakrise

Ein Acker am Stadtrand von Wittstock. Eisig fegt der Wind über die kahle zugeschneite Fläche. Hier nehme ich Abschied vom Lagerfeuer. Vor meinem Klappschreibtisch baue ich eine Feuerschale mit echten Holzscheiten auf. Anstatt das Holz zu entzünden, stecke ich Flammen aus bemalter Pappe zwischen die Holzstücke. Komischerweise sieht das fast echt aus. Das Grundmuster eines Lagerfeuers ist auch wirklich sehr schlicht. Trockenes Holz, unten Glut, oben Flammen. Licht und Wärme gegen Dunkelheit und Kälte. Ein Lagerfeuer ist DAS Symbol für menschliche Gemeinschaft. Aber muss das noch sein? Ich finde nicht. Hier auf dem Acker will ich allein an meinem letzten Feuer sitzen und niederschreiben, warum dieser Abschied sein muss.

Rehe staksen durch die Moderne

Vom vergangenen Herbst sind noch die Stoppeln der Maispflanzen übriggeblieben und ragen aus der Schneedecke. Ich erkenne noch die schnurgeraden Reihen. Kreuz und quer führen Spuren darüber. Lange parallele Linien von Schlittenkufen, dazwischen ovale Fußstapfen von Moonboots. Die Abdrücke von Hasenpfoten mit ihrem Rösselsprung-Muster kreuzen die Schlittenspuren. Hunde rannten durch den Schnee. Langbeinige Rehe sind paarhufig über den Acker gestakst und haben ihre Fährte hinterlassen. Auf diesem abgeernteten Maisacker kreuzen sich die Wege von wilden Tieren, Erholungssuchenden und Haustierhaltern.

Eine Träne ins Feuer gießen

Ein wunderbar passender Ort, um mich vom Lagerfeuer zu verabschieden. Ich danke dem Feuer, dass es uns Menschen nachgewiesenermaßen etwa eine Million Jahre lang begleitet hat. Es hat unser Leben gesichert und unsere Evolution beflügelt. Wir konnten in der Glut Fleisch braten und Speerspitzen härten. Es hat Raubtiere und lästige Insekten ferngehalten. Es hat uns bei Kälte gewärmt und war lodernder Mittelpunkt jeder Gruppe. Wir konnten unter Sternen über Witze lachen, anstatt in der Finsternis in Todesangst zu erstarren. Feuer hat den Ton gebrannt und das Erz geschmolzen. Feuer hat die Dampfmaschine mit Hitze versorgt, um Generatoren und Maschinen anzutreiben. Mit Feuer haben wir Brot gebacken und ganze Straßenzüge erhellt. Feuer hat Landschaften gestaltet und unsere Winterquartiere behaglich gemacht.

Auch im Motor: Feuer!

Rechts vom Acker ragen mehrere Plattenbauten fünfgeschossig in den grauen Winterhimmel. Deren Normbetonflächen sind mit gelben adretten Mustern bemalt, die in meinem Auge einen zähen Kampf gegen die Tristesse ausfechten. Asphaltierte Wege verbinden die Aufgänge der Plattenbauten in rechten Winkeln miteinander und grenzen dadurch ebenso rechtwinklige Rasenstücke ab. Die Wohnraum-Planung hat die Natur erfolgreich niedergerungen. Wir hausen in genormten Stapel-Höhlen, einem Gegenentwurf zur Wildnis. Zwischen den Plattenbauten und dem Acker reihen sich noch dutzende Garagen aneinander. Ställe für die Autos und Rasenmäher. In ihren Verbrennungsmotoren zünden Feuer. Und das verleiht uns Riesenkräfte.

Ein Husky in der Kleinstadt

Links vom Acker liegt eine Kleingartenanlage. Die Flachdächer der Lauben sind weiß von unberührtem Schnee. Keine Rauchfahne weht über den Rosenspalieren und den sorgsam beschnittenen Hecken. Die Schrebergarten-Kolonie ist winters verlassen. Ein Sommervergnügen für Städter mit Wunsch nach eigener Scholle. Ein Mann mit Hund geht hier spazieren. Der Mann trägt Winterjacke, Mütze, Schal und Jogginghose. Der Hund ist halb Husky und läuft, Nase dicht über dem Schnee, an der kurzen Leine.

Ein treffenderes Bild vom Ende einer Ära könnte ich mir nicht ausdenken. Allein dieser Husky-Mischling verkörpert den Übertritt des Europäers vom Vertreter der Wildnis zum Treiber des Anthropozäns. Ein Schlittenhund, Helfer der Nomaden Sibiriens und Alaskas, ist zum Freizeittier eines Kleinstädters geworden, zum Lebensgefährten mit hippen arktischen Wurzeln, der beim Spaziergang mit Herrchen in Jogginghose, an dessen weggeworfener Zigarettenkippe schnuppert. Ein Lagerfeuer wirkt ähnlich lächerlich und deplatziert.

Wettbewerb im Flammen erwecken

Ich habe Lagerfeuer geliebt und liebe sie immer noch. Die wunderbarsten Sternennächte habe ich an Lagerfeuern verbracht. Mit Würstchen und Gitarre. Und wie viele Lieder habe ich mit Freunden im Flackerschein von Lagerfeuern gesungen. Schon als Kind habe ich mit Freunden Lagerfeuer entzündet, auf den Kiesbänken am Flussufer und dort selbst gefangene Forellen am Spieß gebraten. Wir waren Lagerfeuer-Experten und konnten am Knacken eines Astes einschätzen, ob er noch feucht ist oder als Brennmaterial taugt. Wir konnten mit einem Streichholz und ein paar trockenen Grashalmen ein Feuer entfachen. Und es gab regelrechte Wettbewerbe, wer einen winzigen Rest Glut mit fein dosiertem Pusten wieder zu einer Flamme erweckt. Ein eigenes Lagerfeuer zu hüten und mit trockenen Ästen zu füttern, bedeutete Freiheit und schenkte uns die trotzige Gewissheit, auch ohne Schule, Eltern und dem ganzen verlogenen Kram klarzukommen. Genau wie Huckleberry Finn. Das war herrlich. Mittlerweile beschleicht mich bei jedem Lagerfeuer ein schlechtes Gefühl.

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Reiner Spaß und schädlich

Mittlerweile weiß ich mehr. Mittlerweile wissen wir alle, dass wir in einer Kimakrise stecken. Mittlerweile kennen wir grundlegende Ursachen der Klimaerwärmung, und das ist leider der wachsende Anteil von Kohlendioxid in unserer Atmosphäre. Und leider setze ich mit jedem Lagerfeuer dieses schädliche Gas frei. Und zwar ohne jede Not. Eine Million Jahre lang gab es gute Gründe für jedes Lagerfeuer. Aber das ist vorbei. Ich muss mich nicht wärmen. Mein Essen koche ich auf dem Induktionsherd oder hole es am Imbiss. Und wilde Tiere gibt es kaum noch, die ich vertreiben muss. Biber, Lux und Otter rennen vor uns davon. Sogar der Wolf flüchtet den Menschen. Lagerfeuer sind reiner Spaß und leider schädlich. Daher meine symbolische Flamme aus Pappe.

Bäume sind Verbündete

Der Wind zerrt an meiner Symbol-Flamme. In einem echten Feuer würde er fauchend die Glut anfachen. Ich könnte meine Hände wärmen. Aber ich zünde nichts an und friere lieber. Es ist nämlich jammerschade um jedes Stück Holz, das ich unnötig verbrenne. Wenn ich an einem Lagerfeuer sitze, habe ich dieses wohlige Steinzeitgefühl. Wenn ich auf ein Lagerfeuer verzichte, dann spüre ich meine Gegenwart. Ich bin ein Mensch im 21. Jahrhundert. Ich nehme meine Umwelt ernst und damit auch mich. Ich wachse mit jedem Lagerfeuer, das ich nicht entzünde, in die Natur hinein. Ein Beispiel: Besonders schlimm sind Lagerfeuer, wenn Bäume anwesend sind. Ich meine, Bäume sind unsere wichtigsten Verbündeten und auch unsere größte Hoffnung im Kampf gegen die Erderwärmung. Sie entnehmen das Kohlendioxid aus der Atmosphäre und binden dieses Klima-Gas in ihrem Holz.

Ein Verräter in den Augen der Bäume

Viele Bäume sind bereits durch Hitze, Dürre und Schädlingsbefall enorm gestresst. Und wenn so ein Baum dann mühsam ein paar Kilo Kohlendioxid in einem Ast gespeichert hat und der irgendwann morsch wird und zu Boden fällt, dann wäre der Baum sicherlich entsetzt, wenn ich den Ast nicht auf dem Boden lasse, sondern ihn aufs Lagerfeuer werfe und das Kohlendioxid postwendend wieder zurück in die Atmosphäre schicke. Auch deswegen kann ich Lagerfeuer nicht mehr genießen, weil ich in den Augen der umstehenden Bäume wie ein Trottel aussähe, oder schlimmer: Wie ein Verräter im Kampf gegen die Erderwärmung. Verzichte ich auf ein Lagerfeuer, wechsle ich die Seiten und habe ich plötzlich Millionen Mitstreiter.

Miserabler Wirkungsgrad

Kleiner Trost: Vom Heizeffekt her betrachtet sind Lagerfeuer ohnehin eine Katastrophe: Die meiste Energie steigt als heiße Luft-Säule in den Himmel. In Bodennähe strahlt ein gutes gluthaltiges Lagerfeuer eine Menge Wärme ab, die jedoch mit zunehmendem Abstand rapide abnimmt. Während Schuhsohlen und Schienbeine glühen, bibbern die Nieren. Der Wirkungsgrad von Lagerfeuern ist miserabel. Und bei genauerer Erinnerung war es oft auch ungemütlich: Lagerfeuer qualmen oft, ständig muss man sich umsetzen, weil der Rauch in den Augen beißt. So betrachtet kann ich meine Zeit draußen – auch in der Kälte – besser verbringen.

Radtour in die Lufthülle

Atmen ist so ein Zeitvertreib. Ich atme frische Luft ein und aus. Ich denke daran, dass mein Körper mit seinen Atemorganen genau für diese Luft gemacht ist. Die Luft enthält genau diesen Fünftel Anteil Sauerstoff, den ich brauche. Noch öfter als ich Feuer nutze, gebrauche ich meine Lunge. Alle Lebewesen auf diesem Planeten sind genau an diese Atmosphäre angepasst. Ich vergegenwärtige mir mal wieder, dass die atembare Lufthülle zwischen uns und den Sternen sehr sehr dünn ist. Nur ein paar Kilometer. Würde ich mit einem Fahrrad nur 20 Minuten lang senkrecht nach oben fahren, könnte ich kaum noch atmen. So dünn ist unsere Lufthülle. Ich betrachte diese zarte Luftschicht als etwas Heiliges und vermeide jede kleinste Verschmutzung.

Auf Knien vor unserer Lufthülle

Wäre ich der Papst, ich würde die Atmosphäre Heilig sprechen. Fünf Minuten vor jeder vollen Stunde ließe ich die Glocken läuten. Alle Menschen auf der Erde, vor allem aber die Bewohner des industrialisierten Nordens, die mit ihren Abgasen die Klimakrise heraufbeschworen haben, sollten auf die Knie fallen, ihr Gesicht zum Himmel heben und der Atmosphäre für die Atemluft danken. Und für den ganzen Rest der kostenlosen Leistung, auf der unsere Zivilisation gründet. Ein Lagerfeuer passt jedoch nicht mehr in diese Zeit. Immerhin tippe ich diesen Abschiedsbrief auf einem Maisacker, dessen Früchte in Strom verwandelt werden. Wer braucht noch Lagerfeuer? Dankbar neige ich mein Haupt daher in Richtung Pappflamme und beende damit die Epoche der Lagerfeuer. Eine wunderbare Beziehung voller Rauch und Wärme geht zu Ende. Die Evolution schreitet voran. Was uns erwartet ist Klarheit im Denken, Handeln und Atmen.

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Gerhard Richter

Gerhard Richter

Seit 2006 arbeitet Gerhard Richter als freier Journalist. Dutzende Reportagen und Features für Deutschlandfunk Kultur, WDR, BR und SWR.

Daneben liebt Gerhard Richter Interviews an der Schreibmaschine (Galerie der verlorenen Heimat) oder das von ihm entwickelte Field Writing. Derzeit Fellow der Masterclass Wissenschaftsjournalismus der Robert-Bosch-Stiftung mit einem Projekt zu Bodentierchen.


Field Writing

Es ist ein Mythos, dass wir ein Teil der Natur sind. Dann könnten wir doch gut miteinander. Aber die Natur spricht nicht mehr mit uns. Oder doch? Gerhard Richter wagt einen letzten Versuch.

Der Journalist Gerhard Richter beschäftigt sich immer wieder mit dem Verhältnis von Mensch und Natur.

Sind wir Menschen tatsächlich noch ein Teil der Natur? Welche Rolle spielen wir dabei?

Seit 2018 setzt sich Gerhard Richter regelmäßig mit seiner Hermes Baby Reiseschreibmaschine in markante Teile der Landschaft und schreibt Texte. Darin schilderte er die Umgebung und seine Reflexionen dazu. Als Journalist verlässt er damit die herkömmlichen Recherchewege. Sein Gesprächspartner ist die Natur selber. Diese Art des Schreibens nennt er Field Writing.

Die so entstandenen "Feldreporte" veröffentlicht Gerhard Richter auf dieser Koralle.

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Gerhard Richter

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16909 Wittstock

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Weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

Fotografie: Gerhard Richter
Lektorat: Ulf Buschmann
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